2014

BAF: 1. Mai – ein Tag auf dem Stauden-Meditationsweg

Die baf-Frauengruppe der alt-katholischen Gemeinde Augsburg hat sich nach dem Bau der Apostelin-Junia-Kirche wieder zusammengefunden und bietet seit 2013 jeweils vier Veranstaltungen im Jahr von Frauen für Frauen an.
Der Stauden-Meditationsweg im „Naturpark Augsburg–Westliche Wälder“ wurde für Menschen jedweder Religion eingerichtet, die beim Wandern in der Natur ein wenig über sich, Gott und ihre Welt nachdenken und meditieren wollen.


Im 19. Jahrhundert gelang die Sanierung der zu „Stauden“ (daher die Bezeichnung) degradierten Wälder. Naturpark und Natur werden heute als wertvolle Ressource geschätzt, die schonend und sinnvoll genutzt werden soll. Über die Hälfte des 1175 Quadratkilometer großen Naturparks wurde deshalb unter Landschaftsschutz gestellt.
Eine größere Gruppe Frauen unterschiedlichen Alters machten sich unter Leitung unserer Pfarrerin Alexandra Caspari auf um zu Fuß den Weg zu erkunden, die Natur zu genießen und Gemeinschaft zu erleben.
Wir stimmten uns ein mit Liedern die zum Aufstehn und Vertrauen in neue Wege ermutigen. Unser Leitgedanke „Das einzig Beständige im Leben ist die Veränderung“ (Weisheit) beschäftigte uns in Gesprächen und im Schweigen. Einige Teilnehmerinnen möchte ich hier zu Wort kommen lassen:
„Von diesem Tag ist mir besonders unser Schweigemarsch in Erinnerung. Die Ruhe und doch so viele Geräusche wie Vogelstimmen, Kuhglocken und bei sich mit den Gedanken zu sein. Die vielen Farben und das Licht der Sonne gaben ihr Bestes dazu“.
„Ich konnte für einige Stunden in unserer wunderbaren heimatlichen Natur den Lebensstress hinter mir lassen und Kraft tanken“

BAF: Landart - Kunst in und mit der Natur: Den Kreislauf des Lebens erfahren

Kreativer Herbstspaziergang - LandArt an der Wertach

Diese (Kunst) Werke sind echt bio

„Habt Ihr Eure Regenjacken oder Schirme nicht vergessen?“ war immer wieder zu hören als sich im September eine Gruppe Frauen traf um gemeinsam in die Natur zu starten. Der Wetterbericht verhieß nichts Gutes.
Vor dem Start an die frische Luft sollte uns Andy Goldsworty, ein bekannter Natur-Künstler, diese vergängliche Kunst in einem Film näher bringen, was ihm ohne Probleme gelang.
„Goldswortys Arbeiten zeichnen sich durch ihre Vergänglichkeit aus. Er arbeitet ausschließlich mit Naturmaterialien, die er an Ort und Stelle vorfindet, wie beispielsweise Steine, Blütenblätter oder Holz – stets ohne künstliche „vom Menschen erschaffene“ Hilfsmittel. Zum Befestigen von Blättern und Ästen benutzt er nur Dornen und Stöckchen oder Grasfasern und dokumentiert seine teils gewagt fragilen Kunstwerke mit künstlerisch hochwertigen Fotografien; so streut er beispielsweise Blütenblätter in einen Fluss und bildet sie kurz vor dem endgültigen Zerrinnen mit seiner Hasselblad-Kamera ab“. (Wikipedia)

Mit diesen Bildern und gut gestärkt durch viele selbst gemachte Leckereien der Teilnehmerinnen ging es hinaus in die Natur, an die Wertach. Nach einem kurzen Spaziergang entlang des Flusses war ein Platz gefunden, der der Kreativität alle Möglichkeiten offen ließ. Holz, Steine, Moos, Blüten und Blätter luden ein sich mit der Natur zu beschäftigen und der Fantasie freien Lauf zu lassen.
Es entstanden ganz unterschiedliche Kunstwerke, und nicht jeder fiel es leicht, diese wieder der Natur zu überlassen. So scheute eine Teilnehmerin nicht den Weg ins kalte Wasser um ihre aus Blättern entstandene Schlange an einem besonders geeigneten Platz dem Wasser zu übergeben.
Nachdem alle Kunstwerke gebührend begutachtet waren und jede ihr Potential mit der Natur kennen gelernt hatte ging es zurück…übrigens, ohne dass Regenschirm oder Regenjacke benötigt wurden.

