Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Januar 2017 von Harald Klein

Positionen Januar 2017

Ich hoffe, verehrte Hörerinnen und Hörer, dass ich Sie entführen darf, mitnehmen darf auf eine Reise in meine Kindheit. So ungefähr 6-7 Jahre war ich alt. Es war Samstag, Samstag Mittag. Und ich kam gerade von der Schule. Ja, damals war samstags noch Unterricht. Aber der war nun endlich vorbei. Ich lief, rannte, froh und erleichtert über das in Aussicht stehende Wochenende. Die kleine Treppe zur Haustür nahm ich im Sprung. Die Klinke drückte ich runter, die Tür flog auf und ich stand schon mitten im Flur. „Ich bin da“, rief ich. Sozusagen war ich mit der Tür ins Haus gefallen. Aber nichts geschah: keine Zimmertür ging auf, keiner kam mich begrüßen, alles war totenstill. Ich war verwundert. Und dann klapperte ich die Türen alle ab: erst parterre die Türen unserer Wohnung, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, und dann auch im oberen Stock die Räume meiner Großeltern… Nichts. Keiner war da. Ganz betroffen blieb ich oben im Flur stehen. Was war da passiert? Wo waren die alle hin? Ich fühlte mich ziemlich allein gelassen. Und dann auf einmal rührte sich etwas. Das hörte sich an, als würde irgendwo im Haus jemand Schlagzeug spielen. Ein Trommeln und Zischen war zu vernehmen, plötzlich Pfeiftöne, Blechdeckel, die geschlagen wurden. Mir schlug – das dürfen Sie mir glauben – das Herz bis zum Hals. Der Krach kam eindeutig von unten. Vorsichtig schritt ich die Treppe hinunter, ging dann zur Tür vor dem Kellerabgang und lauschte. Tatsächlich, da war gewaltig was los. Als wäre eine ganze Horde von Krachmachern losgelassen. Ich öffnete die Tür zum Keller und da war es dann komplett zu hören. Ein Lärm wie auf dem Jahrmarkt. Und nun gab es auch Stimmen, die sich einmischten, da wurde gebrüllt, geknurrt, geschrien, gewütet. Und zu meinem Glück konnte ich einzelne Stimmen erkennen: die meines Vaters, meines Großvaters, die meiner Mutter. „Was ist da los?“ rief ich. Erst nach mehreren Versuchen wurde ich wahrgenommen. Und dann war die Bestürzung groß. „Dich haben wir ganz vergessen. Hoffentlich hast du keinen großen Schreck bekommen.“

Tja, und dann kam die Auflösung des Rätsels, die Aufklärung der Gespensterstunde: Meine Sippe war auf der Treibjagd. Alle hatten sich lautstark bewaffnet und waren im Keller hinter einer Ratte her. Schon seit Tagen hatte die da unten ihr Unwesen getrieben. Und der Großvater hatte nun zum Angriff geblasen. Der eine hielt eine Holzknarre in der Hand und ratterte damit, der andere blies mit Leibeskräften auf der Trillerpfeife, meine Oma haute mit dem langen Holzlöffel auf Topfdeckel, meine Mutter rumorte im Wäschetrog, mein Vater stocherte mit einer Riesen-Stange unter einem Schrank herum. Alles unglaublich laut. Sogar meine kleine Schwester war an der Aktion beteiligt.

Und auf der Stelle wurde mir noch ein Gartenrechen in die Hand gedrückt, mit dem ich nun laut über den Boden kratzen musste. Erleichtert und mit großem Eifer machte ich natürlich bei dem gemeinsamen Werk mit. Lange hat es gedauert, viel Zeit haben wir investiert, Stimmgewalt und Körpereinsatz.

Genützt hat es nicht viel. Die Ratte, ein ganz gewaltiges Kaliber wie sich später rausstellte, ließ sich nicht hervor locken. Wir haben sie noch wochenlang drin gehabt. Bis irgendwann mal eine Katze, die wir für Tage dort einsperrten, sie dann für uns erjagt hat.

