Impulse

Impulse und Gedanken

Zum sechsten Sonntag der Osterzeit

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie mich der Vater geliebt hat,so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet,
werdet ihr in meiner Liebe bleiben,so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt,
damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt,so wie ich euch geliebt habe.
Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwähltund dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.
Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.  Dies trage ich euch auf: dass ihr einander liebt.
Johannes 15, 9-17

Der Text (oben aus dem Johannesevangelium) knüpft an das vorhergehende Bildwort vom Weinstock und seinen Reben an. Die Verbundenheit mit Jesus zeigt sich in der Treue zu den Worten und Weisungen Jesu. Der Höhepunkt der Rede an seine Jüngerinnen und Jünger ist das Gebot: „Liebt einander!“, wozu Jesus zweimal aufruft. Wodurch sich diese Liebe zeigt, deutet Jesus selbst an: Er gibt sein Leben hin und steht so ein für die Sendung, zu der Gott ihn, den er Vater nennt, gesandt und beauftragt hat. In dieser Sendung sollen ihm die Jünger folgen. Dazu gehört, dass Jesus sein Verhältnis zu seinen Jüngern neu bestimmt, nämlich als Freundschaft im Unterschied zur früheren „Knechtschaft“ (vergleichbar einem Dienstverhältnis). Diese Freundschaft zeichnet sich durch Vertrauen und Verständnis aus und beinhaltet dazu gegenseitigen Austausch und Anteilnahme aneinander auf Augenhöhe. (Dr. Bernd Ruhe)
Daraus können mir zwei Fragen erwachsen:
– Wie sieht es mit meinen Vertrauen, mit meiner Freundschaft mit Jesus aus? Kann ich an einen solchen „Austausch […] auf Augenhöhe“ glauben?
– Wer braucht jetzt ganz konkret meine Liebe als Ausdruck meiner Jüngerschaft zum liebenden Jesus?

Zum fünften Sonntag der Osterzeit

In jener Zeit sprach Jesus zu den zwölf Jüngern:
Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein kraft des Wortes, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.
Johannes 15, 1-8 (Zitat: https://www.bibleserver.com/EU/Johannes15)

Das Bild vom Weinstock führt in der Osterzeit die Bedeutung Jesu vor Augen. Dies geschieht in einem Dreischritt:
In der Abschiedsrede Jesu vor seinen Jüngern im Johannesevangelium bezeichnet er sich selbst als Weinstock: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Es handelt sich um eins der sogenannten Ich-bin-Worte. Diese Ich-bin-Worte stehen als Bildworte im Zusammenhang mit der Selbstbezeichnung Gottes vor Mose im Buch Exodus. Gott nennt sich selbst „Ich bin der, der da ist“ oder im griechischen Alten Testament „Ich bin der Seiende“. Damit stellt Jesus seine Verbindung, mehr noch: sein Einssein mit dem himmlischen Vater heraus. Jesus spricht im Evangelium von sich selbst zwar nicht als Sohn Gottes. Gemeint ist es aber dennoch.
Der zweite Schritt ist die Verbindung zwischen Jesus und seinen Jüngern. Auch hier geht es um eine innige Verbindung, die zugleich die Voraussetzung fürs Fruchtbringen ist. Die Einheit von Jesus mit seinem Vater bestimmt die Verbindung der Jünger zu Gott. Diese Verbindung wird immer wieder von Jesus neu hergestellt. Sie geschieht im Sinne des Wachstums und des Reifens. Für die Gemeinden geschieht dies im gemeinsamen und persönlichen Beten, im Hören auf Gottes Wort, in der persönlichen Verbundenheit mit Jesus, dem Sohn Gottes.
Der dritte, daraus folgende Schritt ist das Fruchtbringen aus der Verbindung mit Jesus. Das Christsein ist nicht nur eine innerliche Angelegenheit. Sie zielt mit den Früchten auf die Umgebung, nach außen und bereichert sie.
Diese Schritte beziehen sich aufeinander und gehören zusammen. Das Bekenntnis zum Sohn Gottes, die Einheit, das Verwurzeltsein in ihm und das Fruchtbringen als sichtbares und für andere erfahrbares Zeichen dieser Einheit sind für jede/n Christen zugleich Zusage, Vergewisserung und Aufgabe.

Predigt an Ostern

„Dienstags bei Morrie“, so heißt ein Buch von Mitch Albom. Es trägt den Untertitel: „Die Lehre eines Lebens“ und das ist durchaus im doppelten Sinne zu verstehen. In dem Buch schildert der Autor Mitch Albom eine wahre und eigentlich zutiefst verstörende Begebenheit. Er schildert, wie er erfährt, dass sein von ihm verehrter Professor Morrie Schwartz sterbenskrank wird und er beschließt, ihn zu besuchen. Es stellt sich im Laufe der Zeit ein Rhythmus dieser Besuche ein. Sie treffen sich regelmäßig am Dienstag, insgesamt an 14 Dienstagen bis zu Morries Tod. Es entwickeln sich Gespräche bei denen klar wird, dass sich Morrie auf seinen Tod vorbereitet.
Zwei Sätze sind in diesem Buch für mich wichtig geworden. Der erste fällt bei der Frage nach dem Grab von Morrie. Morrie fragt Mitch, ob er sein Grab besuchen werde. Als Mitch nicht antwortet, hakt Morrie nach. Morrie sind diese Besuche am Grab offenbar wichtig. Es geht darum, dass Mitch weiter mit Morrie redet. Als Mitch einwendet, dass er von seinem Coach Morrie ja keine Antwort bekommt, sagt Morrie den Satz: „Du redest, ich werde zuhören.“
Mit diesem Satz hängt der zweite für mich wichtige Satz zusammen, der mich dazu gebracht hat, von diesem Buch an Ostern zu erzählen:
„Der Tod beendet dein Leben, nicht eine Beziehung.“
Das scheint erstmal wiedersprüchlich, denn wenn es mich nicht mehr gibt, wie soll es dann eine Beziehung zu mir geben? Dazu muss man wissen, dass sich im Laufe der Gespräche eine tiefe Beziehung zwischen Morrie und Mitch aufbaut. Es geht um mehr als eine Lehrer-Schüler-Verhältnis, bei dem der eine redet und der andere zuhört.
Es entsteht eine tiefe Beziehung, die man getrost als Liebe bezeichnen kann. Und zwar im ganz tiefen Sinne von Vertrauen, Zuneigung, Nähe, von gegenseitigem Verstehen und Annehmen. Solche Beziehungen tragen über den Tod hinaus. Es ist dann mehr als nur ein „In Erinnerung Behalten“ der oder des Verstorbenen. Es geht um echte Begegnung. 
So verstanden ist Ostern eine Beziehungsfest zum auferstandenen Jesus. Der Tod hat die Beziehung der Jüngerinnen und Jünger zu Jesus nicht beendet. Im Gegenteil. Sie zeigen, dass ihnen Jesus ganz nahe ist, dass ihre Beziehung zu Jesus sogar noch stärker wird. Nur das Markusevangelium beschreibt den Boten im Grab ohne äußere übernatürliche Merkmale. Es ist ein junger Mann mit weißer Kleidung, der mit den Frauen spricht und sagt, dass sie sich nicht erschrecken soll, dass der gekreuzigte Jesus, den sie suchen, auferweckt ist. „Er ist nicht hier“, nicht im Grab. Die Erscheinung des Auferweckten wird in Galiläa angekündigt. In Galiläa war die Hoch-Zeit der Gottesreichs-Verkündigung Jesu: Gleichnisse, Heilungen, Nachfolge… Mitten im Leben, im Alltag der Jünger und Jüngerinnen soll und wird sich also die Begegnung mit dem Auferweckten ereignen. Das Entsetzen der Frauen am Ende des Evangeliums zeigt, dass die Frauen verstanden haben, dass hier Gott am Werk war. Hier hat Gott selber eingegriffen und diesen Jesus nicht im Tod gelassen, sondern auferweckt. Darüber können die Frauen zunächst mit niemandem reden. Und hier endet ganz abrupt das Markusevangelium. Erst nach dem Schock kann das Reden wieder aufgenommen werden. 
Mit Gott, mit Jesus reden, für mich ist das Ausdruck meiner Beziehung zu ihm. Hier bekommt das „Du redest, ich werde zuhören“ eine neue Tiefe, die für mich vielleicht noch tiefer geht, als das, was sich zwischen Menschen abspielen kann.
Ostern wird für mich dann zum Lebensfest, wenn für mich Auferstehung eine Beziehungswort ist. Wenn sich darin meine Nähe zu Jesus aufdrückt, wenn er für mich nicht einfach tot ist, sondern lebt und mich mit sich und mit Gott in Beziehung bringt.
„Du redest, ich werde zuhören.“ und „Der Tod beendet dein Leben, nicht eine Beziehung.“ Zwei für mich zutiefst österliche Sätze. Amen. Halleluja.

Videobotschaft zu Ostern 2021

Wir wünschen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Videobotschaft am Karfreitag 2021

Gedanken zum Karfreitag

Kreuzigung und Verspottung.
Mit zwei Verbrechern zusammen
wird er gekreuzigt.
Hat Gott ihn verlassen?
Mit einem lauten Schrei stirbt Jesus.
Der römische Hauptmann,
der das Todesurteil vollstreckt hat,
kommt zu tieferer Einsicht.
Was immer der Heide mit Gottes Sohn meint,
er hat die Wahrheit gesprochen.
Von den Jüngern ist keiner zu sehen;
nur die Frauen, die Jesus gefolgt sind,
hatten ihm die Treue gehalten.
Jetzt ist von ihnen die Rede!

Aus: Das Neue Testament. Eingeführt, kommentiert und meditiert von Eleonore Beck und Gabriele Miller, Stuttgart/Kevelaer 2003, S. 98)

Zum Montag in der Karwoche 2021

Wenn ihr das Geheimnis der großen Liebe des Herrn richtig erfasst und euch vergegenwärtigt, was der eingeborene Sohn Gottes für die Erlösung der Menschen getan hat, dann müsst ihr dieselbe Gesinnung haben, von der Christus Jesus erfüllt war, dessen Erniedrigung kein Reicher verachten und kein Vornehmer gering schätzen darf. Nehmt euch die Taten des Herrn zum Vorbild. Liebet, was er geliebt hat, und ihr werdet Gottes Gnade in euch finden! Sehet in ihm voll Freude eure eigene Natur! Christus wurde arm, ohne seinen Reichtum einzubüßen. Er erniedrigte sich, ohne seine Herrlichkeit zu verringern; er erlitt den Tod, ohne seine Ewigkeit zu verlieren.
Leo der Große
(aus: Rummelsberger Brevier. Du bist mir täglich nahe, Gütersloh 2008, S. 685 [Band 2])

