Gemeinde Augsburg / Berichte

2020

Radtour zu zwei Wegkapellen um Lauingen





Anfang Juli hat sich eine Radelgruppe bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen von Lauingen aus auf den Weg gemacht, um zwei Wegkapellen zu erkunden, die Teil eines Projektes von sieben Kapellen sind, die allesamt aus Holz gebaut wurden. Zu unserer großen Freude radelte der Architekt unserer Apostelin-Junia-Kirche, Frank Lattke, mit.
Nach gut einstündiger Fahrt erreichten wir unser erstes Ziel: Bei Bachhagel steht an einer Weggabelung die von Herrn Lattke entworfene Kapelle.
Sie steht auf einem freien Hang und war deshalb auch für uns schon von weitem zu sehen.
Der Standort ist ein ganz besonderer – von hier kann der Blick in ein weites Tal schweifen.
Herr Lattke erzählte uns, wie der Platz für die Kapelle gefunden wurde: Drei Grundstücke standen zur Auswahl. Der heutige Standort war die zweite Möglichkeit – und gleich war Frank Lattke von der Weite und der Einzigartigkeit des Tals überwältigt.
Als Architekt stellte er  sich  die Frage, wie man an diesem Ort eine Kapelle inszeniert, damit sie in der Weite der Landschaft Halt bietet.
Überall sind von dieser Stelle aus Kirchtürme und Klöster zu erkennen.
So wurde ihm schnell klar, dass die Kapelle gegenüber den anderen Sakralbauten in der Landschaft nicht bestehen kann. Um das zu erfüllen, so sagt er, hätte er einen Turm von zwanzig Metern Höhe bauen müssen. Aber darum geht es nicht – vielmehr war es ihm wichtig, einen Ort der Einkehr zu schaffen, einen Ort mit einer inneren Stärke. Frank Lattke gab uns am Entstehungsprozess Anteil, indem er davon sprach, dass er einen Ort schaffen wollte, der einen schönen Ausblick hat. Die Kapelle aber besitzt, wie auch unsere Apostelin-Junia-Kirche,  kein Fenster zum Rausschauen. Vielmehr gibt es ein paar Schlitze, durch die das Licht einfallen kann. Es geht also nicht um das Thema rausschauen zu können.
Was er mit dem schönen Ausblick dann wohl gemeint hat? Das durften wir im Erleben des Raums und des Ortes selbst erfahren:
Wenn man die Kapelle betritt, wird man von warmem Licht, welches vom Holz reflektiert wird, empfangen. Ein schlichtes braunes Stahlkreuz in der einen Ecke, in der anderen vier schmale Holzbalken, die sich nach oben hin weiten: Ein Raum der Ruhe, der Kontemplation, ein Raum der Halt gibt und einen einlädt, die eigene innere Schönheit zu finden.
Und dann ist da noch etwas… : Wir haben gesungen, draußen vor der Kapelle mehrstimmig und drinnen alleine, im Ohr den draußen singenden Chor: In der wunderbaren Akustik des Raums war das eine ganz besondere Erfahrung.
So im Inneren gestärkt sind wir dann weiter gefahren, um uns bei einer Mittagseinkehr auch körperlich zu stärken.





Nach der Mittagspause ging es noch zu einer zweiten Kapelle. Sie liegt am Radweg zwischen Gundelfingen und Offingen an einem Weiher und ist auf eine ganz andere Weise schön als die Kapelle, die wir vor ein paar Stunden sahen. „Die Kapelle hat einen kreuzförmigen Grundriss (5,06 x 5,06 m), der einen offenen Raum bildet und sich differenziert in eine religiöse Mitte und zwei Sitznischen. Zwölf gedrechselte Rundsäulen aus verleimtem Lärchenholz tragen ein flaches Holzdach.“ (Zitat aus 7Kapellen.de Abschnitt Kapellen)
Erbaut wurde sie von dem Architekten Hans Engel und erinnert an einen antiken Tempel.
Zwischen den Holzsäulen hängen mit Aphorismen bedruckte Glastafeln. Die Aphorismen regen zum Nachdenken an.
In dieser Kapelle fühlt man sich eingebunden in die Umgebung und diedort vorhandene Natur.
Mir hat die Unterschiedlichkeit der Kapellen besonders gefallen, da sie in mir die unterschiedlichen Empfindungen wachgerufen hat – das Außen und das Innen braucht seinen Raum zu seiner Zeit…
Mit der Rückfahrt an der Donau entlang zum Ausgangspunkt ging ein schöner Tag zu Ende, der uns mit vielen äußeren und inneren Eindrücken bereichert hat.
Ein kurzer Exkurs zu der Entstehung der Wegkapellen:
Für das Projekt „sieben Kapellen“ wurde von Elfriede und Siegfried Denzel, einem Unternehmerehepaar aus Wertingen, 2016 eine Stiftung gegründet. Ihre Intention war Kunst, Geschichte, Religion und Kultur zu fördern.
In gemeinsamen Gesprächen entwickelte Dr. Peter Fassl, der Bezirksheimatpfleger dann die genaueren Ideen. An neu entstandenen Radwegen sollten sieben Wegkapellen entstehen um die RadlerInnen zum Halten, Rasten und zur Besinnung einzuladen und ihnen Schutz zu bieten. Warum gerade sieben? Damit wird auf die Bedeutung der Zahl sieben im christlich-jüdischen Kontext verwiesen.
Es sollten nicht nur sieben Wegkapellen entstehen, sie sollten auch von sieben eigenständigen Architekten entworfen werden und damit die Tradition des Kapellenbaus in zeitgenössischer Gestaltung weiterentwickeln.
Als Vorgabe für die Kapellen stand lediglich der Baustoff fest: Die Kapellen sollten aus Holz gebaut werden, da das Ehepaar Denzel aus der Holzwirtschaft kommt, und an einem Radweg stehen, ansonsten hatten die Architekten freie Hand. (Exkurs inhaltlich entnommen aus 7Kapellen.de Abschnitt: das Projekt)

