Dekanat Bayern

Positionen / Gedanken zum Tag

Alt-Katholische Positionen auf Bayern 2

Im Bayerischen Rundfunk II (B2 Radio), Sonntag früh gestalten folgende Geistliche unseres Dekanats Morgenfeiern um 6:30h bzw. 6:45h:

 

2021

24. Januar 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

21. Februar 2021, Peter Priller, Priester im Ehrenamt, Bad Tölz, 6.45 Uhr

14. März 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.30 Uhr

16. Mai 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr 

04. Juli 2021, Harald Klein, Bruckmühl, Pfarrer em. 6.45 Uhr

29. August 2021, Dr. André Golob, Rosenheim, Pfarrer, 6.45 Uhr

26. September 2021, Holger Laske, Pfarrer, Kaufbeuren, 6.45 Uhr

07. November 2021, Sebastian Watzek, Pfarrer, Kempten, 6.45 Uhr

26. Dezember 2021, Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg, Dekan, 6.45 Uhr

 
 

Positionen 16. Mai 2021

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

kürzlich bin ich auf folgende Geschichte gestoßen:

Weit, weit draußen im Weltraum gibt es einen Planeten ganz wie die Erde. Die Leute auf diesem Planeten sind beinahe genau wie wir, bis auf einen Unterschied: Sie haben nur ein Auge. Aber das ist ein ganz besonderes Auge. Mit ihm können sie im Dunkeln sehen. Sie können auch Dinge sehen, die sehr weit entfernt sind. Ja, mit diesem Auge können sie sogar durch Wände schauen.

Eines Tages wurde auf dem Planeten ein sehr merkwürdiges Kind geboren: Es hatte zwei Augen! Seine Eltern waren sehr betroffen. Der kleine Zweiäugige hatte es gut zu Hause. Die Eltern liebten ihn und kümmerten sich sehr um ihn. Aber sie machten sich auch große Sorgen wegen seiner Sonderlichkeit. Sie gingen mit ihm zu vielen verschiedenen Ärzten. Aber die Ärzte schüttelten nur den Kopf und sagten: „Leider kann man da überhaupt nichts machen.“

Als der Zweiäugige größer wurde, bekam er mehr und mehr Probleme. Wenn das Tageslicht verschwand, brauchte er künstliche Beleuchtung, denn seine beiden Augen konnten nicht im Dunkeln sehen. Als er zur Schule kam, konnte er nicht so gut lesen wie die anderen Kinder und brauchte extra Hilfe von seinen Lehrerinnen. Er konnte auch nicht so weit sehen wie die anderen. Nur mit Hilfe eines Fernrohrs, das ihm seine Eltern anfertigen ließen, konnte er zu den anderen Planeten schauen wie alle anderen. Manchmal, wenn er von der Schule nach Hause ging, fühlte er sich sehr einsam. „Die anderen Kinder sehen Dinge, die ich nicht sehe“, dachte er. „Vielleicht gibt es auch etwas, das ich sehen kann, aber sie nicht.“

Und eines Tages entdeckte der Zweiäugige tatsächlich etwas, das nur er sehen konnte: Er sah nicht nur schwarz und weiß wie alle anderen. Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seinen Eltern zu erklären, wie er die Welt um sich wahrnahm. Die Eltern staunten! Auch seine Freunde waren beeindruckt. Er erzählte ihnen wundervolle Geschichten, mit Worten, die sie nie zuvor gehört hatten. Worte wie „rot“, „gelb“ und „orange“. Er sprach von grünen Bäumen und violetten Blumen. Alle wollten hören, wie er die Dinge sah. Er beschrieb tiefblaue Meere und Wellen mit weißen Schaumkronen. Die Kleinen liebten besonders seine Geschichten von den fantastischen Drachen. Sie hielten die Luft an, wenn er deren schillernde Schuppen beschrieb, die golden glühenden Augen und den feurigen Atem.

Schon bald war der Zweiäugige überall bekannt und die Leute kamen von weit her, um seine fantastischen Geschichten zu hören. Als er älter wurde, verliebte er sich in ein Mädchen. Ihr machte es nichts aus, dass er so merkwürdig aussah. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Eine Geschichte vom Anderssein, von Toleranz und Akzeptanz. Eine Geschichte, die davon erzählt, wie wir uns – zumindest die meisten – eigentlich unsere Welt und unseren Umgang miteinander wünschen.