Palmsonntag 2021

Mitgehen in der Menge, im Jubel und in einer gespannten Stimmung.
Ich erinnere mich dabei an die Straße durch Jerusalem zur Grabeskirche hin. 
Im Jahr 2000 war ich zum ersten und bislang einzigen Mal in Israel. Ich habe einen 88 jährigen begleitet, der sich mit dieser Gruppenreise einen Lebenstraum erfüllt hat. Er wollte angesichts seines Alters und seiner starken Sehbehinderung jemanden dabei haben. So kam ich in den Genuss, ziemlich am Ende meines Studiums ins Heilige Land zu kommen. So sind wir am Ende unserer Reise am Freitag mit dem Reisebus nach Jerusalem gefahren. Da gibt es etwas, was mir immer wieder in den Sinn kommt, wenn ich an die Via dolorosa und an Jerusalem denke. Offenbar war dem Reiseleiter nicht klar, dass dieser Freitag der Karfreitag der orthodoxen Christen war. Hinter uns waren also unzählige orthodoxe Pilgerinnen und Pilger und immer die Angst, den Anschluss an unsere Reisegruppe zu verlieren. Im Schlepptau einen 88 jährigen fast blinden Mann, den ich durch die recht engen Gassen über gefühlte 1000 Stufen führen musste. So fühlte sich für mich das Mitgehen in der Menge an im euphorischen Jubel einer Masse. Dieser Weg ist mir von der ganzen Reise am eindrücklichsten hängen geblieben.
Wie mag es den Jüngerinnen und Jüngern ergangen sein, die sich mit ihrem Jesus den Weg mit dem Eselfohlen gebahnt haben? Mit den ausgebreiteten Kleidern und den Palmwedeln fiel es den Jüngerinnen und Jüngern vermutlich leicht für Jesus einzustehen, hinter ihm und neben ihm mitzugehen. Im Jubelzug mitzugehen ist leicht. Aber spätestens mit dem Vorabend des eigentlichen jüdischen Paschafestes, wahrscheinlich schon einen Tag früher, kippte die Stimmung, und sicher nicht nur beim späteren Verräter Judas. Die Ernsthaftigkeit dieses Jesus vertrieb die Euphorie. Seine düsteren Andeutungen vor und beim Abendmahl von Verrat und Tod, die Bescheidenheit und Rücksichtnahme, all das ließ in den Jüngerinnen und gerade beim engsten Jüngerkreis Zweifel aufkommen: Will ich mit diesem Jesus immer noch weitergehen, immer noch mitgehen? Das Abendmahl mit den Jüngern dürfen wir uns durchaus als zunächst fröhliche Runde vorstellen. Da wurde gesessen und gegessen und getrunken und gelacht. Um so krasser war der Stimmungswechsel als Jesus die symbolischen Gaben des Mahles von Brot und Wein deutete als seinen Leib, als sein Blut, als sein Leben für alle. Jesus hat sich ganz gegeben und … er forderte die Jünger auf, es ihm gleichzutun. Der Jubel der Masse und auch der Nachklang waren spätestens hier verflogen. Jesus rief und ich darf sagen, er tut es noch: er ruft die Jüngerinnen und Jünger im Evangelium zum Mitgehen auf und zwar den ganzen Weg. 
Auch den Weg in den Garten Getsemani, wo Jesus in der Einsamkeit gebetet und seelisch gelitten hat und den Weg zum Kreuz.
Und hier kommt die Erzählung in der Gegenwart an. Das Evangelium ist nicht nur eine Erzählung von anno dazumal. Zumindest nicht für Menschen, die auf der Suche sind. Menschen, die auf der Suche nach Sinn, nach Erfüllung, nach Hoffnung sind. 
Mir bedeuten diese Tage vor und an Ostern vor allem deshalb soviel, weil sie mir gerade da geholfen haben, als ich selber mich intensiver mit dem Glauben beschäftigt habe, und da war ich schon erwachsen. Meine christliche Erziehung hat mir da geholfen, aber sie hat in mir die späteren Fragen gelassen. Da stand für mich auch die Frage im Raum: 
Wie weit möchte ich mit diesem Jesus mitgehen? Welche Rolle soll er in meinem Leben spielen?
Bislang sind mir echte schwerwiegende Kreuzwege in meinem Leben, Gott sei dank, erspart geblieben. Aber oft bin ich Zeuge vieler Kreuze geworden. Kreuze, mit denen Menschen dem kreuztragenden Jesus nach- und mitgegangen sind.
Die Theologin Eleonore Beck hat dieses Mitgehen in eine poetische Form gebracht:
Mitgehen 
und fühlen wie Hoffnung 
Gewissheit wird 
die Lippen sich öffnen 
zum Jubelruf 
weil Erfüllung sich nicht 
aufhalten lässt. 
Um den Tisch sitzen an dem 
Brot Wein und Leben 
eines werden. 
Mitgehen 
in die Nacht die hereinbricht 
auf Getsemani. 
Zeuge werden 
wie der des Wortes Mächtige 
verstummt 
den Rücken beugt unter der Last 
den Weg geht den andere 
ihn führen 
die Arme breitet 
am Kreuz.


Ich weiß nicht, ob für den 88 jährigen mit der Reise nach Israel vor 21 Jahre im Nachhinein der Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist. Wir haben uns danach aus den Augen verloren. Ich habe nur erfahren, als er vor etlichen Jahren gestorben ist. Bewundernswert finde ich nach wie vor, dass er sich trotz seines Alters und der Sehbehinderung auf dieses Abenteuer der Reise, auf dieses Mitgehen eingelassen hat. Mir ist dieser gemeinsame Weg hinauf zur Grabeskirche seitdem in lebendiger Erinnerung.
In der Karwoche ist viel von Leiden, von Unverständnis, von Verunsicherung und Ungerechtigkeit die Rede ist. Das gehört momentan besonders augenfällig zum Leben dazu, mal mehr, mal weniger. Ich hoffe, dass Ihr und ich diese Zeit der Fragen, der offensichtlichen und geheimen Kreuzwege, der Zweifel und Unsicherheiten als Mitgehen mit Jesus begreifen können. 

Fünfter Sonntag in der österlichen Bußzeit 2021

Vom evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer stammt der folgende provozierende Text. Gerade in der Fastenzeit vor Ostern können wir uns nach unseren Einstellungen zu menschlichen Beziehungen in der Kirche fragen. Bonhoeffer geht es nicht darum, Menschen in ihren Verantwortungen herabzusetzen. Vielmehr öffnet er den Blick für eine „dienende Kirche“, in der deutlich erkennbar ist, dass sie in allen ihren Bereichen für die Anderen da ist. Eine „dienende Kirche“ ist kein Selbstzweck. Alle Aufgaben in der Kirche haben darum einen dienenden Charakter für die Schwestern und Brüder in der Gemeinde und deren Umgebung.

Jeder Personenkult, der sich auf bedeutende Eigenschaften, auf hervorragende Fähigkeiten, Kräfte, Begabungen eines Anderen – und seien sie durchaus geistlicher Art – erstreckt, ist weltlich und hat in der christlichen Gemeinde keinen Raum, ja vergiftet sie. Das so oft gehörte Verlangen nach den „bischöflichen Gestalten“, nach den „priesterlichen Menschen“, nach „vollmächtigen Persönlichkeiten“ entspringt oft genug dem geistlich kranken Bedürfnis nach Bewunderung von Menschen, nach Aufrichtung sichtbarer Menschenautorität, weil die echte Autorität des Dienstes zu gering erscheint. […] Die Gemeinde braucht nicht glänzende Persönlichkeiten, sondern Diener Jesu und der Brüder.
(Aus: Rummelsberger Brevier. Du bist mir täglich nahe, Gütersloh 2008, S. 646)

Vierter Sonntag in der österlichen Bußzeit 2021

Liebe und tue, was du willst.
Mit diesem Satz macht der Kirchenvater Augustinus im 5. Jahrhundert auf den Kern des 1. Johannesbriefes und auch des Johannesevangeliums aufmerksam.
Es geht um die Liebe. Genauer geht es um das, was ich hochachte, um etwas das ich liebgewonnen habe. Augustinus führt diesen Satz Liebe und tue, was du willst näher aus. Wenn du schweigst, dann schweige aus Liebe. Wenn du rufst, dann rufe aus Liebe. Wenn du verbesserst, verbessere aus Liebe. Wenn du es unterlässt, unterlasse es aus Liebe.
Was das so einfach klingt, ist in der Praxis oft schwierig. In der Praxis wird das erste Wort manchmal weggelassen, das Lieben. Und dann bleibt bei dem Satz nur das „tue, was du willst“ übrig. So erlebe ich das mit meinen Kindern oft. Ich tue, was ich will. Wenn das erste Wort also die Liebe weggelassen wird, bleibt nur ein kindlicher oder kindischen Egoismus. Ich tue, was mir passt.
Genauso ist es allerdings, wenn einer auf seinem Konto eine Million Euro hat. Wenn die 1 vor der Zahl fehlt, helfen die Nullen dahinter nichts. Die Liebe ist gewissermaßen die eins, die dem Ganzen Sinn und Wert gibt. In einer Zeit wie der, in der wir jetzt leben, fällt es mir leicht, an mich selbst, vielleicht noch die engste Familie zu denken. Womöglich noch an die engsten Freunde. Das ist meine Erfahrung der vergangenen Monate. Der Blick auf die Welt hat sich verengt. Natürlich sind daran auch die Umstände der Kontaktbeschränkungen schuld, aber es besteht die Gefahr, zumindest sehe ich sie bei mir, dass ich mich darin einrichte.
Was kann mich aus diesem Tunnelblick herausholen? Ein Weg ist zum Beispiel, dass das Wort aus dem Johannesevangelium mir nahekommt, dass ich es zulasse und höre, was da zu mir gesagt wird: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit jeder der glaubt, ewiges Leben hat.
Den ersten Schritt der Liebe und zugleich den endgültigen Schritt der Liebe zur Welt hat in diesem Satz Gott selbst getan. Gott hat den Schritt der Liebe in diese Welt getan. Jesus der Menschensohn hat bis zum Ende geliebt. Bis zum Tod am Kreuz geht sein Weg der Liebe. Das klingt jetzt so ernst und das ist es ja auch. Und zugleich kann das gerade jetzt eine frohmachende, eine befreiende Botschaft sein. Das hoffe ich zumindest. Gottes Liebe zum geliebten Menschen bleibt. Und damit bleibt auch die Hoffnung auf Leben für die geliebten Menschen.Die Kirche geht auf Ostern zu. Ich sage bewusst, die Kirche, weil ich weiß, dass das auch Gemeindemitglieder und die Gesellschaft insgesamt keine allgemeingültige Überzeugung ist. Aber die Botschaft von Ostern sagt auf den Punkt gebracht: Gott liebt so stark, dass auch der allgegenwärtige Tod dagegen schwach aussieht.
Liebe und tue, was du willst. Das kann dann für mich heißen, dass ich in diesen Weg der Liebe Gottes einschwinge.
Das ist mir vor langer Zeit als es mir nicht so gut ging, aber erst im Nachhinein klar geworden. Wenn ich morgens aus dem Haus zum Bus ging, habe ich den Himmel nach einer blauen Stelle abgesucht. Und immer wenn ich eine gefundenen hatte, dann dachte ich, dass dieser Tag gut werden würde. Das Blau des Himmels, diese offene Stelle zwischen den Wolken hat mir Kraft gegeben. Das klingt jetzt nicht fromm, und das war es auch nicht. Im Nachhinein deute ich diese Suche nach dem offenen Himmel als Öffnung, als Möglichkeit, dass ich Gottes Liebe annehmen konnte, für diesen Tag. Ob ich da mehr geliebt habe, das weiß ich nicht. Liebe und tue was du willst: Der Weg der Liebe steht immer offen.
So gesehen ist die Zusage der Liebe Gottes die Chance meines Lebens, selber immer mehr auf den Anderen zu schauen. Die oder den Anderen im Blick zu behalten und meinen Blick zu weiten.

Dritter Sonntag in der österlichen Bußzeit 2021

Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! Seine Jünger erinnerten sich, dass geschrieben steht: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren. Da ergriffen die Juden das Wort und sagten zu ihm: Welches Zeichen lässt du uns sehen, dass du dies tun darfst? Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes. Als er von den Toten auferweckt war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte. Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, da sie die Zeichen sahen, die er tat. Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen war.
Johannes-Evangelium, Kap. 2, Verse 13-25; Einheitsübersetzung 2017, Katholisches Bibelwerk (https://www.bibleserver.com/EU/Johannes2%2C13)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jerusalem_Modell_BW_2.JPG

