Konversion als gemeinsamer Weg

 

Mit Konversion (lat. Umkehr) wird der freiwillige Wechsel in eine neue Glaubensgemeinschaft bezeichnet. Als bekanntester Konvertit gilt Paulus von Tarsus. Der strenggläubige Jude („Eiferer für das Gesetz“) lehnt die Christusbewegung vehement ab und beteiligt sich sogar an ihrer Verfolgung. Doch dann widerfährt ihm auf dem Weg nach Damaskus eine überwältigende Vision. Seitdem bekennt er sich zu Jesus, dem Christus. Die Konversion des Paulus ist eine Hinwendung zum Auferstandenen, jedoch – das wird manchmal missverstanden – keine Abkehr vom Judentum. In Namen Christi baut Paulus zahlreiche Gemeinden im östlichen Mittelmeerraum auf, mit denen er zeitlebens in Kontakt bleibt. Die Briefe, die er ihnen schreibt, sind bis heute zentraler Bezugspunkt der christlichen Theologie.

 

Streitbar setzt sich Paulus dafür ein, dass Heiden, die sich zu Christus bekennen, vollgültige Glieder der Gemeinde werden können, ohne jüdische Beschneidungs- und Reinheitsvorschriften zu übernehmen. Er stößt damit gerade jene vor den Kopf, die schon zur Christusbewegung gehörten, als er sie noch bekämpfte – unter ihnen Petrus: Was will dieser Neue, der Jesus doch gar nicht kannte? Erst seit kurzem dabei, und schon möchte er alles umwerfen! Am Ende setzt sich Paulus durch. Seine Wendung zu den Christusgläubigen hat ihn von Grund auf verwandelt – aber kaum weniger werden auch sie durch ihn verändert.

 

Unzufriedenheit und Sinn-krise

 

Erweckungserlebnisse, wie sie von Paulus berichtet werden, sind nur ein – heute wohl eher seltenes – Konversionsmotiv. Man mag auch aus intellektuellen oder emotionalen Gründen in eine neue Glaubensgemeinschaft eintreten, etwa weil man das theologische Profil anziehend findet oder die Art, miteinander Gottesdienst (und andere Feste) zu feiern. Nicht selten sind es die Menschen vor Ort, die als solidarische Gemeinschaft überzeugen.

Aus empirischen Studien wissen wir, dass heutigen Konversionen meist eine persönliche Unzufriedenheit oder gar Krise vorausgeht. Die Unzufriedenheit bezieht sich insbesondere auf die bisherige Glaubensgemeinschaft, die den eigenen oder familiären Bedürfnissen nicht (mehr) gerecht wird. Man fühlt sich dort religiös heimatlos. Sinnkrisen, die in Konversionen münden, werden oft durch einschneidende Lebensereignisse wie Erkrankung oder Tod angestoßen. Man sucht nach neuen Antworten auf existenzielle Fragen. Selbstverständlich gibt es auch sehr profane Konversionsmotive, etwa normative (wenn beispielsweise die Glaubensgemeinschaft des künftigen Ehepartners dies vorschreibt) oder finanzielle (wenn so die bisher zu entrichtende Kirchensteuer wegfällt). Dennoch: Der Eintritt in eine neue Glaubensgemeinschaft ist meist gut überlegt und mit einiger Hoffnung verbunden.

 

Katholische Wechselbewegung

 

Unserer empirischen Studie „Religiosität in der Alt-Katholischen Kirche“ (RELAK-Studie 2011) zufolge besteht die deutsche alt-katholische Kirche mehrheitlich aus Konvertiten (ca. 80 Prozent) – ganz überwiegend aus solchen, die der römisch-katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben (wiederum ca. 80 Prozent). Nun mag man sich fragen, ob ein Wechsel von der römisch- zur alt-katholischen Kirche überhaupt als Konversion zu bezeichnen ist. Angesichts der Gemeinsamkeiten kann man erstens wohl kaum von einer radikalen Umkehr – einem Damaskuserlebnis – sprechen. Zweitens versteht sich die alt-katholische Kirche geschichtlich als Notkirche für jene Katholiken, welche die Papstdogmen des 19. Jahrhunderts ablehnen. Es geht also gerade nicht um Umkehr, sondern um Kontinuität im Sinne der alten Kirche. Dieses Argument hat einerseits eine gewisse theologische und historische Berechtigung. Andererseits – so ein Ergebnis der RELAK-Studie – verstehen gerade jene, die von der römisch- zur alt-katholischen Kirche wechseln, ihren Schritt als biografischen Wendepunkt, der die Bezeichnung „Konversion“ durchaus verdient.