Sehr oft ist es leider nicht so: Wer anders ist – und manchmal ist es nur ein einziges Merkmal: die Hautfarbe, die Herkunft, irgendeine Behinderung oder gar eine bestimmte Angewohnheit -, wird schnell ausgegrenzt, gemobbt oder links liegen gelassen.

Und dabei sind wir alle anders: Jede und jeder von uns entspricht mindestens in irgendeinem Punkt nicht der Norm, dem Durchschnitt, den Erwartungen. Ich kann es auch anders formulieren: Gott sei Dank sind wir nicht 08/15, unterschieden uns voneinander, hat jede und jeder einzelne von uns, was sie und ihn besonders macht. Sie, die sie jetzt diese Sendung anhören, sind ein Original. Ganz genau so, wie Sie sind, gibt es Sie nur einmal. Und das ist gut so!

Derzeit wird der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, durch die Corona-Pandemie bedingt anders als geplant. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so dass man von zuhause aus teilnehmen kann. Mancherorts, auch bei mir im Raum Bayreuth, finden regionale Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Das Thema des Kirchentages ist: „Schaut hin!“

Schaut hin, nehmt das in den Blick, was los ist bei uns: Die Vielfalt des Lebens in Deutschland, das jüdische Leben, das es bei uns gibt, die religiöse Vielfalt, Menschen mit Behinderung, nehmt die Klimakrise in den Blick, schaut vor Hetze und Gewalt nicht weg, schult eure Augen dafür, wenn Menschen, vor allem Kinder missbraucht werden, nehmt wahr, wie unser Wohlstand mit der Situation in anderen Ländern zusammenhängt und welche Verantwortung wir in der Welt füreinander haben, verliert die Verlierer der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick. Schaut auch hin auf das, was wir haben und was uns geschenkt ist.

„Schaut hin!“ Ich finde das Thema dieses Kirchentages ausgesprochen gut. Wer unsere Welt verändern will, wer will, dass sich etwas zum Besseren wandelt, der muss zunächst einmal genau hinschauen. Das ist der Beginn des berühmten Dreischrittes: „Sehen – Urteilen – Handeln“, oder, wie es im Thema des Schlussgottesdienstes heute um 10.00 Uhr formuliert wird: „Schaut hin – blickt durch – geht los!“

Am Beginn eines sinnvollen Tuns steht immer das Sehen, das Wahrnehmen. Wenn aber die Wahrnehmung nicht stimmt, dann stimmt auch das Urteilen und das Handeln nicht. Gerade jetzt, wo viele von uns coronabedingt viel öfter als sonst in den eigenen vier Wänden sitzen, halte ich es für notwendig, dass der Blick nach draußen, zu anderen Menschen, Berufsgruppen, Kulturen, Konfessionen und Situationen nicht verloren geht. Verständlicherweise sehen wir zuerst, was uns selbst angeht, wo wir eingeengt werden. Und die Blickwinkel der anderen, die in der derzeitigen Situation noch viel mehr eingeschränkt sind als wir, drängt sich uns nicht automatisch auf. Bedingt durch die Situation der letzten Monate sind viele Begegnungen und Gespräche auf der Strecke geblieben. Umso mehr braucht es jetzt den Austausch miteinander zu ganz unterschiedlichen Themen. Hier tun Perspektivenwechsel gut, können andere unsere, und wir die Sichtweisen anderer bereichern: Im Bild der Geschichte vom Anfang gesprochen: Zwei Augen sehen mehr als eines, vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Augen mehr als vier usw.

Ganz bewusst sind die Themen des Kirchentages breit gefächert, wird kein brisantes Thema ausgespart, von den Finanzen in den Kirchen über die Rolle der Frauen bis hin zum Missbrauch. Nichts und niemand soll im toten Winkel übersehen werden. Alles soll, alle sollen zu Wort kommen können. Und auch, wenn so etwas nie ganz gelingt, tut es doch gut, diese Offenheit der Kirchen zu spüren, jenseits aller Konfessionen. Denn nur so stehen sie tatsächlich in der Nachfolge Jesu, der die Sprachlosen, Vergessenen und Übersehenen vom Rand in die Mitte geholt hat, um sie spüren zu lassen: Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott selber da.

