Kein Ablass per Twitter

 

Der Präsident des päpstlichen Medienrates, Erzbischof Claudio Maria Celli, hat es vor dem Weltjugendtag in Rio de Janeiro Ende Juli klargestellt: Zwar hat Papst Franziskus auch denen einen vollkommenen Ablass gewährt, die nicht persönlich würden teilnehmen können und den Jugendtag deshalb nur über die Medien verfolgen würden. Aber es reiche nicht, einfach die Twitter-Botschaften des Papstes zu lesen, online eine Messe anzuschauen oder den Papstbesuch via Live-Streaming zu verfolgen. Einen Ablass erhalte man nicht „wie einen Kaffee am Automaten“, so zitiert die Katholische Nachrichtenagentur den Erzbischof. Entscheidend für den Erhalt eines Ablasses sei, dass dessen Nutzung „geistliche Früchte im Herzen jedes Einzelnen“ hervorbringe.

Dann erläutert KNA noch, was ein vollkommener Ablass ist. Laut dem „Katechismus der Katholischen Kirche“ ist er der „Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich ihrer Schuld schon getilgt sind“. Das heißt, er tilgt nicht die Sünden selbst; er läutert von deren schädlichen Folgen für die Gemeinschaft und den Betreffenden. Diese werden in der katholischen Kirche als „zeitliche Sündenstrafen“ bezeichnet. Voraussetzung für die Wirksamkeit eines Ablasses ist der Empfang des Bußsakraments, der Kommunion sowie ein Gebet in der Meinung des Papstes (d. h. in einem päpstlichen Anliegen).

 

Diese Meldung hat mich zum Staunen gebracht. Zum Beispiel darüber, wie selbstverständlich Papst und Vatikan sich die Neuen Medien zu Nutze machen. Vor allem aber darüber, mit welcher Botschaft Erzbischof Celli so dringend an die Medien ging. Die Angst, jemand könnte zu billig zu seinem Ablass kommen, trieb ihn, noch einmal die Voraussetzungen zu präzisieren. Aber weder er noch die Katholische Nachrichtenagentur halten es für nötig, die Frage zu stellen, wozu überhaupt ein Jugendtreffen mit einem Ablass verbunden wird, und vor allem die viel grundlegendere Frage, welchen Sinn Ablässe überhaupt haben sollen. Immerhin schwelt diese Frage seit der Zeit der Reformation, auch wenn Ablässe heute nicht mehr verkauft werden.

 

Ich muss sagen, diese Selbstverständlichkeit, wie da wieder mit Ablässen hantiert wird, hat mich schockiert. Sie hat mir auch gezeigt, wie weit mein Verständnis von katholischem Christsein von der harten römischen Ausprägung entfernt ist. Ich habe ja einmal römisch-katholische Theologie studiert; das ist allerdings schon ein paar Jahrzehnte her. Damals war eine Zeit, in der man – wegen der behaupteten Unfehlbarkeit der Kirche, die in der päpstlichen Unfehlbarkeit gipfelt – zwar nicht sagen konnte, dass man sich in Sachen Ablass geirrt habe. Sondern man wählte zumindest in Mitteleuropa den anderen Weg, der gewöhnlich bei überholten und unliebsam gewordenen unfehlbaren oder quasi-unfehlbaren Entscheidungen gegangen wird: Man vergisst sie. So waren in den 1970er und 80er Jahren Ablässe zwar nicht abgeschafft, aber man sprach nicht mehr über sie, sie wurden nicht mehr auf Andachtsbildchen gedruckt („bei dreimaligem Beten 120 Tage Ablass“), sie wurden nicht mehr bei besonderen Anlässen wie bei Wallfahrten oder dem Jugendtag „gewährt“.

Äußerst froh war ich damals über dieses Vergessen, denn ich hielt und halte den Ablass für theologischen Unsinn. Im Bußsakrament vergibt uns Gott unsere Sünden, das ist gemeinsamer Glaube der gesamten Kirche, wenn auch das Verständnis des Bußsakramentes sehr verschieden ausfällt. Aber wenn ich glaube, dass Gott mir meine Sünden vergeben hat, wie soll ich dann annehmen, dass er mich trotzdem noch bestraft für das, was er mir verziehen hat? Und wenn ich die Sündenstrafen rein innerweltlich deute, wie man den Katechismus verstehen kann, dann stimmt es einfach nicht. Wenn ich, sagen wir, bei einer Schlägerei mutwillig einen Menschen verletzt habe, dann kann ich zehn vollkommene Ablässe gewinnen, sie ersparen mir nicht die Scham und das schlechte Gewissen, sie ersparen mir nicht das Bußgeld oder gar Gefängnis. Erst recht mildert der Ablass nicht die Folgen für den Verletzten. Keine einzige Folge meiner Tat wird durch einen Ablass erlassen. Also: Im Himmel brauche ich keinen Ablass, weil Gott barmherzig ist, und auf der Erde nützt er nichts.

 

So kann ich nur bedauern, dass die beiden konservativen Päpste nach 1978 den Ablass wieder aus seinem Schlummer geweckt haben. Hätten sie ihn doch dem Vergessen überlassen, nichts würde der Kirche heute fehlen! Im Gegenteil, sie würde ein Signal weniger aussenden mit der Botschaft: Wir sind von gestern, wir sind verrückt, wir sind von dieser Welt ent-rückt. Und noch mehr bedauere ich, dass Papst Franziskus weitermacht. Einen Ablass gewähren für einen Jugendtag! Auf so eine Idee muss man erst mal kommen. Das lässt nichts Gutes ahnen für die theologische Ausrichtung des Papstes. Wie sehr hätte ich dem Ablass die ewige Ruhe gegönnt. Sie hätte auch die römisch-katholisch/alt-katholischen Gespräche vereinfacht.

 

Gerhard Ruisch