Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen Juli 2015 von Harald Klein

Verehrte Hörerinnen und Hörer!

Jetzt in der Sommerzeit ist der Garten ein Ort, an dem man gerne ist. Da lässt man es sich gut gehen. Auf dem Rasen, im Liegestuhl, inmitten vom Lattenzaun. Wenn ich von der Straße her oder vom Fahrradweg her einen Garten sehe, eingegrenzt von einem Lattenzaun, dann fällt mir ein Gedicht von Christian Morgenstern ein: Es ist überschrieben mit „Der Lattenzaun“.

„s war einmal ein Lattenzaun – mit Zwischenraum, hindurchzuschauen. Ein Architekt, der dieses sah, stand eines abends plötzlich da. Er nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein großes Haus. Der Zaun indessen stand ganz dumm mit Latten ohne was herum. Ein Anblick grässlich und gemein, drum zog ihn der Senat auch ein. Der Architekt jedoch entfloh nach Afri- od Ameriko.“

So ein richtig schönes, typisches Morgenstern-Gedicht. Mit einem Hang zum Nichts und doch auch mit einem hinterhältigen Sinn. Manchmal brauche ich an einem Morgen so einen Impuls, federleicht und zugleich wie ein Denkzettel. Ein Lattenzaun. So etwas war ja mal sehr modern. In den 60ger und 70ger Jahren des letzten Jahrhunderts. Womöglich ein Garten mit Lattenzaun und zugleich mit Gartenzwergen. Auf jeden Fall aber mit Einblick von draußen.

Haben Sie selber mal so einen gehabt oder nah dran gewohnt? Ich habe mir die Hose einmal an so einem Ding zerrissen. Und bei meinen Eltern zuhause hab ich den gestrichen, unter Stöhnen. Denn das ist mühsam, so einen Zaun zu streichen.

Für Christian Morgenstern ist ein Lattenzaun ein seltsames Ding, so drückt er es in seinem Gedicht jedenfalls aus: Es ist eine Mischung aus etwas und aus nichts. Holz und dann aber auch wieder kein Holz. Eben nichts Geschlossenes. Eine Mischung aus Luft und Gegenstand. Ohne eines der beiden Elemente ist ein Lattenzaun kein Lattenzaun mehr. Wenn man einen Teil wegnehmen will, das Feste oder das Leere, führt es zum Drama.

Und trotzdem, genau das versuchen Menschen gern. Im Gedicht ist es ein Architekt, der eines Abends plötzlich dasteht und wohl überlegt, wie er aus dem Lattenzaun etwas Nutzbringendes konstruieren kann: Er nimmt den Zwischenraum heraus und baut daraus ein großes Haus. Ha! Das soll mir mal einer nachmachen. Ha! Aber wie kann man das? Unfug? Nein, kein Unfug.

Christian Morgenstern schildert ganz humorvoll, wie jemand das Leben ausschlachtet, wie er versucht, klug wie er ist oder sich empfindet, das Leben aufzuspalten und sich nur der einen Hälfte zu bedienen, der einen Seite der Medaille. Das ist humorvoll aber eben kein Unfug, denn das wollen und versuchen Menschen alle Nasen lang. Und aus dieser einen Hälfte nun baut der Morgensternsche Architekt versuchsweise etwas Neues, ein imposantes Gebäude, letztlich wohl ein Wolkenkuckuckshaus. Und was geschieht mit dem Rest? Nun, Morgenstern beschreibt es: Der Zaun indessen stand ganz dumm mit Latten ohne was herum. Eine Geschichte, die sitzt, eine Geschichte im Gedicht, mitten aus dem Leben.

Denn – Lattenzaun, das ist unsere Welt. Lattenzaun, das ist jedes Ding, das wir haben, dem wir nachlaufen, dem wir glauben zu ähneln. Lattenzaun. Halb so und halb so. Zum Einen voll, zum Andern leer. Zum Einen stabil und zum Andern hohl. Was ist denn mein Leben? Was ist Glück? Was ist sogar Glaube? Immer etwas Schillerndes, immer ein Netz. Immer ein Geflecht aus Festem und Nichts. Mein Verdienst, meine Schätze. Mein Gehalt, meine Rücklagen. Im Kern nichts, womit ich angeben könnte, sondern immer nur eine Mischung: halbgar, halbsolide, halbwirklich. Wie ein Einkaufsnetz.

Früher hab ich sowas gern zum Einkaufen benutzt. Natürlich, das kann eine Menge aushalten, festhalten, so ein Netz. Aber es taugt letztlich eher für die Salatköpfe und großen Dinge, die Oberflächendinge des Lebens. Das Kleine und Feine fällt durch. Als kleiner Junge hab ich mal mein Wechselgeld beim Einkauf mit ins Netz gesteckt. Das war am Ende zuhaus weg, einfach durchgefallen. Es ist eben so: ein Netz ist nichts Geschlossenes, es besteht eigentlich nur aus Verbindungen, über Leerstellen hinweg. Wie ein Lattenzaun.

Manchmal ärgert uns das. Dann hätten wir lieber was Rüttelfestes, Stabiles. Nicht schwarz und weißsondern nur schwarz. Nicht Material und Luft sondern nur Material, nur vorzeigbar. Damit wir uns nicht blamieren, nicht verschätzen, nicht lächerlich machen. Es gibt viele, die so gern was Einheitliches aus dem Leben machen wollen. Endlich was Grandioses oder eben das Gegenteil, was total Träumerisches, Phantasievolles. Damit man weiß woran man ist, damit man endlich was vorzuweisen hat.

