Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Januar 2019 von Daniel Saam

Positionen Januar 2019

Liebe Hörerinnen und Hörer,

was verstehen Sie unter einer Prophetin oder einem Propheten?

„Ich bin zwar kein Prophet, aber trotzdem sage ich Ihnen…“

Wenn jemand so zu reden beginnt, ist klar, dass er oder sie etwas über die Zukunft sagen will.

Sind Prophetinnen und Propheten also Menschen, die die Zukunft vorhersagen können? Haben sie einen gewissen Weitblick, das schon zu sehen, was anderen noch verborgen ist?

Diese Vorstellung kommt vielleicht nicht von ungefähr.

Weihnachten liegt erst ein paar Tage zurück. Vielleicht waren Sie in einem Gottesdienst, oder Sie haben die Weihnachtsgeschichte von der Geburt Jesu im Stall von Betlehem zu Hause gelesen. Diese Erzählung klingt ja wahrhaftig bereits im Buch des Propheten Micha im Alten oder besser im Ersten Testament an. Dort heißt es schon Jahrhunderte vor der Geburt Jesu: „Du Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.“

Heute, am 6. Januar, feiern die Kirchen evangelischer und katholischer Tradition das Fest Epiphanie, im Volksmund Fest der Heiligen drei Könige genannt, die mit ihren Kamelen aus dem Morgenland nach Betlehem gekommen waren, um den neugeborenen König zu sehen und dem Kind, das sie fanden, Gold, Weihrauch und Myrrhe geschenkt haben. In keiner Krippendarstellung, die etwas auf sich hält, dürfen diese Könige mit wenigstens einem Kamel fehlen. Auch in dieser Erzählung findet sich wieder, was bereits beim Propheten Jesaja, der rund 700 Jahre zuvor gelebt hat, geschrieben steht: „Auf, werde Licht Jerusalem, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz.“ Vielleicht erscheint bei diesen Zeilen auch vor Ihrem inneren Auge der Stern von Betlehem?! Weiter heißt es bei Jesaja: „Denn der Reichtum des Meeres strömt dir zu, die Schätze der Völker kommen zu dir. Zahllose Kamele bedecken dein Land, Dromedare aus Midian und Efa. Sie alle kommen von Saba, bringen Weihrauch und Gold und verkünden die ruhmreichen Taten des Herrn.“

Ja, Prophetinnen und Propheten müssen Einblick haben in das, was kommt. Das sehen wir doch an der Weihnachtsgeschichte, auch wenn in der kein einziges Kamel durchs Bild läuft.

Interessant finde ich, dass Prophetinnen und Propheten im Ersten Testament immer dann auf den Plan treten, wenn sich die Menschen und ihr Gemeinwesen in einer Krise befinden: wenn zum Beispiel soziale Ungleichheit oder Ungerechtigkeit um sich greifen, wenn die Führungsschicht versagt und ihrer Fürsorge für die Bevölkerung nicht nachkommt, wenn die Selbstbestimmung genommen und an ihre Stelle die Fremdherrschaft getreten ist, wenn Vertreibung oder Deportation zu einem Leben in der Fremde zwingen, oder wenn neugewonnene Freiheit mit Leben gefüllt werden muss. Immer dann treten im Ersten Testament Prophetinnen und Propheten auf. Sie nennen deutlich und manchmal sicher unbequem beim Namen, was falsch läuft. Sie verlangen ein Innehalten und ein Umdenken. Sie regen an, wie es besser gehen könnte, zeigen eine neue Richtung auf und sie wollen schließlich in diesem Sinn Hoffnung machen auf eine mögliche Verbesserung. Ich würde sogar sagen, dass die Prophetinnen und Propheten im Ersten Testament die Aufgabe haben, bei den Menschen die Sehnsucht nach Verbesserungen, nach besseren Lebensbedingungen zu wecken oder, wo diese Sehnsucht bereits lebt, diesen Traum wach zu halten.

