Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen November 2016 von Daniel Saam

Positionen November 2016

Verehrte Hörerinnen und Hörer!

Heute ist Silvester – quasi. Mit dem heutigen Sonntag geht für die verschiedenen Kirchen evangelischer und katholischer Tradition das Kirchenjahr zu Ende. Am kommenden Sonntag, dem ersten Advent, beginnt dann das neue Kirchenjahr.

Viele Menschen nutzen den üblichen Silvestertag, die Silvesternacht, um auf das alte Jahr zurückzuschauen. Sie ziehen Bilanz, denken an wichtige oder einschneidende Ereignisse und nehmen das kommende Jahr, vielleicht mit dem ein oder anderen Vorsatz, in den Blick. Darf ich Sie einladen, einmal mit mir den heutigen Tag wie den Abschluss eines weltlichen Jahres zu betrachten?

Leider waren diese zu Ende gehenden zwölf Monate auch wieder geprägt vom furchtbaren Krieg in Syrien, vom Unwillen oder der Unfähigkeit der Mächtigen, diesem Krieg ein Ende zu setzen und den verbleibenden Bewohnern von Aleppo und all den ungenannten Städten und Dörfern den Frieden zurückzugeben. Dieses zurückliegende Jahr ist wieder geprägt von den Flüchtlingsströmen über das Mittelmeer, geprägt von Tausenden, die auf ihrer Flucht das Leben verloren haben. Der Terror unter dem Deckmantel des vermeintlichen Islam ist endgültig in Europa angekommen und befeuert nicht zuletzt die wieder aufkommende Fremdenfeindlichkeit und den Rassismus bei uns in Deutschland, in ganz Europa. Grenzzäune wurden gebaut, mit Blendgranaten ging man gegen flüchtende Menschen vor. Menschenunwürdig. Ein unfriedliches Kirchenjahr, das da zu Ende geht.

Wohin steuert das Ganze? Wohin ist diese Gesellschaft, diese Welt unterwegs? „Nirgends“, sagen viele, „da kommen jetzt einfach die nächsten 12 Monate, das nächste Glied in der ewigen Kette.“ Aber vom Ansatz des christlichen Jahreswechsels sieht das anders aus: Da steuert nämlich das beginnende neue Jahr, ab dem 1. Adventssonntag auf ein sehr klares, unmissverständliches Ziel hin: auf einen einzigen Satz des Weihnachtsfestes: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ (Lk 2,14) Dieser Satz aus dem Lukasevangelium ist für mich der Höhepunkt der Weihnachtsgeschichte. Auf diesen Höhepunkt geht es ab dem ersten Advent wieder zu. Wie unwirklich, fast zynisch klingt dieser Satz allerdings angesichts all des Schreckens, den Menschen in diesen Tagen verbreiten?!

Friede auf Erden – diese Sehnsucht so vieler Menschen soll mit der Geburt Jesu in Erfüllung gegangen sein – so sagt es der Autor der Weihnachtsgeschichte. Entspricht das unserer Erfahrung? Wohl kaum, möchte ich behaupten! Ist Frieden also nur eine Illusion, ein frommer Wunsch?

Damals, als die Weihnachtsgeschichte aufgeschrieben wurde, galt in weiten Teilen der damals bekannten Welt die pax romana – der römische Frieden, der sicher oft nur von den römischen Besatzern als Frieden empfunden wurde. War ein Land von den römischen Truppen erobert, das Volk unterworfen, dann konnten die Waffen ruhen, zumindest so lange, bis das unterworfene Volk gegen die Eroberung aufbegehrte, oder die Machtgier der Eroberer nach mehr griff. Die pax romana – der römische Frieden – war aufgebaut auf Waffengewalt und Unterdrückung an den Rändern. Während im wohlsituierten Zentralbereich des Imperiums eine luxuriöse Ruhe herrschte, wurde an den Rändern ein unerbittlicher Kampf geführt gegen alles, was auch nur irgendwie eine Gefahr zu werden drohte. Innen hui – außen grausig.