„Schaut hin!“ In der biblischen Sprache ist „schauen“ mehr als „sehen“. Während es beim Sehen um die Fähigkeit geht, mit meinen Augen etwas wahrnehmen zu können, geht das Schauen tiefer. Da hängt vieles davon ab, mit welcher Absicht ich etwas ansehe. Da schaut sich ein Tierarzt zum Beispiel ein Pferd an, weil es lahmt und er feststellen möchte, ob es Schmerzen hat und wo sie herkommen. Ein Händler schaut sich das Gesamtbild an, seine Größe, sein Alter, seine Rasse, weil er abschätzen will, welchen Preis er dafür verlangen kann. Ein Fotograf wird wohl vor allem auf seine Farbe, seine Ausstrahlung, seine graziösen Bewegungen schauen, die er mit guten Fotos rüberbringen will. Seine Besitzerin schaut, dass ihrem Pferd nichts fehlt und dass die Beziehung zu ihm stimmt.

„Schauen“ hat also nicht nur mit den Augen zu tun, sondern auch mit meiner Einstellung und meiner Absicht. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery hat den unvergesslichen und sehr tiefgründigen Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Mit welcher Einstellung, welcher Absicht ich mir etwas anschaue, das ist also wesentlich! Und das wird auch darüber entscheiden, welches Bild ich mir von einer Sache, einer Situation oder einem Menschen mache und welche Entscheidungen ich treffe.

Lange hat man ja gedacht, am besten sei es, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie nach objektiven Gesichtspunkten beurteilt. Bis man festgestellt hat, dass es wirklich objektive, also vom Entscheidenden unabhängige Gesichtspunkte, gar nicht gibt. Und die bahnbrechende Erkenntnis der Quantenphysik lehrt uns: Die Realität wird erst wirklich durch den, der sie beobachtet.

Ich gebe gerne zu, da kommt mein Verstand – und wohl auch der vieler anderer– nicht mit.Aber vielleicht hilft uns diese Erkenntnis auch zu ahnen, warum es kaum möglich ist, zu drängenden Fragen einheitliche, vernünftige, für alle nachvollziehbare objektive Lösungen zu finden. Ob es nun um Geschlechtergerechtigkeit geht, den Brexit, die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie oder den neu entbrannten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Gerade weil wir nicht in einer Diktatur leben, kann kein Mensch dem anderen vorschreiben, wie er ein Thema zu betrachten hat.

Wenn es aber eindeutige und objektive Antworten nicht gibt, wonach können wir uns dann richten?

Für mich als Christ ist die Sichtweise, die Jesus auf die Menschen und auf die Welt hat, von entscheidender Bedeutung. Und ich versuche, mit seinen lebensbejahenden, menschenfreundlichen und achtsamen Augen auf mein Leben, meine Mitgeschöpfe und die Schöpfung zu schauen. Das gelingt mir freilich nicht immer. Und zum anderen weiß ich eben, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten ist, auf die Welt hinzuschauen. Andere Perspektiven, ob buddhistisch, islamisch, atheistisch oder wie auch immer, haben ihre Berechtigung ebenso. Aber es ist meine Art, die Dinge zu sehen, was ich im Gespräch mit anderen einbringen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Vor einigen Wochen ist der große Theologe Hans Küng gestorben. Eswar nicht nur seine Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit in den siebziger Jahren, die ihn berühmt gemacht hat, sondern vor allem auch sein „Projekt Weltethos“. Mit diesem Projekt gab Hans Küng den Anstoß für ein Gespräch zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen über grundlegende gemeinsame Werte für ein friedliches und respektvolles Miteinander. In Zeiten einer global agierenden Politik und Wirtschaft, des Internets und einer multikulturellen Gesellschaft ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, gelten zu lassen und auf das hinzuschauen, was uns miteinander verbindet und wie wir einander ergänzen können. Ja, ich bin davon überzeugt, dass es ohne solche Gespräche und eine gemeinsame Blickrichtung keine gemeinsame Zukunft gibt.

