Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Mai 2016 von Harald Klein

Positionen Mai 2016

Ich weiß noch sehr genau, verehrte Hörerinnen und Hörer, dass ich als Kind so eine große Kiste hatte, eine Spielzeugkiste. In die kam alles rein, was zu meinen Schätzen zählte: ein uralter Teddybär, Spielzeugautos, Bauklötze, ein Kreisel, Bilderbücher, ein Säckchen mit Murmeln, ein kleiner Ball, ein Zauberstab, ein Affe, den man aufziehen konnte, und so weiter. Alles in dieser einen Kiste. Interessant war, dass diese Kiste im Laufe der Zeit zwar einen weitgehend gleichen Gesamtinhalt hatte, dass aber der Ort, die Tiefe, in der die einzelnen Teile verstaut waren, wechselte. Es hatte mit Mode zu tun, mit meiner ganz persönlichen Mode. Manchmal spielte ich wochenlang mit einem bestimmten Gegenstand, zum Beispiel nur mit Autos, und dann war monatelang das Konstruieren mit Bauklötzen an der Reihe. Der alte abgenutzte Teddybär, der konnte eine ganze Jahreszeit verschwunden sein in den Tiefen, und dann auf einmal wurde er wieder ganz aktuell und befand sich dauernd oben, direkt an der Oberfläche.

An diese Kiste wurde ich kürzlich erinnert, als ich das Hirtenschreiben eines deutschen Bischofs zu lesen bekam. Der schrieb und sprach da von den Schätzen des Glaubens, des privaten, persönlichen Glaubens, aber vor allem denen des allgemeinen Christentums und seiner Tradition und Lehre. Das ist wie ein riesi-ger Vorrat, so war da zu vernehmen, wie eine wunderbare Truhe voller Weisheiten und Regeln. Und – das hörte sich dann auf Anhieb durchaus modern an – nicht immer sind dieselben Dinge an der Oberfläche: Manches taucht im Laufe der Jahre und Jahrhunderte eben nach unten weg und anderes wird vom Zeitgeist nach oben gespült. Entscheidend ist, so schrieb besagter Bischof, dass wir nicht anfangen auszusortieren, dass wir nicht meinen das Recht zu haben, Dinge zu entfernen. Was uns der Glaube, was uns die Kirche überliefert hat, erst recht, was die Bibel überliefert, gehört aufbewahrt. Und am besten mengen wir ab und zu das Ganze kräftig durch, damit zumindest von Zeit zu Zeit alles mal wieder ans Tageslicht kommt, was da vorhanden ist.

Ich weiß nicht weshalb, aber irgendwie hat mich dieser Ansatz, dieser bischöfliche Aufruf geärgert. Nicht sofort, zuerst fand ich es interessant. Aber im Lauf der nächsten Tage hat es mich doch genervt, geradezu aufgeregt. Denn letztlich war da nicht die Rede von einer Sammlung, die wirklich die meine ist, sondern von einer, die mir von oben bestimmt, vorgegeben wird. Was da in die Kiste gehört, ist definiert, festgelegt. Alles zum Beispiel, was in der Bibel steht. Ach ja, auch dass der Hase ein Wiederkäuer ist? Das steht nämlich in der Bibel drin. Auch dass die Frau aus der Rippe vom Mann geschaffen ist? Oder dass Frauenvorzugsweise den Mund zu halten haben? Oder dass Kinder regelmäßig eine Tracht Prügel brauchen können? Und es gibt ja auch ansonsten in der christlichen Lehre über die Bibel hinaus ein paar Ungereimtheiten, zum Beispiel bezüglich Fegefeuer und Ablass, bezüglich Judenverdammung und Kirchenrecht, Unfehlbarkeit kirchlicher Obrigkeiten. Klar, ich kann das alles zu einer großen Sammlung von Herzensgegenständen erklären, zum Inhalt einer gottgegebenen Kiste. Und dann kann ich sagen: Alles was da drin ist, muss drin bleiben; es darf nur je nach Tagesinteresse im oberen Bereich der Kiste sein oder mal eher in den Tiefen.

Aber ist das richtig so? Ist das alles an Freiheit im Christentum oder darf ich aussortieren?

