Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen April 2018 von Harald Klein

Positionen April 2018

Na, glauben Sie es jetzt? Ostern haben wir ja nun schon eine ganze Woche hinter uns; Sie haben vielleicht selber drüber nachgedacht, und die üblichen Bibeltexte und Predigten in den Kirchen haben zur Genüge stattgefunden. Glauben Sie es jetzt, verehrte Hörerinnen und Hörer? Die Sache mit der Auferstehung? Dass unsere eigenen Gräber irgendwann mal leer sind? Dass da das Grab in Jerusalem vor 2000 Jahren leer war?

Immerhin, es ist ja das höchste christliche Fest. Es ist das Fest gewesen, von dem das ganze Christentum seinen Ursprung genommen hat. Sicher, wir sind heute eine Woche später, aber das war ja wohl auch damals so, dass erst nach dem Ereignis den Jüngern ein Licht aufgegangen ist, erst so langsam. Und uns? Auch ein Licht aufgegangen? Auferstehung? Irgendwie ein ganz massives Problem.

Unter anderem weil es sich auf etwas Dinghaftes bezieht, auf den toten Körper. Der Körper, der hat mit Materie zu tun. Und da kennen wir uns heute ein wenig aus. Wir sind ein paar Schrittchen weiter gegenüber der Zeit der Apostel. Wir wissen, was Materie ist, wie sie entsteht und vergeht, können zurück blicken zum Ur-knall und ahnen auch schon, wann das ganze Spiel mal vorbei sein wird. Und dass da irgendwer mal wieder körperlich genau so wird, wie er war, stößt da an ganz kernige Einwände. Vor 2000 Jahren, ja, da haben die Menschen gemeint, das Weltende stünde kurz bevor, haben gemeint, die Toten könnte der liebe Gott dann irgendwie schon noch wieder zusammenklauben aus der Erde, aus dem Staub, aus den Gräbern.

Heute sieht die Lage schon anders aus: ein ganz neues Weltbild steht im Raum. Wir wissen, dass „Erd und Himmel“ mehr sind als eine Scheibe mit drüber gewölbtem Firmament. Unfassbar weit ist das Weltall mit unendlich vielen Sternen und Milchstraßen, mit heller und dunkler Materie, schwarzen Löchern und Gamma-strahlen. Wo soll da Platz für Verstorbene und Auferstandene sein? Wo soll da eine ewige Spielwiese der Seli-gen sein? Als meine Großeltern gestorben sind, da hab ich gedacht: Irgendwo sehen wir uns eines Tages wie-der. Das sagt man ja auch so. Aber wie soll das gehen? Und falls es so wäre: Woran soll ich dann den Anderen erkennen? Sieht er dann noch so aus wie heute? Das wäre doch die Voraussetzung. Dass er noch sein altes Gesicht hat, sein humpelndes Bein, seine Narbe vom Unfall. Aber ist das nicht wider jede Vernunft? Und ist das nicht genauso gegen die Vernunft, anzunehmen, vor 2000 Jahren hätte das mit Jesus schon funktioniert?

Auferstehung. Wirklich eine Frage. Wenn wir schon sagen, Christentum wäre so was wie ein Leitkultur in Deutschland, dann sollten wir zumindest auch den ein oder anderen Kernsatz dieser Überlieferung mal auf den Prüfstand stellen und nicht einfach nur wieder bis nächstes Jahr Ostern versacken lassen.

Ostern. Um ehrlich zu sein, es kommt mir vor wie ein Sinnbild, ein Sinnbild für den Glaubens insgesamt in unserer Zeit. Der ganze christliche Glaube hat hier im Abendland eine Festzeit hinter sich. Er hatte jahrhundertelang eine Spitzenposition inne, er war sozusagen der Sonntag im Leben, eben das Fest. Aber jetzt deuten viele Anzeichen darauf hin, dass die Zeit sich geändert hat. Es ist ein paar Tage später. Wie in diesem Moment mit Ostern: Der Zenit scheint überschritten. Es gibt nicht nur immer weniger Pfarrer, es gibt auch immer weniger Kirchenmitglieder. Wir sind nicht nur eine Woche sondern schon ein paar Jährchen hinaus über das, was man die Prunkzeit des Christlichen nennen könnte: die Zeit, als wir sicher waren in unserm Glauben, selbstsicher und unbefangen. Als man daraus noch cool und selbstredend leben konnte. Gehen Ihnen, verehrte Hörer, manchmal ähnliche Gedanken durch den Kopf?

