Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen September 2018 von Dr. André Golob

Positionen September 2018

Liebe Zuhörerinnen, lieber Zuhörer,

immer wieder begegnen uns im Neuen Testament Szenen dämonischer Besessenheit und ihre Überwindung durch den sogenannten Exorzismus. Die moderne Theologie betrachtet das Phänomen der Teufelsaustreibung – Gottlob – nicht mehr fundamentalistisch, sondern sie weiß um die Bildhaftigkeit biblischer Geschichten.

Dämonische Besessenheit ist eine Metapher vollkommener Unfreiheit und sie will uns mahnen, uns stark zu machen für Freiheit und Selbstbestimmung. Wie viele Mächte haben uns mitunter im Schwitzkasten und zwingen uns ihren Willen auf? Viele haben Interesse uns klein zu halten, abhängig zu machen, uns zu fesseln und zu unterdrücken. Deshalb denke ich auch, dass die Demokratie, die zwar älter ist als das Christentum, so doch im Prinzip christlicher ist als alle anderen politischen Systeme. Denn in der Demokratie hat jeder die Freiheit seine Meinung zu äußern, sein Leben in Würde frei zu gestalten, nach Maßgaben gültiger Normen.

Umso erschrockener bin ich – wenn ich den Fernseher anschalte – sehen zu müssen, wie attraktiv den heutigen Menschen das Gegenteil gilt, wie viele Menschen auf einmal Ideologien favorisieren, denen Freiheit gar nichts bedeutet, im Gegenteil: Sie möchten sie bekämpfen. Rassisten, Neofaschisten, Rechtspopulisten sind auf dem Vormarsch – in Polen, in Ungarn, Tschechien, Österreich, der Türkei und Russland, jetzt auch in Italien und Slowenien. Und sogar im Bundestag und im Europaparlament sitzen jene, denen Freiheit und Demokratie ein Gräuel sind. Warum sind Ideologien und Parteien, die die Freiheit des Menschen einschränken wollen, heute so populär? War unsere Demokratie in den letzten Jahren nur simulativ? Ist man ihrer überdrüssig? Warum treten Parteien, ja ganze Gesellschaften, die Freiheit mit Füßen, als wäre sie ein lästiges Übel?  Ist das kollektiver Masochismus? Man schießt sich damit doch selbst ins Knie, beraubt sich selber ureigener Menschenrechte!

Das erinnert mich an den Besessenen von Gerasa, der tobt und schreit: „Jesus geh weg, lass mich in Ruhe, du Heiliger Gottes, ich will deine Freiheit nicht, lass mich bei meinen Dämonen.“

Dem Mann aus Nazareth begegnen viele Menschen, die sich ihr Leben lang wie verkrümmt und in ihren Gliedmaßen wie verkrüppelt empfunden hatten. Durch den Anruf Jesu wagten sie sich aufzurichten. Ähnlich geschah es mit den Besessenen, Menschen, die nur noch fremd gesteuert, nicht mehr Herr ihres Denkens, Fühlens und Tuns waren, alle Kontrolle über sich an andere abgetreten hatten. Sie allesamt führt Jesus zurück zu sich selbst – zur eigenen Autonomie.

Bei den Umstehenden erntet Jesus dabei wenig Applaus. Sogar die engsten Angehörigen Jesu haben offensichtlich alles, was er sagte und tat – eben weil er Macht hatte, Menschen aufzurichten – als eine Bedrohung gegen sich selbst und die allgemeine Norm empfunden. „Er muss irre sein“, so meinten sie, „ein Verrückter und ein Schwarzmagier“, so lesen wir im 3. Kapitel des Markusevangeliums.

