Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen November 2015 von Harald Klein

Positionen November 2015

Heute morgen möchte ich Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, auf eine Reise mitnehmen: und zwar in den Norden, in Richtung Heide und letztlich Buxtehude. Es ist ein herrlicher Urlaubstag im Spätherbst. Der Buchweizen blüht. Die Sonne steht am Himmel, und der Wind streicht warm über die Stoppeln. In einiger Entfernung gehen Leute im Sonntagsstaat zur Kirche, jedenfalls machen sie den Eindruck.

Ganz in der Nähe sehe ich jemanden, der vergnügt durch die Natur spazieren geht. Er flötet, pfeift vor sich hin. Aber dann ändert er plötzlich seine Gangrichtung und marschiert geradewegs auf ein Feld zu. Ob er nach den Rüben da schauen will oder was er sonst im Sinn hat, weiß ich nicht. Irgendetwas hat er jedenfalls vor, stößt aber urplötzlich auf jemand ganz Anderen. Der kommt da aus dem Gebüsch heraus und richtet sich hoch auf. Ob sich die beiden kennen? Wenn, dann aber wohl nicht im Guten. Ich sehe, wie der Kleine, der Erstere, sich etwas zur Seite bewegt. Es nützt aber nichts. Der andere baut sich vor ihm auf und donnert ihn an.

Ich bekomme einen richtigen Schreck. Am frühen Sonntagmorgen solch eine Stimmung. Und dann kann ich so gerade verstehen: „Was wollen Sie hier überhaupt?“ Naja, anscheinend wollten doch beide spazieren gehen. Aber der Kleine kommt überhaupt nicht zu Wort. Der andere kanzelt ihn regelrecht ab. Wieso er sich einbilde, und was überhaupt sein Recht hier am frühen Morgen wär, und dass er ja machen sollte, dass er … Ich begreife es nicht. Aber jetzt wird der Kleine doch ein bisschen mutiger, sein Widerwille ist geweckt. „Ich hab doch wohl dasselbe Recht wie Sie, hier herum zu …“ „Aber nicht die Bohne“, ist die Antwort. „Und außerdem sieht das geradezu lächerlich aus, wenn Sie mit Ihren krummen Beinen im Sonntagsanzug durch die Gegend laufen.“ Ich merke, das läuft auf eine Auseinandersetzung, wenn nicht gar auf einen Kampf hinaus. An diesem herrlichen Herbsttag. Der Größere krempelt die Ärmel hoch. Aber ganz so rustikal will es der erstere nicht. Er schlägt etwas Anderes vor zur Klärung der Lage, irgendwie etwas mit einem Wettkampf, und dann könne man ja sehen… Der Große prustet vor Lachen los.

Und ich denke auch: O je, das wird für den Kleinen wohl übel ausgehen. Aber dann bittet der den Großen nur einen kleinen Moment zu warten, er müsse sich gerade noch kurz vorbereiten, andere Schuhe anziehen oder sonst etwas. Und er verschwindet.

Der Große macht derweil vor Ort ein paar Dehnübungen. Er scheint ziemlich fit zu sein. Für mich oder uns als Zuschauer ist es übrigens besser, jetzt den Schutz eines dicken Baumes aufzusuchen, damit wir beobachten können, aber nicht ins Geschehen einbezogen werden. Das Schauspiel möchte ich mir jedenfalls nicht entgehen lassen. Und prompt kommt nach kurzer Zeit der Kleine wieder, anscheinend wohnt er ziemlich in der Nähe. Und dann knien sich die beiden Kontrahenten hin, der Größere beginnt zu zählen: „Eins, zwei, los!“

Und hast Du nicht gesehen, rennen beide los, jeder so schnell er kann. Allerdings, zu meinem Erstaunen nur für ein paar Meter. Der Große ja, der fegt wie der Wirbelwind weiter. Aber der Kleine, der wird doch tatsächlich nach ein paar Schritten langsam, duckt sich weg, bleibt stehen und geht auf Zehenspitzen zurück.

