Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Mai 2017 von Daniel Saam

Positionen Mai 2017

Glauben Sie an Auferstehung?

Wenn das jetzt eine Live-Sendung wäre und Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, die Möglichkeit hätten, per Anruf oder per Mail ins Studio Ihre Antwort oder Ihre persönliche Meinung kund zu tun, dann würde meine Frage wahrscheinlich ein sehr breites Spektrum an Antworten und Meinungen zu Tage fördern. Angefangen bei der festen Überzeugung, dass es Auferstehung tatsächlich gibt. Etwas vorsichtiger würden die antworten, die auf Auferstehung für sich und ihre Lieben hoffen. Sicher würde auch die Vorstellung von einer Wiedergeburt genannt werden, die ja auch unter Christinnen und Christen recht weit verbreitet sein soll. Schließlich gäbe es auch die Auffassung, dass Auferstehung ein frommer Wunsch, vielleicht ein schöner Wunsch, aber eben nur ein Wunsch sei, eine Wunschvorstellung.

Wenn Sie sich jetzt irgendwo in diesem breiten Spektrum wieder finden, tun Sie das vielleicht aus einer Sehnsucht heraus, die Sie mit vielen Menschen teilen: Wir sehnen uns nach dem, was wir erahnen, was wir vielleicht erfahren haben, was wir erhoffen, oder was wir nicht einmal zu hoffen wagen: Leben über den Tod hinaus.

Mit dem Tod verbinden wir Leblosigkeit, Kälte, Beziehungslosigkeit, Starre. All das gibt es aber nicht nur hinsichtlich des physischen, des körperlichen Todes. Leblosigkeit, Kälte, Beziehungslosigkeit und Starre finden wir auch mitten im Leben – in unserem eigenen, wie im Leben anderer. Es ist ein folgenschweres Missverständnis, anzunehmen, der christliche Glaube an Auferstehung vom Tod beziehe sich ausschließlich auf das Jenseits. Ganz und gar nicht.

„Gott ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden.“, sagt Jesus einmal im Matthäusevangelium, als man ihm die Frage stellt, ob es denn eine Auferstehung der Toten gibt?

Gott, wenn es ihn denn gibt, ist der Gott der Lebenden. Wenn wir uns die Erzählungen über das Leben Jesu ansehen, dann stellen wir fest, dass sich in der Begegnung Jesu mit seinen Mitmenschen Auferstehung mitten im Leben ereignet. Alle Heilungserzählungen, alle Erzählungen, bei denen sich Menschen von ihrem bisherigen Verhalten abwenden, sich ändern, sich bessern, sich also, wenn man so will, Gott wieder zuwenden, überall dort ereignet sich Auferstehung mitten im Leben.

Der Dichter Wilhelm Willms formuliert in seinen „Anweisungen zur Auferstehung“ folgende Gedanken:

„steh auf

wenn dich etwas umgeworfen hat

steh auf

wenn ein anderer besser deinen platz ausfüllt

auch das ist auferstehung

steh auf,

gerade wenn du meinst

du könntest nicht aufstehen

es wird dir ein stein vom herzen fallen…

mach alle ostergeschichten wahr

und frage nicht, ob sie wahr sind

probier sie aus

sie sind keine totengeschichten

probier sie

es sind wahrsagegeschichten“

Ja, „ostergeschichten“ sind „wahrsagegeschichten“, weil sie die Erfahrung von neuem Leben, von neuen Lebensmöglichkeiten, von Aufbrüchen kunstvoll verpackt weitersagen und auf diese Weise Wahres erzählen.

In der Ostergeschichte des Matthäusevangeliums zum Beispiel werden die Frauen, die in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche zum Grab gehen, um dort nach dem Rechten zu sehen, von einem Engel zu den Jüngern weitergeschickt, um ihnen die Nachricht von der Auferstehung zu überbringen. Und die Frauen sollen den Jüngern ausrichten, sie mögen zurückgehen nach Galiläa und dort würden sie Jesus sehen. Auf dem Weg zurück begegnet dann der Auferstandene selbst den Frauen, nur um ihnen noch einmal dieselbe Nachricht an die Jünger aufzutragen. Warum diese Doppelung?

Wahrsagegeschichten müssen nicht unbedingt logisch sein, genauso wenig, wie der Text eines Gedichtes logisch sein muss. Es kommt nur darauf an, dass die Wortbilder das transportieren, was der Autor weitergeben wollte.

Das Gespräch zwischen den Frauen und dem Engel bzw. zwischen Jesus und den Frauen ist so ein Wortgemälde und es transportiert diese Botschaft: Dem Auferstandenen und mit ihm der Auferstehung begegnen wir dort, wo wir herkommen, wo unser Lebensmittelpunkt ist, im Alltag.

