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Symposium zum Abschied von Bischof Matthias Ring fragt nach dem Verhältnis von Kirche und Politik

08.09.2026

Der Saal im Haus der Evangelischen Kirche in Bonn war bis auf den letzten Platz gefüllt. Bischöfinnen und Bischöfe aus der Utrechter Union, Vertreterinnen und Vertreter anderer Kirchen, viele Pfarrerinnen und Pfarrer, Alt-Katholikinnen und Alt-Katholiken aus ganz unterschiedlichen Gemeinden und Weggefährten aus verschiedenen Lebenszusammenhängen waren gekommen. Am Vorabend seines Amtsverzichts hatte Bischof Matthias Ring zu einem Symposium eingeladen, das sich einem Thema widmete, das ihn nicht nur wissenschaftlich, sondern auch während seiner 16 Jahre im Bischofsamt immer wieder beschäftigt hatte: „Kirche und Politik. Zwischen unpolitischem Katholizismus und der AfD“.

Bischof Dr. Matthias Ring

Dass diese Frage keineswegs theoretisch ist, machte Ring gleich zu Beginn mit feinem Humor deutlich. Während seiner Amtszeit sei immer wieder der Wunsch an ihn herangetragen worden, der Bischof möge sich doch zu diesem oder jenem gesellschaftlichen Thema eindeutig äußern. Dabei, so Rings augenzwinkernde Beobachtung, erwarte derjenige, der eine solche Stellungnahme einfordere, in aller Regel selbstverständlich, dass der Bischof anschließend genau die eigene Position vertrete.

Damit war die Spannung des Abends bereits beschrieben: Soll Kirche politisch Stellung beziehen? Wer darf für sie sprechen? Wie eindeutig darf sie sein? Und was geschieht mit denen, die innerhalb der Kirche anderer Meinung sind?

Nach der Vorstellung des Podiums durch Thomas Wystrach zeichnete Ring zunächst die Geschichte des sogenannten „unpolitischen Katholizismus“ nach. Dieses Konzept prägte den deutschen Alt-Katholizismus bis 1945. Religion und Politik galten als getrennte Bereiche. Christinnen und Christen sollten zwar aus ihrem Glauben heraus gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, die Kirche als Institution aber zu politischen Fragen schweigen. Die entscheidende Schwäche dieses Modells zeigte sich spätestens in der Zeit des Nationalsozialismus. Und auch grundsätzlich bleibt die Frage: Wie sollen sich verantwortliche Persönlichkeiten bilden, wenn die Kirche selbst als Ort der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen ausfällt?

Für Ring führte deshalb ein zentraler Gedanke des Abends zu den Diskursräumen. Die Kirche müsse Möglichkeiten schaffen, in denen unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch kommen können. Dabei sei ihm der Diskurs letztlich wichtiger als eine abschließende Stellungnahme. Kirche dürfe nicht zu einer gesellschaftspolitischen „Jukebox“ werden, die zu jedem Thema eine fertige Melodie ausspuckt.

Prof. Andreas Krebs griff Rings historischen Befund auf, stellte ihm aber einen anderen Strang alt-katholischer Tradition zur Seite. Der Schweizer christkatholische Theologe Ernst Gaugler hatte nach dem Zweiten Weltkrieg danach gefragt, wie Kirche politisch sprachfähig sein könne. Seine Antwort: Kirche darf sich mit keiner politischen Strömung und keinem Parteiprogramm identifizieren. Nicht weil sie weniger will als die Politik, sondern weil die Freiheit, von der das Evangelium spricht, größer ist als jedes politische Programm. Gerade deshalb könne Kirche bei grundlegenden Fragen nicht schweigen.

Krebs machte zugleich deutlich, dass der „unpolitische Katholizismus“ seine frühere integrative Kraft inzwischen verloren habe. Denn längst ist auch innerhalb der alt-katholischen Kirche umstritten, ob politisches Schweigen tatsächlich der richtige Weg ist. Synoden und Synodalvertretung haben in den vergangenen Jahren mehrfach zum Rechtsextremismus und zur Unvereinbarkeit völkischen Denkens mit dem christlichen Glauben Stellung bezogen.

Dabei sei es eine besondere Stärke alt-katholischer Synodalität, dass klare Beschlüsse möglich sind, ohne abweichende Meinungen aus der Kirche auszuschließen. Wer bei einer Synodenentscheidung zur Minderheit gehört, wird nicht exkommuniziert und bleibt selbstverständlich alt-katholisch. Krebs sprach hier von einer notwendigen „synodalen Reife“ und Ambiguitätstoleranz: Position beziehen und zugleich aushalten, dass andere zu einem anderen Urteil kommen.

Mit dem christkatholischen Theologen Kurt Stalder verwies Krebs dabei auf den Begriff der „Intersubjektivität“: Gespräch, geteilte Einsicht und wechselseitiges Verstehen sind nicht nur eine Methode, sondern gehören selbst zum christlichen Glauben, in dessen Zentrum Nächstenliebe und Versöhnung stehen. Allerdings hat auch dieser Diskurs eine Grenze. Wo Menschen ihr gleichwertiges Subjektsein abgesprochen wird, werden die Voraussetzungen des Gesprächs selbst zerstört. Beim Rechtsextremismus sieht Krebs diese Grenze erreicht.

