Wahlen – eine ur-christliche Selbstverständlichkeit

 

Freie Wahlen gehören zu den Voraussetzungen der Demokratie und sind Ausdruck der freien Meinungs- und Willensbildung des Volkes darüber, welche Personen und Ordnungen in einem Gemeinwesen gelten sollen.

 

Solche Vorstellungen muss es schon in den ersten christlichen Gemeinden gegeben haben, auch wenn damals vermutlich niemand von „kommunaler Selbstbestimmung und -verwaltung“ gesprochen haben dürfte. Aber anders lässt es sich kaum erklären, dass die Jerusalemer Gemeindeversammlung auf Vorschlag der „Zwölf“ Stephanus und sechs weitere Männer zu Diakonen wählte (Apg 6,3-5), welche hinfort die Versorgung der Witwen, die gemeindeinterne „Sozialpolitik“ also, regeln sollten. Wahlen von Ältesten in jeder Gemeinde werden im Zusammenhang mit der Missionsreise von Paulus mit Barnabas berichtet (Apg 14,23).

Wie die Wahlen im Detail abliefen, weiß man nicht, aber es spricht wohl nichts dagegen, sie sich etwa wie Wahlen innerhalb eines heutigen Vereins vorzustellen. Und vermutlich galten – wenn man vom nicht vorhandenen Wahlrecht der Frauen absieht – auch die heutigen Grundsätze der allgemeinen, freien, geheimen und gleichen Wahl.

 

Diese konstitutiven Merkmale der urchristlichen Gemeindebildung sind im Laufe der Kirchengeschichte leider bald vergessen worden, insbesondere nachdem das Christentum unter Kaiser Konstantin zur Staatsreligion erhoben worden war und die bis heute dominierenden hierarchischen Strukturen in der Kirche sich durchsetzten. Ein neues Kapitel im katholischen Flügel der Christenheit wurde aufgeschlagen, als die Alt-katholische Kirche sich von ihrer Gründung neben dem bischöflichen zum synodalen Prinzip der Kirchenverfassung bekannte.

 

Kandidatenprofil: Guter Ruf, geistvoll, klug

 

Jedenfalls haben Christen eigentlich allen Grund, Wahlen als Basis zeitlich und inhaltlich beschränkter Vollmachten im Gemeinwesen hochzuschätzen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit davon Gebrauch zu machen. Freilich, „wählen“ hat im Deutschen dieselbe sprachliche Wurzel wie „wollen“. Wählen heißt, wissen was und wen man will. Auch das war unseren ältesten Vorgängern im Glauben schon klar. So wurde die Jerusalemer Gemeindeversammlung aufgefordert, sich „umzusehen“: nach Männern, die „einen guten Ruf haben, geistvoll und klug sind“. Auswahlkriterien, die Christen auch heute noch ohne Weiteres auf alle Kandidatinnen und Kandidaten anwenden können.

 

Eine Besonderheit urchristlicher Wahlen war allerdings, dass sie einhergingen mit Beten und auch Fasten (Apg. 13,2). Den Gläubigen war bewusst, dass es Gott ist, der in Dienstamt oder einen Auftrag beruft; Gebet und Fasten waren gewissermaßen die geistlichen Hilfsmittel, um die richtige Wahl zu treffen. Was damals galt, ist heute bestimmt nicht verkehrt, mögen sich auch Welt-, Gottes- und Menschenbilder gewandelt haben. Wähler wie Kandidaten bedürfen der wohlwollenden, anteilnehmenden geistigen Verbundenheit, der Begeist(er)ung, zum Ziel des Gemeinwohls. Wir können das auch Fürbitte nennen.

 

Veit Schäfer