Das war für mich als kleiner Bub ein gewaltiges Erlebnis: Alles war mit Paukenschlag und Trompeten losgegangen: mein Spurt von der Schule bis ins Haus und erst recht die Aktion der Familie da im Keller, es war ein wuchtiger Auftakt ins freie Wochenende. Später hab ich gelernt, dass man so etwas, so einen Start vornehm beschreiben kann durch „Mit der Tür ins Haus fallen“. Wenn jemand nicht vorsichtig abwartet, nicht erst die Lage sondiert, nicht erst höflich fragt und abwartet, dann sagt man: Er oder sie fällt mit der Tür ins Haus.

Wahrhaftig der Ausdruck ist seit rund 500 Jahren in Deutschland bekannt. Mit der Tür ins Haus fallen. Vor Temperament kann man mit der Tür ins Haus fallen, vor Begeisterung, vor Neugierde, vor Panik. Wer einfach loslegt, alles hergibt, was in ihm steckt, nicht lange zaudert, der fällt mit der Tür ins Haus.

Ist es Ihnen, verehrte Hörerinnen und Hörer, schon einmal aufgefallen, dass wir Menschen von heute das somit jedem neuen Jahr machen? Dass wir allesamt das Jahr nicht vorsichtig betreten, nicht leise und scheu, sondern ganz im Gegenteil so laut und wuchtig, wie es eben geht. Unsere Neujahrsnacht, das ist ein einziges Reinspringen. Wir warten nicht ab, wir machen nicht erst mal Inventur, wir springen einfach rein. So wie ich damals ins Haus gerannt war, so wie meine Familie im Tumult und Radau ins Wochenende eingestiegen war. Wir haben keine Skrupel, keine stille Bescheidenheit, wir legen einfach los. Da wird gebollert und wird angestoßen, da wird geprostet und gesungen. Trompeten und Posaunen tönen durch die Nacht. Wenn ein neues Jahr beginnt, geht es rund. Wir fallen mit der Tür ins Haus.

Ein enorm aussagekräftiges Bild.

Wer mit der Tür ins Haus fällt, der bringt sich selber in Gefahr. Ja, es kann auch sein, dass er Tür und Haus beschädigt, aber wichtiger ist, dass er sich selbst in Gefahr bringt. Weil er den Überblick verliert, weil er nicht mehr sieht, was ihn erwartet. Weil er oder sie vergisst, was Grenzen sind.

Klar, Türen sind nicht sakrosankt. Türen dürfen hinterfragt werden. Aber wer dabei seine Besonnenheit, seinen Gesamtzusammenhang über den Haufen rennt, der wird sich einige Zeit später vielleicht noch wundern.

Was machen wir da am Sylvesterabend, was machen wir da in der Neujahrsnacht? Wir klopfen nicht an, wir gehen einfach rein, mit Gepolter. Tiere, Hunde und Katzen und auch kleine Kinder bekommen dabei oft einen panischen Schrecken. Aber das stört nicht, seit Urzeiten nicht. Ins Neue Jahr wird hineingeknallt.

Warum?

Ich hab’s ja selber oft genug schon mitgemacht. Warum? Was treibt uns Menschen dazu?

In den verschiedenen Kulturen hat der Neujahrstag ja zu den unterschiedlichsten Terminen stattgefunden. Ob vor dem Frühling oder nach der Ernte, ob auf dem Dreikönigstag oder eben nun am 1. Januar, das Neue Jahr wurde und wird fast immer und überall mit Getöse begrüßt.

Könnte es sein, dass es wie mit der Ratte ist? Dass es der Versuch ist, etwas Störendes, Feindliches zu vertreiben? Wir Menschen wissen sehr genau, dass es bei uns das Böse gibt, das Unheil. Oft genug spielen wir drüber hinweg, oft genug tänzeln wir durch das Leben, ohne uns die eigene Sorge und Angst zuzugestehen. Aber wenn wir ehrlich sind, so holt sie uns doch immer wieder einmal ein. Und wir wissen alle ganz genau, dass die 365 Tage, die vor uns liegen, nicht sicher sind. Da kann sehr wohl das Böse ganz unerwartet auftauchen, auch in unseren Breiten, auch im eigenen Haus. Das gehört einfach zum Leben dazu: diese Brüchigkeit und Unsicherheit. Und dann versammeln wir uns alle zum gemeinsamen Lärmen. Wir nehmen alles her, was laut ist, was beeindruckt, und versuchen damit, das Andere zu vertreiben. Treibjagd auf die Ratten. Treibjagd auf alle Ängste und Nöte.

