Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Juli 2017 von Harald Klein

Positionen Juli 2017

Manchmal ist es mir zu kompliziert, zu langwierig, zu umständlich. Dann nehm ich mir einfach die Schere und ritsch: schneid ich die Verpackung auf. Wie? Jetzt erst von allen Seiten das Teil anschauen und lange überlegen? Nein, ritsch, und ich bin da durch. Wenn ich ein Paket bekomme, auf das ich mich schon lange gefreut habe, wenn ich in Eile bin, wenn ich unter Druck, voller Tatendrang bin. Dann ist mir egal, was als Zugang gedacht war. Aber – ich habe es auch schon manchmal bereut. Nicht nur einmal habe ich den Gegenstand selber beschädigt mit meiner Schere. Erst recht habe ich die innere Verpackung beschädigt. Zurückgeben, reklamieren konnte ich dann sowieso nichts mehr. Aber auch das sinnvolle Etui, den Beutel, die wertvolle Umhüllung kann man auf so eine Art untauglich machen. Früher wurde der Kaffee verschickt, eingehüllt in ein Küchentuch, eine nette Werbeidee. Aber durch mein rabiates Öffnen war das Küchentuch blitzschnell dahin. Eine Kunststoffverpackung für Holzschrauben habe ich kürzlich zerstört. Ich hatte nicht begriffen, dass die zur Weiterverwendung als Kistchen gedacht war. Erstmal nach einem Zugang suchen, erstmal fragen, wie sich etwas sinnvoll öffnen lässt ohne Gewalt, das wäre wertvoll.

Den Zugang finden zu etwas, verehrte Hörerinnen und Hörer, das ist ein ganz wichtiges Unterfangen.Den Zugang zu Dingen, zu Gegenständen, zu Projekten und Problemen. Nicht nur Verschickartikel sind ja eingepackt. Vieles im Leben ist komplizierter zu erreichen, als man meinen sollte. Da kauf ich ein Möbelstück in der Mitnahmeabteilung, in den Einzelteilen zusammengepackt, und stehe dann ewig lange vor der Frage zuhaus, wie baue ich das auf? Welche Schraube kommt zuerst und welche zuletzt? So vieles im Leben braucht einen Zugang. Und oft genug versagt die Bedienungsanleitung oder sie ist so schlecht ins Deutsche übersetzt, dass ich zwar amüsiert bin, aber dann im Vorgehen völlig auf mich gestellt und allein gelassen. Und dann gibt es ja auch noch wahrhaftig vieles, zu dem es überhaupt keine Zugangsbeschreibung gibt: Menschen zum Beispiel, Kinder, Ehepartner oder auch mich selbst. Was ist der Zugang?

Wie komm ich da ran, ohne was kaputt zu machen? Nehme ich mir eine Schere und schneide drauf los oder lauf ich stundenlang von außen drum herum und such nach Eingängen?

Probleme können so sein: eingepackt in nette Verpackung, aber kompliziert zum „Mäusemelken“. Beziehungen können so sein, einfach ohne Lösungsschlüssel. Und immer wieder auch das Leben insgesamt.

Was ist der Zugang zum Leben?

Manche sagen: Der Zugang ist Anstrengung. Wenn ich mir Mühe gebe, wenn ich mich plage, die Stirn in Falten lege, in die Hände spucke und ins Schwitzen komme, dann wird’s gut. Ohne Fleiß kein Preis. Ohne Mühe keine Brühe.

Andere sagen: Der Zugang zum Leben ist Raffinesse. Köpfchen zeigen. Bei allem muss ich zuerst mal nachdenken, der Klügere, der Schlauere sein. Und als Nebenstehender merke ich ganz schnell, wenn ich nicht aufpasse, hat mir da jemand ruckzuck eine Falle gestellt, den Schneid abgekauft, mich übervorteilt. Ja, das könnte sein, dass Raffinesse ein guter Zugang zum Leben wär.

Noch andere sagen: abwarten. Abwarten ist der Schlüssel. Sich nicht zu früh aus der Deckung wagen.Erst mal schaun, rundumschauen. Erstmal in Ruh beobachten. Aus dem Hintergrund.

