Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen November 2017 von Hans-Jürgen Pöschl

Positionen November 2017

Liebe Hörerinnen und Hörer,

es gibt in diesen Wochen Tage, da hab‘ ich einfach meinen Novemberblues: Wenn es draußen trüb ist und gar nicht mehr zu regnen aufhören will, und die Stunden des Tages plätschern genauso lustlos vor sich hin wie der Regen, der gegen die Fensterscheiben trommelt. An solchen Tagen kostet alles viel Überwindung und fällt viel schwerer als sonst: das Aufstehen, mit den Hunden nach draußen gehen und überhaupt erst mal in die Gänge kommen, etwas anpacken, was getan werden muss, eine gute Unterhaltung in der Familie, ein paar vernünftige Zeilen zu Papier bringen usw…

Überhaupt, so denke ich mir manchmal, gibt es gerade in diesen Wochen so viel, was diese triste Novemberstimmung noch verstärkt: Volkstrauertag und Totensonntag, Friedhofsgänge und Totengedenken, und selbst die sogenannte Frohe Botschaft, die wir an den Sonntagen hören, erzählt uns vom Weltende.

Und wenn ich dann noch, eben weil ich in einer solchen Stimmung bin, Musik höre, die gut in diese Jahreszeit und zu dieser Gefühlslage passt – etwa John Lennon mit „Nobody loves you“ oder Cat Stevens mit „I listen to the wind“ – dann fällt es mir nicht leicht, aus einer solchen Stimmung wieder heraus zu kommen.

Just in einer solchen Stimmung bin ich kürzlich über den Titel eines Buch gestolpert: „Früher war alles schlechter“. Ich hab‘ zunächst zweimal hinschauen müssen. Denn zuerst hab‘ ich ihn so gelesen, wie er auch viel besser in eine solche Stimmung passt: „Früher war alles besser.“ Aber das stand da nicht. Neugierig geworden habe ich also angefangen in dem Buch zu blättern und es mir schließlich gekauft. Beim Lesen darin habe ich erfahren, dass es uns trotz Kriegen, Krankheiten und Katastrophen immer besser geht: Armut wird weniger (sie ist in den letzten 50 Jahren stärker zurück gegangen als in den 500 Jahren zuvor), Bildung verbessert sich, es gibt weniger Kriegstote, Krankheiten verschwinden, der Wald wächst, weniger Menschen hungern, die Menschen sind gesünder, der Wohlstand nimmt fast überall zu usw. Die Liste lässt sich noch mit vielen Beispielen fortsetzen.

Ich gebe gerne zu, dass sich dadurch nicht einfach meine Stimmung aufgehellt hat und ich die Kapitel dieses Buches zunächst nicht ohne Skepsis durchgeblättert habe.

Gerade, wenn ich in einer solchen Novemberstimmung bin, dann habe ich ja einen besonderen Blick für das Negative, darauf, was früher alles besser war, und ich trauere dem Vergangenen hinterher: dem Unterwegs-Sein mit guten Freunden in der Studienzeit, der Energie, die ich früher hatte, den Hobbies Fotografieren und Filmen, die durch die Digitalisierung die handwerkliche Arbeit, die mich daran gereizt hatte, verloren haben, das Spielen in einer Band und vor allem der Zeit, die früher scheinbar einfach mehr vorhanden war.

Aber ich muss auch zugestehen, dass sich durch manche Gedanken, auf die ich da beim Lesen gestoßen bin, mein Blickwinkel verändert hat. Natürlich gibt es noch viel zu tun, damit es in unserer Welt besser und gerechter zugeht; sie ist bei weitem nicht perfekt und wird es auch nie sein. Natürlich hat sich auch mein Leben verändert in den über 30 Jahren, die seit meinem Schulabschluss vergangen sind. Und – wenn ich nicht nur auf das blicke, was früher schön war und jetzt nicht mehr da ist – da hat sich auch viel Positives entwickelt, für das ich froh und dankbar sein kann: Neue Freunde sind dazu gekommen und Menschen, die mir wichtig geworden sind, intensive Begegnungen und Erfahrungen haben mich weiter gebracht. Beruflich und privat hat sich in dieser Zeit viel getan.