Professorin Dr. Anna Maria Riedl

Prof. Anna Maria Riedl näherte sich dem Thema aus der Perspektive der christlichen Sozialethik. Mit Johann Baptist Metz erinnerte sie an die Gefahr einer „bürgerlichen Religion“: eines Christentums, das sich ins Private zurückzieht, gesellschaftliche Konflikte vermeidet und schließlich vor allem zur religiösen Begleitung des eigenen Lebens wird.

Riedl unterschied dabei zwischen „Politik“ und „dem Politischen“. Politik meint Parteien, Institutionen und die Organisation des Zusammenlebens. Das Politische entsteht dagegen dort, wo Menschen miteinander in Beziehung treten, wo unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen und wo bislang überhörte Stimmen hörbar werden.

In diesem Sinne, so Riedl, ist bereits die Gottesfrage politisch. Denn das Evangelium spricht jedem Menschen das gleiche Subjektsein vor Gott zu. Wo Menschenfeindlichkeit und Unterdrückung dieses Subjektsein bestreiten, kann christlicher Glaube nicht neutral bleiben.

Am Ende ihres Statements zitierte Riedl eine Stellungnahme der Evangelischen Kirche von Westfalen, die diesen Gedanken bemerkenswert zugespitzt formuliert: Spiritualität und gesellschaftliches Engagement seien zwei Seiten des christlichen Glaubens. Wer sich nicht für die Lebensbedingungen armer und benachteiligter Menschen und eine gerechte Gestaltung von Gesellschaft und Wirtschaft interessiere, „der sollte in Anlehnung an die Botschaft des Propheten Amos auch keine Gottesdienste feiern“.

Pfarrer Jürgen Wenge aus Köln brachte anschließend ganz bewusst die Perspektive eines Gemeindepfarrers ein. Für ihn ist die Frage nach Kirche und Politik auch biografisch geprägt. Aufgewachsen in einem liberalen Ruhrgebietskatholizismus der 1970er- und 1980er-Jahre, geprägt von der Angst vor einem Atomkrieg, der Nachrüstungsdebatte, Ostermärschen, Eine-Welt-Bewegung und Befreiungstheologie, sei für ihn christlicher Glaube ohne gesellschaftliche Verantwortung kaum vorstellbar.

Doch was bedeutet das für den konkreten Gemeindealltag – gerade dann, wenn zur Gemeinde auch Menschen mit rechten politischen Überzeugungen gehören? Wenge beschrieb einen Spagat, der vermutlich vielen Seelsorgerinnen und Seelsorgern vertraut ist. Menschenfeindlichen Positionen müsse er aus Treue zur biblischen Botschaft klar widersprechen. Das Zusammenleben verschiedener Menschen in ihrer Verschiedenheit sei tief in die biblische Botschaft eingeschrieben; Solidarität und Empathie seien christliche Kategorien. Gleichzeitig blieben auch Menschen, deren politische Positionen er entschieden ablehne, Menschen mit Sorgen und Freuden und Mitglieder seiner Gemeinde. Sie dürften weiterhin mit seiner Zuwendung und Empathie rechnen.

Podium – von rechts nach links: Prof. Dr. Andreas Krebs, Profin. Dr. Anna Riedl, Bischof Dr. Matthias Ring, Thomas Wystrach, Dr. Benjamin Limbach, Jürgen Wenge

In der anschließenden Diskussion rückte immer wieder die Frage in den Mittelpunkt, welche Bedeutung politische Stellungnahmen einer kleinen Kirche mit rund 16.000 Mitgliedern überhaupt haben können. Krebs erinnerte selbstironisch daran, dass Alt-Katholikinnen und Alt-Katholiken gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit durchaus gewohnt seien. Das könne aber kein Argument fürs Schweigen sein. Die Kirche werde auch außerhalb ihrer eigenen Mitgliedschaft gehört und solle sich nicht selbst „verzwergen“. Zudem könne eine klare Positionierung der Bistumsleitung gerade denjenigen den Rücken stärken, die sich in den Gemeinden vor Ort engagieren.

NRW-Justizminister Dr. Benjamin Limbach nahm den Gedanken der Kleinheit auf. Selbst wenn die unmittelbare gesellschaftliche Wirkung begrenzt sei, hätten kirchliche Stellungnahmen eine Bedeutung für die eigene Selbstvergewisserung: Eine Gemeinschaft verständigt sich darüber, wofür sie steht. Dabei müsse sie sich allerdings stets bewusst bleiben, dass ihre eigenen Aussagen keine absoluten Wahrheiten sind. Auch Kirche ist fehlbar. Diese Fehlbarkeit zog sich wie ein roter Faden durch die weitere Diskussion. Ring erinnerte daran, wie zeitgebunden kirchliche Aussagen sein können. Krebs verwies auf die eigene alt-katholische Geschichte und auf Rings wissenschaftliche Aufarbeitung der Verstrickungen der Kirche während des Nationalsozialismus. Wer heute von anderen eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Positionen verlangt, muss deshalb auch zur Selbstkritik gegenüber der eigenen Geschichte bereit sein.