Jutta Kleber-Gigler

Jugendfreizeit - Ein starkes Team...

…wurden die Jugendlichen, die sich zu einer Sommerfreizeit des baj-Bayern angemeldet hatten. Das war durchaus nicht selbstverständlich, denn die Teilnehmenden kamen aus den unterschiedlichsten Ecken Süddeutschlands, und auch die Altersspanne war sehr groß. Schon beim Aufbau der Zelte und der Campingküche war Teamgeist gefragt. In kürzester Zeit entstand an einem idyllischen Flüsschen ein ganzes baj-Dorf!

In Teams mit den Namen „Gemüseversteher“, „Mr. und Mrs. Propper“, die „Spaghettibändiger“ und „Kings und Queens of BBQ“ stellten sich die Jugendlichen tapfer den Herausforderungen von Küche und Abwasch. Die Teamnamen waren so begeisternd, dass sie zugleich mit einem individuell entworfenen Logo auf Lagertassen verewigt wurden. Während der fünf Tage in der fränkischen Schweiz kam jeder und jede an ihre eigenen Grenzen; sei es durch das Überwinden der Höhenangst auf Hochseilparcours mit „werbenden“ Namen wie „Henkerssteg“, „Luftikus“ bzw. „Rittersprung“, oder die Auseinandersetzung mit dem kalten Nass bei einer Kanutour oder gar die Bewältigung der Platzangst in einer unerschlossenen Höhle. Das Begehen der Höhle war im Übrigen wirklich ein großes Abenteuer. Dies fing schon mit der Ausrüstung an, die aus schicken blauen Overalls und Helmen mit Stirnlampen bestand. Dieses Outfit ließ uns wie eine Mischung aus entlaufenen Häftlingen und Bob der Baumeister aussehen. Die Helme und Stirnlampen dienten durchaus einem guten Zweck wie wir noch erfahren sollten. Denn in der Höhle war es ohne Licht wirklich stockdunkel. Und in den Kriechgängen, durch die wir auf allen vieren robbten, bewahrten uns die Helme vor Hirnschäden.

 

 

Der Sinn der Overalls wurde uns erst bewusst, als wir aus der Tiefe der Höhle an das Tageslicht traten: Aus dem schönen Blau war ein erdiges und schlammiges Braun geworden! Auch wenn wir nicht gerade mit solchen Abenteuern beschäftigt waren, die darüber hinaus auch noch aus einem Sprung in das durchaus kalte Nass eines Naturschwimmbades, der Erprobung der Treffsicherheit beim Bogenschießen oder dem Erleben des dunklen Waldes bei einer Nachtwanderung bestanden, kam auch sonst keine Langeweile auf. Groß und Klein vergnügten sich bei lang erprobten baj-Spielen, die die Gemeinschaft von Tag zu Tag immer mehr festigten. So konnte uns sogar ein Gewittersturm, der direkt über unserem Zeltplatz tobte, nicht erschüttern. Auch die Frage, ob manche unserer Zelte so dicht waren, dass die Atemluft als Kondenswasser zu Boden tropfte oder ob sie doch eher das Wasser von außen nach innen ließen, brachte uns nicht aus der Ruhe.

Doch auch für unser starkes Team kam leider der Tag der Trennung: Nach fünf unvergesslichen und spektakulären Tagen hieß es Abschied nehmen.

Aber Gott sei Dank wissen wir: Das baj-Dorf ist klein, und wir werden uns hoffentlich alle wiedersehen!