Und hier schießt sich nun der Kreis zur Geschichte vom Beginn, die einen so schönen Schluss hat, dass ich ihn uns als Zukunftswunsch mitgeben möchte: „Es machte dem Mädchen nichts aus, dass er so anders war. Und schließlich wurde ihm bewusst, dass es ihm auch nichts mehr ausmachte.“

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 16. Mai 2021 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)

 

Positionen 15. März 2020

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

an manche Situationen, die ich als Kind erlebte, erinnere ich mich sehr gut. Dazu gehört, dass ich immer eine Heidenangst hatte, wenn ich im Keller zum Beispiel ein Glas Gurken, etwas zu trinken oder irgendetwas anderes holen sollte. Da hatte ich immer ein mulmiges Gefühl, da gab es immer ein paar finstere Ecken, die mir unheimlich waren und Angst machten. Und ich war jedes Mal heilfroh, wenn ich die Kellertreppe wieder hinaufgehen und die Kellertür hinter mir zumachen konnte: Kein Räuber, kein Gespenst und in der Regel auch keine Maus waren mir aus irgendeinem dunklen Loch entgegengesprungen.

Wenn ich später als Jugendlicher einen spannenden Krimi oder einen gruseligen Film im Fernsehen anschaute, war es manchmal ganz ähnlich, obwohl ich grundsätzlich kein ängstlicher Typ war: Ein Knacken oder ein anderes verdächtiges Geräusch reichten, um danach hellwach im Bett zu liegen. Aber natürlich war auch hier die Angst in Wirklichkeit unbegründet.

Angst ist anscheinend ein Gefühl, gegen das wir nicht gefeit sind, selbst wenn wir wissen, dass sie gerade eigentlich fehl am Platz ist.

„Habt keine Angst, fürchtet euch nicht, macht euch keine Sorgen!“

Das ist eine zentrale Grundbotschaft in der Bibel. Irgendjemand soll einmal nachgezählt haben, dass diese Botschaft 365 Mal in der Bibel vorkommt. Ich habe nicht nachgezählt, ich weiß also nicht, ob diese Zahl tatsächlich stimmt. Wenn ja, dann wäre das ein schönes symbolisches Zeichen: Für jeden Tag im Jahr kann ich mir von Gott sagen lassen: Hab‘ keine Angst!

Interessanter als die genaue Zahl, wie oft die Botschaft „Hab‘ keine Angst“ in der Bibel vorkommt, finde ich aber die Frage: „Warum steht das so oft da? Warum ist das die Botschaft, die z.B. von den Engeln immer wieder den Menschen ausgerichtet wird? Fürchtet euch nicht!“

Die Antwort ist wohl: Weil wir Menschen so gestrickt sind, dass wir Angst haben vor allem Möglichen, und weil dieses Gefühl ‚Angst‘ in unserer Evolutionsgeschichte sehr wichtig war: Wenn man ein verdächtiges Geräusch hörte, dann war die Angst und die schnelle Reaktion darauf, weglaufen oder sich verteidigen, oft lebensnotwendig. Lieber einmal umsonst vor Angst davonlaufen als vom Tiger gefressen oder von einem Feind gefangen genommen zu werden!

Die Crux ist: Das Gefühl ‚Angst‘ kann in uns leicht abgerufen werden. Eingangs habe ich gruselige Filme oder den dunklen Keller erwähnt, die Angst machen, ohne dass es einen objektiven Grund in der Realität dafür gibt.

Und das ist genau der Punkt, der die Angst so schwierig macht: Sie liegt in uns drin, man kann sie auch sehr leicht von außen erzeugen, sachlich ist sie in den allermeisten Fällen aber unbegründet. Und ich muss lernen, mit diesem Gefühl ‚Angst‘ vernünftig umzugehen. Ich muss lernen, mir keine Angst einjagen zu lassen. Schon als kleine Kinder haben wir die Erfahrung gemacht, dass es gut tut, wenn ein kleines Licht im Zimmer angeschaltet oder die Tür einen Spalt geöffnet ist, oder wenn uns die Eltern in den Arm genommen und uns zugesagt haben: Ich bin da, bei dir, du bist nicht allein, du brauchst keine Angst zu haben.

