Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Dezember 2017 von Dr. André Golob

Positionen Dezember 2017

Wieder einmal neigt sich ein Jahr dem Ende zu. Es war das Jahr des großen Reformationsjubiläums. Jetzt mögen einige sagen. „Naja, uns Katholiken betrifft die Reformation ja nicht“. Doch ich denke, das ist so nicht richtig. Ist Kirche nicht etwas, das stets reformiert werden muss, sich stets selbst hinterfragen muss? Und die theologische Maxime `Ecclesia semper reformanda´ – Kirche muss sich stets reformieren – ist über alle konfessionellen Grenzen hinweg gültig. Auch Jesus von Nazareth war zunächst einmal ein solcher Reformer. Ihm ging es nicht um eine neue Religion, ihm ging es darum, seinen jüdischen Schwestern und Brüdern zu zeigen, was Gott gefällig ist und was nicht im Sinne Gottes ist.

Umso unverständlicher ist es, dass Kirche von unserer Gesellschaft als etwas gesehen wird, dass zutiefst konservativ ist, ein retardierendes, ja anachronistisches  Moment in unserer Zeit. Doch unserer Religion ist es gar nicht möglich stehen zu bleiben, konservativ zu sein. Solange es Leid in der Welt gibt, solange der Status Quo kein idealer ist, können und dürfen wir uns nicht zufriedengeben mit dem was ist. Konservativ können wir dann sein, wenn sich der Himmel auf Erden einstellt, paradiesische Zustände herrschen, wir Menschen uns so gewandelt haben wie Gott uns gewollt hat. Damit ist Christsein ein Stück weit anarchisch, wenn nicht sogar anarchistisch, denn die Lehre des Mannes aus Nazareth kratzt vehement am Establishment, am dem was ist. Es ist eine ewige Anfrage auch an die Theologie. Und es gab immer wieder Männer und Frauen, die sich nicht beirren ließen, die erhellt haben was verdunkelt wurde, richtig gestellt haben was verfälscht wurde – prophetisch waren. Diese feierte die evangelische Kirche 2017: John Wycliff, Jan Hus, Martin Luther, Philipp Melanchthon um nur einige zu nennen.

Es waren Menschen die zutiefst ergriffen waren von der Lehre Christi und entsetzt davon, was Menschen daraus machen – wie sie verzerren und in ihr Gegenteil verkehren, was uns alle retten könnte im Hier und Jetzt. Und wir müssen sie als Vorbilder nehmen und uns fragen: Wie greift man zurück auf das, was einem persönlich heilig ist und setzt es so ein, dass es den Verfälschungen und Übermalungen der Gegenwart standhält? Das ist der Ausgangspunkt Martin Luthers. Es wurde ihm schier unerträglich, dass erbarmungslos Schindluder getrieben wurde im Namen Gottes. Man beutete die Furcht vor Gott aus, man nutzt die gesamte Religion aus zu dem Zweck die Menschen in einen Zustand völliger Abhängigkeit zu versetzen und so an ihr Geld zu kommen. Anderthalbtausend Jahre sind ins Land gegangen und haben das verdunkelt, verfälscht, was einmal als Befreiung und zur Erlösung gemeint war

Wenn sie beginnen die Wirklichkeit nicht länger zu ertragen weil sie einen Maßstab kennen, auf den sich offiziell alles bezieht und beruft, der aber trotzdem nicht in Gültigkeit ist, sondern in gewisser Weise ganz neu eingeführt gehört, dann leisten sie alle das Werk eines Reformators. Wenn ein Mensch sich wirklich wagt, nur dann verändert sich in seiner Umgebung etwas, nur dann können Probleme angegangen werden, an denen viele, wenn nicht alle, leiden. Es gehört viel Mut dazu –  sehr, sehr viel Mut, gegen die Angst anzugehen.

