Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen August 2018 von Daniel Saam

Positionen August 2018

Liebe Hörerinnen und Hörer!

Gehören Sie einer Kirche an? Oder: Haben Sie mal einer Kirche angehört und sind dann irgendwann aber ausgetreten? Oder: Waren Sie noch nie Mitglied einer Kirche und wissen vielleicht gar nicht so genau, was Kirche eigentlich ist und was sie soll?

Binnenkirchlich wird immer wieder davon gesprochen, dass das Pfingstfest so etwas wie der Geburtstag der Kirche sei. Die Apostelgeschichte spricht in ihrer Pfingsterzählung von beeindruckenden Phänomenen: von einem gewaltigen Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fegt, von Feuerzungen, die sich auf die Jünger niedergelassen hätten und von der plötzlichen Fähigkeit dieser einfachen Männer, in fremden Sprachen zu sprechen. Ein phänomenaler Beginn für das, was als Kirche bezeichnet wird.

Im Alltag machen wir leider, denke ich, mit Kirche oft andere Erfahrungen. Positive und von daher beeindruckende Paukenschläge sind da eher selten. Für meinen Geschmack verliert sich Kirche in der öffentlichen Diskussion zu oft in Themen, die an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei geht, weil diese Menschen, insofern sie überhaupt betroffen wären, schon längst eigene Entscheidungen getroffen oder eigene Lösungsstrategien entwickelt haben. Für die eigenen Sorgen und Probleme erwarten viele keine Hilfe mehr von der Kirche und aus der Innenansicht muss ich leider feststellen, dass sich, trotz eines hohen moralischen Anspruchs, das zwischenmenschliche Klein-Klein auch in den Reihen treuer Kirchgänger ereignet. Beeindruckend ist das nicht gerade.

Das schlechte Image der Kirchen lässt häufig auch den christlichen Glauben an Gott nicht sehr zeitgemäß erscheinen. Was hilft das Vertrauen auf Gott und wie könnte eine Kirche solches Vertrauen begründen, stärken und erhalten? Was ist Kirche im eigentlichen Sinn und was soll sie?

Kirche im Sinne Jesu ist kein Großereignis, keine hierarchisch gegliederte Institution. Das Markusevangelium erzählt in seinem sechsten Kapitel davon, dass Jesus die Jünger ausgesandt habe, jeweils zwei zusammen. Er habe diesen Jüngern die Vollmacht gegeben, die unreinen Geister auszutreiben und sie seien losgezogen und hätten die Menschen zur Umkehr aufgerufen, sie hätten Dämonen ausgetrieben, Kranke mit Öl gesalbt und sie geheilt. Ich entdecke in dieser Erzählung das, was Kirche im eigentlichen Sinn, im Sinn Jesu ist: Menschen werden ausgesandt, mächtig zu sein über die unreinen Geister. Sie werden ausgesandt, sich Kranken zuzuwenden und sie zu heilen. Und sie sollen zum Umdenken anregen, weil das Reich Gottes nahe sei.

Ich sage Ihnen: Ich für meinen Teil glaube nicht an so etwas wie unreine Geister. Das mag bei den Menschen der Antike anders gewesen sein, weil sie sich manche Krankheitsbilder oder Verhaltensweisen schlicht nicht anders erklären konnten. Ich gehe auch nicht davon aus, dass ich als Christ besondere Fähigkeiten hätte, die ein Medizinstudium oder eine Ausbildung in einem anderen heilenden Beruf ersetzen würden. Und für mich ist das Reich Gottes auch keine jenseitige Belohnung für ein Gott gefälliges Leben.

Wovon ich aber überzeugt bin ist, dass jeder Mensch es mit dem aufnehmen kann, was Jesus damals seinen Jüngern auszutreiben aufgetragen hat. Und auch die Krankheiten, die Jesus geheilt sehen wollte, sind aus meiner Sicht für niemanden ein größeres Problem.

Wir Menschen sind oft schnell dabei, uns selbst und andere einzuteilen in richtig und falsch, in gut und böse, in erfolgreich und mangelhaft, in passend und unpassend, in zugehörig und abzuweisen. Vielen von uns wurde beigebracht, dass bestimmte Gefühle gut sind, andere aber abzulehnen seien. Sogar der eigene Körper wurde in edle und eher unmoralische Regionen eingeteilt. Manches, was nur menschlich ist, wurde als „für Gott nicht zumutbar“ erklärt. All das kann im schlimmsten Fall krank machen.

Selbst wenn wir uns von manchen Erziehungsergebnissen und von gesellschaftlichen Normen mit der Zeit distanziert haben, manches taucht doch immer wieder auf und geistert in unseren Köpfen herum. Das ist heute nicht viel anders, als es wohl damals der Fall war. Den Begriff „unreine Geister“ müssen wir heute vielleicht einfach mit „Vorurteilen“, mit „Minderwertigkeitsgefühlen, oder mit „zwanghaftem Denken und Handeln“ übersetzen und wir kämen damit dem nahe, was die Jünger im Auftrag Jesu den Menschen nehmen, ja, was sie ihnen austreiben sollten.

Gegen die Tendenz, von sich selbst und von anderen nicht sehr positiv, oder sogar schlecht zu denken, sich für weniger wert als andere zu halten, hat Jesus die Jünger ausgesandt. Er hat sie beauftragt dafür zu werben, Menschen nicht einzuteilen, sie nicht in Schubladen zu stecken und abzuurteilen. Die Jünger sollten Schuldgefühle nehmen und sie sollten Selbstzweifel vertreiben, damit Menschen entdecken können, wie wertvoll sie sind, wie einmalig und – hier kommt dann Gott ins Spiel – wie bedingungslos geliebt von Gott.

