Mittwochsimpuls 22. April 2020

Mittwochsimpuls 22. April 2020

Lebenszeit

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Gäste,

die Zeiten, in denen wir leben, sind nicht nur herausfordernd, sondern bieten für viele Menschen auch ganz neue Möglichkeiten. Denn viele Menschen in unserem Land haben plötzlich viel mehr Zeit in ihrem Alltag. Zeit, um mit den Kindern zu spielen, mit Freunden und Verwandten zu telefonieren, zu lesen, spazieren zu gehen, Rad zu fahren, zu puzzeln oder einfach auch mal nichts zu tun.

Für manche Menschen stellt auch das eine Herausforderung dar, aber es tut auch vielen gut, dass sie sich nicht im alltäglichen Hamsterrad abstrampeln und von Termin zu Termin hetzen müsse. Wer nicht gerade in einem „systemrelevanten“ Beruf arbeitet, der spürt, dass die Taktzahl des Alltags und des gesellschaftlichen Lebens deutlich reduziert wurde.

Diese Entschleunigung und Reduzierung des Alltags lässt Menschen wieder vermehrt darüber nachdenken, was eigentlich im Leben wirklich wichtig und wertvoll ist.

Was macht unser Leben lebenswert? Was macht uns glücklich? Was brauchen wir für ein gelingendes Leben?

Darauf gibt es keine allgemeinverbindlichen Antworten, denn so verschieden wir Menschen sind, so verschieden werden auch unsere Antworten aussehen.

In der folgenden Geschichte geht es auch um die Frage, was Leben eigentlich ausmacht:

Ein Mensch hatte einen inneren Impuls, in ein Dorf, in dem er zuvor noch nie gewesen war, zu gehen. Er ging also los und als das Dorf schon in Sichtweite war, kam er an einem wunderbaren Garten vorbei. Er vergaß sein Vorhaben und ging in den Garten hinein um sich zwischen den wunderbaren Bäumen und Blumen umgeben von Schmetterlingen und bunten Vögeln zu erholen. Im Garten verstreut waren weiße Steine. Als der Wanderer einen Stein genauer ansah, bemerkte er eine Inschrift: Petro Ramon, er lebte 7 Jahre, 8 Monate und 3 Tage. Ein paar Schritte weiter: Ein Stein mit der Inschrift: Anita Sola, sie lebte 5 Jahre, 2 Monate und 8 Tage.

Erschüttert stellte der Wanderer fest, dass dieser wunderbare Garten ein Friedhof war und dass keiner der hier begrabenen länger als 11 oder 12 Jahre gelebt hatte. Er setzte sich ins Gras und fing zu weinen an. Da kam der Gärtner, sah den Weinenden und fragte, ob er einen Verwandten betrauere. „Nein, keinen Verwandten. Aber welcher Fluch mag auf dem Dorf liegen, dass sie sogar einen eigenen Kinderfriedhof anlegen mussten!“

Da lächelte der Gärtner. „Nein, es liegt kein Fluch auf dem Dorf. Es ist so, dass unsere Jugendlichen mit 13 Jahren von ihren Eltern ein Heft bekommen, das sie immer bei sich tragen.“ Er zeigte auf ein kleines Büchlein, das er um den Hals trug. „Darin werden auf der linken Seite alle glücklichen Ereignisse eingetragen und auf der rechten Seite, wie lange das Glück gedauert hat. Die erste Liebe – eine Woche, 2 Monate, ein Jahr? Der erste Kuss – eine Minute oder länger? Das Ende der Schulzeit, das Bestehen der Ausbildung, beruflicher Erfolg, das Erleben von Freundschaften und Füreinander da sein, Geborgenheit, Träume und Pläne, die wahr werden, das Gelingen von Partnerschaft, die Geburt der Kinder und Enkel.

Über alle glücklichen Ereignisse wird auf diese Weise Buch geführt. Wenn nun ein Mensch stirbt, werden die glücklichen Zeiten zusammengezählt und als Lebenszeit auf den Grabstein geschrieben – denn nur diese glückliche Zeit ist wahre Lebenszeit.“

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

auch wenn man durchaus darüber geteilter Meinung sein kann, ob tatsächlich nur die glückliche Lebenszeit wahre Lebenszeit ist, so dürfte uns der Sinn der Geschichte dennoch verständlich sein.

Denn die glücklichen Momente unseres Lebens und die, die wir als sinnvoll und schön erleben, haben für uns zunächst mal eine andere Qualität als traurigen Stunden oder schwierige Zeiten. Natürlich gehören diese auch zum Leben und natürlich können wir gerade auch durch schwierige Erlebnisse und Erfahrungen wachsen und neues Lebensglück finden. Doch im Erleben dieser Zeiten gibt es eben einen großen Unterschied. Wirklich lebendig und leicht fühlen wir uns meist nur in den glücklichen Stunden unseres Lebens.