Die Angst in der Seele der Menschen, wie beruhigt man sie? Womöglich indem man sie glauben macht, die Leistung bestimmter Rituale wie Wallfahrten und Gottesdienste, Opferleistungen und Abgaben könnten ihnen Gott als günstig garantieren? Das sicher nicht – doch die Verführung ist groß. Es kostet nicht viel auf diese Art zu glauben, es ist total einfach, denn man muss nur mitmarschieren. Man gehört der richten Truppe, der richtigen Kirche an, man kann nichts mehr falsch machen, allein durch die Mitgliedschaft im richtigen Gruppenverband

Die unglaubliche Möglichkeit, dass ein Einzelner Recht haben könnte gegen die gesamte Menschheit, gegen die Institution Kirche ist der Beginn der Reformation. Billiger ist sie nicht zu bekommen. Der Mensch stemmt sich vehement gegen die Gefahr sich selber zu verlieren. Denn es ist falsch das eigene Leben nach fremden Anweisungen zu führen. Das gilt es zu durchbrechen, indem man sich loslöst von diesen Banden, lernt sich einzig und allein verantwortlich zu fühlen gegenüber Gott und nicht dem gesellschaftlich Allgemeinen. Das ist die religiöse Botschaft Martin Luthers: Unmittelbarkeit zu Gott.

Unmittelbarkeit, d.h. persönliche Nähe zu Gott, Freiheit des Gewissens, Reifung zur Individualität, das alles sind die Momente, die in der religiösen Erfahrung der Reformation absolute Bedeutung gewinnen, in einer Weise die so nie war. Luther benutzt hierfür den Begriff sola fide, allein der Glaube. Doch er begreift den Glauben nicht im Sinne eines Dogmatismus, sondern Glaube als Gegenstück zur Angst. Und da hat er Recht, denn das, was das Neue Testament griechisch „Pistis“ nennt trifft es nicht. Und wir sind noch heute davon geprägt. Noch heute glauben viele Christinnen und Christen Glaube hieße ein Fürwahrhalten von Glaubenssätzen, ganz im Sinne des griechischen „Pistis“. Doch das hebräische Pendant dazu heißt „Emuna“ und Emuna meint nicht ein Fürwahrhalten, sondern es meint Vertrauen und Zuversicht. Es ist eine lutherische Wiederentdeckung: sola fide – Leben aus Vertrauen und Zuversicht statt aus Einschüchterung und Angst. Eine Botschaft für uns alle.

Es gibt noch eine zweite Entdeckung Luthers. Er war sich sicher, dass man die ganze Botschaft Jesu nur verstehen könne sola gratia – allein in Gnade: ein Begriff, der im Alltag kaum Verwendung findet. Was heißt das: Gnade? Gnade ist der Tod der Moral, ja das Ende von Gerechtigkeit. Moral und Gerechtigkeit teilen unsere Gesellschaft in zwei Parteien: in die Richtigen und die Verkehrten, die Guten und die Bösen. Menschen in Schwarz oder Weiß einzuteilen und auf diese Weise auszugrenzen war in der Kirche stets beliebt und ist es auch heute noch – und man kann auch noch Gott aufrufen, den nötigen Stacheldraht dazu zu liefern? „Andersdenkende, Abweichler, Dissoziale, straffällig Gewordene, Sünder, sie gehören nicht zu uns, wir haben im Gegenteil die Pflicht sie strafweise zu isolieren, hinauszujagen mit dem Stock, gegebenenfalls auf den elektrischen Stuhl zu setzen oder Ähnliches“. Das ist das Gerechtigkeitsdenken, die Moral, die unsere Welt prägt. Doch dass, so betont Luther, ist nicht im Sinne des Mannes aus Nazareth. Beschreibt er doch, wie wichtig es ist dem verlorenen Schaf nachzugehen. Und man muss sich fragen: Was passiert, wenn ein Mensch sich verläuft.