Tja, wenn so ein normales Fest vorbei ist, dann haben viele am nächsten Tag einen Kater. Kopfschmerzen, Schwindel, deutliches Unwohlsein. Aber beim Fest der Religion ist das nicht so. Es kommt einem einfach nur abhanden. Es sickert einfach weg. Auf einmal ist weniger Festigkeit da, weniger Vertrautheit und dann noch weniger.

Das große Fest. Gehört es der Vergangenheit an? Was ist davon übriggeblieben?

Naja, übriggeblieben sind die, die sich nicht beirren lassen: Fundamentalisten, Rechtskonservative, Buchstabenbesitzer, die sagen: Jetzt erst recht. Sie sprechen heute erst recht von 6 Tagen der Schöpfung, sagen dass die Welt erst 4000 Jahre alt ist und nichts sich entwickelt oder allmählich ausgebildet hat. Sie tragen unverändert die alte Weltsicht, die alte Moral und Klassenordnung weiter.

Übrig bleiben nach dem Umbruch der Zeiten auch andere, die einfach nur die Augen zumachen und sagen: Da müssen wir durch. Die gar nicht mehr diskutieren oder nachdenken, sondern nur die Form waren, treu und verbissen: der Kirche die Stange halten, egal was es kostet.

Und es bleiben auch Ratlose, die sich ihre Zweifel eingestehen. Die nicht behaupten, im Besitz der Weisheit zu sein. Und die darauf warten, anders nochmal Zugang zum Glauben zu finden, zeitgemäß Christ sein zu können.

Kürzlich ist Stephen Hawking gestorben, der bekannte große Physiker: der von Krankheit und Schicksal gebeutelte, der sich nur noch per Sprachcomputer mit der Außenwelt in Verbindung setzen konnte. Es tat einem in der Seele weh, wenn man ihn im Rollstuhl sah, obwohl er auch irgendwie humorvoll mit sich und seiner Lebenslage umgehen konnte. Aber mit seinem knochenharten Denkansatz und seinen Lehren hat er ganz vielen Menschen den Boden unter den Füßen weggezogen: „An einen Gott glaube ich nicht. Nie und nimmer. Die Schöpfung ist ganz allein aus sich selbst entstanden, dafür gibt es Hinweise genug. Statt auf einen allmächtigen Vater im Jenseits zu vertrauen, sollten wir lieber selber unsere Zukunft gestalten.“

Wenn wir ehrlich sein wollen, wenn wir uns nicht vor uns selber lachhaft machen wollen mit unserm Glauben, dann müssen wir uns genau mit solchen Leuten und Gedanken, Forschungen und Theorien auseinander setzen. Wir müssen aufhören, Gott als Lückenbüßer zu benutzen, den wir jedes mal wie eine Kasperlfigur hervorholen, wenn wir für irgendwas keine Erklärung haben. Sonst bleiben wir nämlich in diesem Zeitalter der Entdeckungen ewig auf dem Rückzug.

Nein, Gott ist nicht der zaubernde Zampano, der im Himmel sitzt und listig ins Räderwerk der Natur eingreift. Gott ist auch nicht der vornehme Uhrmacher, der am Anfang die Welt mal von Hand zusammengebastelt hat und in Gang gesetzt und sich nun fein raushält. Gott, das ist eine ganz andere Ebene, eine Dimension, eine Tragweite dazu.