 

Offenheit für Neue und Neues

 

Wollen wir offen sein für Neue? Diese Frage mag man schnell bejahen. Konvertiten steigern schließlich die Mitgliederzahlen. Nicht nur in den Großkirchen zieht dieses Argument. Jedoch: Wer offen sein will für Neue, muss auch offen sein für Neues. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen wollen sich viele Konvertiten aktiv – mit Kopf, Herz und Hand – ins Gemeinde- und Kirchenleben einbringen, das zeigt auch die RELAK-Studie. Was in der früheren Kirche Anlass zu Ärger und Enttäuschung gab, soll in der neuen besser werden.

Konvertiten kennen allerdings die gewachsenen Strukturen vor Ort kaum, insbesondere nicht die informellen. Schnell haben sie mit ihrem (Über-) Eifer jene verunsichert oder gar verletzt, die sich bislang engagieren. Innovationen der Neuen können von den Alten leicht als Infragestellung, ja als mangelnde Wertschätzung empfunden werden. Umgekehrt mögen die Neuen bald frustriert sein, wenn sie mit ihren Ideen immer wieder auf Granit beißen. Besonders abträglich sind wohl Erfahrungen der Diskrepanz von kirchlichem Anspruch und Wirklichkeit. Ein Merkmal des Alt-Katholizismus ist die Synodalität. Dass sie nicht genügend gelebt werde, ist der RELAK-Studie zufolge eine von Konvertiten häufig geäußerte Kritik.

 

 

Miteinander umkehren

 

Vielleicht ist es sinnvoll, Konversion auch als allgemeinen kirchlichen Auftrag zu verstehen, somit die Abgrenzung von „geborenen“ und „gewordenen“ Alt-Katholiken aufzubrechen. „Kehrt um“ – das Jesuswort richtet sich schließlich an alle, die sich im Verkrusteten eingerichtet haben. Es ist ein bisschen wie bei Paulus: Konvertiten verändern sich und zugleich die bestehende Gemeinde. Sie bringen eine Dynamik mit, die – Augenmaß und Rücksicht vorausgesetzt – sehr belebend sein kann. Es ist daher folgerichtig, dass die öffentliche Aufnahme der Beigetretenen in vielen unserer Gemeinden fest verankert ist, etwa im Rahmen von Gottesdiensten und Empfängen.

Das beherzte persönliche Zugehen auf Neue bleibt allerdings unersetzlich. Wenn wir den Anderen und die Andere wirklich kennenlernen und verstehen wollen, müssen wir uns mit seiner beziehungsweise ihrer Lebensgeschichte auseinandersetzen. Diese wird in eine Gemeinschaft getragen, die selbst schon eine Geschichte – oder besser: viele Geschichten – hat. Sie alle wollen erzählt, verwoben und im Licht der christlichen Hoffnung weitergesponnen werden. Damit Kirche sich öffnet und zusammenwächst, ist es wichtig, den wechselseitigen Blick auf individuelle Entwicklungsläufe zu schärfen. Wie bereichernd sind Begegnungen, in denen man sich die eigene religiöse und kirchliche Biografie erzählt! Auch solchen Begegnungen kann man als bunten Erzählrunden einen gemeindlichen Rahmen geben. Gerade (mit-) geteilte Erfahrungen persönlichen Bruchs und Wandels verbinden Menschen und bilden die Grundlage einer Weggemeinschaft. Eben da, wo wir im Fremden den Nächsten entdecken, wo Alters-, Geschlechts- und Herkunftsgrenzen überwunden werden, da ereignet sich Kirche.

 

Dirk Kranz & Andreas Krebs

 

Anmerkung: Diesem Artikel liegt ein von den Autoren in „Christkatholisch“ (14/2013) unter gleicher Überschrift veröffentlichter Artikel zugrunde.