Streiten mit Gott

 

Im ersten Buch der Bibel – im Buch Genesis - gibt es eine Erzählung, die sehr anstößig ist: Gott verlangt von Abraham, dass er ihm seinen Sohn Isaak opfert. Abraham nimmt seinen Sohn und zieht mit ihm los. Als sie den Ort erreichen, den Gott für das Opfer bestimmt hat, legt Abraham seinen Sohn auf den Opferaltar. Gerade als er seinen Sohn schlachten will, gebietet ihm ein Engel Einhalt. Es heißt in der Erzählung:

 

Da rief der Engel Gottes vom Himmel her zu ihm: „Abraham, Abraham!“ Er antwortete: „Hier bin ich!“ Da sprach der Engel: „Streck deine Hand nicht nach dem Jungen aus und tu ihm nichts zuleide.“

 

Es gibt eine interessante jüdische Auslegung dieser Geschichte. Warum, so wird da gefragt, redet Gott nicht selbst mit Abraham und gebietet ihm Einhalt? Und die Antwort heißt: weil Gott erwartet hat, dass Abraham mit ihm streitet und nicht einfach seinen Sohn opfert. Als Abraham sich nicht gewehrt hat, hat Gott seinen Engel geschickt, um die Botschaft ausrichten zu lassen.

Gott hat erwartet, dass Abraham mit ihm streitet. Das heißt doch: Gott erwartet, dass wir mit ihm streiten angesichts von Situationen, die wir nicht mehr verstehen, angesichts von Zumutungen, die über unsere Kraft hinausgehen, angesichts von Leid, das uns fast umbringt.

 

Aber mit Gott zu streiten, das haben wir nicht gelernt und das verbietet uns vielleicht auch unsere gute Kinderstube. Überhaupt: Streiten ist eine gefährliche Sache; sie bringt uns ganz nahe an tiefe Gefühle, die wir oft besser vermeiden wollen. Und je nachdem, was wir als Kinder gelernt haben, macht uns Streiten auch Angst. Wir befürchten dann, dass die Beziehung zu dem Menschen, mit dem wir streiten, zerbricht. Also halten wir uns lieber an die Konventionen und beten mit gesetzten Worten zu Gott.

 

Oder wir hören auf, überhaupt mit ihm zu reden.

 

Dabei kann es so heilsam sein mit Gott zu streiten, so wie es heilsam ist zu lernen, miteinander richtig zu streiten. Oft klären sich im Streit wichtige Dinge und man kommt einander wieder näher, die Beziehung wird echter. So könnte es auch mit unserer Beziehung mit Gott sein – gerade an den Stellen, an denen uns Gott fremd wird und wir an ihm zweifeln und verzweifeln.

 

In einem Bibelgespräch hat neulich jemand gesagt, dass im KZ Menschen mit Gott gestritten haben. ‚Und was hat das gebracht?‘, wurde gefragt. Gebracht hat es, dass Menschen weiter leben, lieben, weinen und lachen konnten. Gebracht hat es, dass Menschen aufrecht in den Tod gehen konnten.

 

Die Ostererzählung im Markusevangelium endet sehr spröde; es heißt da: „Da gingen sie hinaus und flohen vom Grab weg. Denn Angst und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich“ (Markus 16,8).

 

Im Leben wie im Glauben bleibt uns vieles dunkel und fremd. Aber es gibt auch immer wieder die Erfahrung, dass die Liebe stärker ist als der Tod.

 

Thomas Walter