Ist das schlimm? Wohl kaum. Wenn nicht gerade jemand verletzt wird beim Feiern, beim Umwerfen der Haustür, dann hält sich der äußerliche Schaden ins Grenzen. Aber die andere Frage ist natürlich, ob wir damit etwas erreichen.

Wie war das nochmal mit der Ratte im Keller meiner Kindheit? Die hat sich nicht verscheuchen lassen, jedenfalls nicht so einfach. Und auch die Ratten unserer jetzigen Zeit und Welt werden vom Sylvestergeböller sich nicht vertreiben lassen. Als da sind mögliche Krankheit, Katastrophen, Terrorismus in unserer Nähe, Streit in der Familie, einfaches Versagen, persönliche Schwäche, Tod: all das hält sich irgendwo verborgen. Eine Trillerpfeife, das Herumstochern mit dem Besen und Losschießen von Raketen ändern da nichts dran. Vielleicht lockt es sie gerade erst an.

In alten Zeiten hat man versucht zum Exorzismus zu greifen. Angeblich hat auch Jesus sich dessen bedient. In der Bibel sind so einige Beispielgeschichten dazu verzeichnet. Aber wenn der Exorzismus jenen Versuchen, Lärm zu erzeugen, gleicht, die wir an Neujahr unternehmen oder bei der Rattenjagd im Keller, war er sicherlich auch bei einem Menschen wie Jesus nutzlos. Aus anderen Begebenheiten seines Lebens wissen wir aber, wie er ansonsten versucht hat, den Ängsten und Ratten des Lebens zu begegnen.

Zum Beispiel durch Aufräumen.

Jesus hat den Menschen eine neue Ordnung ihres Lebens nahegebracht. Eine, wo es klare Werte im Vordergrund gibt, eine Ordnung, in der nicht kleine Dinge und Menschen durchfallen, missachtet werden. Wenn ein Keller ganz neu durchgeordnet wird, wenn Essbares so angebracht wird, dass Ratten es schwer erreichen können, wenn keine Abfälle mehr auf dem Boden liegen, dann gibt es eine Chance auf ein Ende der üblen Tage. Aufräumen.

Was hat Jesus noch gemacht? Er hat auch Ratten zu verstehen versucht. Nicht alles Böse ist teuflisch. Es könnte auch sein, dass man in der Bedrohung etwas Lebenswertes entdeckt. Wer sich einlässt auf das, was hinter dem Unsympathischen steckt, der erlebt vielleicht ganz Neues. Auch Krankheit kann etwas Wertvolles sein. Auch Trotz und Streit können zu ganz neuer Gemeinschaft führen. Und sogar der Tod kann, auch wenn er ganz entsetzlich ist, dem Leben eine tiefere und neue Dimension geben. Sich wirklich auseinandersetzen mit dem, was da bedrohlich ist. Nicht nur lärmen.

Und dann eben vor allem das Stichwort Liebe. Das kommt mir am Anfang eines neuen Jahres vor wie ein Paar Schuhe, die uns allen viel zu groß sind. Jesus hat sie hinterlassen. Aber mit diesen großen Schuhen zu gehen lernen und damit anderen Menschen und Tieren nahe zu kommen, ist den Versuch sicher wert. Nicht nur jagen, kämpfen, sondern sich um Dinge kümmern wie Achtung vor dem Nächsten, wie gegenseitige Würde. Das kann ebenfalls böse Geister vertreiben.

Mit der Tür ins Haus fallen. Auch diesmal, bei diesem Jahreswechsel haben die meisten von uns sicherlich es so mit dem Neuen Jahr gemacht. Aber spätestens jetzt, nachdem wir drinnen stehen, wäre es an der Zeit, innezuhalten, einen neuen Überblick zu gewinnen, ruhig zu werden und gelassen, liebevoll und ein bisschen aufzuräumen in unserm Leben, in unseren Lebenszusammenhängen. Auf dass die Ratten weniger Chancen haben.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 1. Januar 2017 von Pfarrer em. Harald Klein, Bruckmühl)



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