Allein das Modell des Jerusalemer Tempels, des sogenannten Herodianischen Tempels, ist beeindruckend. Die imposante Größe der verschiedenen Vorhöfe und Säulenhallen muss die Menschen zum Staunen gebracht haben. Genau das war auch der Sinn des Baus. Im Tempelbezirk mit seinen Bauten sollte sich die Macht des Jerusalemer Königs und gleichzeitig dessen Legitimation am Heiligtum Gottes widerspiegeln. Jesus und seine Jünger machen aber in der geschilderten Episode im Johannesevangelium noch eine andere Erfahrung an dieser heiligen Stätte des damaligen Judentums. Sie erleben einen regelrechten Tempelbetrieb, bei dem es um alles mögliche geht, gekauft und verkauft wird. Bereits zu Beginn des Johannesevangeliums werden die Fragen nach dem Wesentlichen der Religion gestellt. Diese Fragen stehen auch heute im Raum: Wieviel Geld braucht die Kirche, die Gemeinde? Und wofür verwendet sie es, wenn sie es hat? Worum geht es im Kern der Religion? Wieviel „Institution“ braucht der Glaube und braucht er überhaupt eine? Gerade die letzte Frage wird von manchen nicht mehr selbstverständlich mit „Ja“ beantwortet.
Zur Zeit Jesu wurde durch den Opferbetrieb des Tempels in Jerusalem dieser Kern des Glaubens offensichtlich verdunkelt. Jesus wird als Eiferer für einen „gereinigten Tempel“ dargestellt. Der äußere Tempelbezirk bis in den Tempel hinein war zum Kaufhaus geworden. Mich erinnert dies immer wieder an die zahlreichen Souvenirläden in Rom oder auch Assisi. Irgendwie hat und hatte man sich an diese Bilder gewöhnt. Im Jahr 1997 erschütterte ein schweres Erdbeben Mittelitalien. Die Gewölbe der Basilika des heiligen Franziskus in Assisi waren eingestürzt. Anschließend war es bedrückend still in dem sonst so quirligen und fröhlichen Städtchen in Umbrien. Manche der Einwohner/innen von Assisi standen schockiert vor ihren beschädigten Häusern und fragten sich nach dem Grund. Es ist immer schwierig, bei Naturereignisse nach einem spirituellen Grund zu suchen. Und doch hat es zumindest für manche zum Nachdenken angeregt: War es vielleicht ein bißchen zu viel Trubel, zu viel Kommerz, zu viel Äußeres geworden um den Heiligen Franziskus und die Heilige Klara? Denen war es immer um die Armut der Kirche und die eigene Bedürfnislosigkeit gegangen.
Was würde aus der Kirche, wenn sie kein „angestelltes Personal“, keine Kirchensteuer, keine staatlichen Zuschüsse mehr hätte? In vielen Kirchen in der Welt ist das Realität. In Ländern, in denen die Kirche keine Geld vom Staat bekommt, wie z. B. Frankreich, sind die Kirchen dadurch nicht voller. Und die vergleichsweise reichen Kirchen in Deutschland erleben ähnliche Abbrüche. Es scheint also keine „schnellen Lösungen“ durch innere oder äußere Veränderungen der Kirchen zu geben. Und auch im Johannesevangelium finden wir sie nicht.
Die Tempelreinigung durch Jesus hat keinen Gesinnungswandel bei den Menschen bewirkt. Erst als der Tempel im Jahr 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde, hörte der Opferbetrieb und auch der Verkauf am Tempel auf.
Für das Judentum hat die Zerstörung des Tempels im Laufe der folgenden Jahrzehnte zu einer grundsätzlichen religiösen Veränderung, nämlich zur Rückbesinnung auf den Wert der Heiligen Schriften geführt. Die Zerstörung hat zu einer fundamentalen Krise geführt. Womöglich stehen die Kirchen ebenfalls mitten in einer solchen Krise. Dann ist es gut, sich auf das zu besinnen, was uns als alt-katholische Kirche und als einzelne/n Gläubige/n tragen kann.

Passionsmeditationen von J. M. Sailer

Johann Michael Sailer (1751-1832) meditierte in seinem „Lese- und Betbuch“ von 1783 ohne den für seine Zeit üblichen Schwulst und Kitsch das Leiden und Sterben Jesu. Eine ungewohnte, immer wiederkehrende Formulierung in Bezug auf Jesus ist dabei das Wort „Vorbild“. Die folgenden Texte sind gerade in ihrer Kürze und Direktheit bis heute provokativ und fordern den eigenen Standpunkt heraus. Sie beziehen sich auf die Gefangennahme Jesu vor der Kreuzigung und den Verrat durch Judas Iskariot.

1. Jesus Christus, unser Vorbild. Er ging seinem Leiden großmütig entgegen: „Steht auf, laßt uns gehen.“ Er redet den Mörderhaufen selbst an: „Wen sucht ihr?“ Er gibt selbst seinen Namen an: „Ich bin Jesus von Nazareth.“ Wahrhaftig, Jesus leidet, weil er wollte; er gab sich in den Tod hin, weil er wollte; sollen wir uns in unsere Leiden, die wir nicht verhindern können, nicht auch geduldig fügen? Jesus ging seinem Leiden großmütig entgegen; sollen wir nicht wenigstens ein Leiden, dem wir nicht entgehen können, entschlossen und mutig auf uns nehmen?

2. Jesus Christus, unser Vorbild. Der Hirt sorgt für seine Schafe: „Wenn ihr mich sucht, so laßt meine Jünger gehen.“ Nicht für seine Freiheit, für die Freiheit seiner Jünger sorgt der liebende Meister. Nicht für sich, sondern für seine Freunde sorgt der liebende Freund. Diese zärtliche Liebe ist unserm Erlöser eigen. — Wenn uns nur ein ganz geringes Unglück zustößt, so begegnen wir auch unseren liebsten Freunden, die nichts dafür können, mürrisch und lieblos. „Er war heute unglücklich“, heißt es, „geht nicht zu ihm, er hat einen bösen Humor. Heute ist nichts zu machen mit ihm.“ Das ganze Haus, die ganze Nachbarschaft, die ganze Stadt muß es aus unseren mürrischen, verdrießlichen Antworten wissen, daß uns etwas Unangenehmes zugestoßen ist. So nicht unser Herr.

3. Jesus Christus, unser Vorbild. Er läßt seinen Verräter den ehrerbietigen Kuß eines Jüngers mißbrauchen, sieht ihn mitleidig an, redet ihm in der Vollbringung seiner Sünde noch freundlich und nachdrücklich zu Herzen: „Freund Judas! Wozu bist du da? — Du verrätst mit einem Kuß den Menschensohn!“ Jesus vergißt seine bevorstehende Mißhandlung und kann noch seinen Verräter lieben und möchte ihn noch mit einem freundlichen Blick, mit einer ernsthaften Warnung von seinem Untergang zurückziehen. — Ist es möglich, daß wir uns Jünger Jesu Christi nennen und das Zeichen der Jüngerschaft, die Liebe, nicht von ihm erlernt haben? Ein Christ ohne Liebe ist kein Christ.

(Zitiert aus: Johann Michael Sailer, Jesus unser Vorbild. Meditationen über das Leiden und Sterben Jesu. Ausgewählt von P. Bonaventura Pihan, Leutesdorf 1987, 24-25.)

Zweiter Sonntag in der österlichen Bußzeit 2021

2. Sonntag der österlichen Bußzeit

Sechs Tage später nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen hohen Berg. Sie waren dort ganz allein. Da wurde Jesus vor ihren Augen verwandelt:  Seine Kleider wurden so strahlend weiß, wie kein Mensch auf der Erde sie bleichen könnte. Dann erschienen Elia und Mose und redeten mit Jesus. Petrus rief: »Rabbi, wie gut, dass wir hier sind! Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia.« Er wusste aber nicht, was er da sagte, denn die drei Jünger waren vor Schreck ganz durcheinander. Da kam eine Wolke und hüllte sie ein, und aus der Wolke hörten sie eine Stimme: »Dies ist mein geliebter Sohn! Auf ihn sollt ihr hören!« Als sich die Jünger umschauten, sahen sie plötzlich niemanden mehr. Nur Jesus war noch bei ihnen. Während sie den Berg hinabstiegen, befahl Jesus ihnen: »Erzählt keinem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist!« So behielten sie es für sich. Aber als sie allein waren, sprachen sie darüber, was Jesus wohl mit den Worten »von den Toten auferstehen« meinte.
Markus-Evangelium, Kap. 9, Verse 2-10
(https://www.bibleserver.com/HFA/Markus9%2C2-12)

Von Mount_Tabor3.jpg: Eliot from The Negevderivative work: TheCuriousGnome (talk) – Mount_Tabor3.jpg, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9371259

Die Erzählung von der Verklärung Jesu auf einem Berg wirkt zur Abwechslung in der Fastenzeit fast idyllisch. Die Erzählung im Markusevangelium beginnt wie die Erzählung von einer Bergwanderung. Sehr schnell aber wird klar, dass für die Jünger mehr als nur ein Ausflug auf dem Programm steht. Die Erzählung spricht vom „Verwandelt werden“ und von einer Begegnung mit den wichtigsten Personen des Alten Testaments. Abgeschlossen wird das Ereignis der Jünger mit der Stimme vom Himmel, die Jesus wiederum als „geliebten Sohn“ Gottes feststellt, auf den sie hören sollten. Der Ort der Gottesoffenbarung und der Gottesbegegnung ist in der Bibel oft der Berg. Das zeigt sich bei Mose auf dem Sinaigebirge, bei Elija auf dem Gottesberg Horeb, bei Jesus auf dem Tabor und an mehreren anderen Stellen. Diese Gottesoffenbarungen auf Anhöhen sind also nicht auf das Christentum beschränkt. Sie finden sich in fast allen Religionen. Und es ist ja auch tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes „erhebend“, wenn ich zeitweise von Kommingen aus auf die Alpenmassive schauen kann. Auf dem Berg selber fühlen sich Menschen dem Himmel näher. In Israel steht auf dem Berg, auf dem sich die Verklärung oder „Verwandlung“ Jesu zugetragen haben soll, eine große Kirche, die Verklärungsbasilika auf dem Berg Tabor. Wer dort oben angekommen ist, kann die wunderbare Aussicht genießen und sich gut vorstellen, wie ergriffen die Jünger gewesen sein mögen. Nun hat aber ja nicht jede und jeder die Gelegenheit, den Berg Tabor zu besteigen, und aus meiner Sicht ist dies auch nicht nötig.
In einem anderen Zusammenhang, aber passend dazu und zur Fastenzeit empfiehlt der Heilige Augustinus folgendes:
»Wir haben es gehört, und es ist klargeworden: wir waren nach draußen gegangen, doch wir wurden in das Innere zurückverwiesen. Du sagtest: Könnte ich doch einen hohen Berg finden, einen einsamen Berg! Denn ich glaube, Gott wird mich in der Höhe eher erhören, weil er selbst in der Höhe ist. Weil du auf dem Berg bist, meinst du Gott nahe zu sein. Du glaubst, er werde dich schnell erhören, weil du gleichsam aus der Nähe rufst? Er wohnt in der Höhe, aber auf das Niedrige schaut er, „nahe ist der Herr“. Wem ist er nahe? Etwa den Hohen? Nein! Denen, die zerknirscht sind! Wunderbar: Er wohnt in der Höhe. Aber den Niedrigen ist er nahe! „Er schaut auf die Niedrigen, und die Stolzen erkennt er von fern.“ Die Stolzen schaut er von ferne. Denen, die sich hoch glauben, ist er desto ferner. Hast du also einen Berg gesucht? Dann geh nach unten, um ihn zu finden! Aber du willst emporsteigen? Gut, steig empor, aber such keinen Berg! Der Psalmist sagt: „Aufstiege gibt es in seinem Herzen, im Tal der Tränen.“ Das Tal ist unten. Also tu alles in deinem Innern. Suchst du einen hohen Ort, dann mach dein Inneres zu einem Tempel für Gott. Denn „der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.“ In deinem Innern bete! Aber sei zuerst ein Tempel Gottes; denn in seinem Tempel erhört er den Beter.« (Augustinus, Tractatus in Johannis Evangelium)
Für die Fastenzeit brauche ich also den Weg nach innen. So verstanden werden die Jünger von Jesus vom Berg herunter in ihr Inneres gerufen. Das Innere als hoher Ort ist dann zugleich der Ort der Gottesoffenbarung und der Gottesbegegnung. Oder etwas bescheidener gesagt: Wenn ich Gott näherkommen will, brauche ich keine Flugreise nach Israel (die momentan ohnehin nicht möglich ist). Ich brauche auch keine Bergtour auf einen 3000er. Es genügt die Einkehr bei mir selbst. Die Jünger Jesu haben das erst viel später mit dem Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu lernen müssen. Eigentlich findet der wahre Aufstieg im Inneren statt.

Von Unknown Icon Painter, Cretan (active around 1550) – Web Gallery of Art:   Abbild  Info about artwork, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15465696


Wer die Zeit und die Muße hat, kann auf der Ikone oben die drei verschiedenen Reaktionen der Jünger vor, während und nach der Verklärung betrachten.

Einige Hinweise zur Betrachtung der Festtagsikone der Verklärung Christi:
1. Die drei Jünger werden links auf der Ikone von Jesus auf den Berg geführt. Die Hand Jesu weist auf den Berg. Er selbst geht voraus, die Jünger folgen.
Welche „Berge“ liegen in den kommenden Tagen und Wochen vor mir, stellen sich mir in den Weg? Welche davon könnten Berge der Verklärung werden, wenn ich dafür empfänglich bleibe?
2. Die drei Jünger während der Verklärung reagieren sehr unterschiedlich. Während Petrus (links unten) ratlos auf die Szene schaut, wirkt der rotgewandete Johannes in der Mitte so, als würde er sich am liebsten vor Angst verstecken. Jakobus (rechts unten) hebt geblendet und erschrocken die Hand vor die Augen. Die Haltung der Jünger wirkt geschockt.
Wo hat mich eine Begegnung mit dem lebendigen Gott zuletzt bis ins Mark getroffen, verstört, schockiert? Wie bin ich daraus hervorgegangen?
3. Rechts in der Mitte der Ikone steigen die Jünger mit Jesus nach der Verklärung vom Berg herunter. Jesus belehrt die Jünger mit einem Zeigegestus. „Sagt niemandem etwas davon bis zur Auferstehung.“ Die Hand des Petrus liegt fast schützend vor den anderen beiden Jüngern. Der Weg geht mit Jesus wieder hinunter vom Berg, aber anders als hinauf, für alle.
Schon am zweiten Fastensonntag kommt das Wort „auferstanden“ vor. Ostern schimmert schon durch. Wie kann ich den Fastensonntagen eine Vorfreude auf Ostern abgewinnen? Kann ich gut damit leben, wenn sich meine Vorstellungen von Gott und der Welt plötzlich verändern?