So sind die Menschen. Es braucht nur jemand daherzukommen, der erklärt, es sei mit dem Gerede von Freiheit wirklich so gemeint, wie er es sagt: Wir Menschen seien nicht gebunden, nicht Sklaven der Angst, nicht die Leibeigenen von fremder Leute Meinung, es komme auf uns an, auf unsere Freiheit, auf unser eigenes Leben. Und schon wird man einen solchen als Unruhestifter erfahren, der die unausgesprochenen Spielregeln des öffentlichen Zusammenlebens mit Füßen tritt, ein anarchistischer Aufrührer, der eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellt. Seine Botschaft von der Liebe und Freiheit wurde als Bedrohung gesehen. „Wo kommen wir denn hin, wenn Menschen frei entscheiden, was sie wollen?“

Freigelassene Traumtänzer, Liebesbeduselte, wie fügen sie sich ein in die Produktivität unserer Leistungsgesellschaft, wo bleibt ihr Gehorsam, ihre Loyalität zu Vorgesetzten und Staat? Wofür brauchen wir Liebe und Geborgenheit? Das ist doch Luxus, Firlefanz, das ist doch Humbug! Wenn jemand aber erklärt, das einzig Wichtige im Leben, der wirkliche Klebstoff aller menschlichen Beziehungen, aller internationalen Zusammenarbeit sei das Geld, so gilt er in der Öffentlichkeit vermutlich als ein weiser Mann.

Freiheit passt nicht in das System und Netzwerk des Profitablen. Man muss sich schützen vor Leuten, die das anders sehen, die den Gehorsam verweigern und vor allem vor jenen, die andere dazu anstiften. „Solche sind böse Irre – natürlich! – was sonst? Man muss sie einschüchtern, mundtot machen, gegebenenfalls entfernen.“ Stalin hatte für solche Freigeister eigene Irrenanstalten, Hitler die Gaskammern, zur Zeit Jesu favorisierte man Steine und Kreuze.

Dabei sind Freigeister das einzige Medikament gegen eine Welt des alltäglichen Zwangs und des Systems der Unterordnung. Ganz so muss Jesus es erlebt haben: Dass diese vertraute, diese ganz normale, gewöhnliche Welt eine einzige Brutstätte von Krankheit, Entfremdung und Wahnsinn ist. Er wusste um die Zersetzungsmacht der Angst mit den ständigen wechselseitigen Versuchen, sich selber Angst zu ersparen, indem man bei Anderen Angst erzeugt.

Jesus berührten die Fragen nicht, denen in unserer Welt ein so ungeheurer Wert zugemessen wird, wie z.B. „Was halten die anderen davon?“ Jesus war das vollkommen egal. Was halten die Mächtigen von dir, die Behörden von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft? Jesus erwartete, dass man sich von derlei Rücksichten nicht einschüchtern lasse. Entscheidend ist: Was soll aus deinem Leben werden, wie möchtest du es gestalten? Er machte Mut, den Schritt zur Autonomie zu wagen, denn ein solcher ist von Gott begleitet: „Macht euch keine Sorgen und habt Vertrauen“, sagt er.

Und er meinte, man könne nach Jahrtausenden der Angst endlich damit beginnen an Gott zu glauben. Dieses Leben sei dafür gemacht, dass Menschen erhobenen Hauptes, gerade gewachsen durch ihr Leben gingen und es könne ein Ende damit haben, dass der Eine über den Anderen Macht ausübe oder mit fixen Begriffen darüber verfüge, als was er gelte, was er sei: richtig – falsch, vernünftig – dumm, erfolgreich – blamabel, tüchtig – ein Versager, und immer so weiter, immer mit den fertigen Schablonen der Unterdrückung, der Herabminderung, der wesensfremden Beurteilung, der immer enger werdenden Vergewaltigung der Gefühle, der Freiheit, der Seele des anderen.

Die Dämonie, die Jesus bekämpfte, ist auch immer ein Kampf für das „Ich“, die Individualität. Das Herrschaftsgebiet der Dämonen ist stets die Menge, die Vielzahl, das Kollektiv, die Legion – und wie man darin untertaucht, um sich selbst zu entweichen, um der eigenen Entscheidung zu entgehen, um der Last eines selbstverantwortlichen Lebens zu entlaufen. Der Masse erscheint das verrückt, gefährlich. So jemand kann nur mit der Unterwelt paktieren.