Jutta Gigler

Die Fugger – Händler im Himmel und auf Erden





Mehr als nur eine Stadtführung

Corona. Wer hätte das noch vor einem Jahr gedacht? Eine Pandemie? Hier – in Europa? Im 21. Jh.? Epidemien gab es früher einmal und wenn heute, dann doch nur in Asien oder Afrika. Aber bei uns? Und doch hat es uns erwischt und uns vom Sockel unserer westlichen Selbstherrlichkeit  heruntergeholt.
Fakt ist, wir müssen jetzt mit diesem Virus leben, der ja auch nichts anderes will als wir, nämlich überleben. Hübsch ist er ja, mit seinen Krönchen. Aber leider auch ganz schön heimtückisch, dieser ungebetene Gast. An und für sich pflegen wir Christen ja die Gastfreundschaft. Aber alles, was recht ist, das hat dann doch auch seine Grenzen.
Allzu viel wissen wir noch nicht, was dieses kleine Ding angeht. Aber eines scheint sicher zu sein, nämlich, dass die Gefahr, sich in geschlossenen Räumen anzustecken, wesentlich höher ist als draußen.
Und so wurde unser Gemeindeleben Schritt für Schritt nach draußen verlegt. Singende Andachten, Eucharistiefeiern und – Ausflüge. Einer davon trug uns durch die Innenstadt von Augsburg. Unsere Frauengruppe hatte ja schon Erfahrung mit Stadtführungen, wobei der Fokus vor allem auf Frauengestalten in Augsburg gerichtet war. Dieses Mal durften also zum ersten Mal auch Männer mit. Aber auch in dieser Führung spielten die Frauen eine wichtige Rolle – wie auch anders, sie machen schließlich die Hälfte der Menschheit aus, mehr oder weniger.
1. Station: Römermauer
Uns blühte ein wunderbarer Tag – Sonnenschein und die prächtige Innenstadt von Augsburg, wo man auf Schritt und Tritt über historisches Pflaster stolpert.
Wir trafen uns an der Römermauer beim Dom – hinter uns die ehemals fürstbischöfliche Residenz, heute Sitz der Regierung von Schwaben, davor der Fronhof, in früheren Zeiten Turnier- und Exerzierplatz, nun eine Gartenanlage mit bunten Blumenrabatten und altem Baumbestand, darunter ein Ginkgo oder ein Blauglockenbaum. Im Schatten der mächtigen Bäume lassen sich die AugsburgerInnen gern nieder, zum Picknick, zum Lesen oder einfach zum Entspannen oder an manchen lauen Abenden zu einem Konzert. Im MA hatte man hier weniger Spaß. Das Volk versammelte sich hier – eher unfreiwillig – und der Vogt trieb die Steuern ein, Fron genannt.
Heute sollten wir in den Genuss einer Stadtführung zu den Fuggern kommen. Und wir wurden an diesem Sonntag nicht nur von der Sonne reich beschenkt. Unsere Stadtführerin Martina Berthold vom Frauengeschichtskreis erzählte mit solch einer Begeisterung von dieser für Augsburg so bedeutenden Familie, dass wir uns glücklich schätzen konnten, dabei zu sein. Auch gebürtige Augsburger erfuhren da noch interessante Details, die für sie neu waren.
Die Geschichte der Fugger von der Lilie beginnt mit Hans Fugger, einem Weber aus dem Augsburger Umland, der mit seinem Bruder Ulrich Mitte 14. Jh. nach Augsburg übersiedelte, um dort das Bürgerrecht zu erwerben. Dabei handelte es sich um eine gute Investition, denn „Stadtluft macht frei“ – so lautete ein Rechtsgrundsatz in der mittelalterlichen Ständegesellschaft. Wer ein Jahr und einen Tag in der Stadt verbrachte, bekam das Bürgerrecht.
Und jetzt kommen die Frauen ins Spiel. Denn wie so vieles im Leben gab es das Bürgerrecht nicht umsonst. Aber Hans war nicht dumm. Er wählte die billigere Variante und erheiratete sich das gewünschte Privileg. So ehelichte er Clara Widolf, die Tochter des Meisters der Weberzunft. Damit erhielt Hans Fugger neben dem Augsburger Bürgerrecht auch noch das Recht, Meister zu werden.  Der erste Schritt war getan.
2. Station: Maximillianstraße 21
Nach Claras frühem Tod wählte Hans wiederum klug. Jetzt heiratete er die Goldschmiedetochter  Elisabeth Gfattermann, die ihrem Mann ein stattliches Vermögen an Mitgift in die Ehe brachte. Damit konnte er sich einen Platz im Stadtrat leisten und ein Haus in der Oberstadt kaufen, und zwar im „Haus am Rohr“, jetzt Maximilianstraße, Nähe Judenberg. Heute steht dort ein moderner Neubau mit einem Bekleidungsgeschäft im Erdgeschoss. Eine Tafel an der Hauswand erinnert noch daran, dass hier auch  Jakob Fugger, später der Reiche genannt, 1459 geboren wurde.
Trotz des modernen Stadtlebens, das mich umgab, versuchte ich mir vorzustellen, wie die Menschen hier damals wohl gelebt hatten. Ich fragte mich, was aßen sie, was tranken sie, wie schliefen sie, welche Tätigkeiten verrichteten die Frauen? Wie sah der Alltag in einer spätmittelalterlichen Stadt aus? Eine Zeitreise hätte mir gefallen, nur für einen Tag.
Hans Fuggers zweite Frau Elisabeth war nicht nur reich, sie war auch eine kluge Frau. Als Witwe, die ihren Mann um 28 Jahre überlebte, erwies sie sich als äußerst geschäftstüchtig. Sie bestand darauf, dass die Söhne zwei Berufe erlernten: das Weber- und das Goldschmiedehandwerk – eine gute Investition.
