Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Januar 2016 von Harald Klein

Positionen Januar 2016

Das Leben ist eine Zugreise, verehrte Hörerinnen und Hörer. Im vergangenen Herbst bin ich an einem Tag mit der Bahn von einer Stadt in Niederbayern nach Rosenheim gefahren. Eigentlich nicht Besonderes. Und trotzdem habe ich auf dieser Fahrt ein Wunder erlebt, jedenfalls möchte ich es mal so benennen. Und noch lange hab ich Anlass gehabt, darüber nachzudenken.

Ich bin also an diesem Herbsttag beim Startpunkt in den Zug eingestiegen. Vorn an der Lokomotive stand zwar als Fahrtziel „Mühldorf“ und nicht „Rosenheim“. Aber ich dachte: Naja, dann steigst du eben in Mühldorf um. Ich nahm also Platz und fuhr los. Besser gesagt: Der Zug fuhr los. Oder noch genauer gesagt: Der Zug zuckelte los. Es ging gemächlich einher. An jeder Bahnstation wurde haltgemacht. Und irgendwann kamen wir dann in Mühldorf an. Und die Durchsage kam: „Dieser Zug endet hier.“ ‘Naja,’ dachte ich, ‘das kann ja heiter werden.’ Was dann aber nicht kam, war die übliche Aufforderung: ‘Bitte verlassen Sie den Zug.’ Also blieb ich tapfer sitzen und wartete ab. Es dauerte ein paar Minuten. Und dann sagte auf einmal die Lautsprecherstimme: „Achtung, dieser Zug ist nun ein Regio-Zug von Mühldorf nach Rosenheim.“ Oha, wie das denn?! Ich fing an zu grübeln.

Draußen tat sich was. Zwei Bahnangestellte liefen herum. Jemand kam und sammelte ein paar Abfälle ein. Dann war wieder die Stimme zu hören: „Achtung, dieser Zug ist nun ein Regio-Zug. Zugang nur mit gültiger Fahrkarte.“ Und nach weiteren fünf Minuten fuhr der Zug plötzlich wieder an.

Ich war erstaunt. Ich hatte wahrhaftig eine Verwandlung miterlebt. Vorhin noch hatte ich in einer Art Bummelzug gesessen, und nun war es ein sogenannter Regionalzug. Es ging mit dem Fahren auch etwas schneller zu. Aber meine unmittelbare Umgebung war noch haargenau dieselbe. Ich schaute mich um. Die Sitze waren dieselben. Meine Mitreisenden waren dieselben. Die Fenster, die Ausgangstür, alles war gleich geblieben. Und doch saß ich in was Neuem: Vorhin ein „Neben-Zug“, wie es wohl in der Fachsprache heißt, und nun „der Regio-Zug von Mühldorf nach Rosenheim“. Spitz formuliert war es für mich tatsächlich ein Wunder. Es hatte sich etwas verändert auf schwer fassbare Weise.

Ein Wunder. Was ist das? Ein Wunder ist etwas, das nicht natürlich zu erklären ist, sagt man. Ein Wunder ist etwas, das das Leben umkrempelt. Ja genau. Zwar ist alles wie vorher, dieselben Dinge, dieselben Bleche und Gepäcknetze, dieselben Armaturen und Zugbestandteile. Aber etwas Anderes hat sich gewandelt, und zwar durchaus nichts Unwichtiges. Mein Zug hatte einen neuen Namen, eine neue Zugnummer, gehörte in einen völlig neuen Fahrplan.

Wie ist das im Leben? Das ganze Leben ist doch eigentlich eine Zugfahrt, so eine Reise von A nach B, vom Start bis zu irgendeinem Zwischen- oder auch Endstopp. Die Umgebung fliegt vorbei, mal kommt es mir schnell vor, mal kommt es mir langsam vor. Das Leben – eine Zugreise.

In einem Gedicht sagt Erich Kästner: Wir sitzen alle im gleichen Zug und reisen quer durch die Zeit.

Wir sehen hinaus. Wir sahen genug. Wir fahren alle im gleichen Zug und keiner weiß, wie weit.