Das gesamte christliche Menschenbild, das ja weite Teile unseres Wertesystems mitgeprägt hat, gründet auf der Annahme, dass es einen letzten Grund gibt, einen Ursprung von allem, was lebt und was existiert. Diesen letzten Grund nennen Christen, Juden und Muslime Gott. Die Tatsache, dass es diese Welt gibt, dass es all das vielfältige Leben und dass es den Menschen gibt, wird als grundsätzlich gut angenommen, weil von Gott gewollt, weil von Gott geliebt. Das gilt für die Gesamtheit und es gilt für jedes einzelne Individuum. Das war und das ist im wahrsten Sinn des Wortes Euangelion – Evangelium – gute Nachricht und diese gute Nachricht hat ganz positive Auswirkungen, wenn Menschen aus ihr die entsprechenden Konsequenzen für ihren Umgang mit sich selbst, mit ihren Mitmenschen und ihren Mitgeschöpfen ziehen. Mit diesem Welt- und mit diesem Menschenbild gerüstet, waren die Jünger damals losgezogen.

Ohne Brot, ohne Tasche, ohne Geld, ohne zweites Hemd sollten sie gehen, so erzählt es der Evangelist Markus in seiner Version des Evangeliums. Hinter dieser Aufzählung steht für mich die Idee, den anderen genauso und nur so zu begegnen, wie ich bin – ganz einfach. Denn allein das Auftreten kann die oder den anderen schon verunsichern oder sogar einschüchtern. Die, die mit der guten Nachricht Jesu zu den Menschen unterwegs sind, müssen niemanden mit ihrem Auftreten beeindrucken. Eindruck soll nur die Begegnung auf Augenhöhe machen und die gute Nachricht: Du bist wertvoll und geliebt und nichts soll dich am Leben hindern – dich nicht und niemanden. Mehr braucht es nicht – das ist alles.

In dieser Hinsicht umzudenken ist heute nicht weniger dringlich und notwendig, als es damals war. Der Aufruf zur Umkehr ist nach meinem Verständnis aber nicht zuerst moralisch zu verstehen, so als müssten alle ihren lasterhaften Lebenswandel ändern, um in das Reich Gottes zu kommen. Umkehren sollen wir, wenn und wo das Leben uns bedrückt, wenn wir unfrei leben und einengt, wenn wir der Meinung sind, wir wären vor Gott nur arme Sünder und in den Augen anderer sowieso wertlos und unwichtig.

Wir sollen groß von uns denken und vielleicht sind wir ja dann schon im Reich Gottes angekommen, wenn wir uns aufrichten lassen, wenn wir die Freiheit atmen, zu der wir berufen sind, wenn wir ein gesundes Selbstwertgefühl haben, wenn wir aufrichtig und aufrichtend miteinander umgehen.

Die Gemeinschaft Jesu jedenfalls, die Kirche, ist einladend, sie muss einladend sein, denn sie setzt auf Gastlichkeit und sie ist auf Gemeinschaft hin angelegt. Niemand soll allein unterwegs sein. Die Botschaft Jesu, das Evangelium, die gute Nachricht kommt da an, wo Menschen einander unvoreingenommen begegnen, wo sie miteinander essen und trinken, miteinander reden und leben. Niemandem soll gegen seinen Willen die gute Nachricht Jesu ausgerichtet werden. Wo man sie nicht hören will, sollen die Jünger weitergehen und sie sollen sogar den Staub jenes Ortes von den Füßen schütteln.

Auch wenn das Abschütteln des Staubes beim Evangelisten Markus als Zeugnis gegen die Menschen bezeichnet wird, bei denen die Jünger auf taube Ohren gestoßen sind, für mich steckt hinter diesem Bild die Ermutigung, sich von der Angst und von der Erfahrung, abgelehnt zu werden, frei zu machen, sie abzuschütteln, damit man leichtfüßig und frisch unterwegs sein kann. Wem die Ablehnung an den Füßen klebt, kommt nur schwer voran.

Der Hunger nach Frieden und Freiheit, der sich früher oder später bei jedem Menschen einstellt, wird die Ohren und damit die Herzen für die gute Nachricht öffnen – das ist zumindest die Hoffnung.

Eine Kirche, deren Menschen sich und andere immer wieder dazu ermutigen, sich frei zu machen von allem, was unfrei macht, ist heilsam. Eine Kirche, deren Menschen die Aber-Geister bekämpfen, die Zweifel und die Selbstzweifel, die immer wieder am Vertrauen und am Selbstwertgefühl nagen, so eine Kirche ist gesund und hat die Macht, Menschen gesund zu machen. Unzählige Krankheiten, unter denen Menschen leiden, können wir heilen, wenn wir aufrichtig und aufrichtend sind, wenn wir aufhören, an uns selbst und an den anderen zu zweifeln, wenn wir aufhören, andere einzuordnen und uns einordnen zu lassen, wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und ihnen Raum geben und wenn wir anderen dasselbe Recht einräumen.

Wir dürfen und sollen leben in der Gewissheit, wertvoll und geliebt zu sein und wir sind eingeladen, das weiterzugeben und weiterzusagen, damit auch andere befreit leben.

Auch wenn das im Alltag nicht immer einem Paukenschlag gleichen mag, es entspricht dem, was Jesus den Seinen aufgetragen hat und was Grund und Zweck jeder Kirche ist. Wenn Sie das überzeugt, dann machen Sie doch mit und sorgen Sie mit anderen zusammen dafür, dass Ihre Kirche wirklich Kirche im Sinne ihres Erfinders ist.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 26. August 2018 von Pfarrer Daniel Saam, Regensburg)



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