Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen April 2016 von Dr. André Golob

Positionen April 2016

Liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer,

die Bibel ist ein orientalisches Buch. Und wie es bei den meisten orientalischen Dichtungen der Fall ist – denken wir z.B. an die Märchen aus 1001 Nacht – ist sie voll von Bildern und Symbolen, die es zu erkennen und deuten gilt. Man macht einen großen Fehler und verkennt den wunderbaren Schatz der Bibel, nimmt man sie wortwörtlich.

In manchen Ländern des Morgenlandes ist es auch heute noch üblich am Ende des Tages einen Märchenerzähler ins Karawanenzelt zu laden und seinen Worten zu lauschen. Es dient der Unterhaltung und der Entspannung – ein Gegenstück quasi zum heutigen Fernsehen. In diesen Märchen werden Wahrheiten und Weisheiten transportiert. Mitunter haben sich Orientalen bis heute die Fähigkeit bewahrt hinter die Bilder der Märchen zu schauen. Uns postmodernen Menschen des Westens ist diese zum Großteil abhanden gekommen.

Als ich vor ein paar Jahren meiner Großmutter zu Weihnachten ein Märchenbuch schenkte, da war sie zutiefst beleidigt. Sie sei doch noch nicht so senil, dass sie Kinderbücher lese. Doch abgesehen davon, dass Märchen nie für Kinder geschrieben wurden, sind sie ein Hort von Weisheit. Auch die moderne Psychologie hat dies erkannt, denken wir an die faszinierenden Märcheninterpretationen eines Eugen Drewermann. Und eine Geschichte ein Märchen zu nennen ist eher eine Auszeichnung als ein Makel.

Das müssen wir bedenken, wenn wir uns den Bildern der Bibel, auch der des neuen Testamentes, nähern. Wir müssen uns die Mühe geben hinter die Metaphern zu schauen und zu erkennen, was will uns eine bestimmte Geschichte letztlich sagen.

Nehmen wir z.B. die von der Hochzeit zu Kana, in der Jesus von Nazareth Wasser in Wein verwandelt. Sie ist, oberflächlich betrachtet eine amüsante Geschichte, umso mehr als es in Jesu erstem Wunder darum geht jede Menge Alkohol zu generieren. Und in der Tat ist es manchem Kirchenoberen peinlich, dass Jesus dazu beigetragen hat, dass ordentlich getrunken werden konnte auf dieser Hochzeit. Wenn man die Volumenangaben auf heutige Maßeinheiten hochrechnet, handelt es sich um fast 600 Liter Wein, die Jesus produziert. Es reichte locker aus, um ein paar hundert Leute volltrunken zu machen. Jesus als Anstifter eines Rausches biblischen Ausmaßes? Mit einem Saufgelage beginnt also Jesu öffentliches Wirken?

Aber spätestens seit Johann Gottfried Herder weiß auch die Theologie zu differenzieren, hat auch sie ein Gespür für unterschiedliche Literaturgattungen entwickelt. Würde man die Darstellungen von der Hochzeit von Kana, als Bericht eines tatsächlichen Festes, also als Report eines historischen Faktums begreifen, dann würde man dem Reichtum dieser Geschichte nicht gerecht. Es geht bei der Wandlung von Wasser in Wein nicht um eine Art David-Copperfield- oder Uri-Geller-Hokuspokus. Es geht nicht um einen göttlichen Krafterweis im magischen Zerbrechen von Naturgesetzen. Vielmehr verlangen diese mythischen Bilder nach Deutung und Interpretation. Die christliche Religion mutet ihren Gläubigen durchaus zu, sich den Bildern der Bibel mit Vernunft zu stellen und sich so abzusetzen von archaischen Religionen und der Gefahr des Aberglaubens.

Es geht bei der Hochzeitsgeschichte auch nicht darum, dass an irgendeinem Nachmittag oder Spätabend ein Bräutigam vor einer Blamage bei seiner Hochzeit bewahrt wurde und die Hochzeitsgäste nun wirklich noch einmal kräftig zuschlagen können. Wenn auch zum Schmunzeln, so doch eine alberne und vordergründige Annahme.

Es geht hier um etwas anderes, wie so oft in der Bibel. Und wenn wir das Evangelium des Johannes aufschlagen – denn dort finden wir diese Hochzeitsgeschichte -; dann können wir davon ausgehen: Es geht um Zeichen, die innerlich verstanden werden müssen. – wie so häufig bei Johannes,

Also müssen wir uns die Geschichte von der Hochzeit zu Kana noch einmal erzählen lassen. Achten wir auf die Worte, die dort gesprochen werden, von wem, und an wen sie sich wenden und wie man sie aufgreift. Fokussieren wir den Blick auf den Anfang der Geschichte: eine kurzes Gespräch zwischen Jesus und seiner Mutter.

Das Bild von Hochzeit ist seit jeher in den Märchen, in den Mythen der Religionen, ein Symbol für die Einheit des Menschen mit sich selbst und mit Gott. Himmel und Erde, Gott und Mensch berühren sich – das heißt Hochzeit.

Da geht an einem Hochzeitstag der Wein zur Neige und die Mutter Jesu weist ihren Sohn darauf hin mit der Aufforderung doch etwas zu tun. Es ist mehr als schroff, schon fast barsch – und man möchte sagen gefühlskalt – wie er seine Mutter abfertigt wie eine Fremde. „Was mir, was dir, Frau?“ schnauzt er sie an. Lange sahen Theologen hier den Beweis, wie miserabel Jesus sich mit seiner eigenen Mutter, mit Maria, verstanden haben soll. Der Fehler solcher Auslegung liegt darin, dass man vorschnell biographisch, historisch begreifen möchte, was eigentlich als ein Symbol, eine Metapher zu verstehen ist. Die Geschichte kann man eigentlich nur allegorisch verstehen.