Diese Aussage „Ich bin da“ hat übrigens sehr viel mit der biblischen Aussage „Fürchte dich nicht“ zu tun. Als Mose Angst hat, zum Pharao zu gehen, um ihn aufzufordern, die Israeliten aus der Sklaverei gehen zu lassen, da sagt Gott ihm zu: „Ich bin da, ich bin bei Dir, wenn Du zum Pharao gehst.“ Und diese Zusage Gottes ist so grundsätzlich wichtig, dass sie zum biblischen Namen Gottes wird: „Jahwe“ – Ich bin da; du brauchst also keine Angst zu haben!

Das ist die allerwichtigste und grundsätzlichste Botschaft aus der Bibel für uns: Dass Gott uns zusagt: Ich bin bei Dir; du bist nicht allein; fürchte dich nicht!

Es ist wichtig, dass wir uns das immer wieder bewusst machen und nach Möglichkeit auch oft gegenseitig spüren lassen: Ich bin da, du brauchst keine Angst haben, und du brauchst dir von andern auch keine Angst machen lassen.

Dass wir in der Geschichte der Kirchen selber oft der Versuchung erlegen sind, anderen Angst zu machen, indem mehr von Hölle und Fegefeuer gepredigt wurde als vom Vertrauen auf die Nähe Gottes ist ein dunkles Kapitel, für das wir als Kirchen nur um Entschuldigung bitten können. Wer Angst einflößt, dem geht es um Macht und gerade nicht um Glauben, denn der ist ja genau das Gegenteil von Angst. Nein, bange machen gilt nicht!

Nun kann man sagen: Das, was in der Bibel steht, ist tausende von Jahren her. Was soll uns das heute helfen? Welchen Nutzen soll das für heute haben.

Die Lebensumstände und der Lebensstandard mögen sich zwar ändern, nicht aber die Menschen und wie sie ticken. Das macht für mich die Bibel so spannend und interessant. Und gerade deshalb steckt da auch viel für uns heute drin.

Wovor hatten die Menschen zu biblischen Zeiten Angst?

Die Menschen damals waren von den gleichen Ängste geplagt wie die Menschen heute:

1. Dass die Welt untergeht. Das ist in der Geschichte der Menschheit ein Dauerthema: Zu allen Zeiten glaubten die Menschen, dass das Ende der Welt jetzt kurz bevorsteht. Die Zeitgenossen Jesu waren geradezu besessen vom nahen Weltuntergang, auch die Leute zur Zeit Luthers, die Menschen an den Jahrtausendwenden sowieso. Weltuntergangsprediger haben immer Konjunktur. Und wenn es nicht der Weltuntergang selbst ist, der gepredigt wird, dann ist es doch oft zumindest der Untergang der Kultur, der Ordnung oder der vernünftigen Zivilisation.

2. Die Menschen hatten Angst vor fremden Mächten – vor „Überfremdung“, wenn man ein neueres Wort gebrauchen will. Sie hatten Angst, nicht sie selbst zu sein und von außen bestimmt zu werden. Zur Zeit Jesu ist das zum Beispiel die Angst vor den Römern, die das Land Israel besetzt hatten und bei den Leuten äußerst unbeliebt waren.

3. Die Menschen hatten Angst um ihren Lebensunterhalt, um ihren Lebensstandard. Der war im Vergleich zu heute zwar minimal, aber das Bedürfnis möglichst gut leben zu können und diesen Level dann zu halten oder zu verbessern, gab und gibt es immer.

Oft erliegen gesellschaftliche und politische Gruppierungen der Versuchung, solche Ängste aufzunehmen, sie aber nicht abzubauen, sondern diese zu bestätigen und zu schüren. Statt der Botschaft: „Ich bin bei dir, hab‘ keine Angst“, versuchen sie, die Ängstlichen und Unzufriedenen zu gewinnen, um Mehrheiten zu erreichen.