Das betrifft insgesamt die Schöpfung, aber auch so ein spezielles Feld wie das der Auferstehung. Gott hat nicht handwerklich dafür gesorgt, dass Jesus wie ein Gespenst durch Wände und Türen gehen konnte, als Leichnam den Jüngern erschien. Zugegeben: Im Neuen Testament ist das so ähnlich umkleidet. Aber heute wissen wir, dass die frühesten Berichte der Christen davon noch kein Wörtchen gesagt haben. Erst 50 Jahre nach Jesu Tod ist das so von Evangelisten romantisiert worden, in Legenden gehüllt worden. Der Kern war eher, dass Jesus den Menschen, die ihn gut gekannt hatten, nach seinem Tod im Kopf herum gespukt ist, und nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen. Den sind sie nicht mehr losgeworden. Er hat in ihren Herzen eine neue Tiefe besetzt. In dem Moment, wo sie versucht haben, sein Werk aufzugreifen, fortzusetzen, da hatten sie die felsenfeste Erfahrung, dass er mitten bei ihnen war, das Leben erweiterte. Das hat nichts mit der Dimension der Physik zu tun, nichts mit Atomen, mit Nützlichkeit, Geld und Macht. Das ist völlig anders. Und wer das nicht auf der existenziellen Ebene in sich einlässt, der findet nie einen Zugang. Das Grab ist leer, ja. Aber das hat nichts mit den Knochen Jesu zu tun, das heißt vielmehr: „Es gibt mit Jesus eine Wirklichkeit von Liebe und Menschenwürde, die nicht begraben werden kann, sondern lebt.“

Ich bin Leuten wie Stephen Hawking regelrecht dankbar für ihre Forschungen und Thesen. Weil sie damit messerscharf herausarbeiten, worum es dem christlichen Glauben gerade nicht geht. Und wir haben die Chance, das neu zu klären. Wir wollen keine Aussagen über die Oberfläche machen, keine Aussagen über Sensatiönchen und Wunder Gottes, die man fotografieren und physikalisch auswerten könnte. Es geht nur um die Tiefe, um den Geist. Und in diesem Geist, da gibt es schon längst Überschreitungen von Tod und Untergang. Jede Erinnerung an Tote, jede Trauer um Geliebte, jedes Aufgreifen von alten Werten und Idealen ist ein solches Überschreiten der Sterblichkeit.

Ostern sagt: Das ist keine Einbildung. Das ist nicht nur Kurzzeiterlebnis. Was wirklich aus Liebe besteht und Wertschätzung, das ist jenseits von Zeit und Raum, das ist längst auf der anderen Seite des Lebens, auch unseres Lebens angekommen. Wenn Jesus nur den paar Jüngern vor 2000 Jahren ein paar Tage lang erschienen wäre, hätte es überhaupt keine Bedeutung für uns. Nein, er ist auch heute noch Gegenwart, Bestandteil der zweiten Seite des Lebens. Er war kein albernes Spukgeschehen, über das Wissenschaftler lachen könnten, sondern ist Funke des Neuen, aktuelles Element des Lebens.

Und auch wenn es sich auf Anhieb verrückt anhört, ich könnte mir vorstellen, dass das auch einmal mit uns und unseren Verstorbenen geschieht: dass wir Funken des Lebens sind, aber eben in einer ganz anderen Dimension. Tut mir leid, Stephen Hawking, aber du hast aus deinem Blickwinkel glatt die Hälfte des Lebens übersehen, nicht erfasst.

Wir sollten zugeben, dass in der Bibel alte Geschichten stehen, die sich verrückt anhören. Aber wir müssen sie Geschichten sein lassen, Umschreibungen. Was da steht, sind Schilderungen der Existenz, Beschreibungen des Seelischen. In Tabellen und Rechenbüchern kann man die nicht fassen.

Das leere Grab, das ist ein Bild, so wie eine leere Straße, in die ich schaue und merke: Hier ist keiner. Das ist eine Sackgasse, hier spielt sich nichts mehr ab. In diesem Grab ist vielleicht der Hund begraben, aber nicht Jesus. Der ist vielmehr jetzt in Köpfen und Herzen unterwegs, lässt sich von keinen Trennwänden mehr aufhalten. Nein, das war und ist keine Gespenstergeschichte. Es ist die Andeutung einer ganz anderen Wirklichkeit. Irgendwann überwinden wir alle Enge, alle Engstirnigkeit, im Gefolge dieses Jesus von Nazareth, überwinden alle Tristesse. Und das fängt hier und jetzt schon an.

Tja, wir haben heut eine Woche nach Ostern. Eigentlich geht es jetzt erst richtig los.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 8. April 2018 von Pfarrer em. Harald Klein, Bruckmühl)



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