Reine Einbildung

 

Auf den ersten Blick scheint es so, als wolle Ella de Groot die Kritik des katholischen Schriftstellers Martin Mosebach bestätigen. Der provokante Publizist hatte im April 2012 in der WELT behauptet, der Protestantismus habe „fast notwendig zur Schwächung des Glaubens geführt“. Ella de Groot ist evangelisch-reformierte Pfarrerin im schweizerischen Muri-Gümligen. In einem Interview mit dem Radiosender SRF 2 erklärt sie, nicht an Gott zu glauben. Die gebürtige Holländerin verkündet freimütig, herkömmliche Gottesvorstellungen seien „reine Einbildung“.

 

De Groots Ansichten lösen natürlich Bedenken und Widerspruch aus. Nicht nur unter theologischen Gesichtspunkten sind ihre Formulierungen fragwürdig, auch aus juristischer Sicht kommen schnell Zweifel an der Loyalität gegenüber ihrem „Arbeitgeber“ auf. Manche Zeitungen kommentieren gar, es sei bloß ein PR-Trick, um im Schatten des neuen Medienstars „Papst Franziskus“ Aufmerksamkeit zu erringen. Aus psychologischer Sicht reizt allerdings die Formulierung „reine Einbildung“ zur weiteren Reflexion.

 

Dass Gott nur eine Projektion unserer Sehnsüchte sei, gleichsam ein innerseelisches Konstrukt, das dem Menschen helfe, seine Verlorenheitsängste zu kompensieren, ist nicht neu. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, greift diese Religionskritik Nietzsches und Feuerbachs auf. Unabhängig von der jeweiligen Interpretation ist die faszinierende Tatsache herauszustellen, dass die menschliche Psyche in der Lage ist, Bilder zu entwickeln von einem Thema („Gott“), wofür es keine exakte, sinnlich konkrete Wahrnehmung gibt. Jenseits aller philosophischen Argumente, ob hieraus ein sogenannter „Gottesbeweis“ abgeleitet werden könne oder nicht, stellt die Fähigkeit zur „Einbildung“, also zur Einprägung eines Bildes in die Psyche, eine menschliche Eigenschaft dar, die nicht als wertlos abgetan werden sollte.

 

Die psychoanalytische Deklaration von Gottesglauben als Wunschvorstellung durch Sigmund Freud hat auch in der eigenen Zunft Widerspruch erfahren. Sein Schweizer Kollege Carl Gustav Jung entzweit sich genau in dem Punkt von der Festlegung seines väterlichen Förderers, die Suche nach etwas Geistigem sei eine Umleitung des menschlichen Sexualtriebes: „Vor allem schien mir Freuds Einstellung zum Geist in hohem Maße fragwürdig. Wo immer in einem Menschen oder in einem Kunstwerk der Ausdruck einer Geistigkeit zutage trat, verdächtigte er sie und ließ ‚verdrängte Sexualität’ durchblicken.“ Freud selbst äußert in der Korrespondenz mit Jung, er wolle mit der Sexualitäts-These ein „Bollwerk gegen die schwarze Schlammflut des Okkultismus aufbauen“.

C. G. Jung widmet sich in seinem langen psychologischen Forscherleben vor allem der Untersuchung der inneren Bilder des Menschen. Er geht hierbei weniger von a priori gesetzten Grundsätzen oder Dogmen aus (zum Beispiel ‚Gott existiert nicht‘), sondern er untersucht akribisch die Träume, Vorstellungen und Mythen der Menschen. Aus der Begegnung mit diesem Seelenmaterial formuliert er dann seine Thesen: Die menschliche Psyche besitzt eine bildlich gestaltende Kraft, die zum Orientieren des Wesens „Mensch“ in der Welt Bedeutung habe. Diese sogenannten „Archetypen“ sind in der konkreten Ausgestaltung veränderbar, sie haben aber eine allgemeine, sogar kulturübergreifende Präsenz („kollektives Bewusstsein beziehungsweise Unbewusstsein“).

 

Wir können insofern Ella de Groot dankbar sein, dass sie (in dialektischer Einseitigkeit) unsere definierten und zurechtgelegten Gottesbilder umstößt. So dürfen wir auch das alttestamentliche Gebot verstehen: „Du sollst Dir kein Gottesbild machen“ (Ex 20, 2). Ein erstarrtes Bild wird zum Götzen, dann stirbt das Lebendige ab, auch innerseelisch tötet das vermeintliche Besitzen eines Gottesglaubens die Sehnsucht und die vitale Suche nach Sinn und Halt ab. In den neutestamentlichen Berichten liefert Jesus kein in sich geschlossenes Lehrgebäude, sondern Gott wird erfahrbar in der Begegnung. Jesus beweist nicht, er berührt die Menschen. Im Mitteilen (auch im Wortsinn der „Kommunion“) wird eine geistige Dimension erfahrbar. Dieses Geheimnis vollzieht sich offenbar auch in der reformierten Gemeinde Muri-Gümligen: „Ella de Groots Gottesdienste sind gut besucht. Die Menschen fühlten sich von ihr ernst genommen“, heißt es im besagten Radiointerview. Ella de Groot lädt Menschen unserer Zeit ein, in Begegnung und Kontakt mit der Sinnsuche zu kommen – untereinander, in den biblischen Texten und im sogenannten „innerseelischen Dialog“. In ihre Gottesdienste kommen Suchende und Ungläubige, Menschen, die nicht satt vor Gewissheit sind. Auch sie bezeichnet sich konsequenterweise nicht als Wissende, sie sei eben keine Atheistin. Edda de Groot kann uns helfen, unsere menschliche Widersprüchlichkeit anzunehmen wie der Vater des besessenen Jungen im Markusevangelium: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24)

 

Christian Flügel