Erster Sonntag in der österlichen Bußzeit 2021

Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel versucht werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er um deinetwillen, und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab und siehe, es kamen Engel und dienten ihm. (Mt 4,1-11; https://www.bibleserver.com/EU/Matthäus4)

In meiner Kindheit hat eine bekannte Schokoladenmarke mit dem Slogan geworben: Die zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt. Zum Teil sogar vertont. Das scheint mir bis heute das allgemeine Verständnis vom Begriff „Versuchung“ zu sein. So ähnlich, aber deutlich tiefer verstand der irische Autor Oscar Wilde das Wort, als er den Satz schrieb: „Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, ob sie wiederkommen.“.
Versuchungen erscheinen hier als mehr oder minder harmlose alltägliche Gegebenheiten. Jedenfalls ist das alles nicht so schlimm. Der biblische Betriff des „Versucht werdens“ und des „Versuchenden“ (πειρασθῆναι bzw.ὁ πειρὰζων) zeigt im Neuen Testament im Matthäus-Evangelium (Kap. 4,2-3) in eine deutlich andere, existenzielle Richtung. Die gleichen griechischen Begriffe finden sich auch im griechischen Alten Testament (Septuaginta) an den Stellen, an denen auf die Krise des Volkes mit seinem Leiter Moses Bezug genommen wird (vgl. Ex 17,2ff.; Dtn 6,16; Ps 94(95),8). Der „Ort des Versuchens, des Versucht werdens“ ist die Wüste. Interessanterweise ändert sich in Mt 4 das Nomen für den Teufel (διάβολος) zwischenzeitlich so, dass von ihm nur noch in Form von Verben (Tätigkeitswörtern) die Rede ist. Der Begriff διάβολος taucht nur am Ende des Abschnitts als verbindende und abschließende Klammer wieder auf. Damit könnte wohl direkt der Bezug von den alt-testamentlichen Bibelstellen zum Versuchtwerden Jesu in der Wüste hergestellt werden. Jesus steht hier offenbar stellvertretend für das Volk Gottes in der Wüste und erfährt die gleiche lebens- und glaubensgefährliche Situation. Das Böse ist nicht dinglich, es ist ein Geschehen, das mich direkt betrifft. Hier geht es nicht um die gutbürgerliche Frage nach einem Stück Schokolade mehr oder weniger. Die Gefährdung des Lebens und des Glaubens steht im Matthäus-Evangelium direkt nach der Zusage der himmlischen Stimme (Gottes) zu diesem Jesus, als geliebten Sohn Gottes. Auch hierfür steht Jesus an der Stelle Israels in der Wüste. Der entscheidende Unterschied passiert durch das anschließende nicht nur einmalige, sondern dreimalige Versuchtwerden und Widerstehen Jesu. 
Das Evangelium vom versuchten Jesus steht heute wie zu allen Zeiten den Versuchungen der Menschen gegenüber. Der Sitz im Leben ist für mich nicht zuerst die Identifizierung des versuchten Gläubigen mit Jesus in der Wüste. Für mich spielt an dieser Stelle die existenzielle Bedrohung des Lebens und Glaubens durch das Versuchtwerden im Vordergrund.
Die Menschen beispielsweise, die vor einem Jahr in Hanau Kinder, Verwandte, Freunde, geliebte Menschen durch die Tat eines extremistischen Attentäters verloren haben, werden immer wieder vor die Frage gestellt: Wie lebe ich heute mit diesem Schmerz weiter? Warum kann es so etwas geben und wie konnte das geschehen? Hier in Deutschland mitten unter uns. Hier wird die Versuchung zum Hass, zur Unversöhnlichkeit, zur Rache emotional greifbar. Und es ist aus meiner Sicht großartig, wenn es Menschen gelingt, an diesen Gedenktagen Stille und äußere Ruhe zu bewahren. Damit setzten die Menschen in Hanau das eigentlich große Zeichen: Menschen können in der existenziellen Bedrohung der Versuchung widerstehen. 
Ein solches Verhalten macht mir Mut, zu glauben, dass Menschen bewusst oder unbewusst der Versuchung widerstanden haben, so wie Jesus es getan hat. Und wenn ich jetzt nicht in der Situation bin wie die Menschen in Hanau, kann ich mir doch Gedanken darüber machen, wie ich (als Christ) reagieren möchte. In der Hoffnung für die Menschen in Hanau und für mich, dass danach wie bei Jesus tröstende Engel hinzutreten und aufrichten.

Freitag nach Aschermittwoch 2021

„Lieber Mensch, 
nimm eine Weile Abstand von dem, was dich pausenlos beschäftigt und verwirrt. Lass die vielen Gedanken in deinem Kopf nicht länger kreisen. 
Leg ab die Last der Sorge und ruhe aus von deiner Arbeit. Du darfst dich Gott zuwenden und in ihm zur Ruhe kommen. 
Zieh dich zurück nach innen in dein Herz. Lass alles draußen, was nicht Gott ist oder was dich hindert, zu ihm zu finden. 
Suche Gott bei geschlossener Tür.“
Diese Worte werden dem englischen Bischof Anselm von Canterbury zugeschrieben. Für mich passt gerade der letzte Satz zu dieser beginnenden Fastenzeit: Suche Gott bei geschlossener Tür. Einen inneren Lockdown kann man das wohl nennen. Dieser Begriff „Lockdown“ ist wie das Wort „Fasten“ nicht besonders beliebt. Wahrscheinlich wird es keiner zu seinem Lieblingswort machen. Und doch ruft Anselm (+ 1109) vor über 900 Jahren genau dazu auf: „Zieh dich zurück, lass alles draußen, was nicht Gott ist.“ Ich vermute, dass dies vielen Menschen damals wie heute schwer gefallen ist. Und da stellt sich mir die Frage, warum eigentlich? Ich verstehe, dass Menschen ungeduldig, unruhig, ja sogar ruhelos sind, wenn sie nicht wissen, wie sie finanziell über die Runden kommen sollen. Wenn versprochene Gelder ausbleiben oder der Eindruck entsteht, dass alles steckenbleibt, dann können die Aufrufe des Anselm zynisch klingen. Wenn ich den Eindruck habe, immer allein zu sein, niemanden zum Reden zu haben, dann kann die innere Unruhe immer größer werden.
Und trotzdem ist es eine Wirklichkeit, dass die innere Unruhe, die Verzweiflung, der Frust und die Panik keine Zustände sind, die ich pflegen sollte. Und so verstehe ich Anselms Aufruf: Versuch einmal, den Blick von den belastenden Dingen abzuwenden. Versuch einmal, inneren Abstand von dem zu gewinnen, was sich aufdrängt und wovon ich weiß, dass es nicht gut ist.
Das Evangelium nennt das im Griechischen „metanoiete“, „kehrt um“. Auch dieser Aufruf Jesu am Anfang seines Wirkens lädt dazu ein, den Blick auf das Wesentliche, auf das, was Mut macht, was aufrichtet, zu wenden.
Ich wünsche uns allen einen guten Start in die 40 Tage vor Ostern.

Aschermittwoch 2021

Nach der Fastnacht beginnt die Fastenzeit oder besser die österliche Bußzeit. Zur Erläuterung kann der folgende Text beitragen.

Mit dem Aschermittwoch, dem Tag, an dem man das Bußgewand anlegte und die Stirn mit einem Kreuz aus geweihter Asche zeichnete, beginnt die vierzigtägige Vorbereitung auf das Osterfest: Man fastet bis zur Osternachtsfeier – die Sonntage sind ausgenommen, weil sie an die Auferstehung, d.h. an Ostern, erinnern. Somit dauert die Fastenzeit die symbolische Zahl von 40 Tagen. Mose weilte 40 Tage auf dem Berg Sinai (2. Mose 24,18), Elija wanderte 40 Tage durch die Wüste (1. Könige 19,8) und Jesus fastete 40 Tage vor seiner Versuchung (Matthäus 4,2). 
In der Ostkirche beginnt die Fastenzeit bereits mit dem Sonntag Sexagesimae (2. Sonntag vor Aschermittwoch), da dort zusätzlich die Samstage vom Fasten ausgenommen sind. Die in der evangelischen Kirche übliche Passionszeit fängt am Sonntag Invokavit (Sonntag nach Aschermittwoch) an. Damit bestimmt die Erinnerung an das Leiden Jesu die Vorbereitung auf das Osterfest. Die Fastenzeit war ursprünglich Bußzeit. Heute wird das Fasten unterschiedlich praktiziert: Vom bewussten Verzicht auf lieb gewordene, aber ungesunde oder unnötige Gewohnheiten bis zum verantwortungsvollen Umgang mit den Gaben des Schöpfers ergibt sich eine Fülle von Möglichkeiten zum „Fasten“.

Zwei Impulse zum Nachdenken: 

1. Worauf will ich verzichten oder was reduzieren? 
– meine Arbeitszeit, 
– meine Ausgaben für Rauchen und Alkohol,
– meinen Fernseh-, (Internet-, Smartphone)konsum, 
– meine Autofahrten?
Was würde ich durch „Fasten“ gewinnen?

2. Wo könnte ich im ökologischen Sinn für die gesamte Welt durch mein Fasten einen Beitrag leisten? 

(Vgl. Rummelsberger Brevier. Du bist mir täglich nahe, Gütersloh 2008, S. 500)

Fastnacht 2021

Bild: Michael Bogedain
In: Pfarrbriefservice.de
Predigt zur Fastnacht 2021

Ich grüße Euch zur Fastnacht wieder
wie jedes Jahr gereimt und bieder,
damit Ihr Euch daran erfreut,
wenn nun die Fastnacht eingeläut.
In diesen so verrückten Zeiten
Euch mit Gedanken zu begleiten,
dazu nehm ich die Worte auf,
und hoffe doch: Ihr freut euch drauf.
Denn dies geschieht ganz ohne Glocken,
die sonst so laut zum Kirchgang locken.
Geläut zum Gottesdienst fällt aus.
Allein wohnt dort die Kirchenmaus.

Was mag dies kleine Nagetier
sich denken bei verschlossner Tür?
Wo sind die Menschen, wo die Massen,
die sonst hier in die Kirche passen?
Im März, da ist es nun ein Jahr,
es mit der Kirche seltsam war.
Wenn früher dacht der Pfarrer sich,
„Wie ich nur noch mehr Leute krieg?
Wie kriege ich die Kirche voll,
wenn jeder mich doch hören soll?“
Seit letztem Jahr ist das vorbei.
Die Pandemie treibt Narretei.

Sehr bald schon stellt sich Vorsicht ein.
Solln nicht so viele Menschen rein.
Nur achtundzwanzig, Abstand halten,
mit Masken und mit Namensspalten,
um durch Nachverfolgungsketten
zu wissen, die die Krankheit hätten.
Bislang sind viele hier verschont,
wir merken, dass sich Obacht lohnt.

Der Kirchenmaus ist das egal,
sie wundert sich noch ein, zweimal.
Dann denkt sie sich: „Bei dieser Leere
kommt mir kein Mensch mehr in die Quere.
Ich tanze jetzt im Mittelgang,
das kann so gehen wochenlang.
Heizung auf Grundtemperatur
8 Grad, das reicht zum Leben mir.
Und Stille ist in diesem Raum,
auch draußen fahren Autos kaum.“
Da plötzlich wird die Maus ganz still,
ob ihr das etwas sagen will?