Für einen durchaus heiteren Moment sorgte Moderator Thomas Wystrach, als er eine Broschüre des Bonifatiuswerks mit dem Titel „Das Christliche in der AfD“ präsentierte: Sie bestand aus leeren Seiten. Doch auch die plakative Botschaft wurde zum Anlass für Differenzierung. Gibt es nicht Positionen, die auf den ersten Blick durchaus christlich erscheinen können – etwa beim sogenannten Lebensschutz? Riedl verwies auf Forschungsarbeiten, die solche Argumentationen genauer untersucht haben. Entscheidend sei, welches Menschenbild tatsächlich dahinterstehe und wem Schutz und gleiche Würde zugesprochen würden.

Limbach warnte zugleich davor, dass Kirche sich an einer einzelnen Partei abarbeite. Sie müsse politische Positionen und Inhalte beurteilen und gegebenenfalls klar verurteilen, dürfe sich aber nicht parteipolitisch instrumentalisieren lassen. Aus seiner eigenen Jugend erinnerte er an römisch-katholische Hirtenworte, bei denen der Eindruck entstehen konnte, Christinnen und Christen werde sehr deutlich nahegelegt, welche Partei sie wählen sollten – und welche nicht.

Riedl weitete den Blick ebenfalls über die AfD hinaus. Die entscheidende Frage sei größer: Was geschieht gegenwärtig in der Gesellschaft? Hass, Gewalt und Verrohung seien Phänomene, mit denen sich Kirche auseinandersetzen müsse.

Und auch die vermeintliche Bedeutungslosigkeit einer kleinen Kirche wurde relativiert. Wystrach erinnerte daran, dass Alt-Katholikinnen und Alt-Katholiken vielfach gemeinsam mit anderen Kirchen und gesellschaftlichen Gruppen aktiv sind. Gerade in solchen Kooperationen entstehe eine bemerkenswerte Graswurzelbewegung und durchaus öffentliche Sichtbarkeit.

Auch aus dem Publikum wurde immer wieder betont, dass eine völlig unpolitische Kirche keine Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart sein könne. Mehrfach wurde der Wunsch formuliert, dass die Bistumsleitung durch klare Positionierungen den Gemeinden und den dort Engagierten den Rücken stärkt.

Dass solche Entscheidungen allerdings Folgen haben, erinnerte Pfarrer Thomas Schüppen aus Bonn. Der Synodenbeschluss zum Umgang mit extremistischen Parteien habe auch dazu geführt, dass Menschen die alt-katholische Kirche verlassen hätten.

Wenge betonte deshalb erneut die Notwendigkeit, um Menschen zu werben und im Gespräch zu bleiben. Limbach formulierte ähnlich: Politische Positionen dürften und müssten klar verurteilt werden, trotzdem sollte man vorsichtig damit sein, einem Menschen das Christsein abzusprechen. Gerade die alt-katholische Tradition, die keine Exkommunikation der Andersdenkenden kennt und um die eigene Fehlbarkeit weiß, könne dabei eine Stärke sein.

In seinem Schlusswort nahm Bischof Matthias Ring diesen Gedanken noch einmal auf. Kirche müsse wegkommen von moralischen Urteilen über Menschen und stattdessen Räume schaffen, in denen miteinander geredet und gestritten werden könne. Vielleicht helfe dabei ausgerechnet die Kleinheit der alt-katholischen Kirche: Man kennt einander. Man begegnet sich wieder. Und deshalb kann man den anderen nicht so einfach in eine moralische Ecke stellen und dort zurücklassen.

Vielleicht lag darin am Ende so etwas wie ein Vermächtnis des scheidenden Bischofs an seine Kirche: nicht weniger streiten, sondern besser. Positionen benennen, wo es notwendig ist. Widersprechen, wo Menschenwürde und Gleichwertigkeit infrage gestellt werden. Aber zugleich die eigene Fehlbarkeit nicht vergessen und den Menschen hinter seiner politischen Position nicht aus dem Blick verlieren.

Nach dem offiziellen Ende des Symposiums blieben die Gäste noch lange beim Imbiss zusammen. An den Tischen wurde weiterdiskutiert, widersprochen, nachgefragt und miteinander gelacht. Wenn Matthias Ring sich für seine Kirche mehr Diskussionsräume wünscht, dann hatte dieser Abend jedenfalls einige davon geöffnet. (Andreas Sturm)

in der ersten Reihe von rechts nach links: Erzbischof Bernd Wallet, Bischof em. Harald Rein, Bischöfin Maria Kubin, Bischof Frank Bangerter, Erzbischof em. Joris Vercammen, Bischof em. Dirk Jan Schoon, Lidwien van Buuren

 

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