Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Mai 2018 von Hans-Jürgen Pöschl

Positionen Mai 2018

Liebe Hörerinnen und Hörer!

Manchmal geht es mir so, dass ich bei Texten, die ich schon so und so oft im Gottesdienst gehört habe, etwas Neues entdecke und ins Staunen komme – und dass dann diese Texte lange in mir nachwirken.

In der zurückliegenden Osterzeit ging es mir mit einem Text so!

Da hieß es in einer Lesung:

„Wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit“ (1 Joh 3,18). Überrascht bin ich zunächst einmal über das, was da nicht steht, was ich aber eigentlich dort vermuten würde! Da steht zum Beispiel nicht: „Wir wollen zuerst in Tat und Wahrheit lieben, und dann erst mit Wort und Zunge“ – auch das wäre ja schon bemerkenswert. Aber hier heißt es sogar: „Wir wollen nicht mit Wort und Zunge liebe, sondern in Tat und Wahrheit“.

Es kommt also – so scheint es hier – auf’s Reden wohl gar nicht an, sondern auf das, was man tut!

Und vielleicht entspricht das ja auch der Intention Jesu, der genug von den Erklärungen und Wortklaubereien der Pharisäer und Schriftgelehrten hatte, von denen er sagte, dass sie selbst nicht täten, was sie lehrten. Und er erzählt von zwei Söhnen, die der Vater mit der Arbeit im Weinberg beauftragt. „Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin.“ Und Jesus schließt mit der rhetorischen Frage: Wer von den beiden hat nun den Willen seines Vaters getan?“ (Mt 21,28-31).

Vielleicht ist das ja die Antwort auf die Frage, warum sich das Christentum, warum sich die frühe Kirche in der ersten Zeit, als fast noch nichts aufgeschrieben war, so schnell ausbreiten konnte:

Es war das Leben, das Tun der Menschen, das andere angesprochen, begeistert und zum Dabeisein eingeladen hat.

Der Glaube wurde gelebt, die Glaubensbekenntnisse und Dogmen kam erst später.

Natürlich regt sich auch ein bisschen Widerspruch in mir: Auch Jesus hat ja erklärt und gelehrt. Man denke nur an die Bergpredigt und die vielen Gleichnisse, die Jesus erzählt hat. Und auch die frühen Christen kamen nicht darum herum, zu erläutern, worum es ihnen ging.

Und doch: Alles Erklären hatte nur den Sinn, die Zuhörerinnen und Zuhörer zum Handeln zu bewegen: „Geh hin und handle genauso!“ fordert Jesus sie auf.

„Glaube“ ist also in erster Linie „Handeln“. Nicht Wissen, Lernen und Aufsagen ist das Wesentliche unseres Glaubens, sondern das Leben selber.

„Wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit“.

Wie stelle ich mir so einen gelebten Glauben vor, von dem sich die Menschen angesprochen fühlten und sich dieser jungen Kirche angeschlossen haben?

Wenn die Antwort so einfach wäre!

Schön wär’s – denn: Hätten wir dann nicht in unseren Kirchen so etwas wie ein Rezept, wie wir heute Menschen für den Glauben begeistern könnten?

Aber vielleicht ist genau das der Punkt:

Es geht nicht um ein Rezept, das man so und so anwenden und befolgen könnte.

Es geht nicht um einen Glauben, den ich mir mit einem Glaubensbekenntnis und dem Aufsagen von bestimmten Formeln und Gebeten aneignen könnte.

Es gibt keine „To-do-Liste“, die ich abhaken könnte und deren Erledigung mir den Erfolg garantieren und sozusagen neue Christen „machen“ würde.

Ich kann Menschen Glaubensbekenntnisse, Lieder, Arbeitsblätter, Glaubenskursmaterialien – ja, alles Mögliche an die Hand geben, erzählen und erklären… so, wie das ja auch jahrelang geschehen ist, wenn Menschen im Religionsunterricht waren oder auf Erstkommunion, Konfirmation und Firmung vorbereitet wurden. All die Pfarrer und Pfarrerinnen, Kommunionmütter und Gruppenleiter, die in den Gemeinden mitgearbeitet haben, können ein Lied davon singen: Alles das macht noch keinen Glauben.

