Der Herr sei mit euch?

 

Während Lydia Ruisch in der „Ansichtssache“ im Juni 2013 generell die Frage nach Sinn und Unsinn der Gottesbezeichnung HERR gestellt hat, möchte ich eine Frage von viel geringerer Tragweite ansprechen.

 

In der Eucharistiefeier wird die Gemeinde an mehreren Stellen mit „Der Herr sei mit euch“ gegrüßt. Bei mehreren Gelegenheiten habe ich von verschiedenen alt-katholischen (aber auch schon von römisch-katholischen) Priestern stattdessen gehört: „Der Herr ist mit euch.“ Ist das nicht viel klarer? Wir glauben doch, dass Gott, beziehungsweise dass Christus mit uns ist. Ist das nicht der Sinn des gesamten Wirkens Jesu, von dem wir glauben, dass er als Immanuel, als der „Gott mit uns“ gekommen ist, um uns die Liebe Gottes zu bezeugen?

 

Klar: Gott ist mit uns. Das dürfen wir glauben, das ist Jesu frohe Botschaft an uns. Ist also die Version: „Der Herr ist mit euch“ nicht die bessere beziehungsweise schlicht die christlichere?

 

Der besagte Gruß in unserer Liturgie ist eine Übersetzung des lateinischen „Dominus vobiscum“. Im Lateinischen gibt es dabei überhaupt keine Verbform, es heißt also nur: „(der) Herr mit euch.“ In vielen Sprachen, insbesondere im Hebräischen, sind solche Sätze ohne Verbform ganz normal. Im Deutschen dagegen gehen sie eigentlich nicht, sie klingen unvollständig, wir müssen irgendeine Form des Verbs „sein“ ergänzen. Nur welche? „Ist“ oder „sei“?

 

Jeder kennt den Gruß des Engels an Maria: „Der Herr ist mit dir.“ Auch hier fehlt im Griechischen (und in der lateinischen Übersetzung: Dominus tecum!) - wohl nach hebräischem Vorbild - das Verb. Niemand käme in diesem Fall auf die Idee, „sei“ zu ergänzen. Der Bote Gottes ist ja in seinem Erscheinen praktisch schon der Inbegriff seiner Botschaft: Der Herr ist mit Maria. Spricht nicht auch dieses Beispiel für: „Der Herr ist mit euch“?

 

Ja, es gibt gute Gründe dafür. Trotzdem gebrauche ich selbst lieber die Form, wie sie auch in unserem Altarbuch steht: „Der Herr sei mit euch.“ Es geht hier nämlich um einen Wunsch. Natürlich glaube ich, wenn ich unsere Gemeinde im Gottesdienst so grüße, fest daran, dass der Herr nicht nur mit ihnen, sondern auch mit mir ist, sonst hätte mein Dienst überhaupt keinen Sinn. Aber in diesem Moment drücke ich es als Wunsch an sie aus: So soll es sein. Jemandem etwas zu wünschen, bedeutet nicht, dass er es nicht schon hat. Wenn ich jemandem viel Freude im Leben wünsche, heißt das nicht notwendig, dass er traurig ist. Er kann auch schon viel Freude im Leben haben, dann bedeutet mein Wunsch: So soll es bleiben. Auch soll nicht alles sein, was ist. Man kann feststellen, dass Krieg ist, aber das soll dann nicht so sein.

 

Wenn ich den Gottesdienst (oder das Eucharistiegebet) eröffne, oder mich anschicke, das Evangelium zu verkünden oder die Gemeinde zu segnen, wünsche ich den Mitfeiernden, dass der Herr mit ihnen sein soll; ich wünsche ihnen das im festen Glauben, dass der Herr grundsätzlich mit uns allen ist, aber so soll es auch sein und bleiben. Darüber kann ich nicht verfügen. Ich kann Gottes Mit-uns-Sein weder verschenken, noch bin ich ein Bote aus himmlischen Sphären, der das quasi als Botschaft mitbringt und verkörpert (wie Gabriel gegenüber Maria). Ich kann nur im Vertrauen auf Gottes Nähe und Liebe wünschen: So sei es. Deshalb pflege ich zu grüßen: „Der Herr sei mit euch“ – ohne es völlig sinnlos zu finden, wenn andere es anders halten.

 

Matthias Thiele