Impulse

Impulse und Gedanken

16. Sonntag der Lesereihe A

Viele in der Gemeinde können mit den Bildern aus der Landwirtschaft im Evangelium etwas anfangen. Sei es, weil sie früher selber einen Bauernhof hatten und als Kinder mithelfen mussten, sei es, weil sie hier in der Umgebung die Felder sehen. Das Gleichnis vom Unkraut im Kornfeld ist zugleich sehr aktuell. Unkraut gab es immer und gibt es auch heute noch. Es wird auf unterschiedliche Weise meistens chemisch bekämpft. Wie und in welchen Mengen diese Mittel für den Menschen schädlich sind, wird immer wieder diskutiert. Wer keine chemisch belasteten Getreide im Brot möchte, muss auf Bioprodukte umsteigen. Da können dann aber schädliche Pflanzenteile aus der Natur drin sein.

Eines jedenfalls ist heute undenkbar und genau das fordert der Bauer von seinen Angestellten: Lasst beides wachen, den Weizen und das Unkraut. Aussortiert wird am Schluss bei der Ernte. Weil das Unkraut vor der Ernte nicht vom Weizen zu unterscheiden war, musste das Unkraut in der Vergangenheit mühsam vom guten Korn getrennt werden. Das wäre heute auch wegen der Maschinen nicht machbar, viel zu aufwändig und teuer.  Jesus möchte seine Zuhörerinnen und Zuhörer allerdings nicht in Pflanzenkunde unterrichten, und ich möchte das auch nicht. Vielmehr wird nach der Ursache des Unkrauts gefragt. Dem Bauern im Gleichnis war klar, wer für das Unkraut in seinem Acker verantwortlich war: Sein Feind. Einer, der es nicht gut mit ihm meinte. Am Ende bei der Deutung des Gleichnisses verschwimmt das Bild vom Weizen und Unkraut sogar soweit, dass die Menschen selbst wie Weizen oder Unkraut sind und entsprechend behandelt werden. Für mich führt dieses Gleichnis darum zu einer grundsätzlichen Entscheidung: Der einleitende Satz des Gleichnisses verrät bereits, worum es geht: Der Bauer mit seinem Acker, dem Weizen und dem Unkraut wird mit dem Himmelreich, mit dem Reich Gottes verglichen. Möglicherweise waren dabei schon die Jünger Jesu und die frühe Christengemeinde mit ihren Gegnern gemeint. Die entscheidende Frage lautet: Wo stehst du als Christ, wo sieht deine Nachfolge aus?

Uns heutigen Menschen drängt sich der Gedanke auf, dass das gute Korn und das Unkraut symbolisch für das Gute und das Schlechte im Menschen, in mir selbst stehen. Manche übertragen dieses Gleichnis so auf sich: Dieser Ackerboden ist das, was ich in meinem Leben bewirtschafte. Was bei mir wächst, ist beides: Weizen und Unkraut. Der Weizen ist das Bild für das Positive, das ich denke, sage, schaffe. Das Unkraut ist das Gegenteil davon. Es steht für das Zerstörerische, das Falsche und Ungerechte in meinem Leben. Wenn ich das so sehe, sollte ich mir vor Augen halten, dass mich das von der Entscheidung für oder gegen Gott nicht entbindet. Im Gegenteil: Gerade das Wissen um das Gute und Schlechte in mir löst ja die Frage aus, wo ich hingehöre, welche Ziele ich verfolge, welche Mittel ich anwende, um meine Ziele zu erreichen. Hier werde ich sogar zu den aktuellen Fragen geführt: Wie denke ich über andere? Habe ich vor anderen Menschen Respekt, auch wenn sie mir zunächst nicht passen? Diese Fragen und deren Antworten wirken sich direkt auf das Zusammenleben aus.

Im Gleichnis und der Deutung von Jesus wird von den Folgen unseres Verhaltens geredet. Die Konsequenzen können bedrohlich erscheinen. Zugleich unterstreicht diese Deutung die Botschaft und provoziert die Entscheidung in den gestellten Fragen. Und zum Schluss tröstet mich die Rede vom Wachsenlassen. Im Projekt Glauben ist Wachstum möglich. Weil Gott wie der Landwirt im Gleichnis Geduld hat und seine Macht nicht ausspielt. Darum ist ein Neuanfang im Glauben möglich, heute und morgen.