Natürlich ist’s gemeinsam schön,
man freut sich auf das Wiedersehn.
Natürlich ist die Kirche wichtig,
und der Gottesdienst ist richtig.
Doch wenn die Kirchentür ist zu,
find ich auch zu Haus die Ruh‘.
Einmal den inn’ren Abstand wagen
und nicht nach dem Vergang’nen fragen,
was früher vor Coronazeiten
konnte Erfüllung mir bereiten.
Der Abstand, und das wäre ehrlich,
könnt zeigen: Was ist mir entbehrlich?
Und was ist wichtig unbedingt,
damit mein Leben mir gelingt?
Allein die Fragen zuzulassen
lässt mich klare Gedanken fassen.
Denn wer auch gern mal ist allein,
der kann auch gut zu andern sein.

Bei Männerrunden trifft’s oft zu,
da herrscht auch manchmal einfach Ruh‘.
Ganz ungezwungen ist man da,
in Ruhe, ohne viel Hurra.
Bei Frauen geht’s oft anders her,
da spricht man häufig deutlich mehr,
von dies und dem und ab und zu,
und nun ist sogar da mal Ruh.

Die Kirchenmaus denkt sich womöglich,
ob das der Kirche ist zuträglich,
wenn Menschen etwas stiller würden
und nähmen ihres Lebens Hürden
mal anders wahr als wie zuvor,
vielleicht mit etwas mehr Humor.

Ein neues Bewusstsein könnte blühen,
wenn wir uns einmal wiedersehen,
zum Gottesdienst im Gotteshaus,
vielleicht zieht dann die Kirchmaus aus.
Oder sie denkt sich: Ich bleib da,
und freut sich an der Christenschar,
die dann aus der verrückten Zeit
etwas gelernt hat: Achtsamkeit
und auch ein bisschen mehr Geduld
mit eigener und des Anderen Schuld.
Das wär mein Wunsch: Gott hab Erbarmen,
mit mir, der Welt und allen. Amen.

5. Sonntag der Lesereihe 2021

5. Sonntag der Lesereihe 2021

Aus dem Buch Ijob (7,1-4.6-7)
Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf seinen Lohn wartet. So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, sie gehen zu Ende, ohne Hoffnung. Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist!
(Einheitsübersetzung 2017, Katholisches Bibelwerk)

Aus dem Evangelium nach Markus (1,29-31)
Sie verließen sogleich die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas. Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen sogleich mit Jesus über sie und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie diente ihnen.
(Einheitsübersetzung 2017, Katholisches Bibelwerk)

In beiden Bibelstellen, aus dem Buch Ijob und dem Markusevangelium haben wir es mit Krankheit zu tun. Etwas, was die Nachrichten im Fernsehen, Radio und Internet bestimmt. Durch die Pandemie wurde das Leben der meisten Menschen rund um den Globus massiv verändert. Für die Erkrankten wie auch für die bislang vom Virus Verschonten hat sich etwas entwickelt, was auf mich wie ein Tunnel wirkt. Und darum ist auch in den Diskussionen über Impfungen, Lockerungen der Beschränkungen und so weiter von einem „Licht am Ende des Tunnels“ die Rede.
In einem solchen Tunnel sitzt der Prophet Ijob. Geschlagen vom Schicksal, vom Leben, krank und verbittert philosophiert er über das Leben und dessen Sinn oder Unsinn. Diese Erfahrungen teilen und teilten viele Menschen zu allen Zeiten. Und immer wieder haben Menschen wie Ijob diese Schwere im Gebet vor Gott getragen.
Im Markusevangelium wird mit Krankheit ganz anders umgegangen. Das Fieber wie bei der Schwiegermutter des Petrus war in der damaligen Zeit keine Kleinigkeit. Durch die Kürze der Erzählung erscheint es aber so. Es fällt kein Wort, es gibt kein Ritual oder ähnliches. Jesus ging zu ihr hin, fasste sie an und sie richtete sich auf. Das Fieber wich und die Frau konnte wieder ihre Arbeit im Haushalt aufnehmen. So schnell kann das gehen.
Für mich ist diese Kurzform des Markus nur als Hinweis auf die Vollmacht Jesu zu verstehen, von der einige Verse zuvor die Rede ist. Dieser Jesus spricht und handelt in der Vollmacht, in der Kraft Gottes. Das macht das Evangelium des Markus im ersten Kapitel, also ganz zu Anfang bereits klar. Gleichzeitig treten die menschlichen Grundfragen zurück, wie sie der Prophet Ijob im Alten Testament aufwirft. Die Frage nach dem Sinn von Krankheit, von Leid und Tod und dem Leben im Ganzen wird hier nicht gestellt.
Mich zieht dieser heilende und Menschen aufrichtende Jesus im Evangelium meinen Blick ein bisschen aus dem Tunnel. Jesus zieht sich nach der Heilung vieler Menschen in die Stille zurück. Nachdem er das Leben anderer Menschen geheilt hat, sucht er Kraft im Rückzug an einen einsamen Ort, um zu beten. Die beiden Stellen aus der Bibel haben also nicht nur die Krankheit als gemeinsames Thema. Die beiden Stellen haben auch das Gebet, die Zwiesprache mit Gott als gemeinsames Thema. Sie fordern mich in dieser Zeit heraus, mit dem ins Gespräch zu kommen, der uns als Gemeinde, als Kirche, als Weltgemeinschaft in diese Situation geführt hat. Verstehen kann ich das dadurch noch lange nicht. Aber vielleicht kann ich dadurch Kraft für diese Zeit bekommen. Die Kraft, wie sie die Menschen in der Nähe Jesu gespürt haben und die sie später in die Welt hineingetragen haben.

Gebet

Ruf mich beim Namen, Herr,
wenn ich in der Menge 
der Namenlosen mitgehe
und nicht mehr frage: Wohin?

Ruf mich beim Namen, 
wenn ich die Hoffnung
und mich selbst 
verloren habe.
Lass mich beim Klang deiner Stimme
erkennen, dass dir an mir liegt.

Ruf mich beim Namen,
geh mir voran,
wenn ich im Dämmer deine Spur suche 
und die Tür zum Leben.

Eleonore Beck
(Aus: Zu Gott Du sagen. Gebete, Stiftung Haus der action 365, Frankfurt/M. 2020, S. 16)

Ökumenischer Bibelsonntag 2021

Nun kamen sie (Jesus und seine Jünger) in die Stadt Kapernaum. Gleich am nächsten Sabbat ging Jesus in die Synagoge und sprach dort zu den Menschen. Die Zuhörer waren von seinen Worten tief beeindruckt. Denn Jesus lehrte sie mit einer Vollmacht, die Gott ihm verliehen hatte – ganz anders als ihre Schriftgelehrten. In der Synagoge war ein Mann, der von einem bösen Geist beherrscht wurde. Der schrie: »Was willst du von uns, Jesus aus Nazareth? Bist du gekommen, um uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist: Du bist der Heilige, den Gott gesandt hat!« Jesus befahl dem bösen Geist: »Schweig und verlass diesen Menschen!« Da zerrte der böse Geist den Mann hin und her und verließ ihn mit einem lauten Schrei.
Markus-Evangelium, Kapitel 1, Verse 21-26 (Übersetzung „Hoffnung für alle“)

Die Menschen sind von dem, was Jesus im Gottesdienst im jüdischen Versammlungshaus (Synagoge) spricht, „tief beeindruckt“. Der Evangelist Markus betont gleich zu Beginn die Kraft und Vollmacht, die von den Reden Jesu ausgeht. Und trotzdem bleiben bei den Zuhörerinnen und Zuhörern Fragen offen. Dann taucht ein besessener Mann auf, der schreit und Jesus Vorwürfe macht. Er fragt: „Was willst du von uns, Jesus aus Nazareth?“ Die anderen Zuhörer fragen zum Schluss: „Was hat das alles zu bedeuten?“ Ganz so eindeutig scheint die Rede dieses Rabbi Jesus doch nicht gewesen zu sein, so beeindruckend sie auch war. Meine Erfahrungen mit Predigten in verschiedenen Gottesdiensten sind ähnlich. Manchmal denke ich mir anschließend: „Toll gesprochen! Aber wie bringe ich das Gesagte in meinem eigenen Leben unter?“ Oder es stellt sich gar nicht erst die Frage, weil irgendwie alles so klar war, dass ich schon nach kurzer Zeit den allzu einleuchtenden Sinn wieder vergessen habe.
Ein positives Gegenbeispiel ist mir in einem Urlaub am Bodensee vor vielen Jahren passiert. Ich war mit Freunden am Fest Mariae Himmelfahrt (alt-katholisch: Heimgang Mariens am 15. August) im Gottesdienst. Der ältere Pfarrer predigte nicht die üblichen „Herrlichkeiten“, die oft bei Marienfesten verkündet werden. Er sagte schlicht sinngemäß folgendes: „Viele Menschen wünschen sich ein langes Leben hier auf Erden, wollen 90 oder 100 werden, möglichst gesund dabei bleiben. Das ist recht und gut. Aber sie vergessen das ewige Leben. Wenn ich 100 werde, aber anschließend alles aus ist, dann ist das eigentlich nicht viel. Wenn ich aber „nur“ 80 werde und an das ewige Leben glaube, dann lebe ich 80 Jahre … plus ewig. Das ist viel länger.“ Meine Freunde und mich hat diese kurze Botschaft noch lange zum Nachdenken angeregt. Wahrscheinlich deshalb, weil ich diesem alten Priester die Botschaft abgenommen habe. Dazu braucht es außerdem Zeit, bis der Inhalt „rüberkommt“. Ich glaube, dass der bereichernde Inhalt des Glaubens, der Inhalt der Bibel immer ein bisschen anstößig ist und Fragen offen lässt. Und darum kann ich, wie auf Schwarzbrot, lange darauf herumkauen. Für mich heute ist die Botschaft der obengenannten Verse: Jesus hat die Liebe und Versöhnung Gottes so verkündigt, dass Menschen wie der Besessene in der Synagoge befreit wurden. Suchen Sie sich doch an diesem Bibelsonntag ein Wort aus der Bibel, das Sie „anstößt“ und an dem Sie lange herumkauen können.

Sonntag von der Hochzeit zu Kana 2021

„Er hat Wasser in Wein gewandelt 
wie der Schöpfer.
Danach hat er davon getrunken 
wie ein gewöhnlicher Mensch. 

Er hielt sein Gut für sicher, er hat es vermischt, 
während des Hochzeitsmahls.
Er hat vermischt seinen Wein, er hat ihn zum Trank angeboten, 
obwohl er nicht mehr als ein Gast war.“

Dieser Abschnitt aus den Hymnen des Heiligen und Kirchenvaters Ephräm des Syrers (+ 373) steht noch bei den Weihnachtshymnen. Das Evangelium vom Hochzeitsmahl in Kana wird in den Festkreis nach Erscheinung des Herrn eingeordnet, weil Jesus dabei den Anfang seines öffentlichen Wirkens und seiner Zeichen setzt. Wer schon einmal selbst bei einer orientalischen Hochzeit zu Gast war, kann den letzten Vers des Hymnus „obwohl er nicht mehr als ein Gast war“ nachvollziehen. Wer Gast ist, wird bedient und muss vor allem nicht selber für den Wein sorgen. Die Reaktion Jesu auf seine Mutter kann dann auch so gedeutet werden, dass Jesus nicht in den üblichen Ablauf des Hochzeitsmahls eingreifen will. Und die theologisch komponierte Reaktion bzw. Initiative Marias mit dem Satz „Was er euch sagt, das tut“ ermöglicht erst das Durchbrechen des ins Stocken geratenen Festritus und dessen glückliche Wendung. Interessanterweise bekommt das Brautpaar von der Panne vom ausgegangenen Wein gar nichts mit. Der Bräutigam bekommt nur den Rüffel des Tafelmeisters, den besseren Wein scheinbar absichtlich zurückgehalten zu haben.
Im Tagesgebet an diesem Sonntag bitten wir Gott, er möge „uns auf ihn sehen, sein Wort hören und ihm (Jesus) gläubig nachfolgen“ lassen. Damit dies nicht nur schöne Poesie sei, braucht es für die Verwirklichung einen Entschluss, nämlich den Jesus im eigenen Leben wirken zu lassen. Wer weiß, was dann ähnlich wie beim Hochzeitsmahl in Kana bei mir passieren kann? Vielleicht bekomme ich dann wie der Bräutigam von manchen Pannen in meinem Leben gar nichts mit. Ich wünsche mir und Ihnen/Dir für das kommende Jahr eine solche Zuversicht.