Cara Berlis, Mia Mühlbauer und Amelie Dehner

Ein Fest rund um die weltweit einzigartige Open-Air-Orgel

Eine kleine aber feine Orgel seht seit der Kirchweihe vor zwei Jahren auf der Empore unserer Apostelin-Junia-Kirche in Augsburg. Allerdings hat uns der Orgelbauer gleich beim Kauf dieses Instruments gesagt, dass ihr als Kirchenorgel etwas Entscheidendes fehlt, nämlich ein Subbass-Register. Damals wusste keiner was das ist, aber inzwischen haben wir es gelernt: Es ist ein Bassregister, das der Orgel erst den richtigen vollen Klang und ein Fundament verleiht.
Nun gibt es so etwas leider nicht bei eBay zum Schnäppchenpreis, und – wen wundert’s – die Kasse ist nach dem Kirchenbau ziemlich leer. Deshalb musste zu unserem zweijährigen Kirchweihjubiläum ein EVENT her, das viele Besucherinnen und Besucher anziehen würde.
Unser Orgelbauer, Herr Schindler aus Ostheim vor der Rhön, hatte einen überraschenden Vorschlag: Er verfügt über eine weltweit einzigartige Rarität, eine fahrbare „Open-Air“-Konzertorgel. Mit dieser würde er aus der Rhön angefahren kommen, und so könnte auf unserem Kirchenvorplatz, der mitten im Sheridanpark liegt, ein öffentliches Orgelkonzert gegeben werden. Natürlich waren alle von dieser Idee begeistert. Alexandra Caspari, unsere Pfarrerin, überzeugte zwei renommierte Organisten, Thomas Mayer, Vikar und Kirchenmusiker aus der alt-katholischen Gemeinde in München, und Peter Bader, Kirchenmusiker an der römisch-katholischen Basilika St. Ulrich und Afra in Augsburg, dieses Neuland zu betreten und ein besonderes Orgelkonzert im Freien zu geben.

Für Planung, Organisation und Durchführung fanden sich in unserer Gemeinde  viele Helfer und Helferinnen. Wieder einmal durften wir erfahren, dass wir gemeinsam etwas ganz Besonderes auf die Beine stellen können: ein Festprogramm, das sich einen ganzen Tag um die Konzertorgel auf unserem Kirchenvorplatz dreht. Den Auftakt machte am Vormittag der Gottesdienst im Freien, welcher selbstverständlich auf der Open-Air-Orgel begleitet wurde. Gleich zu Beginn haben wir in lockerer und herzlicher Art unseren neuen Vikar Jörn Clemens in unsere Mitte willkommen geheißen.
In ihrer Predigt sprach Pfarrerin Caspari von der Musik, „…wo Unterschiedliches sich zu einer Einheit zusammenfügt und dadurch zum Genuss wird, der die Seele beflügelt und die Alltagsschwierigkeiten vergessen lässt. Musik schafft Verbindungen – Musik ruft Emotionen hervor. Diese Einheit in Vielstimmigkeit kann auch ein Bild für unsere Gemeinde sein, wie wir unsere Synodalität verstehen: ein gegenseitiges Aufeinander-Hören. Wir wissen, dass wir ganz unterschiedliche Individuen sind, die aber durch eine gemeinsame Sehnsucht miteinander verbunden sind. Wir wollen nicht nur in der Eintönigkeit des Lebens verharren, uns treibt vielmehr die Sehnsucht nach der Vielstimmigkeit an, in der auch Gott seine Stimme in unserem Lebenslied erklingen lässt.“ Und so erklangen fröhliche und kräftige Töne, die der Wind über den Park verteilte. Und da das Wetter, allen Wettervorhersagen zum Trotz, trocken blieb, erklang das Lobe-den-Herrn als Schlussgesang aus vollem Herzen.
Schon gegen Ende des Gottesdienstes stieg den Besucherinnen und Besuchern der Duft von Spanferkel und Grillwürsten in die Nase. Und so konnten wir den gesamten Mittag und Nachmittag viele unterschiedliche Menschen bei unserem Fest begrüßen und verköstigen. Ja, unsere Kirche ist zu einem Treffpunkt für Jung und Alt, für Gemeindemitglieder und Gäste geworden. Dieser Tag bot viel Raum und Zeit für Austausch und ein gegenseitiges Kennenlernen.

Dreimal führte unser Architekt Frank Lattke eine große Gruppe  interessierter Personen durch unseren Kirchenraum. Dabei erklang sogar das eine oder andere Mal unsere kleine Kirchenorgel. Dies war ein guter Anlass, den geplanten endgültigen Standort der Orgel in der Emporenbrüstung zu erklären und auch ein Gefühl dafür zu vermitteln, welcher akustische Gewinn ein Subbassregister für unsere Orgel wäre!