12. Sonntag der Lesereihe A

An was denken Sie, wenn Sie den Satz hören: „Fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele in der Hölle verderben kann“?

In der Tradition der Kirchen hat man diese Stelle gern zur Drohung verwendet, wie auch Matthäus Kap. 5,29, wo von der Hölle angesichts von Versuchungen die Rede ist. Auch da wurde bei dieser Stelle an den Teufel gedacht. Für die Deutung auf den Teufel gibt es in der Bibel aber überhaupt keinen Anlass. Denn hier geht es um etwas anderes. Der Teufel tritt am deutlichsten im alttestamentlichen Buch Ijob in Aktion, wo er dem gerechten Ijob alle möglichen Krankheiten an den Hals schickt. Und jeder Hörerin und jedem Hörer oder Leser dieses Buches Ijob ist klar, dass es dabei um die Frage nach Gott und dem Leid geht, denn letztlich ist es auch da Gott, der das Leiden des Ijob zulässt. Ebenso ist das Leiden des Jeremia zu verstehen, von dem wir in der Lesung gehört haben und der mit seinen Gegnern scharf ins Gericht geht. Und letztlich auch das Leiden Jesu und seiner Jünger ist so zu sehen, dass Gott selbst am Werk ist. Wenn Sie also bei „dem, der Leib und Seele in der Hölle verderben kann“ an den Teufel gedacht haben, sind Sie in guter Gesellschaft. Sie liegen aber gemäß der Bibel falsch. Es ist Gott selbst, der hier gemeint ist. 

Wie kann aber solches Reden mit dem barmherzigen, guten, liebenden Gott vereinbar sein? Spricht doch das Evangelium an anderen Stellen gerade von der unbedingten Liebe und Zuwendung Gottes. Und andererseits gibt es gerade darum einen anderen Graben, in den man an dieser Stelle fallen kann.

Für mich steht schon lange der Glaube und das Bekenntnis zu Jesus in der Gefahr, verharmlost und verwässert zu werden. Im Hintergrund einer Verharmlosung steht aber meist die Angst. Was passiert denn mit mir, was passiert denn mit uns, wenn ich das Bekenntnis zu Jesus radikal ernst nehme? Setze ich mich damit dem Gespött der Leute aus? Ja, in manchen Ländern auf dieser Erde bringe ich mich mit dem Bekenntnis zu Jesus, dem Sohn Gottes, in Gefahr. Und auch bei uns hier steht ein Christ nicht automatisch in einem guten Licht, wenn er zu seiner Überzeugung steht. Bereits in den 90er Jahren habe ich das bei Zugfahrten erlebt. Manchmal bin ich mit meiner Bibellektüre mit Menschen sehr unterschiedlich ins Gespräch gekommen. (Damals war ich noch so drauf, dass ich das ganz öffentlich getan habe.) Heute erleben ich da eher eine Gleichgültigkeit bei religiösen Themen.

Es geht also im Evangelium nicht nur um Angst vor der ungewissen Zukunft (das aber sicher auch), sondern um die Frage nach dem Sinn und den Folgen des Bekenntnisses zu Jesus heute. Natürlich wirkt der Satz Jesu aus dem Matthäusevangelium trotzdem hart und verstörend. Er wird aber verständlicher und weniger bedrohlich, wenn die Umgebung dieses Satzes gesehen wird: Jesus ruft gerade zur Furchtlosigkeit auf. Scheinbar haben die Jünger und auch die junge Gemeinde, an die der Evangelist Matthäus diese Worte richtet, ihre Umwelt als beängstigend erlebt. Wem konnte man trauen? Wer stand in der Gefahr, mich oder uns als Gemeinde ans Messer zu liefern? Wer setzt sich dann für mich, für uns ein? Kurz gesagt: Wer rettet mich und uns dann? Der Satz mit dem Aufruf, Gott zu fürchten, Gott im Blick zu behalten, bekommt dann einen anderen Klang.

