Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen März 2015 von Daniel Saam

Positionen März 2015

Positionen zum Palmsonntag, 29. März 2015

Singt dem König Freudenpsalmen, Völker, ebnet seine Bahn!

Zion streu ihm deine Palmen! Sieh, dein König kommt heran.

Der aus Davids Stamm geboren, Gottes Sohn von Ewigkeit,

uns zum Heiland auserkoren: er sei hochgebenedeit.

David sah, im Geist entrücket, den Messias schon von fern,

der die ganze Welt beglücket, den Gesalbten, unsern Herrn.

Tochter Zion, streu ihm Palmen, breite deine Kleider aus,

sing ihm Lieder, sing ihm Psalmen! Heut beglückt der Herr dein Haus.

Sieh, Jerusalem, dein König, sieh, voll Sanftmut kommt er an.

Völker, seid ihm untertänig; er hat allen wohlgetan.

Den die Himmel hoch verehren, dem der Chor der Engel singt,

dessen Ruhm sollt ihr vermehren, da er euch den Frieden bringt.

Verehrte Hörerinnen und Hörer!

Das Lied, das wir gerade gehört haben, wird heute sehr wahrscheinlich in vielen Gemeinden im Gottesdienst gesungen. Die Kirchen in katholischer und evangelischer Tradition feiern heute den Palmsonntag. Jesus, so berichten alle vier Evangelien, kommt nach Jerusalem und wird dort, zumindest von einigen Menschen, wie ein König begrüßt.

Wie würden Sie sich den Einzug eines Königs in Jerusalem vorstellen? Wie, wenn Sie das überhaupt möchten, würden Sie sich den Einzug eines Königs in der Landeshauptstadt München vorstellen?

Der damalige römische Kaiser Tiberius wäre bestimmt mit allen militärischen Ehren empfangen worden. Bestimmt hätte man die Strecke, auf der er in die Stadt eingezogen wäre, gründlich gereinigt. Man hätte Bettler, Kranke und arme Schlucker vertrieben, um die Inszenierung, das prachtvolle Bild nicht zu stören. Der Kaiser selbst wäre wahrscheinlich auf einem stattlichen Pferd geritten oder er wäre auf einem prächtigen Streitwagen vorgefahren. Er wäre von allen bejubelt worden. Er hätte seine ganze Macht und Pracht entfaltet auf Kosten der Bewohner, vor allem auf Kosten der Ärmsten.

Auch wenn es in Bayern keinen König mehr gibt, die Inszenierung von Macht und Pracht gibt es heute noch genauso, wie damals. Denken Sie nur an Staatsempfänge oder an den anstehenden G7 Gipfel in Garmisch-Partenkirchen. Immer wird der Weg, auf dem die Mächtigen kommen, gesäubert, es wird weiträumig abgeriegelt, aus Sicherheitsgründen und damit niemand das Bild stört. Prächtige Staatskarossen fahren dann vor und ein Heer von Journalistinnen und Journalisten sorgt dafür, dass die Bilder um die ganze Welt gehen.

Den Einzug Jesu in Jerusalem schildern uns die Evangelien auch mit eindrucksvollen Bildern. Jesus trottet auf einem jungen Esel sitzend nach Jerusalem hinein. Wer schon einmal einen erwachsenen Menschen auf einem Esel hat reiten sehen weiß, dass das wirklich kein prachtvoller Anblick ist. Es sieht eher lächerlich aus. Begleitet wird Jesus von einigen Menschen, einfachen Leuten. Es sind ehemalige Fischer. Sie legen ihre Überbekleidung auf die staubige Straße, um ihren Lehrer zu ehren. Manche Anwohner verlassen ihre Häuser, sie reißen Zweige von den Bäumen ab und jubeln. Dabei rufen sie Worte aus dem 118 Psalm: „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn.“ Hosanna heißt übersetzt: „Bring doch Hilfe“. Für damalige Hörerinnen und Hörer dieser Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem klingen Bilder an, die in den Prophetenbüchern niedergeschrieben sind. Sie zeichnen das Bild eines kommenden Friedensfürsten für Israel. Der wird auf einem Esel daherkommen und den Menschen Hilfe bringen.