Prophetinnen und Propheten sagen nicht die Zukunft vorher. Ich will Sie nicht enttäuschen, aber ich kann und will Ihnen nicht vorenthalten, dass Matthäus und Lukas, bei denen wir die Weihnachtsgeschichte lesen, die eingangs zitierten Schriftstellen aus den Prophetenbüchern Micha und Jesaja sehr gut kannten. Und sicher haben diese beiden, wie viele ihrer Landsleute damals, auf positive Veränderungen gehofft und aller Wahrscheinlichkeit nach waren sie sogar überzeugt davon, dass mit Jesus die Prophezeiungen der Propheten von einer neuen Führungsgestalt, von neuem Licht in der Finsternis, in Erfüllung gegangen waren. Matthäus und Lukas haben diese Prophezeiungen in ihre Niederschriften der Frohen Botschaft einfließen lassen, um zu sagen: Seht her: Gott ist treu. Unsere Hoffnung hat sich erfüllt. Das Warten hat sich gelohnt.

Diese Sichtweise kann man natürlich in Frage stellen. Wenn wir unsere Welt betrachten, wenn wir zur Kenntnis nehmen, wie unheil so vieles ist, wie ungerecht es oft zugeht, dann kann man schon die berechtigte Frage stellen, wie weit es tatsächlich her ist mit der Erfüllung jener Heilsprophezeiungen. Vieles mag sich seit jenen Tagen tatsächlich zum Positiven entwickelt haben. Aber was nützt das dem einzelnen Menschen, der leidet?

Hinter den Heilsankündigungen der Propheten steht die Grundüberzeugung, dass Gott das Heil aller Menschen will. Niemand muss annehmen, er habe sein Leid verdient. Leid lässt sich mit nichts rechtfertigen und es darf auch nicht religiös gutgedeutet werden. Leid ist und bleibt Leid und es widerspricht als solches grundlegend dem, was Gott für seine Menschen will: heiles Leben.

Dieses heile Leben stellen die Prophetinnen und Propheten in Aussicht. Nicht als Jenseitsvertröstung, sondern als mögliche, weil gottgewollte und daher kommende Realität im Leben eines jeden Menschen.

Ist es aber nicht verantwortungslos, Menschen ein heiles Leben in Aussicht zu stellen, wo doch die Realität befürchten lässt, dass sie es nie erleben? Wie sinnvoll ist es also, Hoffnung zu machen? Wie sinnvoll ist es, Sehnsüchte zu wecken, oder sie wach zu halten?

Die Psychologie, liebe Hörerinnen und Hörer, spricht von der selbsterfüllenden Prophezeiung. Wo Menschen an eine Prognose oder an eine Vision glauben, dort werden diese Menschen sich, bewusst oder unbewusst, so verhalten, dass die Prognose eintrifft, dass die Vision wahr wird.

Es ist sinnvoll, zu hoffen und anderen Hoffnung zu machen! Es ist sinnvoll, Sehnsucht nach heilem, nach gelingendem Leben zu haben. Es ist sinnvoll, diese Sehnsucht bei anderen zu wecken, oder sie wach zu halten, weil Menschen, die sich die Hoffnung auf gelingendes und heiles Leben für alle Menschen zu eigen machen, dazu beitragen, dass es Wirklichkeit wird.

Liebe Hörerinnen und Hörer,

damit befinden wir uns aus meiner Sicht im Kern der christlichen Frohen Botschaft vom sogenannten Reich Gottes. Dieses Königreich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens wird dort Wirklichkeit, wo Menschen, entgegen aller Widerstände, daran glauben. Wäre Jesus damals nicht auf Menschen getroffen, die an die Prophezeiungen der Prophetinnen und Propheten geglaubt haben, deren Sehnsucht nach heilem Leben lebendig war, trotz oder gerade aufgrund widrigster Umstände, dann wäre seine Botschaft der Liebe, des liebvollen Umgangs, aller Wahrscheinlichkeit nach in der Weite der Menschheitsgeschichte verhallt. Die Saat seines Gottesbildes und seiner daraus gewachsenen Haltung seinen Mitmenschen gegenüber, wäre im besten Fall aufgegangen, um gleich wieder zu verdorren, weil der fruchtbare Boden gefehlt hätte.

