Aktuelles

Aktuelles aus der Gemeinde und dem Bistum

Wort unseres Bischofs Matthias Ring

zum 150. Jahrestag der Papstdogmen von 1870

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Am 18. Juli, jährte sich zum 150. Mal die Dogmatisierung der Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit und vom päpstlichen Jurisdiktionsprimat durch das Erste Vatikanische Konzil. Der Widerstand gegen diese Lehrsätze führte innerhalb weniger Jahre zur Bildung einer von Rom unabhängigen alt-katholischen Kirche.

Um es in Anlehnung an einen aktuellen Buchtitel von Peter Neuner zu sagen: Das Konzil wirft bis heute einen langen Schatten auf unsere Schwesterkirche. Der Jurisdiktionsprimat hat zu einer extremen Zentralisierung geführt, die es schwer macht, Pluralität zuzulassen sowie die Möglichkeit, jeweils vor Ort Lösungen für Probleme zu finden. Auch wenn vom Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit nur einmal, 1950, Gebrauch gemacht wurde, leistet es einem Verständnis von kirchlicher Lehre Vorschub, das Entwicklung kaum noch denken kann. Auch Entscheidungen, die nicht im Sinne der Konzilsdefinition ex cathedra gefällt werden, beanspruchen mittlerweile Letztverbindlichkeit. Nach meiner Meinung hat dies das römisch-katholische Lehramt in die eine und andere lehramtliche Sackgasse geführt. Deutlich wird das im Bereich der Ehe- und Sexualmoral, aber ebenso beim Thema „Frauenordination“. Das Verharren in lehramtlichen Sackgassen führt freilich auf Dauer zur Erosion der Autorität des Lehramtes, wenn sich der Glaubenssinn des Volkes und die fixierte kirchliche Lehre immer weiter auseinanderentwickeln.

Eine Kirchenspaltung ist kein Grund zum Feiern, doch dürfen wir dankbar derer gedenken, die vor 150 Jahren bereit waren, für ihre Überzeugung einzustehen. Die alt-katholische Gründergeneration beließ es freilich nicht beim Protest und bei der Verneinung, sondern sie bildete Gemeinden und schließlich ein Bistum, weil sie ihr Ideal von Kirche mit Leben füllen wollte. So entstand eine synodale, reformorientierte, ökumenisch offene und doch katholische Kirche – Kennzeichen, die zugleich Anspruch und Herausforderung sind.

Ich wünsche mir, dass die Jahrestage, die vor uns liegen und die wichtige Wegetappen unserer Kirchwerdung markieren, nicht nur Anlass zur geschichtlichen Rückschau sind, sondern anregen, darüber ins Gespräch zu kommen, wie wir unser Ideal des Christ- und  Kircheseins in der Gegenwart ausbuchstabieren können. „Nach vorne feiern“, so habe ich diese Idee vor der Synode 2018 genannt. Um gleich am 18. Juli einen Akzent zu setzen, war für heute in Bonn eine Tagung geplant, die sich nicht mit dem Papstamt beschäftigen sollte, sondern mit der Frage, wie politisch Kirche sein soll bzw. darf, eine Frage, die seit ein paar Jahren verstärkt in unserem Bistum diskutiert wird. Leider hat die derzeitige Pandemie diese Planung zunichte gemacht, doch wir überlegen, wie wir unter den geänderten Umständen diesen Diskussionsprozess dennoch durchführen können.

Gerade an diesem Tag möchte ich betonen, dass ich dankbar bin für das ökumenische Miteinander, das mittlerweile mit der römisch-katholischen Kirche möglich ist, und zwar auf allen Ebenen. Trotz aller Unterschiede und ohne diese unter den Teppich zu kehren, sollten wir weiter diesen Weg der Verständigung und Gemeinschaft gehen.

Nach 150 Jahren sind wir als Kirche kein Provisorium mehr, wie es lange Zeit in unseren Kirchlichen Ordnungen stand. Wir sind eine, wenn auch kleine Kirche mit einem eigenen Profil, mit lebendigen Gemeinden und vielfältigen ökumenischen Beziehungen. Dafür dürfen wir dankbar sein und das – meine ich – dürfen wir in den nächsten Jahren auch feiern.

