Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen August 2019 von Hans-Jürgen Pöschl

Positionen August 2019

Liebe Hörerinnen und Hörer!

In einem niederbayerischen Dorf soll sich vor einiger Zeit einmal folgende Geschichte zugetragen haben:

In das Dorf war ein neuer Pfarrer gekommen. Manche behaupteten, dass sich der etwas schmächtige, recht klein geratene, zurückgezogene und schüchtern wirkende Herr mit dem akkuraten Scheitel und der blassen Haut nur zufällig in das Dorf verirrt habe. Und es war allen anzumerken, dass sie eigentlich einen anderen Pfarrer erwartet hatten: einen, der auf die Leute zugeht, sich mit ihnen im Wirtshaus trifft, mit ihnen ein Bier trinkt und schafkopft.

„Mal sehen, was da so auf uns zukommt!“, dachten sie sich.

Und da damals die regelmäßige Beichte noch Brauch war, war das Beichthören des neuen Pfarrers für sie eine gute Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen.

Der Hartl Franz, ein waschechter einheimischer Bauer, der die Ansicht vertrat, dass alles, was ein Pfarrer zu machen hat, hauptsächlich schnell gehen und kurz sein müsse, fing an. Er zwängte seinen massigen Körper in den schmalen Beichtstuhl, murmelte ein „Im Namen des Vaters“, während er sich ächzend auf die Kniebank wand, und legte los. Kaum verständlich sagte er auswendig die zehn Gebote herunter, wobei er diese einzeln aufzählte und nach jedem Gebot ein „Trifft zu“ beziehungsweise „Trifft nicht zu“ anfügte, um damit kundzutun, gegen welche Gebote er verstoßen habe. Dann wartete er darauf, dass der neue Pfarrer ebenso gleichmütig sein „Ego te absolvo“ – „Ich spreche dich los von deinen Sünden“ zu ihm sprechen würde und er innerhalb von nur wenigen Minuten den Beichtstuhl wieder verlassen haben würde. Einzig beim ersten und fünften Gebot, „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ und „Du sollst nicht töten“, hatte er ein „Trifft nicht zu“ gebrummelt, und damit zu verstehen gegeben, dass er gegen diese Gebote nicht verstoßen habe. Bei allen anderen war ein „Trifft zu“ zu hören gewesen; auch beim sechsten Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen“ und beim siebten: „Du sollst nicht stehlen.“

Der neue Pfarrer saß jedoch zunächst ein paar Sekunden stumm hinter seinem Gitter, so dass der Bauer recht unruhig wurde. Dann sagte er dem Hartl Franz, dass er ihn nicht absolvieren könne, da er keine Reue und Bußfertigkeit bei ihm sähe.

Aber da war er beim Hartl Franz, der schon beim Schweigen des neuen Pfarrers schon an dessen Fähigkeiten zu zweifeln begonnen hatte, an den Richtigen geraten. „Was sagst Du da? Hab ich des richtig ghört?“, schrie er. „Du kannst mich net lossprecha, sagst? Ja, wia hammas denn, haa? Des taat dir so passen, mi einfach a so abwimmeln! Ja, was konnst denn du überhaupt? Schafkopfa konnst net, trinka konnst net, singa konnst net, predigen konnst net und absolviern konnst aa net. Ja, sag amoi, was hast denn du eigentlich g‘lernt?“

Als ich diese Anekdote zum ersten Mal gehört habe, habe ich sehr schmunzeln müssen! Sie bringt eine Erfahrung und eine wichtige Frage auf den Punkt: Die Erfahrung des Bauern ist: „Das geht mir zu weit! Ich hab‘ Dich nicht dazu ermächtigt, mein Leben und was ich tue zu bewerten!“ Und die Frage ist: „Wozu ist die Kirche, wozu sind die Kirchen denn eigentlich da? Was ist die Aufgabe von uns Pfarrern, von denen, die sich von der Kirche in den Dienst nehmen lassen?“

Manche Menschen – und es werden ja immer mehr – machen uns in den Kirchen den Vorwurf: Was ihr da macht in euren Gottesdiensten, was ihr da den Leuten erzählt, das geht an unserem wirklichen Leben total vorbei. Ihr lebt da in eurer eigenen Welt, die mit unserer Welt, die mit unserem Alltag und mit unseren Bedürfnissen gar nichts zu tun hat. Ihr seid in den Kirchen – so hört man manchmal – im Mittelalter stehen geblieben! Was ihr sagt und tut, das hilft mir nicht, das regt mich höchstens auf!

Und wenn ich manchmal Menschen erlebe, die überhaupt keinen kirchlichen Hintergrund haben und völlig ohne christliche Traditionen aufgewachsen sind, und die dann zufällig in ein kirchliches Fest, zum Beispiel in eine Taufe oder eine Hochzeit hineinrutschen, dann muss ich sagen: Ja, ihr habt völlig recht! Unsere Liturgie, unsere kirchliche Sprache, warum wir was feiern und beten, das erklärt sich nicht von selbst, das verstehen meist auch die Insider kaum, die das mitfeiern, weil sie es so gewohnt sind. Für Außenstehende ist das wirklich manchmal eine ganz andere, eine sehr fremde Welt.