Ich weiß nicht, was Ihr Zugang zum Leben ist: Härte? Demonstratives Selbstbewusstsein? Erstmal Eindruck machen, den Chef rauskehren? Oder etwa den Dummen spielen, andere in Sicherheit wiegen und dann, am Ende die Karten auf den Tisch legen?

Jeder hat seinen Zugang, jeder hat seine Masche. Aber komme ich mit meiner Art, meinem Vorgehenwirklich an das Zentrum der Problematik, an des Pudels Kern heran?

Der Zugang zum Leben

Haben Sie ihn gefunden, verehrte Hörerinnen und Hörer?

Ich lade Sie ein, sich mit mir auf den Weg zu machen. Ich denke, der erste Schritt dazu ist das Staunen. Im Leben gibt es ganz viele Barrieren und Problemstellungen. Bei all dem, was einem da entgegenkommt und entgegen schreitet, ist aber zuerst einmal wichtig, sich zu wundern. Ob ich ein Paket per Post bekomme, ob ich einem Menschen begegne, ob ich mit mir selber ins Gespräch komme oder mit irgendwelchen Krisen. Der erste Schritt ist das Staunen. Darüber, was vorhanden ist. Darüber, was geschenkt ist. Darüber, wer vor mir steht. Bei aller Problematik, bei allen Schwierigkeiten, immer ist dochzuerst einmal ein Wert vorhanden, ein Gegenüber. Immer ist zuerst einmal etwas zu respektieren. Ohne diesen Respekt werd ich nie einen Weg finden. Respekt, vielleicht sogar Dankbarkeit ist ein Grundelement allen Zugangs. Dass ich das Leben schätze, dass ich meinen Mitarbeiter schätze, meinen Partner, den Menschen, der mir Schwierigkeiten bereitet, mich selber. Zuerst einmal den Wert akzeptieren, das Gute, auch an mir selber, bei allen Fragwürdigkeiten.

Das zweite Element des Zugangs ist, dass ich einen Schritt zur Seite mache. Die Perspektive wechseln, einen Aspekt hinzu gewinnen. Natürlich ist das schon einmal viel, dass wir Menschen zwei Augen haben.Aber die Welt hat mehr Dimensionen. Und die kann ich von meiner einen Position mit meinen beiden Augen beileibe nicht immer und sofort sehen. Einen Schritt zur Seite tun, nicht dem ersten Eindruck gehorchen. Das Paket erstmal in die Hand nehmen und von allen Seiten anschaun. Ich erinnere mich, das sich einmal wie frustriert vor einer Kirche gestanden hab und die zwei Eingänge, die deutlich sichtbar waren, als verschlossen konstatieren musste. Später nahm ein Freund mich beiseite und ging erstmal ganz mit mir um diese Kirche herum. Und da, von der Rückseite aus, wurde es plötzlich überklar: Ja, da war der Zugang. Auch die Probleme unseres Leben erfordern, dass wir uns in Bewegung setzen. Immer ist nötig, einen Weg zu gehen. Wer da meint, im Stillstand die Welt bewältigen zu können, der irrt.

Auch um mit einem anderen Menschen neu und besser umgehen zu können, ist es erforderlich, dass ich selber mich bewege. Nicht nur der andere hat Vorleistung zu bringen. Ich genauso. Zugang. In diesem Wort steckt schon drin, dass ich agil werde, beweglich, interessiert.

Auch mir selbst gegenüber, wenn ich zu mir selber einen Zugang finden will, muss ich in Bewegung kommen. Aus dem Stand, aus dem alten und einen Standpunkt heraus geht wenig. Es gibt Leute, die müssen dann erstmal einen Gang über den Jakobsweg hinter sich bringen. Andere müssen sich in neue Abenteuer, Erlebnisse, Alltagsgewohnheiten bringen. Dann erst entsteht Raum für eine neue Sicht, für eine neue Öffnung und Berührung.

