Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Oktober 2018 von Hans-Jürgen Pöschl

Positionen Oktober 2018

Loslassen – neu aufbrechen

Liebe Hörerinnen und Hörer,

zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, begehen wir bei uns im Ort eine Ökumenische Fastenwoche. Das Wort „Fastenwoche“ hatte zuvor für mich – das will ich ehrlich zugeben – keinen besonders guten Klang. Ich habe damit eher „Gesundheitsapostel“ und „Hungern-Müssen“ verbunden. Inzwischen habe ich eine solche Woche jedoch schon mehrere Male mitgemacht.

Vor dem ersten Mal hatte ich Bedenken: Halte ich eine Fastenwoche überhaupt durch? Geht nicht vielleicht doch irgendwann der Heißhunger mit mir durch und ich plündere den Kühlschrank? Schaffe ich es – zum Beispiel bei einem Besuch – bei Kaffee und Kuchen einfach nur dabei zu sitzen und nichts zu essen? Wird sich das Fasten nicht negativ auf meine Konzentration und auf meine Arbeit auswirken?

Diese Bedenken hatten mich auch durch die erste Fastenwoche, an der ich vor einigen Jahren teilnahm, begleitet. Und obwohl wir uns jeden Abend als Gruppe trafen, und austauschten und eine Fastensuppe zusammen aßen, war ich doch froh, als ich diese Woche dann auch endlich hinter mich gebracht hatte.

Inzwischen freue ich mich auf diese Fastenwoche!

Auch wenn es mir nicht immer gelingt, wirklich eine Woche dafür freizuschaufeln und mich möglichst von allen anderen Terminen freizuhalten, ist es doch eine Zeit des Abschaltens, des Zur-Ruhe-Kommens, des Loslassens. Für mich ist das ein ganz wichtiger Aspekt dabei, und das Fasten ist für mich ein Anlass zu fragen: Was hat sich bei mir alles an Ballast angesammelt? Welche Dinge nehmen mich in Beschlag? Wo haben sich in meinen Beziehungen ungute Verhaltensmuster eingeschlichen? Womit fülle ich meinen Alltag nur, weil ich es so gewohnt bin, was aber weder mir noch anderen wirklich guttut?

So wird dieses Herbstfasten für mich eine Zeit des Lassens, und ich spüre, dass es sehr gut in diese Zeit hineinpasst: Draußen fallen die Blätter von den Bäumen, es wird kühl, nasskalt und windig, und ich packe mich warm ein und trinke eine Tasse heißen Tee. In Gedanken lasse ich nicht nur von den vergangenen warmen Monaten los, sondern ganz bewusst auch von der Lebenszeit, die ich in diesen Monaten gelebt habe, von manchen Träumen, die ich für dieses Jahr gehabt hatte, von Menschen, die ich nicht mehr sehen werde, von einigen Dingen, die als Staubfänger in der Wohnung herumstehen oder die Bücherregale unnötig füllen und nun in den Müll oder ins Altpapier wandern, und ich versuche auch, manches gelassener und gelöster in meinen Beziehungen und in meiner Arbeit anzugehen und auch manche überzogene Erwartungen an andere und vielleicht auch an mich selbst loszulassen.

Dass ich in dieser Zeit auch ein bisschen an Gewicht lasse, ist dann eigentlich nur mehr ein positiver Nebenaspekt.

Wenn ich draußen den Wind in den Bäumen rauschen höre, die die letzten Blätter fallen lassen, kommen mir Sätze aus dem Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke in den Sinn:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit…

… wir alle fallen…

… Und doch ist einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

Und in Gedanken gebe ich das, wovon ich mich verabschiede, den Blättern mit, die der Wind wegträgt und ich vertraue darauf, dass meine Lebenszeit, alles, was ich gemacht und gedacht habe, nicht verloren, sondern geborgen ist. Dass da einer ist, der mein Leben in seinen Händen hält.

Doch wer sagt mir das, dass mein Leben nicht einfach vorübergeht und verschwindet, dass nicht letztlich alles umsonst ist, und dass alles, was ich loslasse tatsächlich in Gottes Händen geborgen ist?

So merkwürdig das klingt: Da haben mir nicht die Sätze aus der Heiligen Schrift am meisten geholfen, so viel sie mir auch geben und so ermutigend sie auch in manchen Situationen sind. Die Frage bleibt ja: Wieso soll all das stimmen, was da drin steht? Hier hat mir geholfen, dass viele Erkenntnisse der modernen Wissenschaften zu dem passen, was in der Bibel steht. Nur spricht die Bibel in einer ganz anderen Sprache, in der Sprache des Glaubens, der Erfahrung und der persönlichen Beziehung das aus, was Wissenschaften mit Zahlen und Formeln beschreiben: Dass Raum und Zeit einen Ursprung haben, dass unsere Welt auf ein Ziel zusteuert, dass unsere Wirklichkeit viel mehr Dimensionen hat, als wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und unserem Verstand erfassen können, dass keine Energie jemals verloren geht usw.

Und dann kann ich mir vorstellen, wenn ich an einem windigen Tag spazieren gehe oder wenn ich nachts in den Sternenhimmel schaue: Ich gebe das, was ich tun konnte, was mir nicht gelungen ist, meine Begegnungen, mein Leben, meine Zeit, auch meinen Stress, den ich manchmal habe, in diese große Energie mit hinein. Und diese Energie, diese Kraft nenne ich Gott, und ich versuche mir bewusst zu machen: Ich habe allenfalls eine Ahnung von diesem Gott. Wahrscheinlich ist er ganz anders, als ich es mir vorstelle.

