Mittwochsimpuls 25. März 2020

Mittwochsimpuls 25. März 2020

„Solange ich meine Augen öffnen kann, will ich sie auf den neuen Tag richten“

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Gäste,

dieser Satz gehört zu einer Geschichte, die mir – seit ich sie vor Jahren gelesen habe – in Erinnerung geblieben ist und die mir in regelmäßigen Abständen wieder in den Sinn kommt.

Gerade in schwierigen Zeiten, wenn ich mich nicht gut fühle oder an irgendetwas (ver-)zweifle, muss ich oft an sie denken. Die Geschichte hilft mir meinen Blick zu öffnen, für das, was es in meinem Leben auch in schweren Zeiten an Gutem gibt.

„Ein 92-jähriger Mann, klein und in guter Verfassung, der großen Wert auf sein Äußeres legte, begibt sich in ein Altersheim.
Seine Frau war kürzlich im Alter von 90 Jahren gestorben und er sieht sich veranlasst, seine Wohnung zu räumen. Nachdem er mehrere Stunden in der leeren Heim-Lobby gewartet hatte, lächelte er freundlich, als man ihm sagte, sein Zimmer sei nun fertig.
Als er langsam, auf seinen Stock gestützt, zum Aufzug geht, beschreibe ich ihm seinen kleinen Raum, einschließlich dieses vor dem Fenster hängenden Lakens, welches als Vorhang dient.
„Mir gefällt es sehr gut,“ sagte er, mit der Begeisterung eines 8-jährigen Kindes, dem man gerade eine neue Puppe schenkte.
„Herr Meier, Sie haben doch den Raum noch gar nicht gesehen. Ein wenig Geduld nur – wir sind gleich da.“
„Das hat damit nichts zu tun.“ antwortet er. „Glück ist etwas, was ich in Erwartung wähle. Ob ich den Raum nun mag oder nicht, das hängt nicht von den Möbeln oder der Dekoration ab – vielmehr davon, wie ich ihn sehen will. Ich habe in meinem Kopf bereits entschieden, dass ich diesen Raum mag. Es ist eine Entscheidung, der ich mich jeden Morgen, wenn ich aufwache, stets erneut besinne. Ich kann wählen. Ich kann im Bett liegen bleiben und all die Probleme aufzählen, die ich mit den Teilen meines Körpers habe, die nicht mehr in Ordnung sind oder ich kann aufstehen und dem Himmel Dank sagen für das, was mir noch an Gesundheit gegeben ist.
Jeder Tag ist ein Geschenk und solange ich meine Augen öffnen kann, will ich sie auf den neuen Tag richten und alle die glücklichen Stunden, die ich in meinen Leben erleben konnte.“

Liebe Gemeindemitglieder und Gäste,

ich glaube, dass die Geschichte für uns eine Hilfe sein kann, wie wir diese schwierige Zeit gut bestehen können.

Natürlich gibt es viele Einschränkungen, unter denen wir leiden. Auch ich würde bei diesem guten Wetter gerne mit anderen in einem Café sitzen und den beginnenden Frühling genießen. Es gibt die Einsamkeit, die viele Menschen nun besonders spüren, weil sie allein leben und ihnen die „Decke auf den Kopf fällt“. Es gibt die Sorgen vieler Menschen, um ihren Arbeitsplatz, und die damit verbundene finanzielle Unsicherheit. Es gibt die Herausforderung von Familien, ihren Alltag ohne Kindergarten und Schule organisieren zu müssen.

Das alles nehme ich wahr und möchte es mit dieser Geschichte auf keinen Fall schönreden. Dennoch glaube ich, dass die Grundhaltung des alten Mannes auch uns helfen kann, gut durch diese Zeit zu kommen.

An der Situation, wie sie ist, können wir momentan nicht viel ändern. Aber wir können uns zumindest darum bemühen, auf das Positive zu schauen, was uns auch in diesen Tagen geschenkt wird. Vielleicht gelingt es uns nicht jeden Tag, aber je öfter es uns gelingt, umso besser werden wir diese Zeit der Einschränkungen bestehen und überstehen.

Eine Bekannte aus Wien schrieb mir: „An Home-Office könnte ich mich auch ohne Corona gewöhnen!“. Eine Mutter aus Ludwigshafen berichtet, dass sie die zusätzliche Zeit, die sie jetzt innerhalb ihrer Familie verbringen kann, als Geschenk erlebt. Ein Gemeindemitglied aus Mannheim erzählte mir, dass ihm die momentane Entschleunigung guttue.

Es ist vermutlich keine Frage, dass auch diese Menschen sich einen normalen Alltag wünschen würden. Aber es gelingt ihnen – wie dem alten Mann in der Geschichte – in allen Schwierigkeiten des Lebens auch noch das Positive wahrzunehmen.

Und genau das ist es, was ich uns allen von ganzem Herzen wünsche:
Offene Augen und ein dankbares Herz für das Gute, dass es in unserem Leben gibt.
Und ich wünsche Euch und Ihnen, dass Ihr in allem was geschieht, Gottes Nähe erkennen und spüren dürft.

Eure/ Ihre Pfarrerin
Sabine Clasani

Segensgebet:

Gott, in diesen Tagen entdecke ich Dich in den Ärzten und Ärztinnen, Krankenpflegern und Schwestern, die in Italien und überall auf der Welt alles tun, um möglichst viele Leben zu retten.

Ich entdecke Dich in den Entscheidungsträgern und Entscheidungsträgerinnen, die um die richtigen und notwendigen Lösungen ringen, nach bestem Wissen und Gewissen.

Ich entdecke Dich in den Menschen, die musizierend und klatschend auf ihren Balkonen sitzen, um Trost zu spenden und der Einsamkeit zu trotzen.

Ich entdecke Dich in den Pizzabäckern, die dem Pflegepersonal Pizza spendieren, und in den Firmen, die kostenlos Desinfektionsmittel für die Krankenhäuser herstellen.

Ich entdecke Dich in den vielen Nachbarschaftshilfen, in denen die Starken für die Schwächeren einkaufen gehen, um sie zu schützen.

Ich entdecke Dich in den Millionen von Menschen, die sich einschränken, um das Leben anderer zu retten, und in all den Menschen, mit denen ich mich in dieser schwierigen Zeit im Glauben verbunden weiß.

Gott, ich entdecke Dich in dieser Zeit vielleicht mehr, als in den sogenannten „normalen“ Tagen. Dafür danke ich Dir.

Und ich bitte Dich:
Segne all diese Menschen und segne auch uns und die Menschen, die wir im Herzen tragen – Du, der Gott, der an unserer Seite steht:
Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. AMEN


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