Nicht umsonst sitzt Jesus Christus mit dem Abschaum der damaligen Zeit am Tisch, lädt ihn ein – die Unberührbaren, die Huren und Zöllner, die offenkundigen Sünder. Das bedeutet eine absolute Kehrtwende des bürgerlichen Denkens um 180 Grad. Jesus schaut tiefer. Er fragt sich, wieso ein Mensch den geraden Weg verlässt, wieso er sich verliert und er geht ihm nach, denn sonst ist er wirklich verloren. Gibt Gott, so fragt Luther sich, gibt Gott Menschen verloren, nur weil wir zu bequem sind ihnen nachzugehen. Wenn wir psychologisch nachforschen und ausfindig machen wollen den Treibsatz menschlichen Fehlverhaltens, dann stoßen wir immer wieder auf die Angst als Motor und kommen zurück zu Luthers sola fide, dem Vertrauen. Und wir müssen uns fragen, was brauchen Menschen? – Wie viel mehr an Menschlichkeit, Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Wärme, Akzeptanz – einfach weil sie Menschen sind? Gott nimmt uns an – allein weil wir sind. Wir brauchen uns seine Liebe nicht zu erarbeiten.

Das Alte Testament nennen Gott El Schaddai, das kommt vom Hebräischen Schad (Mutterbrust). Das ist das Bild des gnädigen Gottes: Eine Mutter, die ihr Kind liebevoll an ihre Brust drückt.

Doch wie kommen wir dazu an einen Gott zu glauben der gnädig ist? Und da sind wir beim dritten Punkt Luthers: dem sola scriptura. Wie die Jünger im Johannesevangelium stehen wir vor Christus und bitten ihn: Zeige uns doch den Vater, erkläre uns doch Gott als einen väterlichen Hintergrund der Welt. Und Jesus antwortet:“ Wer mich sieht, sieht meinen Vater“ – wieder eine 180 Grad-Wendung – weg vom langläufigen Gottesbild, wie es uns die religiösen Mythen tradieren. Gott entdeckt sich in der Liebe unter Menschen. Das heißt: An Menschen glauben gegen alle Widersprüche, den Verlorenen zu suchen gegen alle Verurteilungen, das Verstehen zu suchen gegen alle Vorurteile. Das alles hat in Jesus im Neuen Testament persönliche Gestalt angekommen. Das erkennt Luther wie kein anderer. Und er nimmt das Wagnis auf sich und übersetzt die Worte der Erlösung in seine deutsche Muttersprache. Gott muss ins Herz eines jeden sprechen, so denkt er, also muss man die Bibel ins Deutsche übersetzen – und es ist die Sprache der Liebe, die es zu übersetzen gilt.

Was die Liebe nicht treibt wird nicht Christum treiben und ist in der Unwahrheit, so schreibt er.

Wenn es so steht müssten wir sogar, weil es ganz und gar gültig in seiner menschlichen Zielsetzung ist, die Kirchenbindung relativieren, den Konfessionsstreit in gewisser Weise abblasen. Der evangelische Theologe Heinz Zahrnt, 1945 Pfarrer in Rosenheim, formulierte das in seiner Promotion über Luther folgender Maßen: Als Jesus kam und die Nähe des Reiches Gottes verkündete, meinte er keine der bestehenden Kirchen und Religionsformen. Und die Ankunft des Gottesreiches kann nicht sein der Sieg des Katholizismus über den Protestantismus, oder umgekehrt, oder der Sieg des Christentums über irgendeine andere Religion, oder umgekehrt. Wer betet: Vaterunser, dein Reich komme, sagt, ob er es weiß oder nicht, untergehen möge jede Kirche. Gott ist unendlich größer in seiner Gnade, als der Vater aller Menschen und nicht einzuordnen in eine bestimmte Organisationsform, die erklärt, sie habe ihn gepachtet. Gott ist kein Gefangener der Theologen, sondern setzt sich frei in der Liebe.

Ihnen allen ein glückliches Neues Jahr – voll Vertrauen, Verständnis und Liebe.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 31. Dezember 2017 von Pfarrer Dr. André Golob, Rosenheim)



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