Weihnachten 2020

Hymnus der Ostkirche
Vor dem Fest laßt uns die Lieder von Christi Geburt mit frohem Herzen anstimmen; denn er, der dem Vater wesensgleich ist und dem Heiligen Geist, erbarmt sich in Huld, nimmt einen Leib an. Er soll in der Stadt Betlehem geboren werden. Hirten und Engel werden seine wunderbare Geburt besingen. Laßt uns zur Zimbel helle Lieder singen! Der Heroldsruf der Propheten verstummt, die Erscheinung Christi leuchtet herauf. Der, dessen Ankunft unter den Sterblichen sie verkündeten, der wird in der heiligen Höhle geboren und liegt als Kind in der Krippe. Betlehem, rüste dich, Eden, tu dich auf, Land Juda, schmücke dich! Die Himmel sollen sich freuen, jubeln die Menschen; denn das Leben selber liegt in der Krippe, der Reiche in der Grotte, er ist gekommen, durch die Fülle seines Erbarmens der Armut Adams wieder aufzuhelfen, ohne sich zu ändern oder zu vermischen. Zu dir erwache ich in der Frühe: Aus Erbarmen hast du dich um des gefallenen Menschen willen entäußert und Knechtsgestalt angenommen aus der Jungfrau. Wort Gottes, gib mir den Frieden, du Freund der Menschen. Du Sonne, mein Sohn, wie soll ich dich in den Windeln verstecken? Wie soll ich dich festhalten, der du das All zusammenhältst? Wie werde ich dich anschauen können ohne Furcht, da dich die Geister nicht anzuschauen wagen, die viele Augen haben? So spricht, die Christus trägt ohne Gemahl. 
Betlehem, komm und bereite alles für die Geburt. Josef, geh und schreib dich ein mit Maria. Du verehrungswürdige Krippe, ihr Windeln, die ihr Gott tragt, in euch ist das Leben eingehüllt, das einmal die Bande des Todes sprengen wird; mit euch umhüllt er die Sterblichen mit der Unsterblichkeit, er, Christus, unser Gott. 
(Quelle: Lektionar zum Stundenbuch I/1, 2. Lesung für den 24.12., S. 112-113)

Erster Advent 2020

„Seid wachsam“, diese Worte aus dem Mund Jesu wirken in Krisenzeiten bedrohlich. 
Sie wurden und werden von den Auslegern der Bibel auf die anbrechenden Endzeit und das Wiederkommen Jesu gedeutet. Dann ist das Wachbleiben eine Art Vorsichtsmaßnahme, damit mich der wiederkommende Herr nicht schlafend vorfindet, um in der Erzählung Jesu zu bleiben. Und Jesus weist im Evangelium auf die vorgerückte Nachtstunde und die zunehmende Müdigkeit hin.
Und am Ende folgt nochmal als Verstärkung: Bleibt wach! Seid wachsam!
Gönnt uns Zuhörerinnen und Zuhörern Gott unseren Schlaf nicht?
Manchmal habe ich den Eindruck, dass uns gerade die innere Ruhe fehlt. Es scheint mir gerade in diesen Krisenzeiten ein Gebot der Stunde zu sein, dass Menschen einmal zur Ruhe kommen. Und manchem ist die Nachtruhe schon durch das Alter genommen. Manche sehnt sich nach einem gesunden und guten Schlaf, nach Ruhe, nach Entlastung. Jesus ruft nicht zur Ruhelosigkeit oder Rastlosigkeit auf. Das ist ein Phänomen unserer Zeit, wo Menschen kaum mal abschalten können. Ich zähle mich selbst dazu.
Im Evangelium wird vor einer anderen Schläfrigkeit gewarnt. Es gibt eine Schläfrigkeit, die das Wesentliche im Vielerlei der Eindrücke aus dem Blick verliert. Es ist eher eine bewusste Gleichgültigkeit, vor der hier gewarnt wird. Verschlaf nicht den entscheidenden Zeitpunkt! Verpenne nicht den Moment, an dem die Weichen gestellt werden, in der Gesellschaft und im privaten Leben. Für alle, auch für ältere Menschen kann das vielleicht heißen: Weißt Du, wo Du jetzt gefragt bist? Siehst Du, wo Deine Lebenserfahrung, wo Dein Urteil gefordert ist? Womöglich auch Dein Gebet, wenn sonst keiner um Dich herum mehr betet? Das ist Wachsamkeit. Für uns alle heißt es jetzt politisch wachsam zu sein, wenn Kräfte erstarken, die nicht dem inneren Frieden der Gesellschaft dienen. Dann kann ich nicht sagen: „Das geht mich nichts an, das geht mich nichts mehr an.“ Der Ruf zur Wachsamkeit im Evangelium ist nicht bedrohlich. Im Gegenteil. Ich werde aufgerufen, ausgeschlafen zu sein. Überlegt zu urteilen, heißt auch, einen weiteren Horizont zu haben. Einen Blickwinkel der weiter ist als das Alltägliche und Augenscheinliche. Es ist gerade der Türwächter aufgerufen, wach zu sein. Im Evangelium sind wir das alle. Wir alle sollen für unsere Türen und das, was da eintreten will, aufmerksam und wach sein. Manchmal brauche ich Aufmerksamkeit für das, was vor der Tür meines Herzens und meines Geistes steht.
Der Advent ist die Zeit, wo wir auf den warten können, der von sich im Johannesevangelium gesagt hat: Ich bin die Tür. Jesus selbst. Durch Jesus steht mir die Tür zum Vater offen. Mit Wachsamkeit und innerer Ruhe kann ich mich darauf verlassen, dass ich am Ende bei Gott nicht vor verschlossenen Türen stehe. Mir stellt dieses Evangelium zwei Fragen: Wofür muss ich momentan in meinem Leben wach sein, um nicht etwas Wichtiges zu verpassen? Und: Wer oder was braucht gerade jetzt meine besondere Aufmerksamkeit, wo bin ich gefragt?Bleiben wir wach für das Gute und aufmerksam gegenüber inneren Gefahren! Bleiben wir vor allem in der Hoffnung, die uns diese Zeit bringen will!

Allerheiligen 2020

Am Fest Allerheiligen steht der Mensch im Vordergrund: Der Mensch in seiner Beziehung zu Gott und in seinen vielfältigen Beziehungen zur oder zum Anderen, zum Mit-Menschen. Der römisch-katholische Theologe und spätere Regensburger Bischof Johann Michael Sailer (1751-1832) hat in seinem „Vollständigen Gebetbuch“ zu diesem Fest folgendes festgehalten:
„Jetzt sind die Heiligen von allem Übel befreit. Die Zähre ist abgetrocknet von ihren Augen. Keine Hitze des Tags, keine Kühle der Nacht mehr: kein Schmerz, keine Wunde, kein Sterben mehr: kein Hunger, kein Durst, kein Seufzen mehr: kein Neid, kein Zorn, keine Feindschaft, kein Treiben mehr: keine Armut, kein Spott, kein Mangel mehr: keine Reue wegen der Vergangenheit. keine Angst wegen der Gegenwart, keine Furcht wegen der Zukunft mehr: keine Sünde und keine Versuchung zur Sünde — kein Übel mehr in ihrer Umgebung, keines in ihnen. Können wir nicht auch von allem Übel erlöst werden — wenn wir nur wollen?
Die Heiligen sind jetzt bei Jesu Christo. Dieses Sein bei Jesu Christo ist die Quelle der reinsten, der ewigen Freude. Sie sind bei dem, der schon längst der einzige Wunsch ihres Herzens war. Können wir nicht auch zu Jesu Christo kommen -wenn wir nur wollen?
Die Heiligen sind jetzt in Gesellschaft, in der Verbindung mit den besten Menschen. Die böse Nachbarschaft auf Erden ist verwandelt in die edelste Brüderschaft im Himmel. Können wir nicht auch dahin kommen, wo zu sein es ganz gut ist — wenn wir nur wollen?“ (Zitat aus: Johann Michael Sailer. Gebete für Christen, St. Augustin (Verlag Wort und Werk) 1981, 196-197)
Dieser Halbsatz „Wenn wir nur wollen“ kann als überfordernder Imperativ, als versteckter moralischer Zeigefinger interpretiert werden. Das muss er aber nicht. Dieses „Wenn wir nur wollen“ kann als vorgehaltener Spiegel und als Aufforderung zum Nachdenken verstanden werden. Sailer regt zum Perspektivwechsel an. Heilige werden nicht als jenseitige Wesen gesehen, deren Leben unserer Wirklichkeit fremd und „enthoben“ ist. Die Heiligen werden im Gegenteil in ihrer je eigenen Lebenswirklichkeit zu Vorbildern gesehen, gerade im Rückblick auf das Unfertige, das Bedrängende und Zerstörerische im Leben der Heiligen. Dass in den ersten drei Jahrhunderten bis Martin von Tours nur Märtyrer/innen zu Heiligen der Kirche werden konnten, Menschen, die für den Glauben ihr Leben gelassen haben, rührt von der Ernsthaftigkeit der Heiligenverehrung in den ersten Jahrhunderten her. Dieses Verständnis von Heiligsein und -werden macht mit der Beziehungsfrage zu Gott ernst, im wörtlichen Sinne todernst.
Allerheiligen stellt die Beziehungsfragen Gott gegenüber jedes Jahr neu. An Dich und mich. Wenn wir nur wollen, kann Gott und das Leben mit ihm zur Wirklichkeit meines Lebens werden. Wie Johann Michael Sailer es vor über 200 Jahren formulierte: Wenn wir nur wollen.

16. Sonntag der Lesereihe A

Viele in der Gemeinde können mit den Bildern aus der Landwirtschaft im Evangelium etwas anfangen. Sei es, weil sie früher selber einen Bauernhof hatten und als Kinder mithelfen mussten, sei es, weil sie hier in der Umgebung die Felder sehen. Das Gleichnis vom Unkraut im Kornfeld ist zugleich sehr aktuell. Unkraut gab es immer und gibt es auch heute noch. Es wird auf unterschiedliche Weise meistens chemisch bekämpft. Wie und in welchen Mengen diese Mittel für den Menschen schädlich sind, wird immer wieder diskutiert. Wer keine chemisch belasteten Getreide im Brot möchte, muss auf Bioprodukte umsteigen. Da können dann aber schädliche Pflanzenteile aus der Natur drin sein.
Eines jedenfalls ist heute undenkbar und genau das fordert der Bauer von seinen Angestellten: Lasst beides wachen, den Weizen und das Unkraut. Aussortiert wird am Schluss bei der Ernte. Weil das Unkraut vor der Ernte nicht vom Weizen zu unterscheiden war, musste das Unkraut in der Vergangenheit mühsam vom guten Korn getrennt werden. Das wäre heute auch wegen der Maschinen nicht machbar, viel zu aufwändig und teuer.  Jesus möchte seine Zuhörerinnen und Zuhörer allerdings nicht in Pflanzenkunde unterrichten, und ich möchte das auch nicht. Vielmehr wird nach der Ursache des Unkrauts gefragt. Dem Bauern im Gleichnis war klar, wer für das Unkraut in seinem Acker verantwortlich war: Sein Feind. Einer, der es nicht gut mit ihm meinte. Am Ende bei der Deutung des Gleichnisses verschwimmt das Bild vom Weizen und Unkraut sogar soweit, dass die Menschen selbst wie Weizen oder Unkraut sind und entsprechend behandelt werden. Für mich führt dieses Gleichnis darum zu einer grundsätzlichen Entscheidung: Der einleitende Satz des Gleichnisses verrät bereits, worum es geht: Der Bauer mit seinem Acker, dem Weizen und dem Unkraut wird mit dem Himmelreich, mit dem Reich Gottes verglichen. Möglicherweise waren dabei schon die Jünger Jesu und die frühe Christengemeinde mit ihren Gegnern gemeint. Die entscheidende Frage lautet: Wo stehst du als Christ, wo sieht deine Nachfolge aus?
Uns heutigen Menschen drängt sich der Gedanke auf, dass das gute Korn und das Unkraut symbolisch für das Gute und das Schlechte im Menschen, in mir selbst stehen. Manche übertragen dieses Gleichnis so auf sich: Dieser Ackerboden ist das, was ich in meinem Leben bewirtschafte. Was bei mir wächst, ist beides: Weizen und Unkraut. Der Weizen ist das Bild für das Positive, das ich denke, sage, schaffe. Das Unkraut ist das Gegenteil davon. Es steht für das Zerstörerische, das Falsche und Ungerechte in meinem Leben. Wenn ich das so sehe, sollte ich mir vor Augen halten, dass mich das von der Entscheidung für oder gegen Gott nicht entbindet. Im Gegenteil: Gerade das Wissen um das Gute und Schlechte in mir löst ja die Frage aus, wo ich hingehöre, welche Ziele ich verfolge, welche Mittel ich anwende, um meine Ziele zu erreichen. Hier werde ich sogar zu den aktuellen Fragen geführt: Wie denke ich über andere? Habe ich vor anderen Menschen Respekt, auch wenn sie mir zunächst nicht passen? Diese Fragen und deren Antworten wirken sich direkt auf das Zusammenleben aus.
Im Gleichnis und der Deutung von Jesus wird von den Folgen unseres Verhaltens geredet. Die Konsequenzen können bedrohlich erscheinen. Zugleich unterstreicht diese Deutung die Botschaft und provoziert die Entscheidung in den gestellten Fragen. Und zum Schluss tröstet mich die Rede vom Wachsenlassen. Im Projekt Glauben ist Wachstum möglich. Weil Gott wie der Landwirt im Gleichnis Geduld hat und seine Macht nicht ausspielt. Darum ist ein Neuanfang im Glauben möglich, heute und morgen.