Um das Problem zu veranschaulichen, möchte ich zuerst die Frage mal auf den weltlichen Sektor beziehen, auf unser ganz individuelles Lebensspiel und Lebenswissen. Da hat ja auch jeder und jede von uns soeine Art Kiste. Und ganz Unterschiedliches sammelt sich darin im Lauf der Lebensjahre: Weisheiten der Großeltern, Sprichwörter der Mutter, Erziehungsmethoden des Vaters, aufgeschnappte Sätze von irgendwelchen Lehrern, selbsterworbene Klugheiten, Erlebnisse von Liebe, Traumatisches, Grässliches und Zurechtphantasiertes. Mit all dem gehen wir immer wieder um, mit all dem gestalten und prägen wir unser Leben. Und es ist schon wahr, die meisten von uns schleppen diese Hilfsmittel und Dinge ihr ganzes Leben weiter. Da ist, wenn sie 60 sind, immer noch dasselbe drin wie mit 6 Jahren. Der Glaube, die Lebenseinstellung, das Selbstbild, das Gottesbild, all das ist in der Kiste drin geblieben, so wie es mal war, so wiees irgendwann mal gedacht und vorgestellt war. Was die Rolle von Frauen ist, was die von Männern, wann ich zufrieden sein kann mit mir selber und wann nicht, was das Wichtigste im Leben ist.

Tja, ich möchte fragen, ob das gut sein kann. Ist das unsere Vorstellung von einem Lebensweg, von der Entwicklung und Reifung eines Menschen im Lauf seiner Jahre? Am Ende immer noch derselbe Gesamtgehalt? Am Ende immer noch dieselben Sätze und Spielzeuge?

Wofür lerne ich dann? Wofür geh ich Risiken ein, setze mich mit Unbekanntem auseinander? Wofür lasse ich mich auf Begegnungen ein, wenn am Ende alles beim Alten bleibt? Nein, ich denke, zum Leben gehört Entwicklung, zum Leben gehört Erkenntnis, Heranbilden einer Persönlichkeit und eben vor allem Verän-derung, Neuerwerb. Und manchmal gehört eben auch dazu, dass ich alte Weisheiten über Bord werfe, die Spreu vom Weizen trenne, mich entscheide für oder gegen Altes, mich entscheide zwischen Erlebtem und neuen Möglichkeiten. Manche Sätze, die mich in meiner Kindheit begleitet haben, dürfen abgelegt wer-

den, aus dem Fenster geworfen werden. Dass ich der kleine Dumme bin, der möglichst nur gehorchen soll, dass die da oben immer Recht haben, dass die Erde eine Scheibe ist, dass schon im Nachbardorf, erst recht im Nachbarland nur Dumme oder Böse leben, dass man sich nie selber loben darf. Muss ich das drin-lassen, soll ich das drinlassen? Naja, im Alter werd ich vielleicht wieder kindisch und könnte darauf zurückgreifen. Aber was ist das für eine Lebenssicht!

Nein. Ich glaube, zu einem aufrechten Leben gehört Veränderung, gehört auch Neuentscheidung. Und auch dass ich lerne, mich von etwas zu trennen, was mir verhängnisvoll oder traumatisch erscheint, gehört dazu. Ich bin unterwegs, wir sind unterwegs.

Jesus hat da mal etwas ganz Interessantes zu gesagt. Angeblich haben da Pharisäer den Jesus-Jüngern vorgeworfen, dass sie den alten Brauch des Fastens nicht einhalten: Das seien doch uralte Gepflogenheiten, Vorschriften. Und da sagt Jesus nach einer kurzen Argumentation: „Keiner näht auf ein altes Gewand einen Flicken neuen Tuchs, sonst reißt das Füllstück von ihm ab, das Neue von dem Alten, und der Riss wird nur schlimmer. Und keiner schüttet neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein geht zugrunde samt den Schläuchen. Neuer Wein gehört in neue Schläuche!“

Die Bibelforscher, verehrte Hörerinnen und Hörer, sagen heute, dass die beiden Zitate, das vom neuen Stoffflicken auf dem alten Kleidungsstück und das vom neuen Wein in alten Schläuchen, historisch echt sind, also sehr wohl von Jesus stammen, aber sie waren ursprünglich nicht mit der Fastendiskussion davor verbunden. Für Jesus war das Fasten gar kein Anlass zur Diskussion: Aus religiösen Gründen auf Nahrung zu verzichten, zum Beispiel im Rahmen der Vorbereitung auf ein Fest, war nach seiner Meinung überholt. Im Rahmen seiner Gottesreich-Predigt hat er die Menschen zum Feiern eingeladen, zum Gegenteil vom Fasten, und zwar gerade die kleinen und mittellosen Leute.

