Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen März 2019 von Harald Klein

Positionen März 2019

Hören ist etwas Faszinierendes. Wahrnehmen, Hinhören: Ist Ihnen das auch ein Anliegen, verehrte Hörerinnen und Hörer? Hinhören auf Worte, auf Klänge, auf Geräusche, auf Signale. Mit den Ohren mehr von der Welterfahren.

Im normalen Alltag sind wir ja zum größten Teil Augenmenschen geworden: wir sehen und halten Ausschau. Das Hören ist aber eine ebenso wichtige Ebene. Manche Leute sagen ja, dass sie das Gras wachsen hören können oder die Flöhe husten. Sie meinen, sie können Dinge hören, die im Normalfall überhört werden. Und einige sagen gar, sie hätten schon Gott gehört. Er hat zu mir geredet, er hat mich angesprochen.

Einem Otto Normalbürger erscheint das ziemlich schräg. Welche Sprache hat denn dann Gott gesprochen: Latein? Oder im Stil eines Weltmannes Englisch? Oder spricht Gott deutsch?

Ich will mich nicht darüber lustig machen. Aber wenn da so ganz Engagierte von Gott reden, der ihnen was ins Ohr geflüstert hat, der sie berät, dann frag ich mich schon, wie denn das vor sich gehen soll. Ich gebe zu: Die Bibel ist auch voll von solchen Erzählungen. Alle, die irgendwas Wichtiges weitergeben wollten, haben mit großer Selbstsicherheit behauptet, ihr Wissen, ihr Auftrag stamme von Gott, ganz direkt. Aber immer stelle ich fest, dass es zwar sehr sinnvolle und gute Sachen sein können, die da vermeldet werden, aber ob sie nun wirklich von ganz oben stammen, ist sehr fragwürdig. Mir erscheint die Aussage „Dies und das hat mir Gott gesagt“ eher ein probates Mittel, die Zuhörerschaft zu überzeugen. Insofern zweifle ich daran, dass Gott zum Beispiel dem Abraham befahl, seinen Sohn zu ermorden, dass Gott die 10 Gebote ganz direkt dem Mose vorgesagt hat. Ich zweifle daran, dass der Befehl zur gewaltsamen Städteeroberung, wie Josua es behauptete, von Gott stammte.

Und genauso geht es in der nachbiblischen Zeit weiter: Da haben auch gerne die Herrscher und Heerführer, die Bischöfe und Päpste sich direkt auf Gott berufen, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Angefangen bei Konstantin bis zu Karl dem Großen, von Päpsten, die zum Kreuzzug aufriefen, bis hin zu Menschen heutiger Tage. Es stimmt einfach nicht.

Historiker sagen, das was wirklich die Menschen von den Tieren unterscheidet, den Homo sapiens vom Affen, sei die Fähigkeit, Geschichten zu erfinden, Sinngeschichten. Natürlich können auch Tiere Zusammenhänge erfassen, aber ein Gesamtthema erfinden, Hintergrund-Geschichten erdichten, das können sie nicht. Vielleicht hört sich das jetzt arg kritisch an bezüglich menschlicher Qualitäten, als könnten wir vor allem gut flunkern, aber das ist nicht so gemeint. Es war wirklich ein riesiger und entscheidender Fortschritt, dass unsere Vorfahren einst die Phänomene des Lebens in Geschichten und Erzählungen zu kleiden verstanden. Dass sie eben nicht den Donner dumpf hingenommen haben, sondern dahinter einen Gott erfunden haben, Donar, der damit einem polternden Wagen und einer Axt herannaht. Dass ein Echnaton die Sonne nicht einfach nur als hellen Fleck am Himmel behandelte sondern als wärmenden und sorgenden Sonnengott einstufte. Es ist nicht einfach nur Herumfantasieren oder Spinnerei, sondern hat eine ganz entscheidende Bedeutung. Der Homo sapiens hat damit die Möglichkeit geschaffen, dass viele seiner Art sich in einem gemeinsamen Denk- und Lebens-Zusammenhang verbinden und vereinen konnten. Es wurde möglich, eine Art Kultur zu schaffen, geteilte Vorstellungen, geteilte Ziele. Ohne eine solche gemeinsame Ebene des Denkens, der Sagen, der Göttervorstellung hätten die Menschen nie dauerhaft eine Gesellschaft prägen können.