Jesus sagt ja nicht: „Wartet nur, bis auch ihr gestorben seid, dann werden wir uns wiedersehen.“ Auferstehung ereignet sich im ganz normalen Leben. Zum Beispiel dort, wo sich jemand von Gewohnheiten oder Strukturen befreit, die einengen, die eine Entfaltung von Leben verhindern. Auferstehung bedeutet neues Leben, neue Lebensmöglichkeiten. Ich bin sicher, dass sie, liebe Hörerinnen und Hörer, solche Erfahrungen von Auferstehung schon gemacht haben. Auferstanden wird auch dort, wo Menschen wieder miteinander sprechen, wo Konflikte offen angesprochen werden, wo ein klärendes Gespräch Missverständnisse ausräumt.

In dieser Hinsicht ist Auferstehung alles andere als eine Wunschvorstellung, alles andere als ein frommer Wunsch für das Jenseits. Aber natürlich ist sie auch das: eine Wunschvorstellung, eine Hoffnung in Bezug auf das Jenseits. Dies zu verschweigen und Auferstehung zu reduzieren auf rationale Alltagserfahrungen, ginge am christlichen Glauben, ginge an der biblischen Auferstehungsbotschaft und ginge an der Auferstehungshoffnung vieler Christinnen und Christen vorbei.

Aber woher kommt diese Hoffnung?

Biblisch gesehen kommt sie von den Aussagen derer, die damals mit Jesus unterwegs gewesen waren und die dann, nach seinem Tod, entsprechende Erfahrungen gemacht haben, sie weitererzählt haben, bis diese Erfahrungen schließlich in „wahrsagegeschichten“ aufgeschrieben wurden, um die Erfahrung zu sichern und zu transportieren.

Die Hoffnung speist sich aber nicht nur durch das Lesen der Bibel. Sie kann auch aufkeimen angesichts der nach dem Winter aufbrechenden und auflebenden Natur, im Blick auf unser Leben. Wenn die Natur, wenn die Schöpfung nur so von Leben strotzt, wenn die Liebe Menschen über den Tod hinaus verbindet, ist es dann nicht auch denkbar, dass der Schöpfer, der Urquell allen Lebens, dass Gott, der für Christinnen und Christen die Liebe ist, uns nach unserem Tod neue Lebensmöglichkeiten, neue Lebendigkeit, neue Beziehungen ermöglicht.

Mich jedenfalls hebt dieser Gedanke heraus aus der Nabelschau meiner Sterblichkeit. Der Gedanke öffnet mir einen weiten Horizont. Er gibt mir genau die Hoffnung, die mich befreit leben lässt. Und schon hat sie wieder ein Stück weit stattgefunden: meine Auferstehung.

Wenn die Botschaft von der Auferstehung mein alltägliches Leben lebendiger, beziehungsreicher, versöhnter, heller und wärmer machen will, dann muss sie doch auch die dunkelsten Kapitel meines Lebens, nämlich mein Leiden und Sterben, mit einschließen. Auferstehung ereignet sich nicht dort, wo das Leben blüht und in bester Ordnung ist, nicht dort, wo alles läuft, wie ich mir das erträumt habe. Die Erfahrung von Auferstehung mache ich, wenn mich etwas bedrückt und mir jemand zuhört, wenn mich etwas belastet und mir jemand beim Tragen meiner Last hilft, oder mir die Last sogar nimmt. Auferstehung erlebe ich, wenn ich am Boden bin und mir jemand aufhilft und mir beisteht, wenn ich traurig bin und mich jemand tröstet, wenn ich mich schuldig fühle und mir jemand verzeiht, wenn ich mich tot fühle und mir jemand neuen Lebensmut gibt.

Ich muss es aber wollen. Ich muss es ausprobieren. Nur dann werde ich feststellen, dass es wahr ist.

So ist es in einem modernen Gebet ausgedrückt:

„Lass uns miteinander auftreten für das Leben, aufstehn für das Leben. Gott, gib dass nicht weiterhin Todesgeruch, Leichengeruch von uns ausgeht, lass den Geruch des wahren Lebens von uns ausgehen. Lass uns das Leben riechen, es schmecken und hören, sehen und einatmen. Gib, dass das Leben an uns sichtbar wird und sich ausbreitet wie der Frühling.“

Liebe Hörerinnen und Hörer, wir befinden uns zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen Zweifeln, zart aufkeimender Hoffnung und Begeisterung. Vielleicht bewegen wir uns im Leben ständig zwischen diesen beiden Polen, zwischen Ostern, zu dem der Karfreitag gehört und Pfingsten.

Der christliche Glaube an die Auferstehung will ein deutliches Hoffnungszeichen setzen:

Weil es Gott gibt,
weil er die Liebe ist,
weil er da ist
in jeder erdenklichen Situation meines Lebens, Leidens und Sterbens,
weil er Leben ermöglicht – immer neu,
darum können wir Hoffnung haben,
Mut fassen
und zu neuer Gewissheit finden.

„ostergeschichten“ müssen ausprobiert werden, dann zeigt sich, dass sie wahr sind!

Vielleicht versuchen Sie es einmal.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 21. Mai 2017 von Pfarrer Daniel Saam, Regensburg)



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