Zwei Frauen, Clara Widolk und Elisabeth Gfattermann, waren es also, die es Hans Fugger, dem Großvater Jakobs des Reichen, ermöglichten, in der Hierarchie der Stadtgesellschaft aufzusteigen. 
Mit Elisabeths Sohn, Jakob d.Ä., ging der soziale Aufstieg der Fugger weiter. Wagemutig missachtete er die Ständeordnung, die zu jener Zeit noch strengen Gesetzen unterlag. „Schuster bleib bei deinem Leisten“ lautete das Gebot. Jakob jedoch pfiff auf das Verbot der Zunft und verkaufte nicht nur seine eigene Produktion an Stoffen, sondern kaufte auch zu und trieb Handel. Und er kam damit durch. Jetzt machten die Fugger den Schritt vom Handwerker zum Kaufmann.
Wie schon sein Vater Hans wählte auch Jakob seine Ehefrau klug. Er ehelichte Barbara Bäsinger, die Tochter eines Silberhändlers. Sie stammte aus einer der reichsten Familien der Stadt. Aus dieser Ehe gingen 11 Kinder hervor, von denen immerhin zehn das Erwachsenenalter erreichten, damals eher  ungewöhnlich.
Als Jakob d.Ä. relativ früh starb, lag auf Barbara Fugger-Bäsinger  die Verantwortung für die große Familie, das Geschäft und das Vermögen. Umsichtig lenkte sie die Geschicke der Familie. Sie kümmerte sich um die vielfältigen Ausbildungen der Söhne und verheiratete ihre Töchter in die Patrizierfamilien Augsburgs. Das mag nach heutigem Denken merkwürdig  erscheinen, aber damals im 15. Jh. heiratete man nicht unbedingt aus Liebesgründen, bei einer Ehe handelte es sich eher um eine Investition. Wenn dann noch die Liebe dazu kam, auch recht, das musste aber nicht unbedingt der Fall sein.
Barbara hielt nicht nur das Vermögen zusammen, sondern trieb auch erfolgreich Handel und mehrte ihren Grundbesitz. Ihr sozialer Aufstieg zeigte sich schließlich im Erwerb eines Kirchstuhls, was eine große Ehre bedeutete. So war es wieder eine Frau, die für das Weiterkommen der Fugger sorgte – beachtenswert, wie ich finde.
Elisabeth Fugger-Gfattermann und Barbara Fugger-Bäsinger sind zwei typische Beispiele für den sozialen Aufstieg  einer Webersfrau zur Kaufmannsfrau bzw. selbständigen Geschäftsfrau in der Reichsstadt Augsburg.  Ihr Leben spiegelt die veränderte Rolle der Frau in der mittelalterlichen Stadt. Stadtluft machte nicht nur Männer frei, sondern auch Frauen, die aus der Vormundschaft ihrer Männer hervortraten und sich ihr Leben in der Stadt und in vielen Berufen verdienten. Vor allem in der Weber- und Kaufmannszunft wurden Frauen in Augsburg nachgewiesen.
3. Station: Reiterhof im Fuggerpalais
Von der Maximilianstraße ging es weiter durchs Apothekergässchen zum Zeugplatz. Durch ein Tor betraten wir den Familiensitz der Fugger, ein Gebäude mit vier Innenhöfen, dessen vorderes Tor an der Maximilianstraße liegt. Im hinteren Innenhof des Fugger-Stadtpalastes, dem Reiterhof, empfing uns auf einmal Stille. Die dicken Mauern halten den Großstadtlärm ab.  Martina stellte sich in den Schatten einer mächtigen Linde, die inmitten des Hofes aufragt und weit ihr Blätterdach ausbreitet. Wir ließen uns auf den Stufen zur Eingangstür eines bewohnten Flügels nieder, sichtbar an den Namensschildern und den Blumen in den Fenstern. Stimmen drangen aus der unteren Wohnung.
Durch das Tor konnten größere Pferdegespanne ein- und ausfahren. Ich stellte mir vor, wie hier einmal reges Treiben herrschte, wie Handwerker, Händler und Fuhrleute tätig waren, wie ein- und ausgeladen wurde. Fast vermeine ich das Rufen der Männer zu hören, das Scharren der Pferde, das Klappern der Hufe. In diesem beeindruckenden Familiensitz der  Familie Fugger gingen Kaiser, Könige und Künstler ein und aus.
Martina erzählte uns nun vom jüngsten Sohn der Barbara Fugger-Bäsinger, Jakob, dem berühmtesten der Dynastie. Eigentlich war er für den geistlichen Stand vorgesehen gewesen.  Aber als er 19 Jahre alt war, waren vier seiner sechs Brüder gestorben, und er gründete mit Ulrich und Georg eine Handelsgesellschaft. Er überredete reiche Kirchenfürsten, ihm ihr Geld als Einlage gegen Zins zu geben und belieh damit den frischgekürten Kaiser Maximilian von Habsburg. Als Gegenleistung ließ sich Jakob Fugger Bergwerksrechte und Münzrechte übertragen, denn das Geld bekam er nicht zurück.
Durch seine persönlichen Qualitäten stieg Jakob Fugger innerhalb  der nächsten 20 Jahre zum reichsten Mann Europas auf. Auf sein Wort war Verlass. Ein Vorfall mit Kaiser Maximilian I. zeigt das deutlich. Mit seinem Gefolge hatte der Kaiser auf dem Weg nach Burgund in Augsburg Zwischenstation gemacht. Für seine bevorstehende Hochzeit ließ er hier verschiedenste Waren anfertigen, darunter kostbare Stoffe für seine Braut. Als er und sein Gefolge die Stadt verlassen wollten, ohne für Kost, Logis und Waren zu bezahlen, hinderten ihn die selbstbewussten Augsburger Handwerker daran. Einer von ihnen griff Maximilian sogar in die Zügel. Es war Jakob Fugger, der ihnen versprach, die Rechnungen zu begleichen und dieses Versprechen auch hielt.
