Evangelikale Vigil

Papst Franziskus zollt den Evangelikalen in Brasilien Tribut

 

Brasilien galt wie Südamerika überhaupt traditionell als katholisch. Seit Jahrzehnten gewinnt aber eine von Nordamerika ausgehende Pfingstbewegung mit ihrer intensiven Mission immer mehr an Boden, so dass gegenwärtig, wie zu lesen ist, höchstens noch 67 Prozent der Gläubigen der römisch-katholischen Kirche angehören. Die Pfingstbewegung amerikanischer Prägung ist evangelikal ausgerichtet. Darunter versteht man eine Gestalt des Glaubens mit den folgenden fünf Kennzeichen: Betont wird die Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung und Wiedergeburt im Glauben, wovon im Glaubenszeugnis des Einzelnen immer wieder und oft mit genauer Zeitangabe der Bekehrung gesprochen wird. Ferner gilt die alleinige und absolute Verbindlichkeit der Hl. Schrift für Glauben, Leben und Lehre. Sodann spielt die Verpflichtung aller zur Missionierung eine wichtige Rolle. Eine Institutionalisierung und damit eine Kirchenbildung wird fast immer abgelehnt; man versteht sich als eine Bewegung und Dienstgemeinschaft in vielfältiger Ausgestaltung. Ein letztes gemeinsames Kennzeichen der Evangelikalen ist die Hoffnung auf die baldige Wiederkunft Christi. Von daher erklärt sich die Ablehnung der Vorstellung, das Reich Gottes auf Erden bauen zu können, und daher die Ablehnung eines „sozialen Evangeliums“.  

 

Dies steht im Gegensatz zur südamerikanischen „Theologie der Befreiung“, die durch den Terraingewinn der Evangelikalen an Einfluss verliert.

 

Von Bekehrungserlebnissen im Nachtgottesdienst

 

Bemerkenswert finde ich, dass Papst Franziskus bei seinem Besuch zum Weltjugendtag auf der Copacabana keineswegs eine Art Gegenreformation anstieß, sondern in der Nacht vor dem Schlussgottesdienst eine Vigil (Gebetsnacht) feierte, die keine Ähnlichkeit mit der römisch-katholischen oder auch der orthodoxen liturgischen Tradition des Nachtgottesdienstes hatte. Vielmehr geschah es in Anlehnung an evangelikale Gewohnheiten. Gebannt verfolgte ich daher den Gottesdienst in der Liveübertragung bis zum Ende um drei Uhr. Von der Nähe zur evangelikalen Gottesdienststruktur nahmen unsere Medien vermutlich aus Unkenntnis keine Notiz.

 

In einem ersten Teil der Vigil war eine szenische Darstellung zu sehen. Eine Gruppe junger Frauen und Männer trugen zugeschnittene Holzbalken zusammen, aus denen sie nach und nach das Gerippe eines Kirchbaus errichteten, begleitet von Popsongs verschiedener Musikgruppen. Viele Songs waren offenbar den Besuchern bekannt, die offensichtlich mitsangen, wie die Kamera einfing. Unterbrochen wurde der Aufbau der angedeuteten Holzkirche von Reden. Reden? Es waren Bekenntnisse junger Menschen von ihren persönlichen Bekehrungen. Ein Schauspieler berichtete in dunklen Farben von seiner Drogenvergangenheit. Er erzählte, wie er vor neun Jahren kraft des Glaubens von seiner Sucht losgekommen sei. Ein Rollstuhlfahrer berichtete von einem Glaubenserlebnis, das sein Leben trotz der Lähmung seitdem lebenswert gemacht hat. Eine junge Frau erzählte, wie sie ihren Eltern viel Kummer bereitet hatte und durch eine Wende im Glauben zu einer neuen Lebensführung gefunden habe. All dies geschah nach dem bekannten Muster evangelikalen Bekenntnisses. Die Veranstalter der Vigil setzten wohl voraus, dass auch den brasilianischen Katholiken dieses Schema angesichts der Verbreitung der Pfingstbewegung vertraut ist.

 

Die Rolle des Papstes in der Vigil

 

Derweil saß Papst Franziskus als aufmerksamer Zuschauer in einem schlichten Holzsessel. Nach den Bekenntnissen und der Konstruktion des Kirchbaus setzte er stehend zu seiner Predigt an. Auch die Predigt war bemerkenswert. Es war kein abgelesener Vortrag mit monotoner Stimme, wie ich sie bei Päpsten von Pius XII. an gewohnt war. Mit variierender Stimmgestaltung redete der Papst eindringlich anhand dreier biblischer Bilder auf die Besucher ein. Ausgehend vom Gleichnis vom vierfachen Ackerboden ermahnte er sie: „Seht zu, dass auf dem steinigen Boden eures Lebens fruchtbare Halme durchdringen können.“ Mit dem paulinischen Bild der Rennbahn ermahnte er: „Seid trainierte Athleten“. Schließlich sprach er davon, dass auf dem gelegten Grund der Bau der Kirche weitergebaut werden muss (1 Kor. 3,10 f.). „Wir sind Teil der Kirche – besser: Wir werden Erbauer der Kirche und Protagonisten der Geschichte,“ rief er den Zuhörern zu. Darin steckt deutlich die Aufforderung zu politischem Gestalten und sozialem Handeln. Dies liegt allerdings außerhalb des Blickwinkels der neueren Pfingstkirchen.

 

Auf die Predigt folgte nach Ansage des Kommentators der „eigentlich“ liturgische Teil. Es geschah nun aber kein Aufzug mit Weihrauchträgern, Vortragekreuz, Leuchtern und das Evangeliar tragendem Diakon und so weiter. Vielmehr blieb der Papst in seinem Sessel sitzen. Es wurde ihm lediglich ein einfacher weißer Chormantel umgelegt. Nun wurden Fürbitten in verschiedenen Sprachen vorgetragen, unterbrochen von Sacro-Pop-Songs, und dann erteilte der Papst den Schlusssegen. In einer traditionell liturgischen Vigil wäre nach einer Rezitation von Psalmen eine Reihe von biblischen Lesungen fällig gewesen. Für Evangelikale und evangelikale Pfingstler ist das Buch der Psalmen aber kein Gebetsschatz. Sie lassen nur das frei formulierte Gebet gelten; und die Psalmen sind gegebenenfalls Lesungstexte. Vielleicht aber liegt der Wegfall des Psalmgebetes in der Vigil daran, dass der Papst Sacro-Pop möglicherweise lieber mag als gregorianische Gesänge, wie die FAZ vom 29. Juli schrieb?

 

Klaus Rohmann