Durch die Prophetinnen und Propheten war der Boden aber bereitet. Die Hoffnung war bei vielen nicht erloschen, sie war lebendig. Darum hat die Lebensweise Jesu, das, was er über Gott und Menschen gesagt hat und wie er mit Menschen umgegangen ist, damals die ersten Jüngerinnen und Jünger aufhorchen lassen. Es ist kein Wunder, wenn die späteren Autoren der neutestamentlichen Texte, wie Lukas und Matthäus, den Eindruck hatten: Jesus könnte der sein, von dem unsere Propheten gesprochen haben. Durch Jesus haben sie am eigenen Leib Gerechtigkeit, Liebe und inneren Frieden erfahren. Für sie hat das Reich Gottes angefangen, es ist spürbar geworden. Nicht als staatliches oder gar globales Phänomen. So wie Hoffnung und Sehnsucht ein innerliches Phänomen sind, das von außen nicht unbedingt erkennbar ist, so ist die Erfüllung einer Hoffnung in wesentlichen Teilen auch das Ergebnis eines inneren, eines innerlichen Prozesses.

Das Reich Gottes, der Einflussbereich von Gerechtigkeit, Liebe und Frieden kann dort größer werden, wo Menschen die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Liebe und Frieden in sich tragen und nicht aufgeben. Es braucht die Entscheidung eines jeden einzelnen Menschen, an der Hoffnung auf diese andere Wirklichkeit festzuhalten. Wer nämlich heute an diese andere Wirklichkeit glaubt, trägt dazu bei, dass sie tatsächlich Wirklichkeit wird.

Wenn die Theorie von der selbsterfüllenden Prophezeiung stimmt, dann wird es wohl darauf ankommen, dass wir uns die Sehnsucht nach einer heilvollen Gegenwart und Zukunft zu eigen machen, dass wir mit dem, was wir sagen, was wir tun und wie wir miteinander umgehen, heute Prophetinnen und Propheten jener anderen, jener möglichen Wirklichkeit sind. Machen wir also Hoffnung. Wecken wir und leben wir die Sehnsucht nach heilvollem Leben für alle Menschen, das dann Wirklichkeit wird, wenn wir nur daran glauben.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 6. Januar 2019 von Pfarrer Daniel Saam, Regensburg)

Positionen Januar 2019

Liebe Hörerinnen und Hörer,

was verstehen Sie unter einer Prophetin oder einem Propheten?

„Ich bin zwar kein Prophet, aber trotzdem sage ich Ihnen…“

Wenn jemand so zu reden beginnt, ist klar, dass er oder sie etwas über die Zukunft sagen will.

Sind Prophetinnen und Propheten also Menschen, die die Zukunft vorhersagen können? Haben sie einen gewissen Weitblick, das schon zu sehen, was anderen noch verborgen ist?

Diese Vorstellung kommt vielleicht nicht von ungefähr.

Weihnachten liegt erst ein paar Tage zurück. Vielleicht waren Sie in einem Gottesdienst, oder Sie haben die Weihnachtsgeschichte von der Geburt Jesu im Stall von Betlehem zu Hause gelesen. Diese Erzählung klingt ja wahrhaftig bereits im Buch des Propheten Micha im Alten oder besser im Ersten Testament an. Dort heißt es schon Jahrhunderte vor der Geburt Jesu: „Du Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.“

Heute, am 6. Januar, feiern die Kirchen evangelischer und katholischer Tradition das Fest Epiphanie, im Volksmund Fest der Heiligen drei Könige genannt, die mit ihren Kamelen aus dem Morgenland nach Betlehem gekommen waren, um den neugeborenen König zu sehen und dem Kind, das sie fanden, Gold, Weihrauch und Myrrhe geschenkt haben. In keiner Krippendarstellung, die etwas auf sich hält, dürfen diese Könige mit wenigstens einem Kamel fehlen. Auch in dieser Erzählung findet sich wieder, was bereits beim Propheten Jesaja, der rund 700 Jahre zuvor gelebt hat, geschrieben steht: „Auf, werde Licht Jerusalem, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz.“ Vielleicht erscheint bei diesen Zeilen auch vor Ihrem inneren Auge der Stern von Betlehem?! Weiter heißt es bei Jesaja: „Denn der Reichtum des Meeres strömt dir zu, die Schätze der Völker kommen zu dir. Zahllose Kamele bedecken dein Land, Dromedare aus Midian und Efa. Sie alle kommen von Saba, bringen Weihrauch und Gold und verkünden die ruhmreichen Taten des Herrn.“

Ja, Prophetinnen und Propheten müssen Einblick haben in das, was kommt. Das sehen wir doch an der Weihnachtsgeschichte, auch wenn in der kein einziges Kamel durchs Bild läuft.

