Illusion Willensfreiheit?

Freiheit und Determination: Zwei Seiten einer Medaille

 

„Freiheit ist eine Illusion“, erkläreführende Hirnforscher wie Gerhard Roth oder Wolf Singer. Sie beziehen sich unter anderem auf ein Experiment von Benjamin Libet, mit dem bewiesen werden soll, dass nicht unser „Ich“ – also unser Bewusstsein –, sondern unser Gehirn wenige Millisekunden früher bereits „entschieden“ hat, was dann unser „Ich“ wenige Millisekunden später meint zu entscheiden. Die Versuchspersonen wurden gebeten, auf ein optisches Signal hin, eine Taste zu drücken. Beim Versuch zeigte sich, dass rund 350 Millisekunden vor der bewussten Entscheidung das Gehirn bereits aktiv wurde, erst 200 Millisekunden vor der Bewegung „entschied“ sich die Versuchsperson, die Bewegung auszuführen. Daraus folgern Gerhard Roth, Wolf Singer und andere Gehirnforscher, dass das Gehirn eine Entscheidung trifft, bevor wir diese Entscheidung dann nachträglich „selbst“ treffen. Bevor wir bewusst eine Entscheidung getroffen haben, hat das Gehirn diese „für uns“ längst getroffen.

 

Die Willens- und Entscheidungsfreiheit ist, so Singer und Roth, eine Illusion. Sie sehen ihr Argument auch durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms gestärkt; denn unsere Talente, Fähigkeiten und Möglichkeiten sind genetisch festgelegt. Der Mensch entwickelt sich entsprechend seiner Gene. So kann ich mich nicht willentlich dazu entscheiden, ein großer Musiker oder Sportler zu werden, wenn ich die Veranlagung nicht dazu habe. Trotz intensiven Trainings werde ich weder ein gefeierter Musiker, noch werde ich eine einzige Olympiamedaille gewinnen. Ohne Veranlagung nutzt das beste Training nichts. Also ist meine Entwicklung durch meine Veranlagung vorherbestimmt und mein Gehirn entscheidet – nicht ich.

Schlechte Aussichten also für einen freien Willen. Nicht ich habe die Wahl, sondern meine Veranlagung und mein mir mit meinem Bewusstsein nicht zugängliches Gehirn bestimmen, was ich tue. Ich bin also keine Person, die sich frei entscheiden kann und die damit auch für ihre Entscheidung und ihre Wahl verantwortlich ist.

 

Ein kleiner Rückblick in die Geschichte der Philosophie und der Theologie zeigt schnell, dass diese scheinbar moderne Debatte um die Frage, ob der Mensch einen freien Willen besitzt, indem er sich frei entscheiden kann, so alt ist, wie Menschen sich Gedanken über sich selbst machen. So stellt sich schon Augustinus in seiner Schrift über den freien Willen die Frage: Wie kann ich als Mensch frei entscheiden, wenn Gott allwissend ist und damit auch „weiß“, wie ich mich in einer Situation entscheiden werde? Augustinus kommt dabei zu dem Ergebnis, dass Freiheit und Vorbestimmung keine Gegensätze sind, wie sie heute von der modernen Hirn- und der Genforschung konstruiert werden, sondern er stellt fest, dass sie einander bedingen. Denn um selbstbestimmt entscheiden zu können, brauche ich sowohl Handlungsalternativen wie individuelle Fähigkeiten und individuelle Präferenzen, die meine Entscheidungen auch zu meinen machen.

Roth, Singer und andere Wissenschaftler unterscheiden zwischen „dem“ Gehirn, „dem“ menschlichen Genom auf der einen Seite und dem Bewusstsein, dem bewussten „Selbst“ auf der anderen Seite. Sie sind wie Besucher einer Stadt, die das Rathaus, die große Kirche, den Marktplatz, die Fußgängerzone und andere charakteristische Gebäude besuchen und am Ende fragen, wo denn jetzt die Stadt sei. Sie sehen die Teile, aber nicht das Ganze – also die Stadt.

 

So ist auch mein „Selbst“ die Summe von Veranlagung, Umwelteinflüssen und Erziehung. Das Ganze – mein „Selbst“ – ist dabei mehr als die Summe seiner Teile; denn Veranlagung, Umwelteinflüsse und Erziehung verdichten sich zu Erfahrungen, die teils bewusst, teils unbewusst mich zu einer selbstbestimmten Person machen. So entwickle ich persönliche Fähigkeiten und Neigungen. Beides – die personalen Kompetenzen und die personalen Präferenzen – sind Voraussetzung dafür, dass ich mich in einer gegebenen Situation für eine spezifische Alternative entscheiden kann.

Wenn es, wie Benjamin Libet feststellt, vor einer „bewussten Entscheidung“ bereits unbewusste aktivierende „Bereitschaftspotenziale“ des Gehirns gibt, so sprechen diese Ergebnisse nicht gegen, sondern für den „freien Willen“; denn die Aktivierung des Gehirns ist eine notwendige Voraussetzung, damit ich überhaupt selbst entscheiden kann. Freier Wille und damit die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden, setzen Veranlagung, Umwelteinflüsse, Erziehung und Erfahrung voraus; denn erst wenn sich „das Selbst“ durch unverwechselbare personale Merkmale geschaffen hat und sich auch kontinuierlich weiterentwickelt und verändert, kann ich selbstbestimmt und frei entscheiden. Freier Wille und damit Entscheidungsfreiheit setzen somit personale Merkmale, die sich entwickeln und verändern, voraus, ansonsten wären diese Entscheidungen nicht durch das Selbst bestimmt, sondern durch den Zufall. Zufallsentscheidungen sind aber beliebig und nicht das Ergebnis einer freien, selbstbestimmten Entscheidung.

 

Mir ist, nachdem ich begonnen hatte, über die Frage der Willensfreiheit nachzudenken, das im Matthäusevangelium (25,14 -30) überlieferte Gleichnis von den anvertrauten Talenten eingefallen. Jesus berichtete von einem reichen Mann, der auf Reisen ging und seinen Knechten sein Vermögen anvertraute; der erste bekam zehn, der zweite fünf und der dritte ein Talent, „jedem nach seinen Fähigkeiten“ (Mt 25,14). Jesus weiß, dass wir Menschen unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten haben; dies macht uns besonders und einzigartig. Keiner ist dem anderen gleich, sondern wir unterscheiden uns. Jeder ist etwas Besonderes. Es kommt also nicht auf die individuellen Fähigkeiten – oder Talente – an, sondern es kommt darauf an, wie wir diese nutzen, was ich mit meinen Fähigkeiten und Talenten erreiche. Diese Fähigkeiten sind erforderlich, um Entscheidungen zu treffen; sie bestimmen diese aber nicht, sondern für meine Entscheidung, wie ich meine Talente nutze, bin allein ich verantwortlich. Ich entscheide, ob und wie ich die mir anvertrauten Talente mehre – oder ob ich sie vergrabe und auf „das Ende warte“. Wir haben die Freiheit zu entscheiden, wir haben die Wahl – nutzen wir sie auch täglich aufs Neue.

Bernhard Scholten