Ab seinem 60. Lebensjahr regelte er seinen Nachlass und zwar klug und umsichtig, so wie er ein Leben lang gehandelt  hatte. Da seine Ehe mit der Patriziertochter Sybilla Arzt kinderlos geblieben war, wählte er seinen Neffen Anton Fugger zum Nachfolger für die Firma aus und bewies damit seine gute Menschenkenntnis.
Und er sorgte für die Ewigkeit vor. Zusammen mit seinem Bruder Ulrich ließ er eine Grabkapelle in St. Anna bauen, damals noch Teil eines Karmelitenklosters. Das Besondere daran ist, dass im Laufe der Reformation St. Anna evangelisch wurde, die Grabkapelle jedoch katholisch blieb. Noch heute gehört sie den Fuggern, die auch für den Unterhalt aufkommen. Bedeutende Künstler haben sich hier verewigt: Albrecht Dürer, Jörg Breu d.Ä. oder Hans Daucher. Als Jakob Fugger 1525 im Alter von 66 Jahren starb, wurde er dort beigesetzt.
Die Stiftung, die Jakob Fugger jedoch weltweit berühmt machen sollte, war die Fuggerei. 1516 begann der Bau einer kleinen Siedlung in der Unterstadt, dort, wo die Armen damals wohnten. Die Menschen, die dort leben wollten, mussten folgende Voraussetzungen erfüllen: Besitz des Augsburger Bürgerrechts, Ehrbarkeit und unverschuldete Armut. Als Jahresmiete war ein Rheinischer Gulden zu zahlen, damals etwa der Wochenlohn eines Handwerkers. Dabei beließ man es über die Jahrhunderte. Die Bewohner zahlen noch heute als Kaltmiete lediglich den Umrechnungswert des damaligen Guldens – derzeit jährlich 88 Cent. Darüber hinaus verpflichteten sich die Bewohner, für die Stifter und ihre Familie täglich ein Vaterunser, ein Ave Maria und das Apostolische Glaubensbekenntnis zu beten. Auch dies gilt noch immer. Und noch immer wird die älteste Sozialsiedlung der Welt aus dem Stiftungsvermögen Jakob Fuggers unterhalten.
4. Station: Fuggerei
So endete die Führung – wie könnte es anders sein – in der Fuggerei. Nur einige von uns hielten allerdings so lange durch. Diejenigen, die übrig geblieben waren, fühlten sich gleich ins 16. Jh. versetzt. Trotz der Besucher herrscht hier eine friedvolle Stimmung. Efeuberankte Reihenhäuschen mit grünen Fensterläden flankieren die idyllischen Gässchen. An der Hauptkreuzung spendet ein steinerner Brunnen erfrischendes Wasser.
Während wir durch die Gassen schlenderten, erfuhren wir unter anderem, dass der spezielle Ockeranstrich nur von den Fuggern benutzt werden darf und warum die Klingelgriffe alle unterschiedlich geformt waren. Denn in früheren Zeiten gab es noch keine Lichtverschmutzung und die Nacht war rabenschwarz.
Nach dem Museumsbesuch mussten wir uns natürlich noch im Biergarten stärken. So endete dieser anregende Tag mit dem Gefühl, der eigenen Stadtgeschichte ein Stück nähergekommen zu sein. 
Was blieb mir von der Stadtführung? Es blieb die Erkenntnis, dass die von der Geschichtsschreibung eher vernachlässigten Frauen der Fugger eine wichtige Rolle beim sozialen Aufstieg der Familie spielten. Wie bedeutsam sie waren, erwähnte  bereits 1949 der Fugger-Biograph Götz Freiherr von Pölnitz: „Nicht nur die Väter, auch die Mütter haben das Werden der Fugger gestaltet.“
Es blieb auch die Erkenntnis, dass Jakob Fugger, der Reiche, eine vielschichtige Persönlichkeit war, mehr als nur der „Erfinder“ des Kapitalismus. Er war auch Mäzen und Wohltäter und ein Mensch, auf den man sich verlassen konnte. Sein Reichtum basierte auch auf seinem guten Ruf, der in der Handels- und Finanzwelt Gold wert war.
Neben seiner Geldpolitik wurde er jedoch vor allem durch seine Stiftungen bekannt. Dies entsprach dem Selbstverständnis einer Gesellschaft, für die Gemeinnutz vor Eigennutz ging, und das war Jakob nachweislich wichtig. Aber noch etwas anderes spielte eine Rolle – der Handel mit Gott.
Seine Stiftungen dienten auch dazu, fürs Jenseits vorzusorgen. Denn wenn man kein Heiliger war und nicht gerade im Stande einer Todsünde starb, musste die Seele zur Läuterung ins Fegefeuer. So lautete die mittelalterliche Theologie. Aber es gab Möglichkeiten. Man konnte sich monetär loskaufen – eine raffinierte Art der Kirche an Geld zu kommen für das schönste und größte Gotteshaus der Welt, den Petersdom. Dafür erhielten die reuigen Sünderinnen und Sünder einen Ablassbrief, ganz im Sinne von „Wer glaubt, wird selig“. Auch durch Gebete konnte man sich vor langen Qualen retten und – ganz praktisch – das Beten an andere delegieren. Fugger ließ also beten.
So gesehen musste er ja nach seinem Tod quasi  per Schleudersitz in den Himmel gelangt sein, vor allem auch wegen der unzähligen Gebete, die heute noch die Bewohner der Fuggerei täglich für seine Seele beten. Und der ewige Gott, der keine Zeit kennt, wusste damals schon um all die Gebete, die noch kommen würden.Mit der Arroganz der Nachgeborenen mögen wir heutigen diese Praxis belächeln. Aber der Glaube, der Verzehr der geweihten Hostie würde ein tückisches Virus verbrennen, scheint mir nicht minder seltsam zu sein.(Quellen: Martina Berthold; Martha Schad, Frauen des Hauses Fugger“; www.Fugger.de)