Sieh, Jerusalem, dein König, sieh, voll Sanftmut kommt er an. Völker, seid ihm untertänig; er hat allen wohlgetan. Den die Himmel hoch verehren, dem der Chor der Engel singt, dessen Ruhm sollt ihr vermehren, da er euch den Frieden bringt.

Hilfe für die Menschen soll er bringen, der erhoffte Messias. Frieden, Frieden für alle. In diesen wenigen Tagen von Palmsonntag bis Ostern überschlugen sich nun damals die Ereignisse. Bei seiner Ankunft in Jerusalem, dort also, wo politische und religiöse Macht sich konzentrieren, ist Jesus umjubelt – sicher nicht von den Massen, aber doch von einigen. Dass er auf einem Esel reitend als Gegenbild zum weltlichen Herrscher auftritt – das ist politischer Zündstoff. Darüber hinaus erregt es die Gemüter einiger Anhänger der Partei der Pharisäer, dass Jesus begrüßt wird, wie der lang ersehnte Messias, den die Propheten angekündigt hatten. Das ist religiöser Zündstoff. Zu viel Zündstoff für ein Pulverfass, wie Jerusalem es auch damals schon war. Relativ schnell scheint Jesus zu ahnen, dass er diese Stadt nicht mehr lebend verlassen wird. Am Donnerstag, dem Gründonnerstag, nimmt er Abschied von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Ein letztes Mal will er mit ihnen das Paschamahl feiern, jenes Mahl, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert, an die Befreiung aus Zwangsarbeit und Sklaverei. Noch am selben Abend wird er dann verhaftet. Verraten von einem Freund, der ihn vielleicht nur aus der Reserve locken, den politischen und religiösen Umsturz ins Rollen bringen wollte. Das lässt sich heute kaum mehr mit Sicherheit sagen.

Am nächsten Tag schon, dem Karfreitag, stirbt Jesus am Kreuz. Alles scheint aus und vorbei. Die Jünger geflohen, die Frauen am Boden zerstört. Auch wenn am Ende der Heiligen Woche die Erfahrung von Auferstehung steht, vom Frieden, von einem Frieden für alle ist sicherlich auf den ersten Blick keine Spur.

Was ist das nun für ein König, der da auf einem Esel nach Jerusalem kommt und von dem das Lied erzählt, er hätte allen wohlgetan? Was ist das für ein König, der uns angeblich den Frieden bringt?

Das, was ich täglich in den Nachrichten sehe, sieht überhaupt nicht nach Frieden aus. Das Christentum selbst hat im Lauf seiner bisherigen Geschichte vieles dafür getan, dass der Frieden ausblieb. Und dennoch glaube ich, dass am Friedensfürsten Jesus etwas dran ist. Betrachten wir uns seinen Einzug in Jerusalem dann fällt auf, dass hier nicht Bettler, Lahme und arme Schlucker vertrieben werden. Jesus inszeniert keine Macht, er inszeniert Demut, den Mut, ganz nah bei den Menschen zu sein, sie nicht von oben herab zu sehen, sondern ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Demut ist der Mut zum Dienen. Diesen Mut beweist Jesus nach dem Johannesevangelium im Abendmahlssaal, als er seinen Jüngern die Füße wäscht. Hier will einer nicht durch große Taten glänzen. Hier ist kein heroischer Feldherr am Werk, der sich durch seine siegreichen Schlachten, durch Eroberungen und Unterwerfungen im Buch der Geschichte unsterblich machen will, wie es bei den römischen Kaisern der Fall war. In Jesus ist einer am Werk, dessen Verhalten und Taten letztlich nur durch Zuneigung und Liebe zu den Menschen erklärbar sind und der sogar bereit ist, sein Leben zu geben, um nicht seine Überzeugung zu verraten.