Die beliebteste Formel kollektiver Angst lautet in Theologenkreisen immer noch: sentire cum ecclesia (fühlen, denken mit der Kirche). Streife die Freiheit wie ein Kleid an der Kirchentüre ab, schalte dein eigenes Wesen ab und gebe dich in die Hände der Kirche, die wird´s schon richten. Und dann ist man schnell bereit anzunehmen, dass der Heilige Geist selber es ist, der die Freiheit verbietet. Die Kirche verstand es in ihrer Geschichte immer höchst trefflich, Menschen mit Angst gefügig zu machen. Doch damit tat sie genau das, was der Frohen Botschaft, dem heiligen Weg des Mannes aus Nazareth  diametral entgegensteht.

Viel haben wir nach 2000 Jahren nicht gelernt. Die Geschichte wiederholt sich. Die Dämonie beginnt bereits in Kinderzimmern. Kinder haben zu sein, wie die Eltern wollen, denn die Eltern verdienen das Geld und sie haben die Macht und die bessere Lebenserfahrung, und nach ihrem Willen muss man sich richten, hat den Mund zu halten. Selbst wenn die ältere Generation physisch schon längst das Zeitliche gesegnet hat, geht innerlich doch das Vorwürfemachen ungehemmt in der Seele eines Menschen weiter.

Jesus träumte von einer Welt, die auf nichts weiter gründen sollte als auf die Evidenz der Liebe, auf die Freiheit des Denkens, auf die Reinheit des Gefühls. Einzig die Lethargie des Herzens hat Jesus uns nicht gestattet, dass wir uns um die Entscheidung des Herzens herummogeln können. Wir müssen wählen zwischen der Wahrheit oder der Starrheit unseres Herzens, zwischen der Freiheit der Intuition oder der Institution der Angst. Wir müssen wählen, wenn wir denn wählen können.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 25. September 2018 von Pfarrer Dr. André Golob, Rosenheim)

Positionen September 2018

Liebe Zuhörerinnen, lieber Zuhörer,

immer wieder begegnen uns im Neuen Testament Szenen dämonischer Besessenheit und ihre Überwindung durch den sogenannten Exorzismus. Die moderne Theologie betrachtet das Phänomen der Teufelsaustreibung – Gottlob – nicht mehr fundamentalistisch, sondern sie weiß um die Bildhaftigkeit biblischer Geschichten.

Dämonische Besessenheit ist eine Metapher vollkommener Unfreiheit und sie will uns mahnen, uns stark zu machen für Freiheit und Selbstbestimmung. Wie viele Mächte haben uns mitunter im Schwitzkasten und zwingen uns ihren Willen auf? Viele haben Interesse uns klein zu halten, abhängig zu machen, uns zu fesseln und zu unterdrücken. Deshalb denke ich auch, dass die Demokratie, die zwar älter ist als das Christentum, so doch im Prinzip christlicher ist als alle anderen politischen Systeme. Denn in der Demokratie hat jeder die Freiheit seine Meinung zu äußern, sein Leben in Würde frei zu gestalten, nach Maßgaben gültiger Normen.

Umso erschrockener bin ich – wenn ich den Fernseher anschalte – sehen zu müssen, wie attraktiv den heutigen Menschen das Gegenteil gilt, wie viele Menschen auf einmal Ideologien favorisieren, denen Freiheit gar nichts bedeutet, im Gegenteil: Sie möchten sie bekämpfen. Rassisten, Neofaschisten, Rechtspopulisten sind auf dem Vormarsch – in Polen, in Ungarn, Tschechien, Österreich, der Türkei und Russland, jetzt auch in Italien und Slowenien. Und sogar im Bundestag und im Europaparlament sitzen jene, denen Freiheit und Demokratie ein Gräuel sind. Warum sind Ideologien und Parteien, die die Freiheit des Menschen einschränken wollen, heute so populär? War unsere Demokratie in den letzten Jahren nur simulativ? Ist man ihrer überdrüssig? Warum treten Parteien, ja ganze Gesellschaften, die Freiheit mit Füßen, als wäre sie ein lästiges Übel?  Ist das kollektiver Masochismus? Man schießt sich damit doch selbst ins Knie, beraubt sich selber ureigener Menschenrechte!