Glaubst Du in Deiner Angst, in Deiner Enge, dass es einen Gott gibt, dessen Arm weiter reicht, als der Arm der Verfolger? Die jungen Christen wurden also ermutigt, sich auf Gott zu verlassen und die Angst und die Sorge durch Vertrauen zu besiegen. Es geht darum, Gott zuzutrauen, dass er auch dann etwas bewirken, verändern, retten kann, wenn ich mit meinem Latein am Ende bin. Wenn mir gerade das Wasser bis zum Hals steht oder ich mich bedroht fühle. Das Evangelium passt darum gut in unsere Zeit mit ihren weitreichenden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Unsicherheiten.

Gottes Möglichkeiten übersteigen die bedrohliche Situation. Gottes rettende Tat in scheinbar ausweglosen Momenten prägt den Glauben der Bibel im Ganzen und die Verkündigung des Evangeliums Jesu. Der Aufruf zum Bekenntnis ergeht in der Bedrohung und trotz der bedrohlichen Situation der Jünger und ihrer späteren Gemeinden. Eigentlich ist es ein Herausforderung an den Glauben und das Vertrauen, und darum ist diese Stelle aktuell. In diesen Zeiten der Verunsicherungen vielfältiger Art nehmen Menschen ihre Zuflucht zu einfachen Antworten. Ich meine, dass man sich vor unangemessenen Vereinfachungen hüten sollten. Manchmal ist es wie bei der Schriftstelle im Matthäusevangelium von der Hölle. Sie wird erst verständlich, wenn ich versuche, das Ganze im Blick zu behalten. Und mich nicht in meinem Vertrauen erschüttern zu lassen. Die kursierenden Verschwörungstheorien sind Zeichen der Angst und der Suche nach dem oder den Schuldigen. Das Evangelium ruft uns in der Ratlosigkeit und Verunsicherung zum Glauben und Vertrauen auf. Als Herausforderung und Ermunterung.

Aus dem Morgengebet der Ostkirche

3. Gebet (aus den Morgengebeten)
(des heiligen Makarios des Großen)

Bei Dir, menschenliebender Gebieter, nehme ich, vom Schlaf erwacht, meine Zuflucht, und durch Deine Barmherzigkeit mühe ich mich, Deine Werke zu tun und bete zu Dir: Hilf mir zu jeder Zeit und in allen Dingen. Bewahre mich vor jeglichen bösen Dingen dieser Welt und teuflischer Hast. Rette mich und führe mich in Dein ewiges Reich, denn Du bist mein Schöpfer, Fürsorger und Spender alles Guten, auf Dich setze ich meine ganze Zuversicht und sende Dir den Lobpreis empor, jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Amen. (Aus: orthodoxia.de/gebete/gebetbuch/morgengebete)

Dreifaltigkeitsfest 07.06.2020

Das Geheimnis der Trinität, der Dreifaltigkeit begegnet uns in jedem Gottesdienst schon ganz zu Beginn beim Kreuzzeichen. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Darin wird der Glaubenssatz ausgedrückt, den wir mit den Kirchen des Ostens und den Kirchen des Westens gemeinsam haben seit dem 4. Jahrhundert. Dabei ist wie beim Kreuzzeichen die Gefahr groß, dass mir dieses Geheimnis zur Gewohnheit wird, die mir irgendwann nichts mehr sagt und nicht mehr viel bedeutet.

Es gibt auch ein paar Christen, die diesen Glaubenssatz ablehnen, aber von den meisten Christen in den östlichen und westlichen Kirchen wird und wurde dieser Glaube an die Dreifaltigkeit immer weitergetragen. Gerade in der Begegnung mit anderen Religionen wie dem Islam wird das immer wieder zum Problem, weil dort die Einheit Gottes stark betont wird. Was aber kann uns die Dreifaltigkeit bedeuten? 

Dreifaltigkeit bedeutet, dass Gott in sich Beziehung ist. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“ Dieser Satz aus dem Johannesevangelium zeigt die Liebe Gottes auf. Und dass Gott in sich Liebe ist.