Was ist es, das Menschen nach Macht und Ansehen, nach Reichtum und Einfluss streben lässt? Ist es letztlich nicht die Armseligkeit der menschlichen Existenz, die sicher, totsicher irgendwann mit dem Tod endet? Ist es nicht die Angst vor dem Tod, vor dem eigenen und vielleicht noch mehr vor dem Tod des Ehepartners, der Partnerin, des eigenen Kindes, des lieb gewonnenen Menschen, die in mir eine Unruhe, eine Panik, einen Unfrieden erzeugt und nährt?

Von Blaise Pascal, dem französischen Mathematiker, Physiker, Literaten und christlichen Philosophen stammt folgender Satz: „Weil die Menschen gegen den Tod kein Heilmittel finden konnten, sind sie, um glücklich zu werden, darauf verfallen, nicht mehr daran zu denken.“ Besitz und Einfluss, Ansehen und Macht können über die eigene Sterblichkeit eine Zeit lang hinweg täuschen. Das Streben nach Fitness, nach Jugendlichkeit und Schönheit führt bei manchen Menschen sicher zu einem Teilerfolg. All das kann aber nichts daran ändern, dass das Leben eines jeden Menschen letztlich tödlich endet.

Bei all diesen Überlegungen will ich keinesfalls das Leben und seine möglichst freie Entfaltung klein oder gar schlecht reden. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass auch und gerade der christliche Glaube auf die Entfaltung und das Glück des Menschen im Hier und Jetzt zielt. Bleibt nur der Schönheitsfehler unserer Sterblichkeit, das Fehlen eines Heilmittels gegen den Tod. Für mich persönlich liegt in der unglaublichen Schlichtheit und Gelassenheit Jesu das Heilmittel gegen diese Angst, ein Heilmittel gegen die innere Unruhe und die Panik, ein Heilmittel gegen meinen inneren Unfrieden. Weil Jesus so auf den ewigen Gott vertraut hat und seine Zukunftszusage, konnte er letztlich sogar sein Leben in die Hand dieses Gottes legen und sterben. Was für seine Jüngerinnen und Jünger zunächst die absolute Katastrophe, das Ende bedeutete, entpuppte sich als Anfang, als Leben, das wir Menschen zwar denken, das wir uns aber kaum vorstellen können. Nach christlicher Überzeugung hat Gott in der Wiederaufrichtung Jesu gezeigt, dass wir Menschen Teil einer größeren Wirklichkeit sind, aus der uns nichts herausreißen kann. Ich muss nicht versuchen, mich, durch was auch immer, unsterblich zu machen. Ich bin unsterblich, weil ich eingeschrieben bin in die Hand Gottes, des Ewigen. Wer dieses Heilmittel gegen den Tod für sich entdeckt, es entdecken kann, findet innere Gelassenheit und inneren Frieden und wird fähig, auch äußeren Frieden zu stiften.

Jesus, der König, von dem das eingangs zitierte Lied erzählt, er habe allen wohlgetan, und uns darum einlädt, ihm untertänig zu sein, dieser Jesus kann uns auch heute noch eine entscheidende Hilfe sein. Mit heutigem Sprachduktus müsste man sagen: Weil Jesus sich für uns eingesetzt, sein Bestes für uns gegeben hat, sollen und können wir uns ihm anschließen, sollen und können wir ihn wählen, weil er wirklich verlässlich und vertrauenswürdig ist. Ihm, seiner selbstverständlichen Art angstfrei zu leben, andere nicht übertrumpfen zu müssen, verdanken wir die Hoffnung, die uns wirklich Frieden bringt.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk am Palmsonntag, den 29. März 2015 von Pfarrer Daniel Saam, Regensburg)



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