Kein Wunder, dass Jesus einmal gesagt hat: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden geben ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“

Jesus, und der, der diesen Satz aufgeschrieben hat, wollten sich offensichtlich deutlich abgrenzen von dem, was die Römer unter Frieden verstanden. Mit dieser Fratze des Friedens wollten sie sich nicht zufrieden geben. Ihre Sehnsucht galt einem anderen Frieden, einem gerechten Frieden, einem Frieden, der auf friedlichen Wegen kommt und sich ebenso friedlich Bahn bricht und nicht nur für die Made im Speck gilt, während die Fremden, die Menschen am Rand das Gegenteil erleben.

„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.

Hier ist eben nicht von einem politischen, einem territorialen oder einem nationalen Frieden die Rede. Ich denke, hier ist die Rede von einem Frieden der Gesinnung und nicht der Absicherung. Friede kommt entweder aus dem Herzen oder er ist ein Schauspiel, um Ruhe zu haben. Friede ist entweder die Bereitschaft, sich zufrieden zu geben mit etwas, oder er entlarvt sich als Trick, für die eigene Couleur immer noch mehr einzufahren.

Die dahinter liegende Unzufriedenheit nagt am Menschen, ist sozialer Sprengstoff, der Menschen seelisch und körperlich krank macht. Wer nicht zufrieden ist mit sich, wer immer mehr will, mehr Macht, mehr Einfluss, mehr Land, mehr Geld, ist irgendwann nur noch damit beschäftigt, diesem Streben nach mehr hinterherzulaufen. Aber dieser Wettlauf ist nicht zu gewinnen. Entweder man ist irgendwann zufrieden, oder man ist in einer Dauerschleife gefangen. Manchmal frage ich mich, ob sich unsere Gesellschaft nicht bereits in dieser Dauerschleife befindet? Immer muss es mehr sein: mehr Bruttoinlandsprodukt, mehr Wachstum.

Und finden wir nicht auch die Gründe für die Kriege unserer Tage letztlich in diesem ewigen Streben nach mehr?

Wo der Mensch immer mehr will, dort ist der Same für Unfrieden, der Same für Gewalt in all ihren subtilen und offenkundigen Erscheinungen gesät. Die Unzufriedenheit des Menschen ist der beste Nährboden, in dem diese Saat keimen, wachsen und ihre furchtbaren Früchte bringen kann – zuerst außen an den Grenzen, aber später dann auch in aller Schärfe im eigenen Innern.

„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.

Ich fühle mich von diesem Satz zur inneren Ruhe, zu Zufriedenheit ermutigt. Gleichzeitig fühle ich mich aufgefordert, anderen Menschen ein zufriedenes Leben zu ermöglichen. Beides lässt sich natürlich leicht sagen. Beides ist aber mit verdammt harter Arbeit verbunden – für jede und jeden selbst, für die Gesellschaft, für die Weltgemeinschaft. Soziale Gerechtigkeit ist ein Schlüsselbegriff, um den es geht. Ich bin mir sicher, dass Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, eine eigene Vorstellung davon haben, was soziale Gerechtigkeit bedeutet. Einfache und schnelle Lösungen wird es wahrscheinlich nur sehr wenige geben und als Einzelner kann ich sicher nur sehr, sehr wenig bewirken. Das darf aber nicht als Ausrede dienen, gleich gar nichts zu tun oder zu wollen. Einfluss habe ich auf jeden Fall und zuerst auf meine persönliche Lebenseinstellung.

Wenn ich mein Leben betrachte, stelle ich fest, dass ich allen Grund habe, zufrieden zu sein. Ich kann einigermaßen gelassen in die Zukunft blicken, weil ich mich in meiner Existenz nicht bedroht sehe. Ich habe das Glück in einem Land zu leben, in dem Menschenrechte geachtet werden, Minderheiten Schutz erfahren, ein Land, in dem Wohlstand herrscht. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und noch mehr. Mir dies vor Augen zu führen, trägt zu meiner inneren Ruhe bei und kann es mir möglich machen, auf das „immer mehr“ zu verzichten. Und vielleicht kommt mir auf diese Weise dann auch die Situation anderer in den Blick. Wenn ich selber die Tretmühle verlasse und mich nicht immer neu steigern muss, dann könnte ich vielleicht so offen werden, dass mir Kinder einfallen, die wahrhaftig mitten in unserem Land von Armut bedroht und betroffen sind, Menschen nebenan, die absolut nicht am offensichtlichen Wohlstand teilhaben.