Und das dritte Element des Zugangs zu Welt und Leben, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist ein Vertrauen. Irgendwo sitzt in uns allen, vielleicht notwendig, ein Misstrauen. Was aber nötig ist, um Zugang zufinden, ist Vertrauen. Dass ich glaube, dass es einen Zugang gibt. Dass es eine Chance gibt. Dass ich glaube, dass das Problem einen Zugang wert ist. Vertrauen auch in mich selber: dass ich nicht zu dumm bin für einen Zugang, zu borniert, zu blind. Vertrauen schließlich, so meine ich, in einen Sinn grundsätzlich. Dass es lohnt, Zugänge zu suchen. Wenn ich das Leben ansehe als etwas, das besser mit der Holzhammer-Methode zu behandeln ist, in Alleingängen und Alleinvertretungs-Ansprüchen, dann kann ich mir den „Sums“ sparen. Ich muss darauf setzen, dass es Sinn macht, gezielt vorzugehen, nicht nur nützlich ist. Dass es Sinn macht, zärtlich vorzugehen, feinfühlig. Dass es Sinn macht, geduldig, selbstkritischvorzugehen. Lernend. Dass es schön ist, über das Leben, über andere Menschen, über mich selber dazuzulernen.

Das ist eine Vorleistung, dieses Vertrauen, etwas, das ich reinstecke wie eine Investition. Aber die zahlt sich aus oder könnte sich auszahlen, wenn ich Recht bekomme mit meinem Optimismus. Oder sagen wir besser: Glauben? Vielleicht ist dieses Vertrauen, mit dem ich an Menschen, an Dinge, ans Leben grundsätzlich herangehe, der Kern dessen, was wir Glauben nennen. Dem Leben zutrauen, dass es einen sinnvollen Zugang gibt, dass irgendwo eine Tür ist.

Vielleicht brauche ich Hilfe. Vielleicht steckt diese Hilfe aber auch in mir selber wie die Hilfefunktion in einem PC-Programm. Ganz so vernagelt bin ich nicht. Klar, es besteht auch die Möglichkeit, einen Freund zu fragen, einen Fachmann oder eine Fachfrau einzubinden. Aber womöglich ist es erstmal an der Reihe, selber meine Möglichkeiten zu nutzen, meine Weite, meine Seele. Es gibt Zuversicht. Wenn ich staune,wenn ich meinen Blickwinkel erweitere, wenn ich vertraue.

Haben Sie schon einmal ein Kreuzworträtsel vor sich gehabt, bei dem nichts mehr weiterzugehen schien, bei dem Sie sich selber ‘Hornochse’ oder ‘Dummkopf’ beschimpft haben? Und dann das Rätsel abgelegt, den Stift in die Schublade gerollt? Und dann, ein, zwei Tage später nochmal vorgeholt, gedreht, von anderen Seiten angeschaut und plötzlich mit einem einzigen Wort, das Ihnen in den Sinn kam, einen Schlüssel gefunden haben? Mit dem alles in Bewegung kam, plötzlich sich neue Wege öffneten, neue Begriffe, neue Wirklichkeiten?

Nur damit das klar ist: das Leben ist mehr als ein Kreuzworträtsel. Es ist viel praller und bunter, lebensfroher. Aber manchmal hängt man, steckt fest, mit sich oder mit anderen. Staunen, verändern, zutrauen:das macht manchmal alles neu. Das kann – GottseiDank – Zugänge eröffnen, auch wenn man sich ganz am Ende wähnte.

Da waren ein paar Leute gemeinsam im Boot auf einem See in Israel, im Nahen Osten. Es waren allesamt Fischer. Sie hatten, wie es sinnvoll ist, die ganze Nacht über versucht auf Fischfang zu gehen, Beute zumachen. Aber nichts hatten sie gefangen, absolut nichts. Da, im Morgengrauen, tauchte auf einmal jemand auf, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatten. „Rabbi? Was machst du denn hier? Ziemlich frustrierend war die Nacht.“ „Nehmt eure Netze und werft sie doch mal auf der anderen Seite eures Bootes aus, einfach zur anderen Seite.“ „Wie? Als würde das einen Unterschied mach… Hör mal, wir sind schon ewig Fischer … Aber naja, wenn du sagst, wenn du meinst….“ Und sie machten es, und sie fingen so viel, dass die Netze zu zerreißen drohten.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Juli 2017 von Pfarrer em. Harald Klein, Bruckmühl)



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