Nun könnte ja dieses Erleben dieser ganz anderen Welt ja auch durchaus etwas Positives sein, wenn andere also erlebten: „Ganz im Gegensatz zu dem Alltagsstress fühle ich mich hier eingeladen, kann ich zur Ruhe kommen; ganz im Gegensatz zu dem ständigen Mich-Beweisen-Müssen darf ich hier erfahren: Ich bin angenommen und muss hier nichts können und tun; ganz im Gegensatz zu der Erfahrung des Nicht-dazu-Gehörens in vielen Situationen fühle ich mich hier hineingenommen in die Gemeinschaft.“

Aber genau das erleben Menschen eben leider oft nicht, wenn sie mit Kirche in Kontakt kommen. Vielmehr spüren sie: Ich gehöre hier nicht dazu, denn ich hab‘ keine Ahnung, was die tun, was jetzt kommt und was ich hier machen darf und soll und was nicht.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich schätze Traditionen und Rituale, ich mag sie und ich bin mit ihnen aufgewachsen, in sie hineingewachsen und habe mich – nicht zuletzt in meinem Theologie-Studium – mit ihnen beschäftigt. Mit vielen Traditionen der Kirche, mit dem Feiern der Eucharistie, mit kirchlichen Bräuchen und Festen und auch mit dem Gemeindeleben, den Fahrten und Feiern, kann ich viele positive Erlebnisse verbinden. Aber es gibt Menschen, die können das eben nicht.

Das Entscheidende sind für mich nicht die Traditionen, die ich erlebt habe. Das Entscheidende sind die guten Erfahrungen und Werte, die hinter diesen Erlebnissen stecken und die durch diese Traditionen transportiert wurden. Wenn die Traditionen diese Erfahrungen nicht mehr vermitteln können, dann werden sie hohl. Dann muss ich nicht – auf Teufel komm raus – die Traditionen weiterführen, bis gar niemand mehr kommt. Dann muss ich nach neuen Möglichkeiten suchen, wie Menschen in der Gemeinschaft der Kirche diese positiven Erfahrungen heute machen können und in der Kirche ein gutes Gefühl haben und spüren: Hier gehöre ich dazu, da bin ich angenommen, da werde ich nicht schief angeschaut; und auch, wenn ich nur ganz selten einmal eine Kirche von innen sehe – auch wenn ich manche Brüche in meinem Leben habe – oder in zweiter Ehe lebe – oder homosexuell veranlagt bin – oder was auch immer. Hier fühle ich mich eingeladen! Hier darf ich sein! Hier bin ich richtig!

Noch einmal zurück zur Geschichte vom Anfang. Da ist wohl beides ein bisschen in Schieflage geraten: Die Einstellung des Hartl Franz, der beichtet, weil es eben damals Brauch war und sich keine weiteren Gedanken darum macht; bei dem es vor allem schnell gehen muss und der „für solche Sachen“ keine Zeit hat. – Und die Position der Kirche, welche die Menschen zur Teilnahme verpflichtet und damit Macht ausgeübt hat und damit genau diese Haltung hervorbrachte, die in dieser Begebenheit beschrieben wurde: „Ich tue etwas, was so Brauch ist, was mir aber nichts bringt und was ich deshalb schnell hinter mich bringe.“

Und das finde ich sehr schade, denn auf diese Weise wird immer wieder eine Chance verspielt. Worum es eigentlich ginge, wäre: Ich mach mir mal Gedanken über mein Leben und meine Werte. Da ist jemand, dem ich mich anvertrauen kann und der mir verständnisvoll zuhört. Das kann und darf aber nie mit Zwang verbunden sein und auch nicht Bedingung für irgendetwas. Es ist immer ein Angebot und eine Einladung. Denn an sich ist es ja etwas sehr Gutes und Schönes: Sich aussprechen können und sich angenommen wissen. Aber für diese Erfahrung wird man wohl auf absehbare Zeit kaum noch das Wort ‚Beichte‘ benutzen können, denn das hat einfach einen zu schlechten Klang bekommen.

Aber das, was dahintersteckt, das finde ich sehr wichtig, ganz egal, wie man es nun nennt: Sich ab und an zu überlegen, wo stehe ich denn? Was muss ich anpacken? Was muss ich vielleicht ändern, weil ich merke, dass es nicht rund läuft? Wo gibt es denn immer wieder die gleichen Schwierigkeiten und mit wem kann ich reden, der mir dabei weiterhelfen kann. Und da können persönliche, enge Freunde und Freundinnen, die einen gut kennen und sich auf jemanden einlassen können, bestimmt manchmal die bessere Wahl sein als irgendwelche Amtspersonen.

Entscheidend finde ich, dass man sich ab und zu wirklich die Zeit dafür nimmt, einmal abzuschalten und dass man die vergangene Zeit Revue passieren lassen kann.

Die ganze Botschaft Jesu lässt sich zusammenfassen in dem Satz: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben!“

In seiner Botschaft geht es darum, dass wir sinnvoll leben können. Nicht Zwang, nicht Macht, nicht Herrschaft, nicht Druck, nicht Ausgrenzung, sondern: Glück, Gemeinschaft, Verständnis, Offenheit, Weite, Liebe.

Die Botschaft Jesu ist eine Frohe Botschaft oder es ist nicht seine Botschaft.

Und die Aufgabe der Kirche ist, diese Sehnsucht nach dem besseren Leben wach zu halten und mit Ihnen, so weit Sie möchten, ein Stück Ihres Weges zu gehen.

In diesem Sinn, liebe Hörerinnen und Hörer möchte ich Ihnen ein paar Zeilen eines Gedichtes der inzwischen verstorbenen Lyrikerin Elli Michler aus Würzburg als Wunsch für ihr Leben mitgeben:

Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,

und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.

Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.

Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,

jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.

Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.

Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 18. August 2019 von Pfarrer Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)



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