Liebe gibt alles. Eine Mutter oder ein Vater gibt normalerweise alles für ihr oder sein Kind. Die Mutter bereits bei der Geburt. Wirklich alles geben kann ich nur aus Liebe. Es passiert nicht aus Leistungswillen, aus Pflichtgefühl oder Druck. Aus Liebe kann ich Dinge, die sonst unmöglich schienen. Gott ist die Liebe. Gott gibt in seinem Sohn Jesus alles für uns. Das ist nicht nur ein Glaubenssatz, sondern eine Erfahrung. Wie kann das erfahren werden?

Wir haben ein Gebetbuch: „Gottzeit“. Das ist sehr empfehlenswert, wenn einem die Worte beim Beten fehlen. Es gibt diverse Gebetsliteratur, es muss nicht unbedingt das Buch „Gottzeit“ sein. Wichtig finde ich, dass ich nicht immer bei meinen eigenen Gedanken stehen bleibe. Im Gebet wird die Beziehung zu Gott spürbar und erfahrbar. Das kann mein Leben bereichern und erfüllen. Im Gebet dreht sich nicht nur alles um mich und meine Angelegenheiten.

Natürlich kann ich auch ohne Buch beten, in der Natur im Garten oder wenn ich vom Randen aus in Richtung Schweiz schaue und diesen wunderbaren Ausblick genieße. Wenn mich das dem Schöpfer aller Dinge näherbringt, ist das Gebet, Begegnung mit Gott. Sogar mit der Zeitung kann ich beten, wenn mich die Meldungen dazu bringen, ins Gebet für die Menschen zu kommen. So kann das Gebet zum Zeichen der Liebe zu Gott und zur Welt werden, in der ich lebe. Und das kann mein Leben bereichern und erfüllen, gerade dann wenn ich den Eindruck habe.

Pfingsten 31.05.2020

Wieder ein Pfingstfest, aber doch diesmal ein ganz anderes.

Wir haben die Lesungen aus der Apostelgeschichte und aus dem Johannesevangelium gehört. Vom Aufbruch einer im wahrsten Sinne des Wortes entflammten Gemeinschaft von ungefähr 120 Frauen und Männern ist da zu hören. Von Menschen, die Feuer und Flamme sind, um die Nachricht des vom Tod auferweckten Jesus Christus, dem Sohn Gottes, zu verbreiten.

Das war zu Beginn nach der Auferstehung Jesu noch ganz anders, davon war im Johannes-Evangelium die Rede. Auch dort bekommen die Jünger bereits den Heiligen Geist im wörtlichen Sinne angehaucht. Allerdings ist die Stimmung deutlich verhaltener. Für mich zeigt sich in diesen unterschiedlichen Erzählungen ganz viel von verschiedenen Geistesübertragungen. Am deutlichsten wird das bei den Sakramenten der Kirche. 

Bei der Taufe und der Firmung, bei der Eucharistie und beim Sakrament der Buße und Versöhnung, das man früher schlicht Beichte genannt hat. Dabei ist auf jeweils verschiedene Art und Weise von der Gabe des Heiligen Geistes die Rede. So werden die Täuflinge im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft und mit heiligem Öl gesalbt. Bei der Firmung wird es am deutlichsten in der Spendeformel: Sei erfüllt, besiegelt und gestärkt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist.  In jeder Eucharistiefeier wird der Heilige Geist auf die Gaben von Brot und Wein herabgerufen, zum Beispiel mit den Worten: Sende deinen heiligen Geist über die Gaben von Brot und Wein, damit sie uns zum Brot des Lebens und zum Kelch des Heiles werden. Die Zusage der Versöhnung mit Gott im Bußsakrament nimmt Bezug auf die Stelle im Johannesevangelium, wo vom Lösen und Behalten der Sünden die Rede ist.

Uns begegnen also auf unterschiedliche Weise Ereignisse im kirchlichen Handeln, die sich direkt auf den Heiligen Geist beziehen. Und doch ist gerade das die Herausforderung für Menschen heute. Das ist erstmal völlig unabhängig von der Frage, wie intensiv das kirchliche Leben der Menschen ist.  Die Herausforderung beginnt für mich viel früher, nämlich bei der Frage, auf welche Weise sich dieser Heilige Geist, der Geist Gottes heute mitteilt. Offenbar hat die Stelle aus dem Johannesevangelium von der Sündenvergebung ihren Sitz im Leben in der Tauffeier der urchristlichen Gemeinde.

