Mittwochsimpuls 1. April 2020

Mittwochsimpuls 1. April 2020

„Tat Tvam Asi“

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Gäste,

die Zeiten, die wir gerade erleben, sind beispiellos in der Geschichte unseres Landes. Niemand weiß so genau, was noch auf uns zukommen wird. Niemand kann wissen, welche Folgen, das alles für uns und unser Land haben wird und erst recht hat niemand Patentrezepte, um solch eine Krise schnell und einfach beenden zu können.
Das verunsichert viele Menschen, führt zu Ängsten und bei manchen Menschen vielleicht sogar zu Panik und Hoffnungslosigkeit.

In dieser Unsicherheit werden wir mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Berichten und Emotionen konfrontiert:

  • Schlägereien in Supermärkten – aber auch Nachbarn, die füreinander da sind
  • Jugendliche, die Alte Menschen bewusst anhusten – aber auch unzählige Studierende und Schüler*innen, die für ältere Menschen einkaufen gehen
  • Menschen, die nur für sich hamstern – und andere, die Geld und Zeit für ihre Mitmenschen spenden
  • Menschen, die nur am Schimpfen sind – und andere, die versuchen das Beste aus der Situation zu machen

Das sind viele widersprüchliche Erfahrungen, die unser Leben momentan prägen.

Es wird immer wieder die Frage gestellt, ob diese Zeit das Verhalten der Menschen verändern wird. Eine Frage, die erst in der Zukunft sicher beantwortet werden kann. Für die Gegenwart aber glaube ich, dass vor allem der Charakter und die Werte der Menschen deutlicher sichtbar wird. Was sonst vielleicht hinter netten Fassaden versteckt ist oder auch an Positivem im Vergessenen schlummert, dringt in dieser Krise deutlicher nach außen.

Dass unsere Bewertung der Ereignisse nicht nur von objektiven Gegebenheiten, sondern auch wesentlich von unserer eigenen Sichtweise und persönlichen Lebenseinstellung abhängt, daran will uns folgende Geschichte erinnern:

Krishna wollte die Weisheit seiner Könige testen.

Er ließ eines Tages einen für seine Grausamkeit und seinen Geiz bekannten König zu sich rufen und gab ihm die Aufgabe, durch die ganze Welt zu reisen und einen wahrhaft guten Menschen zu finden und diesen zu ihm zu bringen. Gehorsam machte er sich auf die Suche. Er begegnete vielen Leuten und sprach mit ihnen, und nach langer Zeit kehrte er zu Krishna zurück und sagte: „Ich habe auf der ganzen Welt gesucht, wie du mir aufgetragen hast, aber ich habe keinen wahrhaft guten Menschen finden können. Alle sind selbstsüchtig und böse!“

Dann ließ Krishna einen weiteren König zu sich holen. Dieser war bekannt und beliebt für seine Freigiebigkeit und Güte. Krishna gab ihm den Auftrag, die ganze Welt zu bereisen und ihm einen wahrhaft bösen Menschen zu bringen. So machte sich der König auf den Weg und sprach auf der ganzen Welt mit vielen Menschen und kehrte nach einigen Jahren wieder zurück und berichtete Krishna: „Oh Krishna, ich habe versagt. Es gibt Leute, die irregeleitet sind, Menschen, die aus Blindheit handeln, aber nirgends konnte ich einen wahrhaft bösen Menschen finden. Trotz aller ihrer großen oder kleinen Fehler sind sie alle im Herzen gut.“

Ein berühmter Ausspruch in den philosophischen Schriften des Hinduismus (den Upanishaden, 700-200 v.Chr.) lautet:

„Tat Tvam Asi.“ Das bedeutet so viel wie: „Du bist das.“

Du bist, was du siehst – denn was du wahrnimmst, ist durch deinen eigenen Geist, deine Einstellungen, Erfahrungen und Erwartungen gefärbt! So können wir an unserer Umwelt sehr gut ablesen, wie es in unserem Geist aussieht – und daraus lernen!

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Gäste,„Du bist, was Du siehst“ – ein alter Gedanke, der durch unsere moderne Erkenntnistheorie längst wissenschaftlich erforscht und untermauert wurde. Es gibt keine völlig neutrale Wahrnehmung von objektiven Gegebenheiten – alles Erkennen und Urteilen ist immer auch subjektiv.

Das ist für uns eigentlich keine neue Erkenntnis. Doch allzu oft vergessen wir die Subjektivität unserer Wahrnehmung und unseres Erkennens, und setzen uns selbst und unsere Ansichten absolut. Bewusst würden wir dies vermutliche nie tun, aber im gelebten Alltag passiert uns dies – wenn wir ehrlich sind – immer wieder. Die Folge dieser Absolutheit sind oft schnelle und schwer veränderbare Urteile, die wir über andere oder über bestimmte Situationen fällen.

Auch in dieser Zeit fällen Menschen sehr unterschiedliche Urteile über das, was gerade geschieht. Während die einen nur das Negative sehen und über das Verhalten der Menschen entsetzt sind, sehen andere vor allem das Positive, und glauben, dass in dieser Coranakrise der Ausgangspunkt für eine solidarischere Lebensweise zu finden ist.

Objektiv gibt es die positiven und negativen Erfahrungen (und Überraschungen) im Zusammenleben und Handeln der Menschen in diesen Tagen. Wie wir sie beurteilen, liegt aber auch an uns und unseren Einstellungen – das sollten wir nie vergessen!

Unser christlicher Glaube lädt uns zu einer hoffnungsvollen Sicht ein. Denn er basiert nicht nur auf der Überzeugung, dass jeder Mensch – auch der, der Toilettenpapier und Nudeln hamstert! – ein Geschöpf Gottes ist, sondern auch auf dem Vertrauen, dass Gott uns – was auch immer geschieht – in seinen Händen hält.

Leben „in und aus dem Glauben“ bedeutet für mich persönlich, auch das Negative in dieser Welt zu sehen und trotzdem meinen Alltag von den positiven Erfahrungen und Hoffnungen prägen zu lassen, in der Gewissheit, dass Gott mich trägt und hält.

Das mag mir nicht immer gelingen – aber gerade, wenn das Negative in meiner Wahrnehmung und meinem Denken übermächtig zu werden droht – versuche ich mich ganz bewusst an all das Positive zu erinnern, das mir in diesem Leben geschenkt ist.

Ich wünsche Euch und Ihnen,
dass die positiven Erfahrungen und Erlebnisse Eures Lebens
Euch den Blick öffnen –
für all das Gute,
dass auch in diesen Tagen geschieht!

Eure/ Ihre Pfarrerin Sabine Clasani

SEGEN:

Gott,
sei über uns und segne uns,
sei unter uns und trage uns,

sei in und neben uns und stärke uns,
sei vor uns und führe uns.

Sei du die Freude, die uns belebt,
die Ruhe, die uns erfüllt,

das Vertrauen, das uns stärkt,
die Liebe, die uns begeistert,

die Hoffnung, die unsere Angst vertreibt,
und der Mut, der uns beflügelt.

Und so segne uns, und alle Menschen, die wir in unserem Herzen tragen:
Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.

Ostergruß unseres Bischofs Matthias Ring


Brief des Ministerpräsidenten an die christlichen Kirchen in Baden-Württemberg

Auf Grund der Vorsorgemaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus sind von Seiten des Landes die kirchlichen Aktivitäten und Versammlungen zur Zeit verboten.
Ministerpräsident Kretschmann hat sich mit einem Brief an die Gläubigen der christlichen Kirchen gewandt. Diesen Brief möchten wir Ihnen gerne weiterleiten.

Brief

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