Und wenn ich dann die Bilder von verzweifelten Müttern mit ihren hungernden Kindern in Afrika sehe, wenn ich die Bilder all der Menschen sehe, die die Trümmer ihrer Heimat und ihrer Existenz verlassen haben, um in Europa in Sicherheit leben zu können, dann packt mich, angesichts des Unwillens einiger Regierenden und Regierten, das blanke Entsetzen.

Allerdings – das Leben ist keine good-will-Veranstaltung. Angst kann ich nicht einfach wegdenken. Nur mit Idealismus und fröhlicher Nächstenliebe die Gesellschaft umgekrempelt. Manchmal wird mein Denken und Wollen überschattet von eigenen Sorgen, von eigener Angst: Die Sorge um die Menschen, die mir lieb sind, mit denen ich mein Leben teile und die ich brauche. Die erschreckende Gewissheit, dass mein Leben und, was ich persönlich als viel bedrohlicher empfinde, dass das Leben meiner Frau, das Leben meiner drei Kinder endlich ist. Es gibt keine Sicherheit und im Letzten auch keine Absicherung. Das Wissen, dass von einem Moment auf den anderen alles anders sein kann und die Angst, ob mich/uns so ein Schicksalsschlag trifft, bedrohen mich existenziell.

Was trägt? Woher erwächst mir Vertrauen und Zuversicht?

„Ruhelos ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr.“ Zu dieser Einsicht ist um 400 n.Chr. der Kirchenvater Augustinus gekommen. Ruhelos ist unser Herz, bis es einen Angelpunkt findet, eine letztgültige Zusage. Letztlich bleibt uns Menschen nur das Vertrauen in Gott, das Vertrauen, dass meine Lieben von ihm geliebt, von ihm gehalten und getragen sind, immer und ewig und dass dasselbe für mich gilt. Vertrauen, dass Frieden unter den Religionen und Völkern möglich ist. Vertrauen, dass am Ende alles gut wird und wenn es nicht gut ist, es noch nicht das Ende ist. Gottvertrauen – auf Gott vertrauen. Einen anderen Weg zu innerem Frieden, einen anderen, gesunden Weg, ruhig und zuversichtlich zu sein, habe ich nicht gefunden.

Auf Gott zu vertrauen bedeutet nicht: darauf zu warten, dass er schon alles irgendwann gut machen wird. Wäre er nicht ein zynischer Gott, wenn er, trotz seiner Allmacht, all die furchtbaren Dinge zulassen und geschehen lassen würde? An eine unmittelbare Allmacht Gottes kann ich nicht glauben. Wohl aber an eine mittelbare. Gott ist allmächtig, wenn wir ihn in uns mit seinem Willen zum Guten allmächtig sein lassen. Wir Menschen tragen Verantwortung für diese Welt, für alles, was auf ihr existiert. Gott kann in uns und durch uns mächtig sein. Sicher bleibt uns manchmal nichts anderes übrig, als mitfühlend und solidarisch zu reagieren, angesichts von Naturkatastrophen und Leid. Aber dort, wo Menschen andere Menschen am Leben hindern, wo Menschenrechte mit Füßen getreten, wo Menschen ungerecht behandelt werden, überall dort sind wir gefordert und gefragt. Letztlich hängt auch die Erfüllung des großen Wunsches nach Friede in der Welt davon ab, ob ich bereit bin, meinen Anteil beizutragen, ob ich bereit bin, den Willen zum Guten mächtig werden zu lassen in mir. Je mehr Menschen dazu bereit sind, desto realer wird der Friede.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 20. November 2016 von Pfarrer Daniel Saam, Regensburg)



Auf der Suche?

Wir sind eine Kirche für alle. Oder besser: für alle, die wollen.
Auch Sie? Finden Sie eine Gemeinde vor Ort.

» Zur Gemeindesuche