Aber genau da kann man doch einhaken: Passiert das Wirken des Geistes Gottes nicht schon viel früher? Wird bei der Taufe sozusagen nur noch öffentlich bestätigt und bekanntgemacht, was sich innerlich schon längst vollzogen hat? Wohlbemerkt haben wir es in der frühen Kirche wohl überwiegend mit erwachsenen Täuflingen zu tun. Diese Menschen waren doch längst zum Glauben gekommen und hatten Gott erlebt und erfahren. Mir erscheint es gerade in diesen Tagen und Wochen so, als ob viele in den Kirchen damit rechnen, dass der Heilige Geist wieder sichtbarer in Erscheinung treten müsste. Ich bin der Überzeugung, dass dieser Geist Gottes jetzt bereits am Werk ist. Und zwar nicht unbedingt im Feuer und im Sturmesbraus, wie es im Pfingsthymnus heißt. Und auch nicht unbedingt im eng gesteckten Rahmen kirchlicher Wirklichkeit. Der Geist weht und wirkt, wo er will. Ja, die Urgemeinde hat laut Apostelgeschichte im gemeinsamen Gebet um diesen Geist gebetet. Aber sein Kommen, sein Wirken, seine Begeisterung konnten die Jüngerinnen und Jünger nicht machen, nicht herbeirufen, nicht erzeugen. 

Das Wirken des Geistes geschieht. Wahrnehmbar, erkennbar wird es erst im Nachhinein, im Nach-denken, im Erinnern. Auch wir werden erst im Nachhinein erfahren, ob und was der Geist Gottes in dieser Zeit jetzt gewirkt hat. Alles Tun der Kirche, alles Beten und Gottesdienstfeiern versetzt uns Gläubige aber zugleich auch in die Gegenwart des Heiligen Geistes. Wann immer die Sakramente gefeiert werden, kann ich bei dieser besonderen Begegnung mit Gott hinzutreten, ob mir das bewusst ist oder nicht. Das ist die andere Seite dieser Zusage des Geistes Gottes. Wo wir als Gemeinde vor Gott sind, sind wir im Namen Gottes und in seinem Geist versammelt. Als Menschen, die jetzt um seinen Geist bitten und als Menschen, die diesen Geist Gottes längst in sich haben.

In diesen unsicheren Zeiten Halt im Geiste Gottes zu finden, scheint mir der rechte Weg zu sein. Um so immer wieder neu und anders Pfingsten feiern zu können, im Erinnern und Vergegenwärtigen. Und um so auch aus dem Geist heraus handeln und für andere wirken zu können.

Wortgottesdienst am 17.05.2020

Dieser erste Gottesdienst ist etwas Besonderes. Für mich und auch für Sie und Euch hier in der Kirche. Außer in der Zeit der Renovierung ist wohl nie über einen so langen Zeitraum in der Kirche kein Gottesdienst gefeiert worden. Und in den Veröffentlichungen des Bistums ist von einer „Wiederaufnahme der Gottesdienste in den Kirchen“ die Rede. Und nun sind wir hier und merken, dass es nicht so ist, wie vor dem 14. März als die Notfallverordnung in Kraft getreten ist, nach der wir keine öffentlichen Gottesdienste feiern durften. Das war vor gut 2 Monaten. Und in der Zwischenzeit war die Fastenzeit, das Osterfest und ein Großteil der Osterzeit, der Zeit, die am 31.05. mit dem Pfingstfest endet, also in zwei Wochen. Das soll an dieser Stelle schon als Rückblick reichen.

War es eine Zeit ohne Kirche? 