Birgit Mair

Alle Vögel sind schon da…
Gottesdienste in Zeiten der Pandemie





Einen Bericht über unsere Gottesdienste zu schreiben, das wäre uns in „normalen“ Zeiten, sprich vor Corona, kaum eingefallen. Wie soll man denn über etwas schreiben, was sich wie ein Uhrwerk regelmäßig an jedem Sonntagvormittag ereignet? Über das Zähneputzen oder Bettenmachen lohnt es sich ja auch nicht, extra zu berichten.
Plötzlich aber war das Altgewohnte nicht mehr da, es war einfach weg. Lockdown, Versammlungsverbot, in den eigenen vier Wänden bleiben, kein persönlicher Kontakt mehr mit Freundinnen und Freunden – so hieß es jetzt.
Die Abwesenheit von etwas machte uns erst deutlich, was für uns wichtig ist: der sonntägliche Gottesdienst, die gemeinsame Eucharistiefeier, das gemeinsame Singen –  unsere Kraftquelle für die kommende Woche. Wir haben auch die Freude, alle wiederzusehen, vermisst, beim Kirchenkaffee zu plaudern, kurzum, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen.
Die Corona-Pandemie lehrte uns vor allem, voneinander Abstand zu halten, etwas, das uns als Gemeinde schwerfällt. Sie hat uns auch dazu gebracht, aus dem behüteten Kirchenraum hinaus einen Schritt in die Weite zu machen, wenn wir nun den Gottesdienst auf dem Kirchenvorplatz feiern. Wenn wir dort beim Empfang der Hostie in einem weiten Kreis stehen, spüren wir im Hintergrund die Halt gebenden festen Mauern der Kirche und wir erinnern uns an den Innenraum als Ort der Geborgenheit und der Sammlung.
Unser Blick geht hinüber zu den Wiesen des Sheridan-Parks, wir erfreuen uns an den bunten Blumen und duftenden Kräutern, an den Sträuchern und hohen Bäumen. Darüber spannt sich der unendliche Himmel, blau mit dicken weißen Sommerwolken.
Das ist nun unser Ort, an dem wir Gottesdienst feiern.
Zu ersten Mal geschah das an Pfingsten, nach einer langen Zeit des disziplinierten Daheimbleibens, in der wir uns durch die Hausgottesdienste zwar miteinander verbunden fühlten, aber das physische Zusammensein fehlte. Einander zu sehen, mit den anderen zu sprechen – das fehlte sehr. Es musste also etwas geschehen. Am Pfingstsonntag war es dann soweit, dass alle organisatorischen Konzepte standen und wir durch die Umsicht unserer Pfarrerin draußen zum gemeinsamen Gottesdienst zusammenkommen konnten.
Viele helfende Hände sind nötig, den reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Als erstes ist ein Doodle zu nennen, zwar keine Hand, aber äußerst nützlich, um eine Liste der Teilnehmenden zu erstellen (Ach, unsere berühmt-berüchtigten Listen beim Kirchenkaffee …). Außerdem hat sich inzwischen jede und jeder mit einem Möbelstück ausgestattet, das leicht zu transportieren und stabil genug ist, um darauf eine Stunde zu sitzen. Längst haben wir uns an den Anblick unseres Gegenübers mit Maske gewöhnt. Wir wissen jetzt auch, wo und wann auf den nummerierten Plätzen die Sonne scheint. Und wie gut, dass es unseren dicken Kirchturm gibt, der so angenehm Schatten spendet! Wir haben auch gelernt, dass größere Kieselsteine ein überaus nützliches Requisit sind, damit beim Wehen des Geistes nicht die Textblätter oder die Geldscheine im Kollektenkörbchen wegfliegen.
Finden wir hier Gott? Ich meine: „Ja.“
Als wir zum ersten Mal draußen die Eucharistie feierten, hörten wir im Evangelium, dass sich Gott schon im Alten Testament dem Elija nicht über die Ratio wahrnehmbar gemacht hat, sondern über die Sinne:
Die Ewige zeigte sich ihm, indem Elija einen leisen Wind verspürte.
Wenn wir hier draußen Gottesdienst feiern, öffnen wir unsere Sinne und auch wir spüren den Wind auf unserer Haut, wir genießen den Duft der blühenden Linden, hören das Vogelgezwitscher. Wir sehen die dahinziehenden Wolken und beobachten sie jetzt genauer: Bringen sie uns Regen oder können wir unbesorgt hier draußen den Gottesdienst feiern? Die Abhängigkeit vom Wetter macht es uns wieder einmal bewusst, dass wir nicht alles in der Hand haben, sondern von Kräften abhängig sind, die wir nicht beeinflussen können.
An Mittwochabenden feiern wir zusätzlich zur sonntäglichen Eucharistiefeier noch eine „singende Andacht“, damit die Sangesfreude unserer Gemeinde gestillt werden kann. So enttäuscht wir auch sind, wenn sie buchstäblich ins Wasser fallen muss, so kann ein Innehalten auch guttun und uns sogar demütig stimmen, dass wir eben nicht alles machen können, was wir uns so vorstellen. Die Natur schenkt uns beides, Freud und Leid.
Wohlige Freude schenken uns die Rotschwänzchen, die im Treppenaufgang zur Sakristei nisten, nicht zum ersten Mal übrigens. Während der Messfeier ertönt das hungrige Gezwitscher der vier Jungen, die einfach nicht sattzukriegen sind. Und immer wieder begleiten uns Vögel, die sich auf den Bäumen hinter uns niedergelassen haben, bei unseren Liedern. Manche Gottesdienstbesucher können genau sagen, um welche Vogelarten es sich dabei gehandelt hat. Die ganze Natur stimmt in den Lobgesang Gottes ein. Welch eine Wonne!  
Hier draußen gibt es noch etwas, was anders ist: Wir nehmen unsere Glocken besonders intensiv wahr. Man hört deutlich, wie sie, ehe der Klöppel an die Glockenwand schlägt, erst einmal hörbar Anlauf nehmen, um uns zu signalisieren: Gleich geht es los. Andächtig lauschen wir dem Zusammenklang der unterschiedlichen Tonhöhen von Dankbarkeit, Mitgefühl, Frieden und Liebe mit all den Obertönen dazwischen, und mich erfüllt jedes Mal eine große Dankbarkeit, dass wir den Bau des Campanile mit den vier Glocken in einem großen finanziellen Kraftakt gestemmt haben.
Anders ist auch der Friedensgruß: Wir drehen uns um und nehmen die Menschen um uns herum bewusst mit unseren Augen wahr und nicken ihnen liebevoll zu.  Wir sehen auch die, die weiter entfernt stehen, und spüren unsere Gemeinschaft.
Das Besondere unseres alt-katholischen Glaubens ist, dass die Einladung zur Eucharistie an alle Anwesenden geht, es ist nicht eine Kirche, die einlädt, es ist Christus selbst. Zum Empfang des Brotes stellen wir uns – natürlich im gebührenden Abstand – in einem weiten Kreis auf, der bis auf den Grasigen Weg reicht. Wir schauen uns an und spüren, dass wir durch das Teilen des Brotes und im Bewusstsein, dass Christus mitten unter uns ist, miteinander verbunden sind. 
Der Segen, mit dem wir in die Woche entlassen werden, umfasst auch die vielen Menschen im Park. Denn wir verschließen uns nicht, sondern tragen einzig durch unser Sosein unseren Glauben in die Welt. Jede und jeder ist willkommen!
Die Einschränkungen lehren uns etwas Entscheidendes, nämlich, dass Begrenzung zu Freiheit führen kann, einer neuen Freiheit, die Kreativität freisetzt und uns erfahren lässt, dass sich in der Natur die mütterliche Ausdrucksform Gottes zeigt, die voller Schönheit, Zärtlichkeit, Sanftheit und Güte ist.
Und so können wir in eines unserer Jubellieder einstimmen:
„Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben, schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben… „ (Eingestimmt 658)

Marianne Hollatz

Unser Gemeindeleben in Zeiten von Corona – eine Zwischenbilanz (18. April 2020)













 „Angesichts der Ausbreitung des Coronavirus hat die Synodalvertretung eine Notfallverordnung erlassen, die ab sofort gilt. Alle öffentlichen Gottesdienste sowie alle Gemeindeveranstaltungen und Gremiensitzungen werden bis auf weiteres eingestellt. …..   Euer Bischof Matthias“
So lautete die Botschaft unseres Bischofs am 13. März 2020.