Menschen sind keine Lemminge, sie brauchen eine über den Einzelnen hinausgehende Vision, ein gemeinsames Weltbild. Und notgedrungen ist das erdacht – zu einem großen Teil, mit Fantasie und gutem Willen, aber eben erdacht. Das ist ehrlich gesagt auch das Prinzip einer jeden Religion, bis zum heutigen Tag. Den Menschen wird eine Art Gemälde vorgestellt, das Welt und Leben erklärt und sozusagen ein Schlüssel für alltägliches Handeln und Lebensgefühl sein kann. Mag sein, dass das eine ungewohnte Sicht auf Religion ist, aber wohl nur deshalb, weil sie einschließt, dass in dem Bild Fehler sein könnten, zeitbedingte Irrtümer oder Schlimmeres.

Dabei liegt das doch auf der Hand. Schauen wir mal ins Spätmittelalter: Da war ein ganz selbstverständliches Element des Weltbildes die Vorstellung von Hexen: Man war absolut sicher und überzeugt, dass es Hexen gibt, dass sie bestraft oder beseitigt werden müssen. Oder schauen wir auf die Jahrtausende alte und teils heute noch gängige Opfervorstellung: Gott oder Götter wollen Opfer haben. Erst wenn wir Menschen eine Opferleistung bringen, zeigt sich Gott oder zeigen sich Götter gnädig.

Auch wenn Jesus das völlig anders gesehen und gepredigt hat, so ist die Idee noch heute auch im Kirchenraum aktuell. Es ist so: Es gibt Schwachpunkte in Weltbildern, Webfehler und Risse, die es wahrzunehmen gilt und nicht hinzunehmen. Und gerade denen, die behaupten, Gott selber hätte das so doch gesagt und offenbart, ist entgegenzuhalten, dass eine Weltsicht immer vor allem Menschenwerk ist und damit fehlbar: „Von Gott direkt im O-Ton stammen Eure Gedankengemälde nicht, ganz gleich, was Ihr behauptet.“

Und trotzdem sind solche Weltbilder grandios, sind es wert, bewundert und beachtet zu werden. Denn vor allem das Eine ist klar: Ohne geht es nicht. Ja, das ist ein ganz entscheidender Punkt. Ohne geht es nicht. Wenn wir nur auf Dinge und Sachverhalte bauen wollten, die absolut sicher sind und bewiesen, würden wir keinen einzigen Tag überstehen. Jeden Moment muss ich vertrauen auf Zusammenhänge, die ich nicht überprüfen kann. Da ist zum Beispiel die sichere Funktion der Verkehrsampel. Ich vertraue meinem Navi, meinem Handy, meiner Armbanduhr, ich vertraue meinem Architekten, dem Statiker, ich vertraue meinem Mitarbeiter, meinem Ehepartner. Wollte ich jedesmal durch-checken, ob alles nietnagelsicher ist, käme ich zu keiner einzigen fristgerechten Entscheidung oder Verhaltensweise. Auch noch so kluge und gebildete Menschen haben riesige Lücken in ihrem Wissen.

Und dann erst das Zusammenspiel mit den unberechenbaren Gefühlen. Es gibt für niemanden einen kompletten wasserdichten Lebenshintergrund, auch wenn die Naturwissenschaft sich manchmal so ausgibt. Und ich denke, das wird für Menschen auch in Zukunft so sein. Wir brauchen einen angedachten Zusammenhang, aus dem heraus wir leben können, eine Werteskala, eine tragende Grundmotivation fürs Leben. Anders als die Menschen früherer Zeiten sehen wir allerdings heute, welch unfassbares Gewirr von Weltbildern es auf der Erde gab und gibt. Früher kannte man eigentlich nur das Denkgebäude der eigenen Volkskultur. Heute merken wir, dass auch ein Islam Werte vermittelt, dass der Buddhismus viel zu sagen hat, dass Naturreligionen nicht albern sind. Und sogar der Atheismus ist nicht von dummen Eltern.

Es reicht nicht mehr, nur auf die eigene Vorstellungswelt zu schauen und alles andere als schlecht oder falsch zu charakterisieren. Aber – so meine ich – es ist trotzdem erlaubt, an der eigenen gewachsenen Weltanschauung festzuhalten. Ich muss nicht sagen: Wenn es darin Fehler gibt, wenn andere Vorstellungen auch gut sind, dann werfe ich alles in den Papierkorb des Vergessens. Vielleicht ist es ein wichtiger Rat, immer auf den Kern zu schauen. Wie hat es begonnen? Was sind die ursprünglichen Werte, die vermittelt wurden?