12. Sonntag der Lesereihe A

An was denken Sie, wenn Sie den Satz hören: „Fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele in der Hölle verderben kann“?
In der Tradition der Kirchen hat man diese Stelle gern zur Drohung verwendet, wie auch Matthäus Kap. 5,29, wo von der Hölle angesichts von Versuchungen die Rede ist. Auch da wurde bei dieser Stelle an den Teufel gedacht. Für die Deutung auf den Teufel gibt es in der Bibel aber überhaupt keinen Anlass. Denn hier geht es um etwas anderes. Der Teufel tritt am deutlichsten im alttestamentlichen Buch Ijob in Aktion, wo er dem gerechten Ijob alle möglichen Krankheiten an den Hals schickt. Und jeder Hörerin und jedem Hörer oder Leser dieses Buches Ijob ist klar, dass es dabei um die Frage nach Gott und dem Leid geht, denn letztlich ist es auch da Gott, der das Leiden des Ijob zulässt. Ebenso ist das Leiden des Jeremia zu verstehen, von dem wir in der Lesung gehört haben und der mit seinen Gegnern scharf ins Gericht geht. Und letztlich auch das Leiden Jesu und seiner Jünger ist so zu sehen, dass Gott selbst am Werk ist. Wenn Sie also bei „dem, der Leib und Seele in der Hölle verderben kann“ an den Teufel gedacht haben, sind Sie in guter Gesellschaft. Sie liegen aber gemäß der Bibel falsch. Es ist Gott selbst, der hier gemeint ist. 
Wie kann aber solches Reden mit dem barmherzigen, guten, liebenden Gott vereinbar sein? Spricht doch das Evangelium an anderen Stellen gerade von der unbedingten Liebe und Zuwendung Gottes. Und andererseits gibt es gerade darum einen anderen Graben, in den man an dieser Stelle fallen kann.
Für mich steht schon lange der Glaube und das Bekenntnis zu Jesus in der Gefahr, verharmlost und verwässert zu werden. Im Hintergrund einer Verharmlosung steht aber meist die Angst. Was passiert denn mit mir, was passiert denn mit uns, wenn ich das Bekenntnis zu Jesus radikal ernst nehme? Setze ich mich damit dem Gespött der Leute aus? Ja, in manchen Ländern auf dieser Erde bringe ich mich mit dem Bekenntnis zu Jesus, dem Sohn Gottes, in Gefahr. Und auch bei uns hier steht ein Christ nicht automatisch in einem guten Licht, wenn er zu seiner Überzeugung steht. Bereits in den 90er Jahren habe ich das bei Zugfahrten erlebt. Manchmal bin ich mit meiner Bibellektüre mit Menschen sehr unterschiedlich ins Gespräch gekommen. (Damals war ich noch so drauf, dass ich das ganz öffentlich getan habe.) Heute erleben ich da eher eine Gleichgültigkeit bei religiösen Themen.
Es geht also im Evangelium nicht nur um Angst vor der ungewissen Zukunft (das aber sicher auch), sondern um die Frage nach dem Sinn und den Folgen des Bekenntnisses zu Jesus heute. Natürlich wirkt der Satz Jesu aus dem Matthäusevangelium trotzdem hart und verstörend. Er wird aber verständlicher und weniger bedrohlich, wenn die Umgebung dieses Satzes gesehen wird: Jesus ruft gerade zur Furchtlosigkeit auf. Scheinbar haben die Jünger und auch die junge Gemeinde, an die der Evangelist Matthäus diese Worte richtet, ihre Umwelt als beängstigend erlebt. Wem konnte man trauen? Wer stand in der Gefahr, mich oder uns als Gemeinde ans Messer zu liefern? Wer setzt sich dann für mich, für uns ein? Kurz gesagt: Wer rettet mich und uns dann? Der Satz mit dem Aufruf, Gott zu fürchten, Gott im Blick zu behalten, bekommt dann einen anderen Klang.
Glaubst Du in Deiner Angst, in Deiner Enge, dass es einen Gott gibt, dessen Arm weiter reicht, als der Arm der Verfolger? Die jungen Christen wurden also ermutigt, sich auf Gott zu verlassen und die Angst und die Sorge durch Vertrauen zu besiegen. Es geht darum, Gott zuzutrauen, dass er auch dann etwas bewirken, verändern, retten kann, wenn ich mit meinem Latein am Ende bin. Wenn mir gerade das Wasser bis zum Hals steht oder ich mich bedroht fühle. Das Evangelium passt darum gut in unsere Zeit mit ihren weitreichenden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Unsicherheiten.
Gottes Möglichkeiten übersteigen die bedrohliche Situation. Gottes rettende Tat in scheinbar ausweglosen Momenten prägt den Glauben der Bibel im Ganzen und die Verkündigung des Evangeliums Jesu. Der Aufruf zum Bekenntnis ergeht in der Bedrohung und trotz der bedrohlichen Situation der Jünger und ihrer späteren Gemeinden. Eigentlich ist es ein Herausforderung an den Glauben und das Vertrauen, und darum ist diese Stelle aktuell. In diesen Zeiten der Verunsicherungen vielfältiger Art nehmen Menschen ihre Zuflucht zu einfachen Antworten. Ich meine, dass man sich vor unangemessenen Vereinfachungen hüten sollten. Manchmal ist es wie bei der Schriftstelle im Matthäusevangelium von der Hölle. Sie wird erst verständlich, wenn ich versuche, das Ganze im Blick zu behalten. Und mich nicht in meinem Vertrauen erschüttern zu lassen. Die kursierenden Verschwörungstheorien sind Zeichen der Angst und der Suche nach dem oder den Schuldigen. Das Evangelium ruft uns in der Ratlosigkeit und Verunsicherung zum Glauben und Vertrauen auf. Als Herausforderung und Ermunterung.

Aus dem Morgengebet der Ostkirche

3. Gebet (aus den Morgengebeten)
(des heiligen Makarios des Großen)

Bei Dir, menschenliebender Gebieter, nehme ich, vom Schlaf erwacht, meine Zuflucht, und durch Deine Barmherzigkeit mühe ich mich, Deine Werke zu tun und bete zu Dir: Hilf mir zu jeder Zeit und in allen Dingen. Bewahre mich vor jeglichen bösen Dingen dieser Welt und teuflischer Hast. Rette mich und führe mich in Dein ewiges Reich, denn Du bist mein Schöpfer, Fürsorger und Spender alles Guten, auf Dich setze ich meine ganze Zuversicht und sende Dir den Lobpreis empor, jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Amen. (Aus: orthodoxia.de/gebete/gebetbuch/morgengebete)

Dreifaltigkeitsfest 07.06.2020

Das Geheimnis der Trinität, der Dreifaltigkeit begegnet uns in jedem Gottesdienst schon ganz zu Beginn beim Kreuzzeichen. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Darin wird der Glaubenssatz ausgedrückt, den wir mit den Kirchen des Ostens und den Kirchen des Westens gemeinsam haben seit dem 4. Jahrhundert. Dabei ist wie beim Kreuzzeichen die Gefahr groß, dass mir dieses Geheimnis zur Gewohnheit wird, die mir irgendwann nichts mehr sagt und nicht mehr viel bedeutet.

Es gibt auch ein paar Christen, die diesen Glaubenssatz ablehnen, aber von den meisten Christen in den östlichen und westlichen Kirchen wird und wurde dieser Glaube an die Dreifaltigkeit immer weitergetragen. Gerade in der Begegnung mit anderen Religionen wie dem Islam wird das immer wieder zum Problem, weil dort die Einheit Gottes stark betont wird. Was aber kann uns die Dreifaltigkeit bedeuten? 

Dreifaltigkeit bedeutet, dass Gott in sich Beziehung ist. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“ Dieser Satz aus dem Johannesevangelium zeigt die Liebe Gottes auf. Und dass Gott in sich Liebe ist.

Liebe gibt alles. Eine Mutter oder ein Vater gibt normalerweise alles für ihr oder sein Kind. Die Mutter bereits bei der Geburt. Wirklich alles geben kann ich nur aus Liebe. Es passiert nicht aus Leistungswillen, aus Pflichtgefühl oder Druck. Aus Liebe kann ich Dinge, die sonst unmöglich schienen. Gott ist die Liebe. Gott gibt in seinem Sohn Jesus alles für uns. Das ist nicht nur ein Glaubenssatz, sondern eine Erfahrung. Wie kann das erfahren werden?

Wir haben ein Gebetbuch: „Gottzeit“. Das ist sehr empfehlenswert, wenn einem die Worte beim Beten fehlen. Es gibt diverse Gebetsliteratur, es muss nicht unbedingt das Buch „Gottzeit“ sein. Wichtig finde ich, dass ich nicht immer bei meinen eigenen Gedanken stehen bleibe. Im Gebet wird die Beziehung zu Gott spürbar und erfahrbar. Das kann mein Leben bereichern und erfüllen. Im Gebet dreht sich nicht nur alles um mich und meine Angelegenheiten.

Natürlich kann ich auch ohne Buch beten, in der Natur im Garten oder wenn ich vom Randen aus in Richtung Schweiz schaue und diesen wunderbaren Ausblick genieße. Wenn mich das dem Schöpfer aller Dinge näherbringt, ist das Gebet, Begegnung mit Gott. Sogar mit der Zeitung kann ich beten, wenn mich die Meldungen dazu bringen, ins Gebet für die Menschen zu kommen. So kann das Gebet zum Zeichen der Liebe zu Gott und zur Welt werden, in der ich lebe. Und das kann mein Leben bereichern und erfüllen, gerade dann wenn ich den Eindruck habe.

Pfingsten 31.05.2020

Wieder ein Pfingstfest, aber doch diesmal ein ganz anderes.

Wir haben die Lesungen aus der Apostelgeschichte und aus dem Johannesevangelium gehört. Vom Aufbruch einer im wahrsten Sinne des Wortes entflammten Gemeinschaft von ungefähr 120 Frauen und Männern ist da zu hören. Von Menschen, die Feuer und Flamme sind, um die Nachricht des vom Tod auferweckten Jesus Christus, dem Sohn Gottes, zu verbreiten.

Das war zu Beginn nach der Auferstehung Jesu noch ganz anders, davon war im Johannes-Evangelium die Rede. Auch dort bekommen die Jünger bereits den Heiligen Geist im wörtlichen Sinne angehaucht. Allerdings ist die Stimmung deutlich verhaltener. Für mich zeigt sich in diesen unterschiedlichen Erzählungen ganz viel von verschiedenen Geistesübertragungen. Am deutlichsten wird das bei den Sakramenten der Kirche. 

Bei der Taufe und der Firmung, bei der Eucharistie und beim Sakrament der Buße und Versöhnung, das man früher schlicht Beichte genannt hat. Dabei ist auf jeweils verschiedene Art und Weise von der Gabe des Heiligen Geistes die Rede. So werden die Täuflinge im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft und mit heiligem Öl gesalbt. Bei der Firmung wird es am deutlichsten in der Spendeformel: Sei erfüllt, besiegelt und gestärkt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist.  In jeder Eucharistiefeier wird der Heilige Geist auf die Gaben von Brot und Wein herabgerufen, zum Beispiel mit den Worten: Sende deinen heiligen Geist über die Gaben von Brot und Wein, damit sie uns zum Brot des Lebens und zum Kelch des Heiles werden. Die Zusage der Versöhnung mit Gott im Bußsakrament nimmt Bezug auf die Stelle im Johannesevangelium, wo vom Lösen und Behalten der Sünden die Rede ist.