Nur machen sie damit aus sich und der Welt laut Morgenstern was Grässliches. „in Anblick grässlich und gemein, drum zog ihn der Senat auch ein“, sagt der Dichter. Es ist immer neu das Spiel und die Versuchung der Menschen. Aus dem Geflecht eine Mauer zu machen, aus dem Wunder der Verbindung etwas Klipp- und Klares. Aber dann geht’s daneben, dann geht’s den Bach runter, und die großen Pläne verlieren sich in der Weite. Und der Architekt entflieht, sucht das Weite. Wo? Interessiert keinen mehr. In Afri- od Ameriko.

Der Sommer, diese leichte und helle Jahreszeit, macht das ganz deutlich: dass das Leben eine Kombination aus Schwere und Leichtigkeit ist, aus Nichts und Etwas. Mein Alltag: nichts und etwas. Mein Arbeiten und Anstrengen: nichts und etwas. Mein Besitz: Greifbares und Leeres. Und vor allem meine Persönlichkeit. Nur ein Netz, mit mehr Lücken als Substanz. Mein Weltbild. Wie ein Lattenzaun, so leicht und so spielerisch, so verletzlich und so schwach. Und lebt immer nur von den Verbindungen. All unsere angeblichen Sicherheiten: Luftblasen.

Da haben mal zwei berühmte Rennfahrer in Indien draußen auf dem Land geschlafen, in einem Zelt. Mitten in der Nacht wird der eine wach und sieht seinen Kollegen in höchster Not um das Zelt rennen, immer im Kreis. Und dicht hinter ihm rennt ein Tiger. Der im Zelt ruft laut: „Spute dich, lauf so schnell du kannst!“ Aber da antwortet der Verfolgte: „Keine Sorge, ich hab eine Runde Vorsprung.“

Das, was wir als so sicher empfinden ist eine Luftnummer. In Wirklichkeit ist unser Vorsprung nicht die Bohne wert. Das Leben ist nicht bombastisch und garantiert, es ist ein Lattenzaun. Es gibt eine berühmte Bibelstelle aus dem Hebräerbrief, die das ausdrückt. Da sagt der Briefschreiber: Sogar unsere religiöse Gewissheit ist ein Windspiel: Glaube ist feststehen in Hoffnungen. Überzeugt sein von Dingen, die nicht da sind. Verankert sein in Träumen. Es ist unglaublich wichtig, diese Wahrheit im Bewusstsein zu haben. Dass nicht nur die irdischen Dinge sondern auch die sogenannten himmlischen Offenbarungen ein fragiles Geflecht sind, etwas und nichts. Christlicher Glaube ist Selbstbetrug, wenn er das nicht bewahrt in seiner Botschaft, das Wissen um die Unvollkommenheiten. Glaube dient dazu, dem Leben seine Leere zu lassen, seine Luftlöcher und Pleiten, genauso wie seine Haltestäbe und Standbeine.

Ein Glaube, der sich als Bollwerk und Schutzbunker verkauft, ist es nicht wert, weiter gegeben zu werden. Die vielleicht trefflichste Darstellung von dieser Seite des Seins ist in der Bibel die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Wir kennen sie wohl alle. Ganz gleich wie es nun wirklich historisch um das alte Babylon bestellt war: die Geschichte demonstriert auf humorvolle Weise, was passiert, wenn Menschen ihre Bauwerke für unverwüstlich halten.

Da hatte eine ganze Stadt, ja vielleicht sogar ein ganzes Königtum den Plan gefasst, einen Turm zu bauen bis in den Himmel. Und es ist grotesk, es scheint sogar zu gelingen. Mit Ehrgeiz und Geld, mit Selbstüberschätzung und Größenwahn bauen die Babylonier vor Tausenden von Jahren ihr Monument und landen jenseits der Wolken, fast wie im Märchen. Und Gott selber verzieht den Mund: „Jetzt fehlt es nur noch wenig und sie berauben mich meiner Mittagsruhe. Das muss ich mir doch mal von nahem ansehen.“ Und erst unter diesem genauen und sarkastisch prüfenden Blick bricht dann der Turm in sich zusammen, wird zum allgemeinen Gespött. Die Leute, die ihn gebaut haben zerstreuen sich in alle Winde. Aus dem scheinbaren Bollwerk wird eine Ruine. Hätten die Menschen von vorn herein zugegeben, dass sie nur Lattenzäune bauen können, durchlässige Gartenumrandungen, wäre ihnen vieles erspart geblieben.

Zum Schluss möchte ich unser Gedicht in diesem Sinne ein wenig ausschmücken. Wer meint, aus eigenen Kräften den Himmel erreichen zu können, macht sich zur Witzfigur und endet in hoffnungsloser Flucht – soll das besagen. Wer aber sich ehrlich einlässt auf das Wesen unseres Lebens, der gewinnt Leichtigkeit und Weisheit, Humor und vielleicht den Zugang zur Liebe:

Es war einmal ein Lattenzaun – mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Sowohl recht fest und sehr aus Holz wie auch arg leicht, aus Luft, was soll’s. Ein strebsamer Mensch, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da. Er nahm das Leichte sich heraus und baute draus ein Riesen Wolkenhaus. Der Zaun indessen stand nur noch massiv, und alles Volk lief hin und rief: Krass ist dieser Anblick und gemein, was soll denn das an Wert noch sein?! Der Mann, der hatte nun nicht mehr Gewinn. Und also machte er sich dünn.

Ach, lassen wir dem Leben lieber seine Lücken, den Zäunen, den Tagen, uns selbst: neben Solidem auch die Tücken. Neben Abendkleid und Anzug auch die Flicken. Und seien wir bescheiden, ehrlich froh. Und fliehen nicht nach irgendwo.

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk am Sonntag, den 19. Juli 2015 von Pfarrer em. Harald Klein, Bruckmühl)



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