Aber weshalb sind meine, sind unsere Gedanken manchmal auf das fixiert, was früher schön war?

Ja, warum geht es uns Menschen überhaupt so, dass wir das neue Schöne manchmal gar nicht richtig wahrnehmen und meinen: „Früher war alles besser?“

Es hängt wohl damit zusammen – so sagen uns Gehirnforscher –, dass wir den aktuellen negativen Informationen mehr Aufmerksamkeit schenken als den positiven. Die Ursache dafür ist wohl ein Überlebensmechanismus der Evolution, weil Menschen in kritischer und skeptischer Haltung besser eine bedrohliche Situation bestehen können als im Überschwang von Zufriedenheit. Ein bisschen ist es also eine Art Selbsttäuschung, um nicht abzuheben oder sorglos zu werden.

Wenn ich meinen Novemberblues habe, dann verschwindet der freilich nicht unmittelbar durch solche sachlichen Informationen, aber sie helfen mir, auf andere Gedanken zu kommen und sozusagen gegenzusteuern.

Die Vergangenheit ist vorbei, mit guten und bösen Erinnerungen.

Die Zukunft liegt vor uns und will noch gestaltet werden.

Doch unser eigentliches Leben findet im ‚Jetzt‘ statt.

Und ich bin froh, dass ich jetzt lebe und nicht früher; nicht in Zeiten von Pest und Cholera, von Hexenverfolgungen und Kriegen. Und wie die Menschen in mehreren hundert Jahren leben mögen, das vermag ich mir heute kaum auszumalen.

Wie wir mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgehen, wirkt sich auf unser Leben aus. Man kann von früher schwärmen, als wäre nur das vergangene Leben das eigentliche und von der Zukunft nichts mehr zu erwarten.

Aber es gibt auch das andere Extrem. Alles wird auf „später“ verschoben, auf die nächste Lebensphase hin. „Ja, wenn wir erst einmal im Ruhestand sind, dann machen wir eine Weltreise.“

Und manche haben ihre Pläne und die Erfüllung ihrer Träume in eine Zukunft verschoben, die sie nie mehr erlebt haben. Sie haben sozusagen ihr Leben verschoben, und es dadurch verpasst!

Und es gibt noch eine dritte Variante, die die Zukunft in die Gegenwart herein holen will und dadurch auch das Leben „jetzt“ unmöglich macht.

Der Liedermacher Gerhard Schöne besingt dies als weit verbreitete Haltung in seinem Lied „Ganz einfach“: Er erzählt von einem termingehetzten Mann, der seinen Vater auf dem Dorf besucht und nicht lang bleiben will, weil er keine Zeit hat. Er jammert dem Alten vor, dass er vor lauter Hektik nicht weiß, wo ihm der Kopf steht, und dass er trotzdem das Gefühl hat, nichts zu schaffen. Er fragt ihn, woher er nur seine Ruhe nehme. Der antwortet ihm, dass er schläft, wenn er schläft, aufsteht, wenn er aufsteht, geht, wenn er geht, isst, wenn er isst und so weiter. Genervt fährt in der Sohn an, was der Quatsch solle, das mache er doch schließlich ganz genauso. Und der Vater entgegnet:

„Wenn du schläfst, stehst du schon auf.
Wenn du aufstehst, gehst du schon.
Wenn du gehst, dann isst du schon.
Wenn du isst, dann schaffst du.
Wenn du schaffst, dann planst du schon.
Wenn du planst, dann sprichst du schon.
Wenn du sprichst, dann hörst du schon.
Wenn du hörst, dann schläfst du.
Wenn ich schlafe, schlafe ich.

Wenn ich aufsteh‘, steh‘ ich auf.
Wenn ich gehe, gehe ich.
Wenn ich esse, ess‘ ich.