Von da an war alles anders. Keine gewohnten Gottesdienste mehr, kein Gemeindeleben, kein Kirchenkaffee, kein Chor, keine baf- und bam-Gruppe – alles abgesagt.
In den folgenden Tagen wurde wohl vielen von uns erst richtig bewusst, wie wichtig uns Gemeinschaft  und menschliche Nähe ist, jetzt, da wir sie nicht mehr leben konnten.  Jetzt wurde uns klar, wie selbstverständlich wir immer alles genommen hatten, jetzt, wo es uns fehlt. Trotz aller inneren Verbundenheit.
Unsere Pfarrerin musste sich also etwas ausdenken, um das Loch, das sich auf einmal auftat, mit Hoffnung und dem Gefühl von Gemeinschaft wieder zu schließen. Da sich die Gemeinde einer völlig neuen Situation gegenübergestellt sah, stellte sich die Frage – Althergebrachtes bringen oder neue Wege gehen? Pfarrerin Caspari entschied sich für neue Wege. Kreativität war also gefragt.
Statt einsame Gottesdienste per Video-Stream zu veranstalten, ließ sie den Gemeindemitgliedern regelmäßig Vorlagen per E-Mail zukommen. Die Idee dahinter war und ist, dass sie uns für spirituell reif genug hält, uns individuell an neuen Formen des Gottesdienstes zu beteiligen, auch ohne die persönliche Anwesenheit einer Priesterin. Dass wir auf die Dauer ohne sie auskommen könnten oder wollten, davon kann natürlich nicht die Rede sein. Zum einen wird die Pfarrerin weiterhin passende Impulse für uns gestalten, solange die räumliche Trennung anhält, und zum andern ist sie sowohl per Mail als auch per Telefon ständig in Kontakt mit ihren Gemeindemitgliedern. Außerdem würden wir nicht für immer auf eine Eucharistiefeier verzichten wollen.
Als erstes erhielten wir die „Klingende Verbundenheit“. Die Glocken unseres Kirchturms sollen ja weiter läuten und von nun an auch im Internet zu hören sein. Unser Geläut – etwas, das wir kannten und schätzten. Zu seinem Klang versorgte uns die Pfarrerin  mit  Impulsen zu Dankbarkeit und Mitgefühl. Sie ermunterte uns dazu, Gottes Frieden und Liebe in uns wahrzunehmen und spendete Worte des Trostes.
Seitdem gibt es regelmäßig Impulse für Sonn- und Feiertage – Gebete, Bibeltexte, Gedichte und die Gedanken der Pfarrerin dazu, warmherzig und frei von jeglichem moralischen Zeigefinger – keine stereotypen Worte, sondern kleine Anregungen zum Innehalten, zum Nachdenken, um Zuversicht zu fassen und Verbundenheit zu spüren, mit uns selbst, mit anderen, mit der Natur, mit Jesus, mit Gott.  
Zu den gewohnten Zeiten – Sonntag 10 Uhr, Gründonnerstag 19 Uhr, Karfreitag 15 Uhr, Ostermorgen 6:30 Uhr zum Sonnenaufgang – konnten wir zuhause allein „gemeinsam“ Gottesdienst feiern im Bewusstsein, dass jetzt viele Mitglieder unserer Gemeinde genau dasselbe tun würden. Ein tröstlicher Gedanke.
Aber es sollte ja auch etwas bleiben. Deshalb wurden wir angeregt, Fotos von unseren Hausaltären oder der aufgehenden Sonne am Ostermorgen zu machen und an die Pfarrerin zu schicken. Und jedes Mal wurde dann eine Collage davon angefertigt und allen zugeschickt. Die Collagen werden seit dem Ostersonntag in unserer Kirche aufgehängt, auf den Wandteppichen hinter dem Altar, als Zeichen unseres weiterhin bunten „Gemeindelebens“ und unserer Verbundenheit.
Was zeigen diese Collagen? Einen Stein, Palmbuschen, eine Schale mit Wasser, einen Teller mit Brot, ein Kreuz, die aufgehende Sonne – und immer eine brennende Kerze. Symbole für unsere Trauer und Ängste, aber auch für Hoffnung und Frieden und Dankbarkeit.
Am Palmsonntag wurden wir angeleitet, den Palmentanz zu tanzen, so wie wir ihn jedes Jahr gemeinsam vor der Kirche tanzen. Wir wurden angeregt, Brot zu backen für Gründonnerstag und ein Kreuz aus Naturmaterialien zum Karfreitag zu gestalten. Und Peter Schneider, Priester i.E., gestaltete unsere diesjährige Osterkerze mit einer aufgehenden Sonne.
Tröstlich ist, dass wir uns darauf verlassen können, weiterhin mit Impulsen versorgt zu werden, die stets mit einem Segensgebet enden, das uns über die Zeit halten und tragen kann. Es werden weiterhin Collagen unserer Bilder angefertigt werden.  Und nach wie vor wird ein Gebet des Schweizer Mystikers Franz-Xaver Jans-Scheidegger beigefügt sein.
Hier das Gebet zum Ostermorgen:

                                                                             Was suchst du?

ICH bin da,
auch wenn du MICH nie fassen kannst.
Berührt dich ein Strahl MEINES Lichtes,
so leuchtet eine ganze Sonne im Blickpunkt
deines Schauens.
Wie kannst du so MEINEN Strahl noch
unterscheiden.
Verwechsle MICH nie mit der Sonne,
die du schaust,
aber vergiss nicht,
dass MEIN Licht die Sonne erfüllt,
und dass ein Strahl MEINES Lichts
auch in der Mitte deines Herzens als Sonne
Aufleuchtet.
Schaue und verweile in MEINEM Lichte,
du, MEIN Ebenbild!

Vielen von uns bedeuten diese Impulse sehr viel. Sie leiten uns durch eine schwierige Zeit, lassen aber auch Raum für Individualität. So können wir weiterhin Gemeinschaft leben und uns miteinander verbunden wissen. Die zahlreichen positiven, dankbaren Rückmeldungen zeigen, dass die Gemeinde auf einem guten Weg ist.

