Gemeinde München

In dieser Hoffnung
haben wir einen
sicheren und festen Anker der Seele,
der hineinreicht in das Innere
hinter dem Vorhang

nach Heb 6,19
 

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Liebe
Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen
und Freunde
unserer Gemeinde,

das Titelbild dieses Kontaktbriefs zeigt einen etwas sonderbaren Anker, der nicht auf dem Grund des Wassers ankert, sondern der in den Himmel, in das Sternenzelt geworfen ist.

Eigentlich absurd und widersprüchlich. Einen Anker wirft man nicht in die Höhe, sondern lässt ihn hinunter, bis er auf festen Grund fällt. Ein Anker im Sternenzelt, das ist eine verrückte Vorstellung. Der erste alt-katholische Bischof Joseph Hubert Reinkens, dessen 200. Geburtstag sich am 01. März jährte, hat sich den Anker im Sternenzelt als ­Wappen erwählt, in Anlehnung an Hebräer 6,19:

In ihr (der Hoffnung) haben wir einen sicheren und festen Anker der Seele, der hineinreicht in das Innere hinter dem Vorhang, dorthin ist Jesus für uns als unser Vorläufer hineingegangen …“

Um dieses Bild zu verstehen, muss man wissen, dass im Heiligen Zelt wie auch später im Tempel in Jerusalem das Heilige und das Allerheiligste durch einen Vorhang getrennt waren.

Nur einmal im Jahr durfte der Hohepriester mit dem Blut von Opfertieren das Allerheiligste betreten, um den Sühneritus vorzunehmen. Dabei wurde der vergoldete Deckel der Bundeslade mit Opferblut besprengt. Das Allerheiligste ist für den Hebräerbrief das Bild für den Ort, an dem Gott wohnt.

Unsere Hoffnung als Christinnen und Christen drückt der Verfasser des Hebräerbriefes eben mit diesem Bild vom Anker aus, der in das Allerheiligste hineinreicht. Joseph Hubert Reinkens nimmt dieses Bild auf und wirft den Anker nicht hinter den Vorhang des Tempels, sondern in den Himmel, ein anderes Bild für die Wohnstatt Gottes.

Diese Vorstellung taucht nicht erst im Wappen von Reinkens auf. Der in den Himmel geworfene Anker war auch das Symbol eines Kreises von Frauen und Männern im Bonner Raum, die in der Mitte des 19. Jhd. eine intensive Christusmystik pflegten. Joseph Hubert Reinkens war Mitglied dieses Kreises. Vermutlich in den 1850er Jahren schrieb Reinkens ein Gedicht, das dieses Bild vom Anker aufgreift. Es wurde 2003 anlässlich der Neuausgabe des alt-katholischen Gesangbuches von Klaus Schneider vertont:

In den goldnen ewgen Sternen
hat mein Anker Halt gefunden;
denn die unermessnen
Fernen
hat die Liebe überwunden,
die ihn kühn geworfen hat
in die blüh’nde Sternensaat.
Steigt nur, Wolken, aus den Meeren
zieht den Schleier dicht zusammen.
Werdet mir doch niemals wehren,
dass ich seh die Sterne flammen,
seh mein seliges Geschick
frei mit unumwölkten Blick.
Braust nur, Stürme, Wogen, brandet
und erreget Todesgrauen:
Sicher doch mein Schifflein landet
an des Paradieses Auen.
Denn mein Anker immer ruht
in der stillen Ferne Hut.
Wo der Morgenstern erstanden,
ist er in das Licht gesunken;
dort auch wird mein Schifflein landen
und mein Herz wird wonne­trunken;
denn am Ziele ist sein Lauf,
geht der Morgenstern
ihm auf.

Auch wenn uns die dem Geiste der Romantik verhaftete Sprache dieses Gedichtes heute weitgehend fremd ist, erinnert uns der Text doch an das Wesentliche unseres Christ-Seins und Kirche-Seins. Ein Leben als Christin/als Christ aber auch als Kirche können wir nur führen, wenn der Anker unserer Seele in den Raum Gottes hineinreicht, wenn wir uns ausrichten auf Gott, auf den der ewige Morgen­stern, Christus, uns hinweist.

Diese Glaubenszuversicht war es, die für Reinkens in der Kirchenfinsternis nach 1870 tragend wurde: Nichts kann sein Lebensschifflein trennen von der Liebe Christi.

Existenziell wurde dies für Reinkens 1870. Er war Professor für Kirchengeschichte in Breslau. Wegen seines öffentlichen Protests gegen die Papstdogmen des I. Vatikanischen Konzils wurde er im November 1870 suspendiert und mit einem Lehrverbot belegt. Was ihn damals bewegte und belastete, kann man in den Briefen an seinen Bruder Wilhelm Reinkens nachlesen, der damals Pfarrer von St. Remigius in Bonn war. Dort beschreibt er seine Nöte und Sorgen; seine persönlichen Existenzängste und sein Leiden am Zustand der Kirche. Deutlich wird aber auch, aus welcher Hoffnung heraus er lebt. In vielen Briefen, gerade in denen, die in turbulenten Zeiten geschrieben worden sind, ist eine innere Ruhe spürbar, die beeindruckend ist. So schreibt er, nachdem er zusammen mit Johann Baptist Balzer und Theodor Weber vom Breslauer Fürstbischof Heinrich Förster suspendiert wurde, an seinen Bruder: „Innerlich sind wir alle drei vollkommen ruhig.“ Das kann einer schreiben, der den Anker seiner Seele tatsächlich im Raum Gottes festgemacht hat.

Ich denke, seine Gelassenheit gründete im Vertrauen auf Gott und in der Zuversicht, dass letztlich alles in Gott zum Guten geführt wird.

In allem, was uns im Leben abgefordert wird, wünsche ich uns diese Gelassenheit. Nicht, weil uns gleichgültig lässt, was um uns herum vorgeht, sondern weil wir uns von Gott getragen und in ihm verankert wissen.

Siegfried Thuringer, Pfr.

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