Und genau das macht es so schwierig.

Und auch wieder nicht!

Denn wenn ich das begriffen habe, dann kann mich das auch entlasten. Glauben kann ich nicht „machen“; da kann ich so viel erzählen und erklären, wie ich will!

Und es wäre jetzt eine naheliegende Antwort, zu sagen: „Glauben muss ich eben vorleben!“ Das wäre ganz im Sinne des Johannes Chrysostomus, eines Theologen im 4. Jahrhundert, von dem die Aussage stammt: „Wenn du willst, dass einer Christ wird, dann lass ihn ein Jahr lang in deinem Haus wohnen.“

Für Eltern, denen ihr Glaube wichtig ist und die versucht haben, ihn ihren Kindern ehrlich vorzuleben, kann dieser Satz, kann dieses „Rezept“ wie Hohn klingen.

Nein, letztlich liegt es eben nicht in meiner Hand, ob ein Mensch mit meinem Glauben etwas anfangen kann oder nicht. Und ich kann nicht einmal sagen, einer muss „das Geschenk des Glaubens eben selber annehmen wollen“. Denn ich kenne auch Menschen, die wirklich gerne glauben möchten, aber einfach nicht können

Also nochmal: Wie stelle ich mir so einen gelebten Glauben vor, von dem sich die Menschen angesprochen, angezogen fühlen können?

Ich wüsste da schon was. Aber ich merke, dass meine Antwort darauf nur meine Antwort ist. Ich kann davon erzählen, was mich anspricht und mich gerne Christ sein lässt. Und ich spüre auch, wenn ich jetzt davon erzähle, dass für mich der Glaube mit Weite, mit Freiheit, mit Kreativität zu tun hat, dann sind das – hier im Radio – wieder nur Worte. Und natürlich wäre es gut, darüber auch miteinander ins Gespräch zu kommen.

Aber noch viel wichtiger ist es, im Leben zu spüren, was das eigentlich heißt.

All die Begriffe, die wir zum Beispiel in Glaubensbekenntnissen oder auch im Vater-Unser benutzen, das sind ja eigentlich in Worte gekleidete Erfahrungen.

Und wenn ich bekenne, dass ich an die Auferstehung glaube, an die Vergebung der Sünden, an Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist…, dann geht es eigentlich nicht um diese Worte, die ich lernen und aufsagen kann; es geht um die Erfahrungen, die ich gemacht habe, die hinter diesen Worten stecken.

Hinter dem Wort „Auferstehung“ etwa verbirgt sich für mich die Erfahrung von „Aha-Erlebnissen“, von schönen und unvermuteten Begegnungen mit Menschen, die mir Neues eröffnet haben und die mich haben spüren lassen: Es gibt mehr als das, was in meine Gedanken und in meine Welt hinein passt; es gibt mehr als diese materielle Welt, die ich mit meinen Sinnen wahrnehmen kann.

Das Wort „Auferstehung“ ist für mich eine Chiffre für diese Erfahrung, die ich mit anderen Menschen teile, die aber nur ganz schwer in Worte zu fassen ist.

Und ähnlich könnte ich auch andere Erfahrungen, die ich gemacht habe, mit anderen Begriffen aus dem Glaubensbekenntnis durchbuchstabieren.

Vielleicht müssen wir uns bewusster werden, dass unser Glaube in erster Linie etwas ist, was gelebt, getan und erfahren wird, und nicht erklärt und auswendig gelernt.

Beziehungsweise: Wenn Glaube nicht erfahren wird, dann kann man sich auch das Erklären und Aufsagen sparen.