Bereits die Einleitung „am dritten Tage fand eine Hochzeit statt in Kana“ muss uns hellhörig machen, ist doch Jesus Christus nach drei Tagen von den Toten auferstanden.

Das Wasser, von dem die Rede ist, ist ein Zeichen für das Leben. Im Vergleich zum Wein ist es schal, ja fast bitter. Es symbolisiert den Alltag, den harten menschlichen Weg, den Jesus gehen muss. Es steht für seine Menschwerdung, sein kompromissloses Leben, das letztendlich nach Golgatha führt, durch Leid und Schmerz hin zum Kreuz. Doch ohne diesen Weg des Leidens, ohne den Weg des solidarischen Menschseins, ohne den Tod wird es kein Ostern geben. Jesus will diesen Weg gehen, der in der Krippe beginnt und am Kreuz scheinbar endet. Dafür steht symbolisch das Wasser.

Christus stirbt am Kreuz, wird aber verwandelt in der Auferstehung zu Ostern. Am Anfang steht das Wasser, der Mensch Jesus, verfolgt und gemartert. Dann verwandelt sich all das Leid in österliches Glück. Aus dem Wasser wird Wein.

Doch Maria, wie wohl jede liebende Mutter, will all das Leid von ihrem Sohn abhalten. Sie will sofort den süßen Wein, sie will all das Leid nicht abwarten. Deshalb fährt Jesus sie scharf an. Er weiß, dass der Weg auf Ostern zu über Golgatha geht und Sinn macht. Er weiß, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist, ins himmlische Licht einzutauchen – noch nicht.

Kirchen machen einen schweren Fehler, wenn sie feststellen, mit wie viel freudiger Opferbereitschaft Maria ihren Sohn am Kreuz dahin gegeben hat. Eine solche Theologie ist weitab von jedem menschlichen Empfinden. Welch eine Mutter könnte damit einverstanden sein?

Die Mutter steht für all jene, die einen Menschen besonders lieben und für diesen ein eben solches Schicksal, wie es Jesus bestimmt ist, verhindern wollen, versuchen wollen ihn davor zu bewahren – auch dann, wenn das Leid und der Schmerz unumgänglich sind.

Vielleicht geht Jesus deshalb auch so barsch gegen seine Mutter vor. Sie ähnelt in dieser Szene fast dem Satan, der Jesus auf dem Berg verführen will oder an anderer Stelle Petrus, der in Anbetracht der Todesvoraussage Jesu antwortet: Herr das darf nie sein, nie darf dir so etwas zustoßen. In der Tat ist es verführerisch schon jetzt den Wein zu kosten, nicht erst das  ganze Leid durchleben zu müssen, die Missachtung und Ungerechtigkeit, den Schmerz und den Tod. Doch im Laufe Jesu Leben begreift auch Maria, seine Mutter, wie wichtig es ist, dass Jesus diesen kompromisslosen Weg geht. Deshalb ist er Mensch geworden, im Leiden den Menschen gleich.

Die Figur der Mutter tritt bei Johannes noch ein zweites Mal auf, viel später, unter dem Kreuz, wo keiner der ersten drei Evangelisten sie gesehen hat – allein Johannes. Eine Szene, in der die Mutter zwar unter sehr vielen Schmerzen, so doch auch nicht ohne gewissen Stolz erlebt, wie ihr Junge sich wehrt gegen die Dunkelmänner, gegen die Seelenverfinsterung, gegen die ständige Schikane, die man im Namen Gottes über Menschen legt und dass er Mut aufbringt dagegen anzugehen und Worte zu setzen, die dem Menschen das Rückgrat stärken, und dass die ständige Angst und Einschüchterung und Drohung ihn nicht zurückweichen lässt. Ihr ist klar geworden, nur auf diese Weise können Ehrlichkeit, Menschlichkeit und Glück in unser Leben zurückkehren. Hier ist sie wahrhaft Mutter. Alle Ängste hat sie abgelegt, alle eigenen Projektionen auf ihren Sohn, alle elterliche Sorge. Sie erkennt, wer und was er ist. Am Kreuz ist sie wahrhaft Mutter und Sinnbild für den Ursprung des Lebens.

Sie hat gelernt. In der Zeit zwischen der Hochzeit und der Kreuzesszene hat sie ihren Sohn wahrhaft kennengelernt – losgelöst von allen ihren Wunschbildern. Und das sollte eigentlich auch die Norm sein, dass Mütter und Väter um das Geheimnis wissen, dass allein Gott in ihren Kindern spricht. Viele Jahre gehen dahin, in denen Eltern ihren Kindern sagen, was es von der Welt zu erwarten gibt, wie sie sich zu verhalten haben, um gut durchs Leben zu kommen in relativem Wohlstand. Und manch Widerspruch der Kinder wird mit der Floskel „Ei weiß mehr als Huhn“ abgetan. Aber immer mehr werden Eltern selbst lernen müssen, auf etwas zu hören, das nur Gott im Leben ihrer Kinder zu sagen vermag und das am Ende zu einem wirklichen Fest, wie bei der Hochzeit zu Kana zu führen vermag.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 3. April 2016 von Pfarrer Dr. André Golob, Rosenheim)



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