Gottes Segen wünscht Ihnen allen

Ihr Bischof Dr. Matthias Ring

 

26. August 1870: Die Nürnberger Erklärung

Die Bischöfe der Konzilsminderheit, die die Dogmatisierung des Universalprimats und der Unfehlbarkeit des Papstes ablehnten und vor der entscheidenden Abstimmung abgereist waren, hatten vereinbart, nicht einzeln, sondern nur gemeinsam zu entscheiden, wie sie mit der neuen kirchlichen Realität umgehen wollten. Es war also anzunehmen, dass sie eine öffentliche Stellungnahme von Theologen, die sie in ihrer Haltung bestätigten und damit unterstützten, begrüßen würden.

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Johann Friedrich von Schulte

Am 10. August 1870 hatte Döllinger von einem der Oppositionsbischöfe, vom Rottenburger Bischof Josef Hefele, einen Brief erhalten, in dem er die Gelehrten dazu aufrief, die Verbindlichkeit der Konzilsbeschlüsse zu beanstanden. So lud Döllinger für den 25. August 1870 Theologenkollegen zu einer Zusammenkunft nach Nürnberg ein, um – dem Anliegen Bischof Hefeles Rechnung tragend – über einen wissenschaftlich-theologischen Protest gegen das Konzil zu beraten. Elf Geistliche und zwei Laien kamen zusammen, unter ihnen die Professoren Reusch aus Bonn und Reinkens aus Breslau, sowie der Kirchenrechtler Friedrich von Schulte aus Prag.

Einstimmig wurde zum Abschluss der Tagung am 26. August 1870 die fünf Punkte umfassende sogenannte „Nürnberger Erklärung“ angenommen. Darin kritisierten die Teilnehmer:

1. dass die Debatten nicht in der nötigen Freiheit möglich gewesen wären (damit hätte aber eine wesentliche Voraussetzung für ein ökumenisches Konzil gefehlt);

2. dass es immer wieder moralischen Druck auf die Opponenten und Beeinflussung durch „höhere Gewalt“ gegeben habe;

3. dass das Konzil gegen die Regel gehandelt habe, „nur das immer, überall und von allen Bekannte (könne) Glaubenssatz der Kirche sein.“ Das Konzil habe zudem gegen den Widerspruch einer „durch ihre Zahl sowohl als durch ihre Dignität und den Umfang ihrer Kirchen überaus gewichtigen Minorität“ eine Lehre zum Dogma erklärt, deren Gegenteil bisher stets frei gelehrt und in vielen Bistümern auch geglaubt worden sei.

4. Das Dogma vom Universalprimat des Papstes zerstöre die „ordentliche Regierungsgewalt“ in den einzelnen Diözesen, die nach alter katholischer Lehre den Bischöfen zukomme, und

5. es bestehe schließlich die Gefahr, dass der Papst durch unfehlbare Lehrentscheidungen auch massiv in die staatliche Gesetzgebung eingreifen könne. Dadurch aber würde „das friedliche Einvernehmen zwischen Kirche und Staat, zwischen Klerus und Laien, zwischen Katholiken und Andersgläubigen für die Zukunft ausgeschlossen.“

Abschließend drückten die Teilnehmer ihr Vertrauen auf jene Bischöfe aus, „welche diesen Lehren entgegengetreten sind und durch ihre Haltung auf der Versammlung den Dank der katholischen Welt verdient haben.“ An sie richten sie zugleich die Bitte, „dass sie in gerechter Würdigung der Not der Kirche und der Bedrängnis der Gewissen auf das baldige Zustandekommen eines wahren, freien und daher nicht in Italien abzuhaltenden ökumenischen Konzils mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln hinwirken mögen.“

(Text der „Nürnberger Erklärung“: Johann Friedrich von Schulte, Der Altkatholizismus. Geschichte seiner Entwicklung, inneren Gestaltung und rechtlichen Stellung in Deutschland. 2. Neuauflage der Ausgabe Gießen 1882, Aalen (Scientia) 2002, 14-16)

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