Zurzeit Jesu war eine solche Partei die der Zeloten, die mit Waffengewalt die römischen Eindringlinge verjagen und das Land befreien wollte. Diese Bewegung reichte bis in den Jüngerkreis Jesu hinein. Dort gehörte zum Beispiel Judas Iskariot dazu, der Jesus dann verraten hat und damit vermutlich einen Aufstand provozieren wollte. „Jetzt muss Jesus sich wehren“, so dachte er. Jetzt werden wir aktiv, verjagen die verhassten Römer und machen Jesus zum König!“ Wir wissen ja, dass dieser Plan nicht aufging, weil Jesus dieses Spiel nicht mitgemacht hat. Jesu Botschaft ist eine andere.

Mit welcher Botschaft reagiert Jesus auf diese Ängste?

Und weshalb sind diese Botschaften für uns heute noch wichtig?

Auf die Untergangsstimmung reagiert Jesus so, dass er sagt: Gott hat die Welt in seinen Händen, er bestimmt den Tag und die Stunde. Lasst euch nicht Angst machen und nicht in die Irre führen, auch wenn Katastrophen und Unglücke geschehen. Seid vielmehr wachsam und aufmerksam und lebt jeden Tag mit jeder Stunde so verantwortungsbewusst, dass es der letzte sein könnte. Stiftet Frieden, solange ihr könnt. Ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt und Rechenschaft fordert.

Die Angst vor den fremden Mächten ist in der Geschichte Jesu besonders heikel, weil viele Menschen damals die Erwartung hatten, jetzt kommt ein Retter und vertreibt die Römer mit ihrer fremden Kultur und den fremden Göttern aus dem Land. Aber Jesus erliegt dieser Versuchung nicht, sondern predigt, dass Gott seine Sonne über alle aufgehen lässt, dass er sich auch zu den Heiden gesandt weiß und dass alle Menschen Leben in Fülle haben sollen. Er verkündet die größere Gerechtigkeit Gottes: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, bleibt alles beim Alten. Das tun auch die Pharisäer, die Zöllner, die Heuchler. Liebt eure Feinde.“ Heikel ist diese Botschaft besonders deshalb, weil die Menschen sie nicht hören wollten und Jesus ihre Erwartungen nicht erfüllte; anstatt zu sagen: „Römer raus, zettelt einen Aufstand an, das ist unser Land, das ist unser Volk!“ definiert Jesus das Volk neu: Er spricht vom Volk Gottes und zeigt, dass Samariter, Aussätzige, Zöllner, sogar römische Soldaten und andere von jenseits der Grenzen dazugehören.

Auf die Angst um den Lebensstandard antwortet Jesus schließlich: Macht euch keine Sorgen darum, was ihr essen und anziehen sollt und kreist nicht um euren Reichtum und euren Besitz, das hat eh alles keinen dauerhaften Bestand. Hier gehören zum Beispiel die Gleichnisse vom reichen Kornbauern, der sich große Vorratsscheunen baut, und vom reichen Mann und dem armen Lazarus dazu mit der Botschaft: Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, Besitz anzuhäufen. Kümmert euch viel mehr um die größere Gerechtigkeit Gottes, darum, dass alle teilhaben können am Leben in Fülle, dann wird euch alles andere dazugegeben.

Liebe Hörerinnen und Hörer,

ich denke, man spürt der Botschaft des Evangeliums seine Aktualität an, weil eben Menschen zu allen Zeiten so sind und sich die Muster, wie Menschen denken und handeln, nicht ändern. Sogenannte „besorgte Bürger“ gab es immer und wird es immer geben, aber nicht, weil die Zustände heute so besonders schlimm wären – wir leben in der besten Zeit, die es je gab! – sondern weil wir Menschen einfach so gestrickt sind – weil unsere Psyche so tickt. Und umso wichtiger ist es, dass wir dieses andere Denken Jesu Tag für Tag einüben: „Habt keine Angst, fürchtet euch nicht, macht euch um all das keine Sorgen. Ich bin bei Euch! Sorgt viel mehr für die größere Gerechtigkeit Gottes, dafür, dass alle Menschen Leben in Fülle haben können, alles andere ergibt sich dann.“

(Beitrag für die Rundfunksendung „Positionen“ im Bayerischen Rundfunk (BR 2) am Sonntag, den 15. März 2020 von Dekan Hans-Jürgen Pöschl, Weidenberg)



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