Gemeinde München

Aktuelles: Beitrag im Bayerischen Rundfunk vom 20.02.2022

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Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

„Treten Sie ein,

hier dürfen Sie schweigen!“

Mit diesen Worten des Dichters Reiner Kunze lädt ein Raum der Stille am Brandenburger Tor in Berlin zum Schweigen ein. Dieser Raum, der religiös und weltanschaulich neutral gehalten ist, wird täglich von vielen hundert Menschen aufgesucht. Ein Verein, der extra dafür gegründet wurde, hat ihn vor fast 20 Jahren eingerichtet.

Ein Raum, den ich betreten kann, und durch den ich aus dem Alltag herausgenommen werde, weil er ganz anders ist als das, was ich sonst erlebe.
In der Betriebsamkeit und im Lärm einer Großstadt ein Raum der Stille, einer der keinen besonderen Zweck hat, jedenfalls keinen wirtschaftlichen.

Solche Räume hat es immer gegeben. Kirchen waren und sind für viele Menschen auch heute noch solche Orte des Schweigens, des In-sich-hinein-Hörens, der Besinnung. Oasen, die aufgesucht werden, um Abstand zur Hektik und Schnelllebigkeit des Alltags zu finden.

Wenn während der Woche die Kirchentür in St. Willibrord offen steht, weil ich hier zu tun habe, erlebe ich immer wieder Menschen, die sich ein paar Minuten in eine Bank setzen und innehalten. Kirche als Raum und Platz zum Nachdenken, Nachsinnen, Schweigen und sicher auch zum Beten.

Freilich, eine Kirche, die aus nachvollziehbaren Gründen nur geöffnet ist, wenn die Gemeinde sich versammelt, bietet diesen Raum nur bedingt.

Selbstverständlich sind alle eingeladen, zu Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen nach St. Willibrord zu kommen, mitzufeiern und mitzumachen – aber das ist etwas anderes als in einem Raum zu sein, wo ich nichts tun muss.

„Treten Sie ein, hier dürfen Sie schweigen!“ – Für unsere Gottesdienste gilt das nicht. Der Gottesdienst lebt davon, dass wir gemeinsam feiern, singen und beten, und wer sich dabei nicht fremd fühlen will, der muss schon einiges mitbringen an kirchlicher Sozialisation, an Verständnis für Liturgie und eine gehörige Portion ­Glaubenswissen.

Gemeinde ist aber nicht nur Feier des Gottesdienstes, sondern Begegnung miteinander, und das setzt gegenseitige Offenheit voraus. Was würden wir heute über die Eingangstür unserer Gemeinde schreiben:

„Treten Sie ein,
hier dürfen Sie glauben.“

„Treten Sie ein,
hier finden Sie eine moderne katholische Gemeinde.“

„Treten Sie ein,
hier dürfen Sie mitarbeiten.“

„Treten Sie ein,
wir sind auf der Suche
nach Antworten
auf die Fragen des Lebens,
wenn Sie wollen,
dürfen Sie sich beteiligen.“

„Treten Sie ein,
hier dürfen Sie
auch schweigen,
hier müssen Sie nichts…“

Alles Überschriften, in denen wir uns als Gemeinde vermutlich wiederfinden können.

Aber – so wird mancher/­manche fragen – sind wir nicht mehr? Wir sind doch Gemeinde Jesu Christi. Was uns von anderen Religionen unterscheidet, was uns auch von einem nicht näher erläuterten ­Gottesglauben unterscheidet, ist doch das ­Bekenntnis zu Jesus Christus.

Gerade wer sich an Jesus Christus orientiert, wird Menschen in großer Offenheit begegnen. Jedenfalls sehe ich darin die Praxis Jesu. Er begegnet Menschen vorbehaltlos, er sieht sie, er interessiert sich für sie, er fragt „Was kann ich dir tun?“, und daraus wächst dann Glauben und Vertrauen.

Der Gründer von Taizé, Frère Roger Schutz, hat in diesem Zusammenhang vom Geist der „Gratuité“ gesprochen, das heißt, der nicht berechnenden, der „umsonst“ gelebten Liebe.

Das ist die Vision, die der Seher Johannes so beschreibt:

„Wer hört, der rufe: Komm!
Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens“.Offb 22,17

Umsonst, gratis, geschenkt – das ist die Liebe Jesu Christi zu den Menschen, zu uns, zu mir, und diese Zuneigung gilt es weiter zu schenken.

Ein Eucharistiegebet erinnert uns daran, wenn wir bitten:

„Mache uns offen
für die Menschen um uns,
dass wir
ihre Trauer und Angst,
ihre Hoffnung und Freuden teilen
und ihnen
den Weg weisen zum Heil.“

In dem Gedicht von Reiner Kunze, dem die Einladung in den Raum der Stille ­„Treten Sie ein, hier dürfen Sie schweigen“ entnommen ist, geht es im Übrigen gar nicht so sehr um einen Raum oder um das Alleinsein, sondern es beschreibt eine Begegnung zwischen Menschen.

Das Gedicht ist nämlich überschrieben mit:

Einladung
zu einer Tasse Jasmintee
Treten Sie ein,
legen Sie Ihre
Traurigkeit ab,
hier
dürfen Sie schweigen.

Der Eingeladene/die Eingeladene muss sich nicht erklären, muss keine Stellung nehmen, er/sie ist einfach willkommen.

Ihr Siegfried Thuringer, Pfarrer

 

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