Ein Freund von mir, der Pastoraltheologie in Frankfurt am Main lehrt, hat einen Artikel für eine kirchliche Zeitung geschrieben. In diesem Artikel erklärt er die „leeren Kirchenbänke als Mahnung“. Die leeren Kirchenbänke sind ja keine neue Erfahrung. Aber in der Vergangenheit konnte man sich von Seiten der Pfarrerinnen und Pfarrer und ihrer Vorgesetzten immer darüber hinwegtäuschen, dass die Kirchen zunehmend an Bedeutung verlieren. Das wurde in den vergangenen Wochen leider noch eindrücklicher. Aber in manchen Punkten wie in Blumberg haben die Kirchen gezeigt, dass sie auch zu mehr in der Lage sind, als Gottesdienste zu feiern.

Die Hilfe für Menschen, die zum Arzt mussten, selber nicht einkaufen gehen konnten und denen dann die Einkäufe gebraucht wurden, oder die ins Krankenhaus gefahren wurden, diese Hilfe wurde von den Kirchen ganz persönlich unterstützt und das ist ein wichtiger Dienst.

Nein, es war keine Zeit ohne Kirche. Aber vielleicht mit einer anderen Form von Kirche. Und für diejenigen, denen geholfen wurde, war die Kirche nicht unwichtig und nicht bedeutungslos. Wenn dies das neue Bild von Kirche ist, haben wir als Gemeinde und habe ich als Pfarrer etwas aus den vergangenen Wochen gelernt.

Ostern 2020

bei verschlossenen Türen und Fenstern sitzen, aus Vorsicht, Furcht oder Besorgnis. „Bleibt zu Hause.“ Das ist die Wirklichkeit in Deutschland zu Ostern 2020. Ein Virus und dessen Auswirkungen krempeln die gesellschaftlichen Gewohnheiten um. Ostern als fröhliches Frühlingsfest ist in diesem Jahr bei vielen ins Straucheln geraten. Was bleibt vom Fest ohne Ostergottesdienst, ohne Besuche zur Familienfeier oder bei Freunden?

Ich finde die Atmosphäre an diesem Osterfest seltsam, manchmal auch bedrückend und herausfordernd. Und ja, mir fehlt die gemeinsame Feier der Osternacht, am Ostermorgen oder auch an den folgenden Sonntagen. Mir fehlt der Austausch über das, was wir an Ostern vorhaben und wie wir das frühlingshafte Wetter nutzen.  Und zugleich bin ich und sind wir auf diese Weise ganz nah beim allerersten Ostern. Die Jünger waren in den Evangelien in eine für sie völlig neue und beängstigende Situation gestellt. Für sie hat das Gewohnte, die Routine schlagartig aufgehört: Das freie Leben mit Jesus, der ihnen vorausging, der ihnen sagte, wo es lang ging, der offene Umgang mit den Menschen, all das war gestört und abrupt beendet. Im Gegenteil: Das Leben in der Öffentlichkeit war plötzlich gefährlich geworden. Furcht und gegenseitiges Misstrauen breiteten sich aus. Als der Jünger Thomas bei der ersten Erscheinung des auferstandenen Jesus im Johannes-Evangelium fehlte, konnte er den anderen Jüngern nicht glauben. Zweifel hatte sich breit gemacht.

Mir ist klar, dass es schwierig ist, biblische Erzählungen mit momentanen Umständen zu vergleichen. Dazu muss ich immer den Hintergrund der biblischen Erzählung beachten. Was mir aber beim Lesen als Gemeinsames aufgefallen ist, das ist das Unerwartete in der Bibel und in der momentanen Krise. Die Jünger wurden von Jesus überrascht. Sein Auftauchen beim Essen, wie es das Bild von einem Fresko oben zeigt, war nicht zu erwarten. Und auch das, was Jesus zu den Jüngern sagt, passt zunächst scheinbar nicht: Er hat ihnen Frieden gewünscht. Und damit war mehr als der in Israel übliche Gruß „Shalom“ gemeint. Das ist so, wie man sich wie bei uns mit „Guten Tag“ begrüßt. Jesus hat den Jüngern in dem Moment gewünscht, was sie am dringendsten brauchten: Frieden. Das ist für mich der passende Wunsch für unsere Zeit jetzt. Keiner weiß zur Zeit, wie es nach Ostern weitergeht. Wann wir zur „Normalität zurückkehren“ können, wie das in den Medien heute oft gesagt wird, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Das verunsichert schon deswegen, weil damit das wirtschaftliche Leben in eine Schieflage gerät und auch weil sich in dieser Zeit innere und äußere Spannungen aufbauen. Das Zusammenleben in vielen Familien muss sich neu regeln, das fällt vielen immer schwerer.