Die 1. Klasse ist fast leer. Ein dicker Mensch sitzt stolz – im roten Plüsch und atmet schwer.

Er ist allein und spürt das sehr. Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug zur Gegenwart in spe. Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.

Wir sitzen alle im gleichen Zug und viele im falschen Coupé.

Das Leben ist eine Zugreise. Wunder, nun ja, da verstehen viele drunter, dass auf einmal ein Stern vom Himmel fällt, dass der Regenbogen viereckig ist oder ein Reh sechs Beine hat. Wunder, das soll etwas sein, das völlig gegen die Naturgesetze verläuft. Auf ihrer Zugreise warten viele Menschen darauf, auf so ein Mirakel. In Wirklichkeit ist ein Wunder etwas ganz Anderes. Es bedient nicht kindhafte Sehnsüchte nach Märchenhaftem, sondern es betrifft den Hintergrund, den Zusammenhang meiner Reise. Da, wo die Reise verknüpft ist mit meinem Weltbild, meinen Traum- und Selbstbildern, da hat das Wunder seinen Ort. Es macht aus der erlebten Wirklichkeit eine andere, aus der gewohnten selbstverständlichen Zugwirklichkeit eine unbekannt neue. Genau das ist der Punkt. Nicht die Großartigkeit oder Auffälligkeit, nicht die Unvorstellbarkeit oder gar Abartigkeit. Ein wirkliches Wunder betrifft den Rahmen, die Einordnung in Größeres und in Zusammenhang.

Wohin fahren wir? Was ist mein Zielpunkt im Leben? Natürlich kann ich das selber mitbestimmen, in dem ich mir irgendeinen nahen Punkt nehme auf der Landkarte, irgendwas Greifbares und das zum vorläufigen Ziel erkläre:ein Auto, das ich kaufen will, eine Ferientour, die ich unternehmen will, einen Geldbetrag, den ich ansparen will. Aber immer ist die Frage, für welche Art von Wegstrecke ich mich damit entscheide, für welche Art von Reise undvon Vorwärtsbewegen. Es mag zwar wie auf jener ersten Strecke meiner Bahnfahrt im Herbst sein, dass es mir durchaus gut geht, dass ich mich behaglich fühle, dass Kästners dicker Mensch in einen roten Plüschsessel gebettet ist, weich und vornehm. Aber das heißt noch lange nicht, dass dies das ist, was letztlich meinem Selbst und meiner Seele entspricht. Oft genug ist diese gewählte Fahrt ausgesprochen kurzatmig, auf gerade mal den Augenblick bezogen und im Zusammenhang des Ganzen eine Nebenstrecke.

Und dann gibt es diese andere Möglichkeit. Dass irgendwann und irgendwie ein Bruch kommt, eine Umwandlung. Mag sein, dass es von außen kommt, mag aber auch sein, dass es aus mir selber kommt, aus meinem Wunsch mehr zu erleben und über das Bisherige hinauszukommen. Vielleicht hilft der Zufall nach, vielleicht ist sein Wink von total woanders her. Und plötzlich ändert sich die Lage. Alles ist neu ausgerichtet, auf ein neues Ziel. Dass meine Sitzbank noch genauso da ist und womöglich drückt, ist durchaus möglich. Aber ich selber bin trotzdem anders unterwegs, und wie mir geht es womöglich auch ein paar meiner Fahrtgenossen. Vielleicht traue ich dem Neuen noch nicht so ganz, schau raus, versuch mich zu orientieren. Aber ich merke, dass es nicht mehr das Alte ist, dass die Fahrt eine andere ist, die Atmosphäre, die innere Stimmung, das Sinngefühl. Dass mir die Zeit kürzer, spannender vorkommt, dass ich Mitreisende hab, mit denen ich womöglich darüber mich austauschen kann.