Für mich sind die Menschen in den Gemeinden, die einfach anpacken und das in die Hand nehmen, was praktisch zu tun ist, genauso Glaubende, wie diejenigen, die ihren Glauben in Texten, Liedern und Gebeten bekennen. Das Tun ist vielleicht sogar die eigentliche, ursprünglichere Sprache des Glaubens.

Der Glaube ist etwas, das hat zuallererst mit Hand und Fuß zu tun, dann mit Herz und Hirn, und erst ganz zuletzt mit Aufsagen…

Wenn ich die Sätze ernst nehme, die ich anfangs zitiert habe, dann jedenfalls ist es so:

„Wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.“

Christsein heißt also nicht in erster Linie, von Christus reden, sondern so zu leben, dass andere durch mich etwas davon erleben, wie Jesus war.

Christsein heißt nicht, vom Teilen zu reden, sondern zu teilen.

Christsein heißt nicht, von Vergebung zu reden, sondern zu vergeben.

Christsein heißt nicht, von Glauben und Vertrauen zu sprechen, sondern zu vertrauen.

Und so weiter…

Ein ganz wichtiger Satz in diesem Zusammenhang steht für mich am Beginn des Johannesevangeliums: „Und das Wort ist Fleisch geworden“.

Das Wort Gottes bekommt in Jesus Hand und Fuß!

Mit Jesus beginnt tatsächlich etwas Neues!

Jesus war kein Schriftgelehrter, sondern einer, der vorgelebt hat, wie wir leben könnten.

Deswegen hat Jesus – etwa im Vergleich zu Mohammed – gar nichts aufgeschrieben, und er hat seine Jünger auch nicht damit beauftragt, das zu tun!

Sondern er hat sie eingeladen: „Folgt mir nach!“

Das eigentliche Christliche findet man deshalb auch gar nicht in den Büchern, sondern im Leben der Menschen.

Im Internet habe ich folgendes Zitat von Hans-Joachim Eckstein, einem evangelischen Theologen, gefunden: „Wir Christen sind die einzige Bibel, die heute noch von einer breiten Bevölkerungsschicht gelesen wird – aber ich fürchte, wir sind die schlechteste Übersetzung.“

Dieses Zitat möchte ich gerne modifizieren: Wir Christen sind die eigentliche Bibel, die heute gelesen wird.“

Es geht in erster Linie darum, dass wir versuchen zu leben, was Jesus verkündet hat.

Und die schlechteste Übersetzung, das sind nicht wir, sondern die schlechteste Übersetzung ist die, die nur auf dem Papier steht, die aber nicht erlebt und erfahren wird, wenn also das „Wort“ nicht „Fleisch“ wird.

Wir begehen heute einen christlichen Feiertag, mit dem nur die wenigsten Menschen wirklich etwas anfangen können: den Dreifaltigkeitssonntag, an dem Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist bekannt wird.

Ich möchte Ihnen diesen Feiertag nicht erklären.

Ich möchte Ihnen vielmehr die Erfahrung wünschen, die hinter diesen Begriffen steckt: dass Sie spüren, dass Ihr Leben gewollt, gehalten und geborgen ist, so wie Sie sich hoffentlich in guten Stunden bei ihrem Vater oder ihrer Mutter gefühlt haben.

Ich wünsche Ihnen die Erfahrung, dass Sie Weggefährten haben, denen Sie vertrauen können und die Sie weiterbringen, so wie Jesus das für viele Menschen war.

Und ich wünsche Ihnen die Erfahrung, dass Sie in sich die Kraft, die Energie und die Kreativität haben, die Sie für Ihre nächsten Schritte brauchen und dass dieser gute Geist Sie begleitet.

Und jetzt – liebe Hörerinnen und Hörer – wird es Zeit, dass ich aufhöre zu erklären.

Denn der Tag, der vor uns liegt, wartet darauf, dass er gelebt wird.

Hier halte ich es gerne mit Reinhard Mey, der in einem seiner Lieder singt: „Mich interessiert das Leben, und nicht, wie man’s buchstabiert.“

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Dreifaltigkeitssonntag, den 27. Mai 2018 von Pfarrer Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)



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