Ein ganz besonderer Höhepunkt stand aber noch bevor: das Orgelkonzert von Peter Bader am frühen Abend. Der Organist verzauberte die ca. 180 Zuhörerinnen und Zuhörer mit zuvor ungehörten Orgelklängen: von Bachs Arioso über Udo Jürgens „Aber bitte mit Sahne“ bis zum „We are the champions“ von Queen. In der untergehenden Sonne entstand eine unglaublich dichte Atmosphäre.

Dass das „We are the Champions“ beim Endspiel am Abend, das wir im Festzelt übertrugen, dann auch nach dem Sieg der deutschen Mannschaft noch einmal angestimmt werden konnte, das setzte diesem wunderbaren Fest die Krone auf.
Mit den Einnahmen des Tages sind wir dem Subbassregister für unsere Orgel einen großen Schritt näher gekommen.
Das Wichtigste aber war, dass unser Gemeindezentrum an diesem Tag inmitten des neuen Stadtviertels ein Raum der Begegnung und des Austauschs war.

Zum Bau haben wir immer geschrieben: Kirche wird dann dort sein, wo ihr eigentlicher Platz ist: Mitten im Leben.
An unserem Festtag ist es wieder einmal Wirklichkeit geworden!

Marianne Hollatz

Besuch bei einem Kabbalat Schabbat

Für christliche Ohren kommt jeden Freitagnachmittag Befremdliches aus dem Radio: „Passau, sechzehn Uhr achtundzwanzig, Augsburg, sechzehn Uhr zweiundvierzig, Neu-Ulm, sechzehn Uhr achtundvierzig“. Eine jüdische Frau dagegen wartet schon zu Hause auf die Zeitangabe ihres Wohnortes, achtzehn Minuten vor Sonnenuntergang: Es ist der wichtigste Augenblick im Ablauf der Woche: Sie zündet die beiden Schabbatkerzen an, und wenn die Lichter brennen, beginnt er, der Schabbat. Ein gläubiger Jude darf nun weder einen Lichtschalter, noch einen anderen Schalter betätigen und es darf keine Arbeit verrichtet werden. Das hat übrigens zur Erfindung vieler praktischer Vorrichtungen geführt: Zeitschaltuhr, Paternoster Bewegungsmelder und vieles mehr.

Der Schabbat erinnert an das Ausruhen des Schöpfers nach der Erschaffung der Welt und an den Auszug aus Ägypten, zwei Geschichten, die im übrigen auch fester Bestandteil unseres wichtigsten Gottesdienstes im Jahreslauf sind, der Osternacht. Und auch bei uns beginnt der Sonntag am Vorabend. Deshalb werden im Advent bei der Lichtvesper am Samstagabend schon die Adventskerzen des Sonntags entzündet.

Die alt-katholische Gemeinde der Apostelin-Junia-Kirche in Augsburg hatte die Gelegenheit, in der Synagoge bei einem jüdischen „Kabbalat Schabbat“, dem Gebet am Vorabend des Schabbat und damit bei dessen Beginn, dabei zu sein. Das Interesse war so groß, daß wir gleich zweimal die Synagogengemeinde besuchten.

Die Augsburger Synagoge ist ein eindrucksvoller Monumentalbau im Zentrum der Stadt. 1914-17 mitten im Ersten Weltkrieg zur Zeit des Jugendstils erbaut gehört sie mit ihren Rundbögen und der 29 m hohen Kuppel im orientalisch-byzantinischen Stil zu den schönsten Europas. Dabei waren die Juden erst 1871 mit Beginn des Kaiserreichs gleichberechtigte Bürger mit einem Wohnrecht in der Stadt geworden, denn mehr als vierhundert Jahre lang durften sie die Stadt nur in Begleitung einer städtischen Wache betreten, die sie selbstverständlich bezahlen mussten. Die jüdische Gemeinde umfasste damals rund tausend Mitglieder, das war weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung; sie gehörten aber zu vier Fünfteln der Mittel- und Oberschicht an, z. B. waren 12% der Ärzte jüdisch, auch in der Augsburger Textilindustrie spielten Juden eine große Rolle. Dass sie sich nach so kurzer Zeit bereits eine Synagoge bauten, die 1500 Personen Platz bot, ist Ausdruck einer selbstbewussten und wohlhabenden Gemeinde.