Birgit Mair

 

Besuch auf dem Hühnerhof von Anna und Jörg

Baf-Frauengruppe auf dem Bio-Hasenberghof in Adelsried





„Für uns bedeutet Bauer sein pures Glück.“
So ein Satz war in den letzten Monaten von den wenigsten Landwirten zu hören. Eher beklagten sie ihre schwierige Lage (viel Arbeit und wenig Gewinn) und/oder blockierten aus Protest mit ihren Traktoren die Straßen.
Für manche aber gilt dieser Satz nach wie vor. Und an diesem Glück wollten wir teilhaben. So machten wir, eine baf-Frauengruppe, uns an einem zwar kalten, aber sonnigen Märzsonntag auf den Weg, um im Landkreis Augsburg einen auf Hühner spezialisierten Bio-Landwirtschaftsbetrieb zu besuchen.
Die Bäuerin Anna, eine junge Frau, empfing uns und erzählte uns mit Leidenschaft und Begeisterung, aber auch mit Sinn für Betriebswirtschaft, von ihrem Leben.
Aus einer Schülerliebe hatte sich zwischen Anna und Jörg eine tiefe Verbundenheit entwickelt. Sie verband auch das gemeinsame Interesse, den traditionsreichen bäuerlichen Familienbetrieb zu übernehmen. Und sie wollten eine besondere Landwirtschaft, eine, die die Bedürfnisse der Tiere und der Natur in den Mittelpunkt stellt, damit hochwertige Produkte entstehen.
Die beiden verstehen ihre Arbeit als einen Teil der Gemeinschaft und der Natur. Ihr Ziel ist, den betrieblichen Kreislauf zu schließen, die Futterzufuhr von außen so gering wie möglich zu halten und die Ressourcen zu schonen.
Das Futter für die Hühner wird selbst produziert (Mais, Gerste, Weizen, Ackerbohnen) und selbst gemischt. Auf chemisch synthetische Pflanzenschutzmittel wird verzichtet und die Ackerböden werden ausschließlich mit dem eigenen Mist gedüngt (der z.B. bei der Hühnerhaltung anfällt) und mechanisch bearbeitet.
Bereits beim Stallbau haben Anna und Jörg darauf geachtet, dass die Hühner ihrem artgerechten Verhalten nachgehen und so leben können, wie es die Natur vorgesehen hat. Beispielsweise, dass sie genügend Auslauf im Freien haben und dass sie sich mit ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Sandbaden, ihre Zeit vertreiben können. Es wurden sogenannte Nester angelegt, in die sie sich zurückziehen können. Mit diesen Maßnahmen gehen die beiden über die Bioland-Verbandrichtlinien weit hinaus. Die Folge ist, dass die Hühner gesund sind und das Risiko zu erkranken, gering gehalten wird.
Die Eier von ca. 6000 Hühnern müssen sortiert, verpackt und vermarktet  werden. Sie sollten die am Markt gewünschte Größe und einen schönen gelben Dotter haben, und die Schale sollte nicht zu dünn sein. Eier sind ein sehr empfindliches Gut. Die Sortierung erfolgt durch eine Maschine, und wenn ein Ei bricht, muss sehr viel Zeit aufgewendet werden, um sie zu reinigen.
Wichtig ist für das Ehepaar, dass keine Tiere durch ihre Arbeit leiden. Deshalb praktizieren sie die sogenannte Zweinutzung. Das heißt, die männlichen Küken werden nicht geschreddert, wie das allgemein üblich ist, sondern die „Bruderhähne“ dürfen leben. Das bedeutet einen hohen Kostenaufwand. Erst wenn sie nach 10 Wochen ihre Maximalgröße erreicht haben, werden sie verkauft. Sie sind dann halb so groß wie handelsübliche Hähnchen, aber das Fleisch schmeckt sehr lecker. Davon konnten wir uns selbst überzeugen, da fast alle Teilnehmerinnen im Hofladen neben Eiern auch ein „Bruderhähnchen“ kauften.
Nach der Besichtigung des Stalls und dem Einkauf im Hofladen zeigten sich alle Teilnehmerinnen sehr beeindruckt, mit welcher Liebe zu den Tieren und zur Natur und damit auch zu den Menschen die beiden Landwirte ihren Betrieb führen und ihre Arbeit tun. Für uns als Verbraucherinnen wurde deutlich, was es heißt, Bauer oder Bäuerin im ganzheitlichen Sinne zu sein und die Menschen mit guten Lebensmitteln zu versorgen. Dafür gebührt ihnen unser Dank und unsere Wertschätzung.

Ingrid Thalhofer
Quelle: www.bio-hasenberghof.de

 

Ein jüdisches Ensemble in einer christlichen Kirche – eine beglückende Einheit

Junia-Konzert des Ensembles Feygele am 18. Januar 2020





Was war das für ein wunderschöner Abend, dieser Samstag im Januar! Die Sonne war  schon vor mehr als 45 Minuten untergegangen, also war der Schabbat beendet, und das Konzert  des jüdischen Ensembles Feygele konnte in unserer christlichen Apostelin-Junia-Kirche  stattfinden. Freilich mussten die Vorbesprechung und der Aufbau der Technik schon am Freitagnachmittag bis zum Beginn des Schabbats beendet sein. Dieses Zeitlimit beschleunigte sicher auch einige Entscheidungen technischer Natur. Am Samstagabend war dann alles perfekt, auch die neue stimmungsvolle Beleuchtung, die nicht nur unsere Wandteppiche, sondern auch die Musikerinnen und Musiker ins rechte Licht rückten. Dank an alle Beteiligten, vor allem an Alexandra, die so schnell gehandelt hatten!
An diesem Abend stimmte alles. Unser Kirchenraum mit seiner super Akustik – die Freude aller, die dort Musik machen -, eine vollbesetzte Kirche, die Menschen, die sich von der so abwechslungsreichen Musik mitnehmen ließen und umgekehrt auch das Ensemble wieder animierten. Ein Geben und ein Nehmen. Das Ensemble Feygele wurde vor elf Jahren von seinem Leiter Josef Strzegowski ins Leben gerufen. Die Musikerinnen und Musiker sehen sich als Botschafter des interreligiösen Dialogs und des friedlichen Miteinander von Menschen verschiedener kultureller Herkunft. Feygele möchte die Schönheit fast vergessener jüdischer Melodien wieder zum Leben erwecken.
Christina Drexel mit ihrem wandlungsfähigen Sopran, Kristina Dumont, Violine, Roland Höffner, Bass, Gislinde Nauy, Klarinette, und Josef Strzegowski, Perkussion, bildeten eine wunderschöne Einheit. Fast hätte das Konzert abgesagt werden müssen, weil der Pianist erkrankt war, wenn nicht Stephanie Knauer in letzter Minute noch eingesprungen wäre und souverän ihren Part gemeistert hätte.

Ein beglückender Abend, den uns das „Vögelchen“, das „Feygele“, geschenkt hat.
Wir freuen uns auf das nächste Jahr, sie wollen wieder kommen.