Interessant finde ich, dass Prophetinnen und Propheten im Ersten Testament immer dann auf den Plan treten, wenn sich die Menschen und ihr Gemeinwesen in einer Krise befinden: wenn zum Beispiel soziale Ungleichheit oder Ungerechtigkeit um sich greifen, wenn die Führungsschicht versagt und ihrer Fürsorge für die Bevölkerung nicht nachkommt, wenn die Selbstbestimmung genommen und an ihre Stelle die Fremdherrschaft getreten ist, wenn Vertreibung oder Deportation zu einem Leben in der Fremde zwingen, oder wenn neugewonnene Freiheit mit Leben gefüllt werden muss. Immer dann treten im Ersten Testament Prophetinnen und Propheten auf. Sie nennen deutlich und manchmal sicher unbequem beim Namen, was falsch läuft. Sie verlangen ein Innehalten und ein Umdenken. Sie regen an, wie es besser gehen könnte, zeigen eine neue Richtung auf und sie wollen schließlich in diesem Sinn Hoffnung machen auf eine mögliche Verbesserung. Ich würde sogar sagen, dass die Prophetinnen und Propheten im Ersten Testament die Aufgabe haben, bei den Menschen die Sehnsucht nach Verbesserungen, nach besseren Lebensbedingungen zu wecken oder, wo diese Sehnsucht bereits lebt, diesen Traum wach zu halten.

Prophetinnen und Propheten sagen nicht die Zukunft vorher. Ich will Sie nicht enttäuschen, aber ich kann und will Ihnen nicht vorenthalten, dass Matthäus und Lukas, bei denen wir die Weihnachtsgeschichte lesen, die eingangs zitierten Schriftstellen aus den Prophetenbüchern Micha und Jesaja sehr gut kannten. Und sicher haben diese beiden, wie viele ihrer Landsleute damals, auf positive Veränderungen gehofft und aller Wahrscheinlichkeit nach waren sie sogar überzeugt davon, dass mit Jesus die Prophezeiungen der Propheten von einer neuen Führungsgestalt, von neuem Licht in der Finsternis, in Erfüllung gegangen waren. Matthäus und Lukas haben diese Prophezeiungen in ihre Niederschriften der Frohen Botschaft einfließen lassen, um zu sagen: Seht her: Gott ist treu. Unsere Hoffnung hat sich erfüllt. Das Warten hat sich gelohnt.

Diese Sichtweise kann man natürlich in Frage stellen. Wenn wir unsere Welt betrachten, wenn wir zur Kenntnis nehmen, wie unheil so vieles ist, wie ungerecht es oft zugeht, dann kann man schon die berechtigte Frage stellen, wie weit es tatsächlich her ist mit der Erfüllung jener Heilsprophezeiungen. Vieles mag sich seit jenen Tagen tatsächlich zum Positiven entwickelt haben. Aber was nützt das dem einzelnen Menschen, der leidet?

Hinter den Heilsankündigungen der Propheten steht die Grundüberzeugung, dass Gott das Heil aller Menschen will. Niemand muss annehmen, er habe sein Leid verdient. Leid lässt sich mit nichts rechtfertigen und es darf auch nicht religiös gutgedeutet werden. Leid ist und bleibt Leid und es widerspricht als solches grundlegend dem, was Gott für seine Menschen will: heiles Leben.

Dieses heile Leben stellen die Prophetinnen und Propheten in Aussicht. Nicht als Jenseitsvertröstung, sondern als mögliche, weil gottgewollte und daher kommende Realität im Leben eines jeden Menschen.

Ist es aber nicht verantwortungslos, Menschen ein heiles Leben in Aussicht zu stellen, wo doch die Realität befürchten lässt, dass sie es nie erleben? Wie sinnvoll ist es also, Hoffnung zu machen? Wie sinnvoll ist es, Sehnsüchte zu wecken, oder sie wach zu halten?