Es sind auch solche Gedanken, die mir in so einer Herbstfastenwoche kommen, und die es mir erleichtern, das loszulassen, was gewesen ist. Und die mir Platz schaffen für die Fragen: Was ist jetzt dran und was ist heute notwendig? Was brauche ich denn wirklich? Was ist wesentlich für mein Leben? Was sollte ich neu anpacken? Was ist es, das mir gut tut?

Freilich muss man ja nicht unbedingt fasten, um sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Für den einen können es zum Beispiel ein paar ruhige Tage sein, die er sich gönnt. Eine andere merkt, dass sie solchen Gedanken am besten bei einem langen Spaziergang oder einem guten Gespräch nachgehen kann. Ich spüre jedenfalls bei mir: Es ist gut, diesen Überlegungen immer wieder einmal Raum zu schenken und nicht zu verdrängen. Und ich spüre dann auch: So viel ist es gar nicht, was ich für ein zufriedenes Leben brauche, ja, eigentlich habe ich von allem viel zu viel und muss mich dadurch um zu viel kümmern: Um zu viel Kleidung, zu viele Bücher, zu viele CDs, zu viele Zeitschriften, zu viele Termine, zu viel Arbeit, zu viele Kontakte… Und dieses Zuviel hindert mich daran, einiges wenige wirklich gut und intensiv zu machen.

Ich denke, jeder Mensch hat einige wenige besondere Begabungen, Eigenschaften und Schwerpunkte, die ihm wirklich liegen und in denen er gut ist. Die Kunst besteht darin, herauszufinden: Was ist das bei mir?

Vor einigen Tage hatte ich im Fernsehen eine interessante Reportage über Menschen gesehen, die in ihrer zweiten Lebenshälfte noch einmal ihren Beruf gewechselt haben, weil sie zu der Erkenntnis gekommen sind: Ich möchte nicht bis zu meiner Rente etwas tun, was mir gar nicht liegt und gar nicht meinen wirklichen Interessen und Fähigkeiten entspricht – auch, wenn ich in diesem neuen Beruf viel weniger verdiene und mir kein so tolles Leben mehr leisten kann. Eine solche grundsätzliche Neuorientierung ist nicht allen möglich, vor allem dann, wenn Partner und Kinder betroffen sind. Und manchmal steckt auch eine vorangegangene tiefe Krise dahinter, wie zum Beispiel ein Burnout-Syndrom. Aber es zeigt mir, wie wichtig es ist, dass ich in meinem Leben meine Begabungen und Talente, das, was mich ausmacht, zur Entfaltung bringen kann.

Auch deshalb finde ich es wichtig, sich immer wieder einmal zu fragen: Passt das noch, was ich habe, was ich mache, bin das noch ich, wo muss ich entrümpeln und wo liegt in mir etwas brach, das beackert werden will? Wir brauchen uns nicht neu zu erfinden. Aber es kann spannend sein, herauszufinden: Was ist denn noch in mich hineingelegt, was bisher viel zu wenig in mir leben durfte.

Wenn ich dann jeden Tag zumindest ein bisschen Zeit für das verwenden kann, was mir gut tut und was mich erfüllt, dann bekomme ich auch etwas Kraft, das auszuhalten, was ich tun muss, weil es halt notwendig ist, auch wenn ich es nicht gerne mache.

Ja, auf die Herbstfastenwoche freue ich mich; darauf, mir Zeit zu nehmen für mich selber und darauf zu schauen, was bei mir ansteht; darauf, lange Spaziergänge zu machen und draußen zu sein; darauf, mir zu erlauben, in meinem Leben zu entrümpeln; darauf, neue Gedanken und Ideen zuzulassen. Ich freue mich darauf, bewusst Altes loszulassen und neu aufzubrechen.

Das geht freilich theoretisch auch alles, ohne dass man sich eine Fastenwoche nimmt. Aber in einer Fastenwoche geht das alles einfacher, weil es eben dazugehört und man es mit einer Gruppe von Menschen macht, die sich ebenfalls Zeit dafür nehmen.

Das Wort „Fasten“ kommt übrigens von „Festmachen“. Es geht für mich in dieser Zeit nicht darum, zu hungern oder zu entschlacken. Ich nehme mir diese Zeit, um bewusst darauf zu schauen, was mir wertvoll und wichtig ist, woran ich mich festmachen und was ich neu in den Blick nehmen will, und was ich getrost loslassen kann.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie – wenn es jetzt auf die letzten Wochen des Jahres zugeht und wenn mit dem November und Dezember die stürmischen Wintermonate kommen – auch die Zeit finden, bewusst dem Vergangenen adieu, Gott befohlen, zu sagen, und in Ruhe einen Blick darauf werfen können, was in der Zukunft vor Ihnen liegt und was Ihre Rolle darin ist.

Diese Zeit muss keine Fastenwoche sein. Finden Sie heraus, was Ihnen guttut und was Sie neu und gestärkt weiter gehen lässt!

Ich wünsche Ihnen die Erfahrung, dass es Ihnen gut tut, das Vergangene in Gottes Hände hineinzulegen und dass Sie voll Vertrauen das anpacken können, was vor Ihnen liegt.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 28. Oktober 2018 von Pfarrer Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)



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