Wenn ich schaffe, schaffe ich.
Wenn ich plane, plane ich.
Wenn ich spreche, spreche ich.
Wenn ich höre, hör‘ ich.“

‚Im Jetzt leben, sich weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft flüchten. Die Gegenwart ist die Zeit, die ich gestalten kann.‘

Ein paar Dinge helfen mir dabei: Ich plane bewusst Zeit für einen langen Spaziergang ein; auch wenn ich mich warm einpacken muss, weil es kalt und regnerisch ist: es tut gut, die frische Luft zu spüren. Ich höre Musik, die mich positiv berührt. Ich schaue mit meiner Frau zusammen, wann wir wieder einmal eine Lesung oder ein Konzert besuchen könnten. Und wenn mir und uns für all das die Zeit zu knapp wird, dann können es manchmal auch Kleinigkeiten sein, die wohl tun: Ich habe mir ein paar gute Gedanken auf Kärtchen geschrieben. Manchmal stelle ich mir ein solches Kärtchen auf einen bestimmten Platz, damit mich der Gedanke am nächsten Tag begleitet. Ich trinke den Kaffee aus meiner Lieblingstasse, zünde eine schöne Kerze an, schreibe eine kurze Mail an einen alten Bekannten oder rufe ihn an und mache einen Besuch aus. Manchmal stelle ich im Nachhinein fest, dass mir die Gemeinschaft mit anderen gut getan hat, auch wenn ich zunächst gar keine Lust darauf hatte.

Ich lebe jetzt, und ich möchte bewusst leben und mein Leben selbst gestalten, auch, wenn es manchmal nur Kleinigkeiten sein können. Ich muss nicht alle Probleme heute lösen – erst recht nicht, indem ich mich in die Vergangenheit flüchte. Aber ich kann das anpacken, was heute ansteht; und ich versuche, das zu genießen, was heute schön ist. Einer meiner Lieblingssätze, den ich mir an manchen Tage zurecht lege, steht übrigens im Alten Testament, im Buch Jesus Sirach. Dort heißt es: „Geh an der Freude des heutigen Tages nicht vorüber. Wie soll der einem anderen Gutes tun, der sich selbst nichts gönnt.“

Aber da sagt mir einer: Ja, und was macht Ihr Kirchen? Ihr versackt doch genauso im Novemberblues, beschäftigt Euch mehr mit Vergangenheit als mit Gegenwart, lebt im Gestern statt im Heute. Hat er nicht Recht? Vielleicht ja. Sind wir in den christlichen Kirchen nicht dabei, das ‚Jetzt‘ zu verpassen?

Ich würde auch den Kirchen das gleiche Rezept vorschlagen: Bewusst im ‚Jetzt‘ leben. Und sich mit Kernsätzen der Botschaft Jesu für das, was heute ansteht, ermutigen lassen: „Hab‘ keine Angst, ich bin bei dir, erneuere dein Denken und glaube an die Frohe Botschaft“.

Und manchmal tut es sicherlich auch den Kirchen gut, die Gemeinschaft mit den anderen zu erleben, anstatt für sich zu bleiben und nur den eigenen Gedanken und Ideen nachzuhängen.

Ob wir es glauben oder nicht: Auch in dunklen Stunden, auch in Sorge oder Depression, Skepsis, ist Gott mir nah, manchmal so überraschend, dass wir ihn gar nicht wahrnehmen. Und in ein paar Wochen feiern wir an Weihnachten, dass Gott sich immer neue Wege einfallen lässt, selbst in der dunkelsten Nacht in unsere Zeit hinein zu kommen.

Liebe Hörerinnen und Hörer, manchmal hab‘ ich meinen Novemberblues. Falls es Ihnen ab und zu auch so geht, dann wünsche ich Ihnen, dass Sie mit guten Gedanken und lieben Menschen dem Novemberblues „Lebewohl“ sagen können.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 19. November 2017 von Pfarrer Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)



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