Und da könnte man zum Beispiel im Bereich des Christlichen auf das Menschenbild des Jesus von Nazareth stoßen, auf die Menschenwürde, die er dem Einzelnen geben wollte. Oder man könnte auf die freiheitliche Struktur der Anfangskirche zurückschauen, auf demokratische Ansätze im Urchristentum. Und erst recht auf den ursprünglichen Schatz der Gleichberechtigung. Für Jesus und auch Paulus noch waren Frauen absolut ebenbürtig. Später sah das dann deutlich anders aus. Und auch die Gewaltlosigkeit Jesu, den Schutz gerade der Kleinen, auch der Kinder, gilt es neu wertzuschätzen, erst recht für Kleriker.

Nein, sagen da manche: Keine Veränderung, kein „back to the roots“. Es geht um die Bewahrung des Bestehenden, um die Verehrung des Systems. Aber wie wollen sie damit die aktuellen Anforderungen bestehen? Ohne selbstkritisches Hinterfragen, ohne ehrlichen Umgang mit Zweifeln und Veränderungen, wird es da schaurig.

Ich finde, dass es ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist, neu das Hinhören zu lernen. Einerseits das Alte, den Ursprung wertzuschätzen, aber andererseits auch ganz neu das Wahrnehmen und Lauschen zu pflegen. Hinzuhören in unsere Welt, in die Gespräche der Menschen, in die Geschehnisse der Zeit. Vielleicht versuchen wir in genau diesem Sinn tatsächlich das Gras wachsen zu hören. Ja, man kann das, man kann merken und erlauschen, wie die Welt sich verändert. Und man kann auch Flöhe husten hören, kann den leisen Protest der Schöpfung gegen unser Eingreifen wahrnehmen. Dass wir gerade das Winzige bemerken und aufspüren, auch in uns selber. Und es kann sein, dass wir gerade bei diesem Winzigen dann auch Gott hören. Allerdings nicht so reden hören, als wäre er einer von uns, ein Herrscher nach irdischem Format, der zu seinen Untergebenen spricht. Nicht so, dass wir Worte verstehen. Anders.

Dass wir zum Beispiel einfach nur staunen lernen. Vielleicht ist das die Sprache Gottes: Dass uns etwas auffällt, beunruhigt, ins Grübeln bringt. Oder dass uns plötzlich etwas Schönes berührt, bewegt. Oder dass wir ans Schlucken kommen, weil wir Liebe spüren, Liebe in einem Anderen oder Liebe in uns selbst. Ich glaube nicht, dass Gott uns konkrete Aufträge erteilt, die wir später zitieren und proklamieren können. Ich glaube auch nicht, dass er irgendeiner Kriegspartei Hilfestellung zum Sieg erteilt.

Die da Gott wie ein kluges Männlein in ihrem Ohr schildern, wollen meistens anderen etwas vormachen. Er ist – sagen wir besser: er oder sie ist – ein bewegendes Element von dem, was wir Leben nennen. Er bewegt in Richtung Zuversicht. Er bewegt in Richtung Ehrlichkeit. Er bewegt in Richtung Gemeinsamkeit. Ich kann ihn nicht beweisen, nicht fassen. Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht, hat Bonhoeffer gesagt. Gott ist der, der berührt. Ob ich allein am Meeresstrand von ihm berührt werde oder auf dem Gipfel eines Berges, ob ich mitten in tiefster Verzweiflung angerührt werde oder im Feuer der Begegnung mit Anderen, ob im ganz persönlichen Suchen oder frohen Singen und Meditieren: Gott ist der Funke, der die Geschichte des Lebens am Brennen hält, immer neu entzündet, auch meine eigene Geschichte.

Eher würde ich seine Kontaktnahme, sein „Sprechen“ als eine Art Klang verstehen, einen Ton, ganz tief und aufregend zu erspüren, harmonisch und doch beunruhigend, wohltuend und zugleich aufweckend. Ein Ton,der mich auffordert selber aktiv zu werden, meinen eigenen Verstand zu gebrauchen und vor allem mein eigenes Herz. Gott redet, aber nicht als billiger Stichwortgeber sondern als fremde Dimension im Allerlei des Alltags, als Wert aller Werte, als Wegbereiter einer würdigen Zukunft. Die alten Geschichten um ihn und von ihm sind Hintergrund, wertvoller, gemalter Hintergrund mit Leerstellen und Fehlern. Es gilt, mit ihnen wertschätzend umzugehen, aber nicht unkritisch oder blind.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 31. März 2019 von Pfarrer em. Harald Klein, Bruckmühl)

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