Das hatte ich nicht erwartet. Vielleicht können Sie sich aber denken, wie es weitergeht. Kurz darauf kommt jedenfalls der Große vom nahen Waldrand, wo sie anscheinend das Ziel ausgemacht hatten, zurückgelaufen, er schnauft stark, ist aber wahrhaftig flott auf den Beinen unterwegs. Aber als er zum Gebüsch am Ausgangspunkt zurückkehrt, tritt wie wundersam auf einmal der Kleine heraus und sagt … Nun, was sagt er? Ja, er sagt: „Bin schon da.“

Tatsächlich. Unsere Reise frühmorgens in die Heide hat uns mitten hinein in eine uralte Geschichte geführt. Und die, die da laufen, sind höchstens im übertragenen Sinn zwei menschliche Kontrahenten. Im Wortlaut der Geschichte aber sind es Hase und Igel. Die Geschichte vom Wettkampf zwischen dem Hasen und dem Swinigel kennt fast jeder. Auch wenn sie weit oben im Norden, bei Buxtehude, angeblich abgelaufen ist. Zwei Leute, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und obwohl es zu Beginn völlig anders aussieht, ist am Ende der kleine krummbeinige Igel der Sieger. Und der Hase liegt tot am Boden.

Freilich muss man fairerweise zugeben, dass noch jemand dabei eine Rolle spielt. Es ist die Geschichte eines Ehepaars: Herr und Frau Igel. Gemeinsam haben sie den Hasen zur Strecke gebracht. „Ich bin schon da.“ „Ich bin schon da.“ Und der große Selbstsichere, der eigentlich perfekte Läufer und Sportler hat ausgedient. Exitus.

Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, diese Geschichte unter dem Begriff „Kindermärchen“ einordnen, dann wird das wohl nur zum Teil ihrer Wirklichkeit gerecht. In den verschiedensten Märchensammlungen taucht sie zwar auf. Aber nicht Kinder sind die eigentlichen Adressaten, sondern wir Erwachsenen, die wir mitten im Leben und mitten in den Auseinandersetzungen des Lebens stehen. Alles beginnt sehr gemütlich und romantisch, spitzt sich aber dann blitzschnell zu zum Drama. Hauptperson ist der Igel, besser gesagt: sind die beiden Igel. Wer nun von den beiden männlich bzw. weiblich ist, spielt keine große Rolle. Fakt ist, dass der eine von beiden herausgefordert ist, und der andere dann zu Hilfe gerufen wird.

Und der Hase? Nun das ist wohl irgendwie ein Feind. In der Geschichte stammt er aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Und wir tun gut daran, ihn nicht als äußeren Feind anzusehen sondern als Gefahr innen drin, im Igel beziehungsweise im Menschen. Der Hase scheint eine Art Mensch zu sein, eine Variante, das Leben zu gestalten. Er ist sozusagen der Feind mitten im eigenen Denken, mitten im eigenen Herzen. Ganz schnell wird deutlich, was der Hase von sich selber hält: er hat eine hohe Meinung von sich, trägt Selbstsicherheit vor sich her. Der Hase ist der Meister, der Könner. Und da spüren wir: das ist uns manchmal nicht fremd. Natürlich können so auch andere sein, Menschen in unserer Umgebung, aber als Anlage, als Lebensmöglichkeit steckt es in jedem von uns. Mein Name ist Hase. Ich bin der mit den großen Beinen, der mit Schnelligkeit und Perfektion. Ich bin der, der es gern drauf ankommen lässt, weil er sich überlegen fühlt. „Wie? Das Problem muss doch zu bewältigen sein. Das krieg ich allein hin. Und wenn in der ersten Runde nicht, dann eben in der zweiten oder in der fünften oder in der zwanzigsten.“ Der Hase ist der, der nichts merkt: Da kann er noch so lange laufen, noch so oft nur die Fersen der anderen sehen, von einer Niederlage kann keine Rede sein. Das wär ja noch schöner, mir nichts dir nichts aufzugeben. Ich laufe, bis ich umfalle.

Kennen Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, solche Menschen? Die nie aufgeben? Die nie ans Nachdenken kommen? Haben Sie sich selber schon einmal so erlebt? Laufen ohne klug zu werden, kämpfen ohne Luft zu holen, Stress haben ohne anzuhalten? Was steckt dahinter? Ist der Hase nicht vielleicht, wie es im Volksmund heißt, in Wirklichkeit ein Angsthase? Der Hase ist ein Getriebener, in diesem Märchen, aber auch grundsätzlich. Er ist ein oft Gejagter. Und wir ganz persönlich können uns manchmal darin wiederfinden.

Was ist die Alternative?