Seine Worte vom „neuen Wein in neuen Schläuchen“ und vom „konsequent neuen Gewand statt Flicke-rei“ bezogen sich deshalb nicht aufs Fasten sondern auf das Grundsätzliche des Lebens. Auf der gesamten Linie des Lebens geht es um Neues. Zwar wollte Jesus nicht alles Alte einfach abschaffen, aber er lud dazuein, genau zu differenzieren. Wenn schon neu, dann auch ganz. Wenn schon Neuanfang, dann aber auch ohne Flicken und Kompromisse. Das Gottesreich, die neue Zeit des Friedens und der Nächstenliebe, lässt sich nicht mit Skrupeln und Überresten des Gestrigen vereinbaren. Wo ich mich auf Neues einlasse, muss das Alte, das entgegen gesetzt Stehende, auch abgemeldet sein. Jesus wusste, dass Menschen so gern dem Alten nachtrauern, sogar wenn es schlecht war. Und wenn schon nicht das Ganze, so möchten sie doch zumindest die alten Schläuche, die alten Untergründe bewahren, mit hinüber nehmen in die neue Zeit. Aber das lehnt er klar ab. Neuer Wein kommt in neue Schläuche. Und neue Kleider sollen nicht dazu dienen, die alten Stoffe ewig weiter zu tragen, weiter salonfähig zu halten.

Und das, meine ich, hat klaren Bezug zu unserer erwähnten Truhe. Ob es nun die Truhe von Lebensstilen und -weisheiten ist oder die Sammelkiste der kirchlichen Dogmen und Riten. Was vorbei ist, ist vorbei. Was widerlegt ist, bleibt widerlegt. Was raus gehört, hat drinnen, auch auf dem Boden der Kiste, nichts mehr verloren. Das Zentrale des Lebens ist nicht das Sammeln sondern das Werden, nicht das Beibehalten des Gewohnten sondern die Herausbildung und Entwicklung des Zukünftigen.

Natürlich gibt es Dinge, die bleiben, Werte, die zeitlos sind, siehe Menschenrechte, Menschenwürde. Um die geht es hier nicht. Was aber als ungut, verhängnisvoll oder gar falsch sich herausgestellt hat, als unbrauchbar oder inhuman, das darf auch entfernt werden.

Wenn sich so wie in den letzten zweihundert Jahren das Bild der Welt und des Menschen verändert, dann muss mein Vorrat an Werkzeugen und Denkbildern dem auch angepasst werden. Wenn ich nun weiß, dass bestimmte Spielzeuge giftige Lacke enthalten, auf falschen Menschenbildern beruhen, dann darf ich sie entlassen aus meinem Vorrat. Wenn ich weiß, dass der Mensch sich in Jahrmillionen entwickelt hat, dass er Vorstufen hatte, die auch Verstand und Herz hatten, dann muss ich nicht mehr an Adam und Eva glauben und an einen Gott, der mit der Schaufel die Welt erschuf. Dann darf ich auch skeptisch sein, ob wir heute schon die Krönung der Schöpfung sind, weit über Pflanze und Tier. Wenn ich weiß, dass es keine besseren Rassen gibt, keine auserwählten oder gar irrtumslosen Anführer, dann darf ich der freien Meinungsäußerung, der Mitbestimmung und demokratischen Kritik die Tür öffnen. Wenn ich weiß um Psy-chologie, um Hemmungen und Irrwege, dann darf ich mich selber kritisch betrachten, darf ganz neu nach Gründen für mein und anderer Leute Verhalten suchen. Muss ich zuhause oder in der Kirche immer zuerst nach der Schuld fragen? Muss ich zuhause oder in der Kirche zuerst immer mich oder andere beweihräuchern? Soll ich auch im 21. Jahrhundert immer noch meinen, Gott würde Opfer verlangen, gar blutige?

Es gibt vieles, was neu bedacht und neu gerückt werden könnte. Und es geht nicht nur darum, irgendwas etwas tiefer zu drücken, oberflächlich zu verstecken, bis die Zeiten mal wieder anders sind.

Wir haben die Chance uns zu entwickeln, wir haben die Chance uns zu entscheiden. Wir als Einzelne und auch als Kirchen.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 29. Mai 2016 von Pfarrer em. Harald Klein, Bruckmühl)



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