Das erinnert mich an den Besessenen von Gerasa, der tobt und schreit: „Jesus geh weg, lass mich in Ruhe, du Heiliger Gottes, ich will deine Freiheit nicht, lass mich bei meinen Dämonen.“

Dem Mann aus Nazareth begegnen viele Menschen, die sich ihr Leben lang wie verkrümmt und in ihren Gliedmaßen wie verkrüppelt empfunden hatten. Durch den Anruf Jesu wagten sie sich aufzurichten. Ähnlich geschah es mit den Besessenen, Menschen, die nur noch fremd gesteuert, nicht mehr Herr ihres Denkens, Fühlens und Tuns waren, alle Kontrolle über sich an andere abgetreten hatten. Sie allesamt führt Jesus zurück zu sich selbst – zur eigenen Autonomie.

Bei den Umstehenden erntet Jesus dabei wenig Applaus. Sogar die engsten Angehörigen Jesu haben offensichtlich alles, was er sagte und tat – eben weil er Macht hatte, Menschen aufzurichten – als eine Bedrohung gegen sich selbst und die allgemeine Norm empfunden. „Er muss irre sein“, so meinten sie, „ein Verrückter und ein Schwarzmagier“, so lesen wir im 3. Kapitel des Markusevangeliums.

So sind die Menschen. Es braucht nur jemand daherzukommen, der erklärt, es sei mit dem Gerede von Freiheit wirklich so gemeint, wie er es sagt: Wir Menschen seien nicht gebunden, nicht Sklaven der Angst, nicht die Leibeigenen von fremder Leute Meinung, es komme auf uns an, auf unsere Freiheit, auf unser eigenes Leben. Und schon wird man einen solchen als Unruhestifter erfahren, der die unausgesprochenen Spielregeln des öffentlichen Zusammenlebens mit Füßen tritt, ein anarchistischer Aufrührer, der eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellt. Seine Botschaft von der Liebe und Freiheit wurde als Bedrohung gesehen. „Wo kommen wir denn hin, wenn Menschen frei entscheiden, was sie wollen?“

Freigelassene Traumtänzer, Liebesbeduselte, wie fügen sie sich ein in die Produktivität unserer Leistungsgesellschaft, wo bleibt ihr Gehorsam, ihre Loyalität zu Vorgesetzten und Staat? Wofür brauchen wir Liebe und Geborgenheit? Das ist doch Luxus, Firlefanz, das ist doch Humbug! Wenn jemand aber erklärt, das einzig Wichtige im Leben, der wirkliche Klebstoff aller menschlichen Beziehungen, aller internationalen Zusammenarbeit sei das Geld, so gilt er in der Öffentlichkeit vermutlich als ein weiser Mann.

Freiheit passt nicht in das System und Netzwerk des Profitablen. Man muss sich schützen vor Leuten, die das anders sehen, die den Gehorsam verweigern und vor allem vor jenen, die andere dazu anstiften. „Solche sind böse Irre – natürlich! – was sonst? Man muss sie einschüchtern, mundtot machen, gegebenenfalls entfernen.“ Stalin hatte für solche Freigeister eigene Irrenanstalten, Hitler die Gaskammern, zur Zeit Jesu favorisierte man Steine und Kreuze.

Dabei sind Freigeister das einzige Medikament gegen eine Welt des alltäglichen Zwangs und des Systems der Unterordnung. Ganz so muss Jesus es erlebt haben: Dass diese vertraute, diese ganz normale, gewöhnliche Welt eine einzige Brutstätte von Krankheit, Entfremdung und Wahnsinn ist. Er wusste um die Zersetzungsmacht der Angst mit den ständigen wechselseitigen Versuchen, sich selber Angst zu ersparen, indem man bei Anderen Angst erzeugt.