Uns begegnen also auf unterschiedliche Weise Ereignisse im kirchlichen Handeln, die sich direkt auf den Heiligen Geist beziehen. Und doch ist gerade das die Herausforderung für Menschen heute. Das ist erstmal völlig unabhängig von der Frage, wie intensiv das kirchliche Leben der Menschen ist.  Die Herausforderung beginnt für mich viel früher, nämlich bei der Frage, auf welche Weise sich dieser Heilige Geist, der Geist Gottes heute mitteilt. Offenbar hat die Stelle aus dem Johannesevangelium von der Sündenvergebung ihren Sitz im Leben in der Tauffeier der urchristlichen Gemeinde.

Aber genau da kann man doch einhaken: Passiert das Wirken des Geistes Gottes nicht schon viel früher? Wird bei der Taufe sozusagen nur noch öffentlich bestätigt und bekanntgemacht, was sich innerlich schon längst vollzogen hat? Wohlbemerkt haben wir es in der frühen Kirche wohl überwiegend mit erwachsenen Täuflingen zu tun. Diese Menschen waren doch längst zum Glauben gekommen und hatten Gott erlebt und erfahren. Mir erscheint es gerade in diesen Tagen und Wochen so, als ob viele in den Kirchen damit rechnen, dass der Heilige Geist wieder sichtbarer in Erscheinung treten müsste. Ich bin der Überzeugung, dass dieser Geist Gottes jetzt bereits am Werk ist. Und zwar nicht unbedingt im Feuer und im Sturmesbraus, wie es im Pfingsthymnus heißt. Und auch nicht unbedingt im eng gesteckten Rahmen kirchlicher Wirklichkeit. Der Geist weht und wirkt, wo er will. Ja, die Urgemeinde hat laut Apostelgeschichte im gemeinsamen Gebet um diesen Geist gebetet. Aber sein Kommen, sein Wirken, seine Begeisterung konnten die Jüngerinnen und Jünger nicht machen, nicht herbeirufen, nicht erzeugen. 

Das Wirken des Geistes geschieht. Wahrnehmbar, erkennbar wird es erst im Nachhinein, im Nach-denken, im Erinnern. Auch wir werden erst im Nachhinein erfahren, ob und was der Geist Gottes in dieser Zeit jetzt gewirkt hat. Alles Tun der Kirche, alles Beten und Gottesdienstfeiern versetzt uns Gläubige aber zugleich auch in die Gegenwart des Heiligen Geistes. Wann immer die Sakramente gefeiert werden, kann ich bei dieser besonderen Begegnung mit Gott hinzutreten, ob mir das bewusst ist oder nicht. Das ist die andere Seite dieser Zusage des Geistes Gottes. Wo wir als Gemeinde vor Gott sind, sind wir im Namen Gottes und in seinem Geist versammelt. Als Menschen, die jetzt um seinen Geist bitten und als Menschen, die diesen Geist Gottes längst in sich haben.

In diesen unsicheren Zeiten Halt im Geiste Gottes zu finden, scheint mir der rechte Weg zu sein. Um so immer wieder neu und anders Pfingsten feiern zu können, im Erinnern und Vergegenwärtigen. Und um so auch aus dem Geist heraus handeln und für andere wirken zu können.

Wortgottesdienst am 17.05.2020

Dieser erste Gottesdienst ist etwas Besonderes. Für mich und auch für Sie und Euch hier in der Kirche. Außer in der Zeit der Renovierung ist wohl nie über einen so langen Zeitraum in der Kirche kein Gottesdienst gefeiert worden. Und in den Veröffentlichungen des Bistums ist von einer „Wiederaufnahme der Gottesdienste in den Kirchen“ die Rede. Und nun sind wir hier und merken, dass es nicht so ist, wie vor dem 14. März als die Notfallverordnung in Kraft getreten ist, nach der wir keine öffentlichen Gottesdienste feiern durften. Das war vor gut 2 Monaten. Und in der Zwischenzeit war die Fastenzeit, das Osterfest und ein Großteil der Osterzeit, der Zeit, die am 31.05. mit dem Pfingstfest endet, also in zwei Wochen. Das soll an dieser Stelle schon als Rückblick reichen.

War es eine Zeit ohne Kirche? 

Ein Freund von mir, der Pastoraltheologie in Frankfurt am Main lehrt, hat einen Artikel für eine kirchliche Zeitung geschrieben. In diesem Artikel erklärt er die „leeren Kirchenbänke als Mahnung“. Die leeren Kirchenbänke sind ja keine neue Erfahrung. Aber in der Vergangenheit konnte man sich von Seiten der Pfarrerinnen und Pfarrer und ihrer Vorgesetzten immer darüber hinwegtäuschen, dass die Kirchen zunehmend an Bedeutung verlieren. Das wurde in den vergangenen Wochen leider noch eindrücklicher. Aber in manchen Punkten wie in Blumberg haben die Kirchen gezeigt, dass sie auch zu mehr in der Lage sind, als Gottesdienste zu feiern.

Die Hilfe für Menschen, die zum Arzt mussten, selber nicht einkaufen gehen konnten und denen dann die Einkäufe gebraucht wurden, oder die ins Krankenhaus gefahren wurden, diese Hilfe wurde von den Kirchen ganz persönlich unterstützt und das ist ein wichtiger Dienst.

Nein, es war keine Zeit ohne Kirche. Aber vielleicht mit einer anderen Form von Kirche. Und für diejenigen, denen geholfen wurde, war die Kirche nicht unwichtig und nicht bedeutungslos. Wenn dies das neue Bild von Kirche ist, haben wir als Gemeinde und habe ich als Pfarrer etwas aus den vergangenen Wochen gelernt.

Ostern 2020

bei verschlossenen Türen und Fenstern sitzen, aus Vorsicht, Furcht oder Besorgnis. „Bleibt zu Hause.“ Das ist die Wirklichkeit in Deutschland zu Ostern 2020. Ein Virus und dessen Auswirkungen krempeln die gesellschaftlichen Gewohnheiten um. Ostern als fröhliches Frühlingsfest ist in diesem Jahr bei vielen ins Straucheln geraten. Was bleibt vom Fest ohne Ostergottesdienst, ohne Besuche zur Familienfeier oder bei Freunden?

Ich finde die Atmosphäre an diesem Osterfest seltsam, manchmal auch bedrückend und herausfordernd. Und ja, mir fehlt die gemeinsame Feier der Osternacht, am Ostermorgen oder auch an den folgenden Sonntagen. Mir fehlt der Austausch über das, was wir an Ostern vorhaben und wie wir das frühlingshafte Wetter nutzen.  Und zugleich bin ich und sind wir auf diese Weise ganz nah beim allerersten Ostern. Die Jünger waren in den Evangelien in eine für sie völlig neue und beängstigende Situation gestellt. Für sie hat das Gewohnte, die Routine schlagartig aufgehört: Das freie Leben mit Jesus, der ihnen vorausging, der ihnen sagte, wo es lang ging, der offene Umgang mit den Menschen, all das war gestört und abrupt beendet. Im Gegenteil: Das Leben in der Öffentlichkeit war plötzlich gefährlich geworden. Furcht und gegenseitiges Misstrauen breiteten sich aus. Als der Jünger Thomas bei der ersten Erscheinung des auferstandenen Jesus im Johannes-Evangelium fehlte, konnte er den anderen Jüngern nicht glauben. Zweifel hatte sich breit gemacht.

Mir ist klar, dass es schwierig ist, biblische Erzählungen mit momentanen Umständen zu vergleichen. Dazu muss ich immer den Hintergrund der biblischen Erzählung beachten. Was mir aber beim Lesen als Gemeinsames aufgefallen ist, das ist das Unerwartete in der Bibel und in der momentanen Krise. Die Jünger wurden von Jesus überrascht. Sein Auftauchen beim Essen, wie es das Bild von einem Fresko oben zeigt, war nicht zu erwarten. Und auch das, was Jesus zu den Jüngern sagt, passt zunächst scheinbar nicht: Er hat ihnen Frieden gewünscht. Und damit war mehr als der in Israel übliche Gruß „Shalom“ gemeint. Das ist so, wie man sich wie bei uns mit „Guten Tag“ begrüßt. Jesus hat den Jüngern in dem Moment gewünscht, was sie am dringendsten brauchten: Frieden. Das ist für mich der passende Wunsch für unsere Zeit jetzt. Keiner weiß zur Zeit, wie es nach Ostern weitergeht. Wann wir zur „Normalität zurückkehren“ können, wie das in den Medien heute oft gesagt wird, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Das verunsichert schon deswegen, weil damit das wirtschaftliche Leben in eine Schieflage gerät und auch weil sich in dieser Zeit innere und äußere Spannungen aufbauen. Das Zusammenleben in vielen Familien muss sich neu regeln, das fällt vielen immer schwerer.

Das Osterfest kann die Krise nicht aus der Welt schaffen. Aber mich macht es hellhörig, wenn immer wieder Leute jetzt sagen, dass sie sich ein neues Miteinander wünschen. Das lässt mich deshalb aufhorchen, weil sie es ohne die vergangenen Wochen wahrscheinlich so nicht gesagt hätten. Normalität ist etwas Gutes. Ich selber fühle mich wohl, wenn ich weiß, was auf mich zukommt und wie ich mich verhalten soll, was meine Aufgaben sind. Wenn sich da was verändert, kann mich das stören. Jetzt ist vieles anders und damit muss ich, damit müssen wir wohl oder übel umgehen. Dass diese momentane Lage manche Unternehmerinnen und Unternehmer hart trifft, kommt erschwerend hinzu. Und da geht es um die Existenz, zum Teil von ganzen Familien. Erst recht können wir uns fragen, was passiert, wenn die ersten unter uns ernsthaft krank werden. Hier geht es nicht nur um ein irgendwie anonymes „Wir alle“, sondern um Menschen, die ich kenne, die eigene Familie, Leute, mit denen ich sonst meine Freizeit verbringe oder zusammen arbeite. Das Virus ist alles andere als harmlos, nicht nur für die Infizierten.

Das Wort vom Frieden, den Jesus versprach und verspricht, kommt da scheinbar naiv, leichtgläubig daher. Aber das ist eben nur scheinbar. In der verfahrenen Lage der Jünger traf das Wort Frieden den Nerv. Die Jünger fingen an, sich zu freuen. Denn das, was sie da erlebten, war ihnen zutiefst vertraut. Der Evangelist Johannes lässt keinen Zweifel, dass die Jünger, die von Sorge und Missmut niedergedrückt waren, mit einem Mal zu fröhlichen Menschen wurden. Ich glaube, dass der Grund dafür in der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus liegt, wie immer die auch ausgesehen haben mag.

Ein altes Lied beginnt mit der ersten Zeile „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“. Eigentlich ist das kein Osterlied. Aber in der Sprache seiner Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts wird in der dritten Strophe zum Vertrauen aufgerufen: „Du wirst der Menschheit Jammer wenden, so dunkel jetzt dein Weg, o Heil’ger, ist. Drum hört der Glaub‘ nicht auf, zu dir zu flehn; du tust noch über Bitten und Verstehn.“ Vertrauen, dass eine Änderung eintritt, und nicht aufhören, für andere einzustehen, ja auch für andere zu bitten und zu beten, das bekommt in diesen Zeiten einen anderen Klang. Vieles ist jetzt weniger selbstverständlich, selbst bei ganz alltäglichen Dingen und erst recht, wenn es um die wichtigen Dinge im Leben geht. Manche Begegnungen haben sich verändert. Manche Begegnungen haben eine andere Qualität bekommen. Wenn das Treffen von Enkeln und Großeltern nicht mehr selbstverständlich ist, müssen andere Wege gefunden werden, miteinander in Kontakt zu bleiben. Die Stadt Blumberg hat den Bewohnern des Altenheims Tablets zur Verfügung gestellt, damit sie per Videotelefonie mit ihren Angehörigen kommunizieren können. Menschen, die Unterstützung beim Einkauf von Lebensmitteln oder Medikamenten brauchen, können sich an ehrenamtliche Initiativen wenden. Das sind nur wenige Beispiele für Ideen, die anderen zugute kommen und Freude machen. Darin kann, wie bei den Jüngern, für andere, ob bewusst oder nicht, Ostern sichtbar werden. 

Ich wünsche Ihnen und Euch ein anderes, ein neues und intensives Osterfest und uns allen das, was der Auferstandenen seinen Jüngern versprochen hat: Frieden sei mit Euch.

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