Schauen wir uns den Igel an. Was macht er anders? Nun, zum Ersten: er weiß um seine Schwächen. Der Igel oder auch beide gemeinsam wissen um das, was sie nicht können. Beide haben ganz klar, dass sie im Laufen nie und nimmer einem Hasen das Wasser reichen können. Ich weiß, was ich nicht kann, ich weiß, dass ich nicht perfekt bin. Wer das nicht intus hat, nicht offen zugibt, der kommt über kurz oder lang in einen Teufelskreis. Erst wenn ich merke, was mir fehlt, merke, wo ich alleine nicht weiterkomme, habe ich eine Chance den Kampf zu bestehen.

Genauso wichtig freilich ist das Zweite, von dem das Märchen erzählt. Dass nämlich der Igel bei allem Bewusstsein seiner Schwächen doch gleichzeitig um den eigenen Wert weiß. Um das Recht, er selber zu sein. Das lasse ich mir von keinem verbieten. Ich habe meinen Wert. Ich darf meinen Weg gehen, ich hab das Recht auf Menschenwürde. Wer das nicht weiß, wer um diesen inneren Freiraum nicht bereit ist zu fighten, der hat schon verloren, bevor das Rennen angefangen hat. Ich bin wertvoll. Und wenn ich noch so krumme Beine hab, und wenn ich noch so langsam bin, und wenn ich noch so stachelig aussehe. Ich bin von Gott gewollt.

Genau diese Sicht der Dinge fehlt dem Hasen. Er merkt nicht, dass er sich selber aufgibt. Zwischen den beiden Polen der Laufstrecke verliert er jegliches Gefühl für Sinn und Situation. Er ist eingebunden in eine entsetzliche Hetze von Herausforderung zu Herausforderung, von Erfolg zu Erfolg oder Misserfolg zu Misserfolg. Und irgendwann bleibt er so mit seinem Leben auf der Strecke.

Das Märchen vom Swinigel sagt: Wer aussichtsreich leben will, muss über den Hasen-Zwängen stehen, über Leistungs- und Erfolgsstress. Wer nicht in seinen eigenen Schleifen zu Tode rennen will, der muss wissen, was wirklich zählt im Leben: beispielsweise Gelassenheit oder die Wertschätzung des Nichtperfekten.

Und noch ein dritter Punkt wird deutlich im Märchen dargestellt: Wer im Leben bestehen will, muss um die Ähnlichkeit wissen, die Ähnlichkeit zwischen Igel und Igel, zwischen Mensch und Mensch. Igel wissen, dass sie Igel sind. Sie sind sich zum Verwechseln ähnlich. Erst wer das weiß, kommt aus seiner Einzelkämpferhaltung raus. Ich weiß, dass wir Menschen eine ganze tiefe Ähnlichkeit haben. Ich finde mich in Dir wieder. Ich weiß, dass andere genauso Sorgen haben wie ich, genauso Beachtung brauchen wie ich, Bestätigung, Glück. Und das ist die Tür zur Solidarität, die Tür zum Gemeinsamen. Ich muss nicht allein für das Heil der Welt sorgen. Wir können uns das Leben teilen. Ich bin schon da. Du kannst Dich auf mich verlassen. Du Igel, Du Mensch. Ich muss dafür nicht perfekt sein, nur solidarisch.

Ein sehr spannendes Märchen, nebenbei gesagt: sogar mit Bezug zum Glauben, zum christlichen Glauben. Denn als am brennenden Dornbusch der berühmte Mose Gott fragt, wie denn sein Name laute, da sagt Gott: Ich bin der: Ich bin da. Ich bin schon da, wo Du auch hinkommst. Auch Gott ist solidarisch, auch Gott schätzt gerade den nicht perfekten und nicht meisterhaften Menschen und nicht den Einzelkämpfer.

Jeden Morgen werden wir gefragt, wie wir uns heute verhalten wollen. Jeden Morgen stehen wir vor der Alternative, Hase zu sein oder Igel. Die norddeutsche Geschichte vom Swinigel lädt ein, es mit dem kleinen krummbeinigen Kameraden zu versuchen, der um den Wert der Gemeinschaft weiß.

Lassen Sie mich hinzufügen: Sogar in der aktuellen Auseinandersetzung mit Fanatismus und Terror in Europa ist das zentral. Wir werden nie mit Überheblichkeit siegreich sein, sondern nur mit kluger Bescheidenheit.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk am Sonntag, den 22. November 2015 vom Pfarrer em. Harald Klein, Bruckmühl)



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