Der Nationalsozialismus mit der „Endlösung der Judenfrage“ brachte den tiefen Einschnitt. Diejenigen, die Augsburg nicht mehr verlassen konnten, weil sie zu arm oder zu alt waren oder kein Aufnahmeland fanden, wurden zwischen November 1941 und Februar 1943 in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, nur wenige überlebten. Die Zahl der ermordeten jüdischen Mitbürger Augsburgs schwankt zwischen 400 und 600. Die Synagoge wurde in der Pogromnacht des 10.November 1938 zwar durch die Nähe einer Bank und einer Tankstelle vor der völligen Zerstörung bewahrt, erlitt aber große Schäden.

Heute umschließt der Komplex neben der großen Synagoge, dem Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, auch eine kleine Alltags- (die frühere Hochzeits-)synagoge und weitere Unterrichtsräume, in denen  religiöse Unterweisung und Deutschkurse stattfinden.

Durch den Zuzug von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in den neunziger Jahren ist die Kultusgemeinde sprunghaft auf etwa dreihundert Mitglieder gewachsen, die erst einmal in das Judentum eingeführt werden mussten. Heute ist der hochangesehene 87- jährige Rabbiner, Dr. Henry Brandt, ein zutiefst liberaler Mann, Vorsteher der Gemeinde.

In die Geschichte der Juden in Augsburg hatte uns vor dem Synagogenbesuch Prof. Dr. Immenkötter in einem Vortrag eingeführt. Nun waren wir gespannt, wie ein Gottesdienst aussehen würde. Wegen unserer stattlichen Gruppe nahmen wir in der kleinen Alltagssynagoge neben der Gemeinde hinter einem Gitter Platz, wo uns Rabbiner Brandt herzlich begrüßte. Eine Frau entzündete, wie sie es auch zu Hause gemacht hätte, die beiden Schabbatkerzen.

Gleich im Anschluss an das Entzünden der Kerzen hielt Rabbiner Brandt eine Predigt, die uns tief bewegte. Bemerkenswert fanden wir, dass er an diesem Abend einen Diskussionsprozess in der Gemeinde angestoßen hat, an welcher Stelle denn die Predigt sein solle: eher am Anfang der Gebetszeit oder lieber beim sich anschließenden Kiddusch. Da waren wir doch gleich an unsere alt-katholische Synodalität erinnert!

Natürlich verstanden wir von den Gebeten und Liedern auf Hebräisch nichts, nur manchmal erkannten wir Adonaj – der Ewige. Die Fröhlichkeit und Lautstärke, mit der gesungen wurde, erinnerte uns an die Freude, die auch wir bei unseren Gottesdiensten beim Singen haben.

Besonders freudig stimmte die Gemeinde in den Lobgesang „Lecha Dodi“ ein – einem Lobgesang auf den Schabbat. Bei der letzten Strophe drehen sich alle zur Tür um, um die Braut Schabbat zu empfangen.

Nach dem Abendgebet waren auch wir zum gemeinsamen Kiddusch eingeladen.

Bei diesem rituellen Essen gibt es einen festen Ablauf: die Händewaschung und den  Segen über den Wein und über den Challot, das Zopfbrot, das mit Salz bestreut wird. Natürlich wurde wieder kräftig gesungen, und wir ließen uns eine köstliche Fischsuppe und ein Gemüsegericht schmecken; ein Nachtisch rundete das Mahl ab, das der Rabbiner mit einem Segen beendete.

Der Schabbat selber ist ein Tag der geistlichen Besinnung, der Ruhe und der Erholung, ein Tag der Familie. Man schläft länger, alle Arbeiten ruhen, man geht spazieren, nicht zu lange, auch der Mittagsschlaf darf nicht fehlen. Der Tag endet bei Anbruch der Nacht, wenn man drei Sterne sehen kann.

Wenn jetzt im Radio eine Stimme ansagt: „Augsburg, sechzehn Uhr zweiundvierzig“, wissen wir, dass bald der Schabbat beginnt, der Mittelpunkt des jüdischen Lebens. Gedanklich kann ich mich dann in die Augsburger Synagoge versetzen und den kräftigen Gesang der dort versammelten Festgemeinde hören.

Marianne Hollatz