Marianne Hollatz

 

Älter werden, weiter wachsen – ein Erfahrungsbericht





Altkatholische Männer können nicht nur Weißwurst und Schafkopf. Beim ersten Treffen unserer Männergruppe schon wuchs der Gedanke, sich intensiv mit essentiellen Fragen zu beschäftigen. So kam es, dass sich vier von uns einigermaßen spontan in Schloss Craheim, Begegnungsstätte Lebenszentrum für die Einheit der Christen zum Seminar „Älter werden, weiter wachsen“ angemeldet haben. Mit ganz unterschiedlicher Biografie und Sozialisierung machten wir uns auf den Weg; vormals lutherisch evangelisch, freikirchlich evangelisch oder römisch katholisch hatten wir uns in der altkatholischen Kirche gefunden. Die gut dreistündige Autofahrt ermöglichte uns schon guten Austausch.
Craheim im Kreis Hassberge in Unterfranken gelegen, empfing uns entgegen schlechtem Wetterbericht mit thematisch passender herbstlicher Stimmung in einer Abwechslung  aus dunklen Wolken und strahlenden Lichtformationen am Himmel und einem grandiosen Blick vom Schlossberg aus in die weite Landschaft, von dem man sich nur wünschen konnte, dass er bildhaft für unseren Blick aufs Leben steht. Auch das Schloss fügte sich symbolisch ins Thema. Es strahlte, herrschaftlich auf dem Hügel, einen beeindruckenden Glanz aus. Aus der Nähe betrachtet sah man dann, wie der Zahn der Zeit nagt. Die nach Süden ausschreitende  freitragende Außentreppe war nur auf einer Seite begehbar, auf der anderen Seite gesperrt und von unten mit Balken gestützt. Das Betreten des Balkons im Kuppelsaal war wegen Einsturzgefahr verboten. Am ersten Abend gab es kein warmes Wasser.
Das Abendessen, man streckte die Fühler aus. Neben uns „Alten“ lief ein Seminar für  Männer, die beten,  und eins für (junge) Frauen mit Power. Nach dem Essen noch zwei Stunden mit einer Vorstellungsrunde. Große Bandbreite. Seminarleiter waren das über 80-jährige Ehepaar Endres, Pfarrer mit Frau, der früher 18 Jahre geistlicher Leiter auf Craheim war und seit 18 Jahren mit viel Seminararbeit im Ruhestand ist. Insgesamt waren wir 35, weit mehr, als geplant. Schlaglichter zu einigen Teilnehmern:  Ein Arzt, der im Rentenalter seinen Beruf noch liebt,  eine Apothekerin, Lehrerinnen, eine Verkäuferin, die die Kunden mag, Mitglieder einer christlichen Lebensgemeinschaft, ein Physiotherapeut, der seinen Beruf als Handwerk im besten Sinn versteht, ein Bildhauer, Erzieherinnen, Menschen, die noch im Beruf sind und solche, die schon weiter sind, Paare, Alleinstehende, Verwitwete …. Die Vorstellungsrunde zeigte unterschiedliche Erfahrungen und Blicke aufs Älterwerden, die wir mitbringen. Die Spannung stieg. Aber zunächst gab es einen geselligen Ausklang im Schlosskeller.
Die Tage hatten dann einen wohltuenden Rhythmus. Um 08.00 Uhr eine halbe Stunde Morgenandacht, ein guter Einstieg in den Tag, nicht zuletzt wegen des gemeinsamen Singens, das von allen kräftig mitgetragen wurde und sich auch in den Arbeitseinheiten wiederfand. Dann thematische Arbeit, gutes Mittagessen, lange Mittagspause, die Freiraum ließ, mir zum Beispiel für zwei Stunden schöne Wanderung auf dem Rennweg. Dann wieder thematische Arbeit, Abendessen, nochmals Arbeit und wieder in den Schlosskeller, ohne aber dort zu versumpfen. Wir haben ja doch schon Alter und Erfahrung?
Keine erholsamen, sondern anstrengende Tage? Mitnichten. Jeder von uns ist um gute Erfahrungen reicher heimgekommen. Klaus, von dem die Idee kam, nach Craheim zu fahren und der seit zwei Jahren im Ruhestand ist, hat zeitlich den großen Bogen gespannt und aus seiner heutigen Sicht bis zurück in die Zeit reflektiert, in der er als junger Zivildienstleistender auf Craheim war. Hannes war etwas enttäuscht, dass das Seminar des 82-jährigen Leiters zu wenig Gruppenarbeit bot, hat das aber dadurch ausgeglichen, dass er immer mal wieder an anderen Tischen gegessen hat und dort gute Gespräche geführt hat. Ich selbst habe viel Evangelisches kennengelernt und erfahren, dass es zwischen dem Eintritt in den Ruhestand und dem richtigen Altwerden heute eine Generation gibt, die es früher nicht gab.
Den Sonntagvormittag hat der Gottesdienst geprägt und auch zeitlich ausgefüllt. Umrahmt von Wortgottesdienst und Abendmahl hatten wir eine Thomas-Messe, Untertitel: Der Gottesdienst für Suchende, Zweifelnde und andere gute Christen. Im Seminarraum waren verschiedene Stationen aufgebaut. Mit meditativer Musik im Hintergrund konnten die Teilnehmer frei von Station zu Station wechseln und beliebig verweilen. Es bestand die Möglichkeit, zu den Themen Gedanken auf Zettel zu schreiben (die anonym blieben) oder anhand hinterlegter Texte zu meditieren. Stationen waren beispielsweise: „i. R.“ (im Ruhestand), „Lieber Mensch, ich kenne dich ganz genau“, „Wer bin ich?“, “ Der erste Sinn meines Lebens“,  eine Station mit einer Wand aus Ziegelsteinen, in die man Zettel mit seinem Ärger stecken konnte und weitere. Dann gab es eine Station, in der man sich die Hände salben konnte und schließlich die Mitte. Die war dem Thema Dankbarkeit gewidmet und hat jeden von uns auf unterschiedliche Weise stark angesprochen. Die Menschen, die anschließend wieder in die Kapelle gingen, um mit dem Abendmahl den Gottesdienst zu beenden, waren andere. Beeindruckend!
Dann gemeinsames Mittagessen und Heimfahrt. Was haben wir mitgenommen? Es waren vier Tage, die ihre Zeit und das Geld wert waren.

Rainer Brand

Eucharistiefeier in Zeiten der Corona-Pandemie

Gedanken von Pfarrerin Alexandra Caspari

Eucharistie und Gemeinschaft
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Eucharistie in der kreativen Spannung zwischen An- und Abwesenheit
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Osterkerze 2020

Osterkerze

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