In diesen Wochen denken viele Menschen darüber nach, was sie eigentlich wirklich zum Leben brauchen und was sie glücklich und zufrieden macht.

Eine Frage, die in „normalen Zeiten“ im alltäglichen Hamsterrad so oft untergeht, und die doch so existenziell für unser Leben ist. Wenn ich nicht weiß, was ICH für ein gelingendes und glückliches Leben wirklich BRAUCHE, wie soll ich ein solches Leben dann finden können?

Für diese Frage sollten wir uns darum immer wieder Zeit nehmen – denn dass was mich heute glücklich macht, kann für mich in der Zukunft völlig bedeutungslos sein, während ganz andere Dinge dann für mein Glück wichtig und entscheidend sein können.

Die Menschen in der Geschichte schreiben die glücklichen Momente ihres Lebens auf. Sie verewigen sie sozusagen und tragen sie immer bei sich. Ich glaube, dass es auch uns guttun könnte, die glücklichen Momente unseres Lebens festzuhalten. Nicht, um sie hinterher auf einen Grabstein zu schreiben, aber um sie besser in Erinnerung zu behalten und um sie überhaupt bewusster wahrzunehmen. Denn oft gehen die glücklichen Momente unseres Lebens sofort wieder verloren, ohne dass wir sie uns überhaupt als Glücksmomente bewusst gemacht haben, weil wir uns dann wieder über den lahmen Autorfahrer vor uns ärgern oder über das W-Lan, das gerade mal wieder besonders langsam ist.

Wer seine Glücksmomente aufschreibt, der nimmt sie stärker wahr und vergisst sie nicht so schnell – und wird auf Dauer so vermutlich auch zu einem glücklicheren und zufriedeneren Menschen.

Glückstagebücher gibt es nicht nur in Buchform, sondern inzwischen auch als App fürs Handy, so kann man sein Glück sogar jederzeit bei sich tragen!

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Gäste,

In dieser Coronazeit, in der wir auf Vieles verzichten müssen, erkennen wir vielleicht erst jetzt, was uns Menschen, Hobbys und Gewohnheiten wirklich bedeuten.

Und vielleicht erkennt manche/r in dieser Zeit ja auch, dass sie/er längst viel mehr Grund zum Glücklichsein hat, als ihr/ ihm bisher bewusst war.

Wenn es uns gelingt, diese Erfahrungen und Erkenntnisse auch nach Corona in unserem Leben präsent zu halten, dann können wir aus dieser schwierigen Zeit vielleicht sogar als glücklichere Menschen hervorgehen – das wünsche ich uns allen! .

SEGEN:

Gott berühre dich zärtlich,
er streichle Deine Seele,
umhülle dich sanft mit seiner Liebe
und küsse die Hoffnung in dir wach.

Gott berühre dich kräftig,
er ebne Deine Wege,
räume alle Hindernisse zur Seite
und schenke dir langen Atem.

Gott berühre dich herausfordernd,
er decke deine Lebenslügen auf,
konfrontiere dich mit deinen Ängsten
und offenbare deine Unfreiheiten.

Gott berühre dich wehmütig,
er helfe dir, Traurigkeiten zu ertragen,
Tränen ungehemmt fließen zu lassen
und alle Trennungen zu überwinden.

Gott berühre dich wild,
er sprenge deine Grenzen,
lasse dich Träume wagen
und Sehnsüchte leben.

Gott berühre dich ungeduldig,
damit du das Zögern aufgibst,
mutig den ersten Schritt gehst
und dich aus deiner Welt hinaustraust.

Gott berühre dich leise,
damit du die Stille ertragen lernst,
die Ruhe als Quelle entdeckst
und die Unruhe in dir besiegst.

Gott berühre dich groß,
damit du über dich hinauswächst,
deine Möglichkeiten entfaltest
und sein Reich in dir beginnt.

So segne dich
der Gott des gelingenden Lebens,
der Vater, der Sohn
und der Heilige Geist. Amen.

Ostergruß unseres Bischofs Matthias Ring


Brief des Ministerpräsidenten an die christlichen Kirchen in Baden-Württemberg

Auf Grund der Vorsorgemaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus sind von Seiten des Landes die kirchlichen Aktivitäten und Versammlungen zur Zeit verboten.
Ministerpräsident Kretschmann hat sich mit einem Brief an die Gläubigen der christlichen Kirchen gewandt. Diesen Brief möchten wir Ihnen gerne weiterleiten.

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