Das Leben ist eine Zugreise. Ich bin mir sicher, dass manch einer von uns schon mal so eine Wandlung erlebt hat. Vielleicht erinnern Sie sich daran, verehrte Hörerinnen und Hörer. Irgendwann in der Vergangenheit war ein Zusammenhang auf einmal anders, das Lebensgefühl, die Ausrichtung. Das muss dann nicht unbedingt so gewesensein, dass das Leben mit einem Schlag um 180 Grad gedreht war oder nicht wiederzuerkennen gewesen wär. Man muss, um zu dieser Wandlung zu kommen, nicht unbedingt ausziehen zuhaus oder alles hinwerfen. Es kann ein ganz leises Wunder sein, ein kaum hörbarer Bruch im Bestehenden. Mag sein, dass man sitzen bleiben konnte, in altem Umfeld, aber man eine neue Zuordnung gefunden hat, einen neuen Gesamtfahrplan.

So spontan, wenn jemand dann gefragt würde, ob es sich um ein Wunder dreht, weiß ich nicht, was als Antwort käme. Aber vielleicht manchmal doch ein „Ja“. Und vielleicht würden gerade auch andere, Mitreisende, diesen Ausdruck verwenden. Es kann wie ein Wunder sein, wenn ein Mensch sich neu einordnet, wenn er ein Ziel findet, ganz anders als das, was bisher auf der Lokomotive gestanden hat. Ein Wunder, nicht weil man einen Sechser im Lotto hätte oder plötzlich beschwerdefrei wieder laufen kann, sondern weil eine Pfütze auf einmal Himmel wiederspiegelt, ganz neues Licht zu mir hereinfällt und ich auf einmal genau weiß, worum es geht.

Klar kann jemand sagen: ‘Was soll das Ganze eigentlich? Irgendwann ist doch jede Zugreise am Ende. Irgendwann heißt es aussteigen, abtreten: in vier Brettern.’ Und da zieht er dann die Begründung draus, immer auf dieselbe Weise unterwegs zu bleiben und drauflos zu leben, bis es eben vorbei ist. Aber wer will das denn wissen? Es kann sogar sein, dass auch das Ende eingetaucht wird je nachdem in ein neues Licht. Warum soll mich nicht die neue, diese andere Reise wohin bringen, wo auch die Frage nach dem Schluss der Reise und dem Danach nochmal neu Zusammenhänge bekommt. Wenn die alte, plattgetretene Strecke verlassen wird, die Nebenstrecke, dann kommt womöglich ein Ziel in den Blick, das jenseits der üblichen Tagesziele und Bahnstationen liegt.

Wir haben den Beginn eines neuen Jahres. Ich wünsche Ihnen, dass Sie im neuen Jahr womöglich ein Zugwunder erleben. Dass Sie vielleicht nicht nur einmal sondern sogar mehrfach das Gefühl eines neuen Ziels erhalten, einer neuen Richtung. Dass Sie mitten im vertrauten Alltag merken, wie der ausläuft, seine innere Berechtigung verliert, und Sie sich mitteilen lassen, dass es um mehr geht als nur den roten Plüsch. Und dass Ihr Zug eventuell eine neue Nummer erhält, eine neue Zuordnung. Weil einfach das Alte nicht mehr taugt, weil es Lohnenderes gibt. Und auf einmal könnte für Sie Anderes im Leben wichtig werden.

Und ich hol mein Handy heraus und nehm schon mal Kontakt auf. Und rufe Leute an, mit denen ich etwas aufbauen will, eine Vision verwirklichen. Rufe Leute an, denen ich schon längst etwas sagen wollte. Oder ich lehne meinen Kopf zurück und beginne nachzudenken, zu träumen, zu phantasieren, zu weinen, zu hoffen. Oder ich schau einfach raus, aus dem Zugfenster und freu mich an der vorüber ziehenden Natur, den kleinen Dingen, Blättern, Regentropfen, einem Sonnenstrahl, der zu mir durchdringt. Ja, ein Jahr, über dreihundertsechzig Tage. Gelegenheit, mich zu wundern. Gelegenheit, Wunder geschehen zu lassen, an mir und unserer Welt. Wunder, die sie dringend nötig hat.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 3. Januar 2016 von Pfarrer em. Harald Klein, Bruckmühl)



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