Die Psychologie, liebe Hörerinnen und Hörer, spricht von der selbsterfüllenden Prophezeiung. Wo Menschen an eine Prognose oder an eine Vision glauben, dort werden diese Menschen sich, bewusst oder unbewusst, so verhalten, dass die Prognose eintrifft, dass die Vision wahr wird.

Es ist sinnvoll, zu hoffen und anderen Hoffnung zu machen! Es ist sinnvoll, Sehnsucht nach heilem, nach gelingendem Leben zu haben. Es ist sinnvoll, diese Sehnsucht bei anderen zu wecken, oder sie wach zu halten, weil Menschen, die sich die Hoffnung auf gelingendes und heiles Leben für alle Menschen zu eigen machen, dazu beitragen, dass es Wirklichkeit wird.

Liebe Hörerinnen und Hörer,

damit befinden wir uns aus meiner Sicht im Kern der christlichen Frohen Botschaft vom sogenannten Reich Gottes. Dieses Königreich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens wird dort Wirklichkeit, wo Menschen, entgegen aller Widerstände, daran glauben. Wäre Jesus damals nicht auf Menschen getroffen, die an die Prophezeiungen der Prophetinnen und Propheten geglaubt haben, deren Sehnsucht nach heilem Leben lebendig war, trotz oder gerade aufgrund widrigster Umstände, dann wäre seine Botschaft der Liebe, des liebvollen Umgangs, aller Wahrscheinlichkeit nach in der Weite der Menschheitsgeschichte verhallt. Die Saat seines Gottesbildes und seiner daraus gewachsenen Haltung seinen Mitmenschen gegenüber, wäre im besten Fall aufgegangen, um gleich wieder zu verdorren, weil der fruchtbare Boden gefehlt hätte.

Durch die Prophetinnen und Propheten war der Boden aber bereitet. Die Hoffnung war bei vielen nicht erloschen, sie war lebendig. Darum hat die Lebensweise Jesu, das, was er über Gott und Menschen gesagt hat und wie er mit Menschen umgegangen ist, damals die ersten Jüngerinnen und Jünger aufhorchen lassen. Es ist kein Wunder, wenn die späteren Autoren der neutestamentlichen Texte, wie Lukas und Matthäus, den Eindruck hatten: Jesus könnte der sein, von dem unsere Propheten gesprochen haben. Durch Jesus haben sie am eigenen Leib Gerechtigkeit, Liebe und inneren Frieden erfahren. Für sie hat das Reich Gottes angefangen, es ist spürbar geworden. Nicht als staatliches oder gar globales Phänomen. So wie Hoffnung und Sehnsucht ein innerliches Phänomen sind, das von außen nicht unbedingt erkennbar ist, so ist die Erfüllung einer Hoffnung in wesentlichen Teilen auch das Ergebnis eines inneren, eines innerlichen Prozesses.

Das Reich Gottes, der Einflussbereich von Gerechtigkeit, Liebe und Frieden kann dort größer werden, wo Menschen die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Liebe und Frieden in sich tragen und nicht aufgeben. Es braucht die Entscheidung eines jeden einzelnen Menschen, an der Hoffnung auf diese andere Wirklichkeit festzuhalten. Wer nämlich heute an diese andere Wirklichkeit glaubt, trägt dazu bei, dass sie tatsächlich Wirklichkeit wird.

Wenn die Theorie von der selbsterfüllenden Prophezeiung stimmt, dann wird es wohl darauf ankommen, dass wir uns die Sehnsucht nach einer heilvollen Gegenwart und Zukunft zu eigen machen, dass wir mit dem, was wir sagen, was wir tun und wie wir miteinander umgehen, heute Prophetinnen und Propheten jener anderen, jener möglichen Wirklichkeit sind. Machen wir also Hoffnung. Wecken wir und leben wir die Sehnsucht nach heilvollem Leben für alle Menschen, das dann Wirklichkeit wird, wenn wir nur daran glauben.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 6. Januar 2019 von Pfarrer Daniel Saam, Regensburg)



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