Jesus berührten die Fragen nicht, denen in unserer Welt ein so ungeheurer Wert zugemessen wird, wie z.B. „Was halten die anderen davon?“ Jesus war das vollkommen egal. Was halten die Mächtigen von dir, die Behörden von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft? Jesus erwartete, dass man sich von derlei Rücksichten nicht einschüchtern lasse. Entscheidend ist: Was soll aus deinem Leben werden, wie möchtest du es gestalten? Er machte Mut, den Schritt zur Autonomie zu wagen, denn ein solcher ist von Gott begleitet: „Macht euch keine Sorgen und habt Vertrauen“, sagt er.

Und er meinte, man könne nach Jahrtausenden der Angst endlich damit beginnen an Gott zu glauben. Dieses Leben sei dafür gemacht, dass Menschen erhobenen Hauptes, gerade gewachsen durch ihr Leben gingen und es könne ein Ende damit haben, dass der Eine über den Anderen Macht ausübe oder mit fixen Begriffen darüber verfüge, als was er gelte, was er sei: richtig – falsch, vernünftig – dumm, erfolgreich – blamabel, tüchtig – ein Versager, und immer so weiter, immer mit den fertigen Schablonen der Unterdrückung, der Herabminderung, der wesensfremden Beurteilung, der immer enger werdenden Vergewaltigung der Gefühle, der Freiheit, der Seele des anderen.

Die Dämonie, die Jesus bekämpfte, ist auch immer ein Kampf für das „Ich“, die Individualität. Das Herrschaftsgebiet der Dämonen ist stets die Menge, die Vielzahl, das Kollektiv, die Legion – und wie man darin untertaucht, um sich selbst zu entweichen, um der eigenen Entscheidung zu entgehen, um der Last eines selbstverantwortlichen Lebens zu entlaufen. Der Masse erscheint das verrückt, gefährlich. So jemand kann nur mit der Unterwelt paktieren.

Die beliebteste Formel kollektiver Angst lautet in Theologenkreisen immer noch: sentire cum ecclesia (fühlen, denken mit der Kirche). Streife die Freiheit wie ein Kleid an der Kirchentüre ab, schalte dein eigenes Wesen ab und gebe dich in die Hände der Kirche, die wird´s schon richten. Und dann ist man schnell bereit anzunehmen, dass der Heilige Geist selber es ist, der die Freiheit verbietet. Die Kirche verstand es in ihrer Geschichte immer höchst trefflich, Menschen mit Angst gefügig zu machen. Doch damit tat sie genau das, was der Frohen Botschaft, dem heiligen Weg des Mannes aus Nazareth  diametral entgegensteht.

Viel haben wir nach 2000 Jahren nicht gelernt. Die Geschichte wiederholt sich. Die Dämonie beginnt bereits in Kinderzimmern. Kinder haben zu sein, wie die Eltern wollen, denn die Eltern verdienen das Geld und sie haben die Macht und die bessere Lebenserfahrung, und nach ihrem Willen muss man sich richten, hat den Mund zu halten. Selbst wenn die ältere Generation physisch schon längst das Zeitliche gesegnet hat, geht innerlich doch das Vorwürfemachen ungehemmt in der Seele eines Menschen weiter.

Jesus träumte von einer Welt, die auf nichts weiter gründen sollte als auf die Evidenz der Liebe, auf die Freiheit des Denkens, auf die Reinheit des Gefühls. Einzig die Lethargie des Herzens hat Jesus uns nicht gestattet, dass wir uns um die Entscheidung des Herzens herummogeln können. Wir müssen wählen zwischen der Wahrheit oder der Starrheit unseres Herzens, zwischen der Freiheit der Intuition oder der Institution der Angst. Wir müssen wählen, wenn wir denn wählen können.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 25. September 2018 von Pfarrer Dr. André Golob, Rosenheim)



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