Das Osterfest kann die Krise nicht aus der Welt schaffen. Aber mich macht es hellhörig, wenn immer wieder Leute jetzt sagen, dass sie sich ein neues Miteinander wünschen. Das lässt mich deshalb aufhorchen, weil sie es ohne die vergangenen Wochen wahrscheinlich so nicht gesagt hätten. Normalität ist etwas Gutes. Ich selber fühle mich wohl, wenn ich weiß, was auf mich zukommt und wie ich mich verhalten soll, was meine Aufgaben sind. Wenn sich da was verändert, kann mich das stören. Jetzt ist vieles anders und damit muss ich, damit müssen wir wohl oder übel umgehen. Dass diese momentane Lage manche Unternehmerinnen und Unternehmer hart trifft, kommt erschwerend hinzu. Und da geht es um die Existenz, zum Teil von ganzen Familien. Erst recht können wir uns fragen, was passiert, wenn die ersten unter uns ernsthaft krank werden. Hier geht es nicht nur um ein irgendwie anonymes „Wir alle“, sondern um Menschen, die ich kenne, die eigene Familie, Leute, mit denen ich sonst meine Freizeit verbringe oder zusammen arbeite. Das Virus ist alles andere als harmlos, nicht nur für die Infizierten.

Das Wort vom Frieden, den Jesus versprach und verspricht, kommt da scheinbar naiv, leichtgläubig daher. Aber das ist eben nur scheinbar. In der verfahrenen Lage der Jünger traf das Wort Frieden den Nerv. Die Jünger fingen an, sich zu freuen. Denn das, was sie da erlebten, war ihnen zutiefst vertraut. Der Evangelist Johannes lässt keinen Zweifel, dass die Jünger, die von Sorge und Missmut niedergedrückt waren, mit einem Mal zu fröhlichen Menschen wurden. Ich glaube, dass der Grund dafür in der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus liegt, wie immer die auch ausgesehen haben mag.

Ein altes Lied beginnt mit der ersten Zeile „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“. Eigentlich ist das kein Osterlied. Aber in der Sprache seiner Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts wird in der dritten Strophe zum Vertrauen aufgerufen: „Du wirst der Menschheit Jammer wenden, so dunkel jetzt dein Weg, o Heil’ger, ist. Drum hört der Glaub‘ nicht auf, zu dir zu flehn; du tust noch über Bitten und Verstehn.“ Vertrauen, dass eine Änderung eintritt, und nicht aufhören, für andere einzustehen, ja auch für andere zu bitten und zu beten, das bekommt in diesen Zeiten einen anderen Klang. Vieles ist jetzt weniger selbstverständlich, selbst bei ganz alltäglichen Dingen und erst recht, wenn es um die wichtigen Dinge im Leben geht. Manche Begegnungen haben sich verändert. Manche Begegnungen haben eine andere Qualität bekommen. Wenn das Treffen von Enkeln und Großeltern nicht mehr selbstverständlich ist, müssen andere Wege gefunden werden, miteinander in Kontakt zu bleiben. Die Stadt Blumberg hat den Bewohnern des Altenheims Tablets zur Verfügung gestellt, damit sie per Videotelefonie mit ihren Angehörigen kommunizieren können. Menschen, die Unterstützung beim Einkauf von Lebensmitteln oder Medikamenten brauchen, können sich an ehrenamtliche Initiativen wenden. Das sind nur wenige Beispiele für Ideen, die anderen zugute kommen und Freude machen. Darin kann, wie bei den Jüngern, für andere, ob bewusst oder nicht, Ostern sichtbar werden. 

Ich wünsche Ihnen und Euch ein anderes, ein neues und intensives Osterfest und uns allen das, was der Auferstandenen seinen Jüngern versprochen hat: Frieden sei mit Euch.

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