Nachträgliche Gedanken eines 40-Jährigen

 

Am 7. Juni hatte ich mein 40-jähriges Priesterjubiläum. Ich hab mich dabei nicht leicht getan. Mich feiern zu lassen, widerstrebt mir. Aber 40 Jahre sind kein Pappenstiel mehr. Manche sind froh, wenn sie überhaupt so alt werden, geschweige denn, dass sie so lange in einer Sparte oder bei einem Arbeitgeber beschäftigt sind.

 

Was hab ich nun gefeiert: Geburtstag? Bestimmt nicht. Obwohl mancherorts das Priesterjubiläum gefeiert wird, als hätte mit dem Weihetag ein neues Leben begonnen. „Ein neuer Mensch bin ich geworden, ein Wesen auf einer neuen Stufe,“ so hat es ein Bekannter von mir aus dem römisch-katholischen Bereich einmal beschrieben. Aus ihm hatte die Priesterweihe anscheinend jemanden gemacht, der mit dem Otto-Normal-Christen nicht mehr vergleichbar ist.

 

Mir ist klar, dass ein solches Denken eng verzahnt ist mit dem Lebensstil des Zölibats. Auch dass neugeweihte Priester im Bereich der römisch-katholischen Kirche von ihrer Heimatgemeinde gefeiert und verehrt werden am Tag ihrer Primiz, lässt sich damit in Verbindung bringen. Wer um des Berufs willen sich auf eine ganz spezielle, dauerhafte Lebensart einlässt, die von außen leicht zu erkennen ist, wird schnell als Sonderwesen angesehen. Und mir selber ist es genauso mit meiner eigenen Priesterweihe im Dom zu Köln gegangen - vor 40 Jahren. Frage nur: Was steckt dahinter? Was macht wirklich den Wert oder den Inhalt einer Priesterweihe aus?

 

Auch wir in der alt-katholischen Kirche kennen ja dieses Sakrament, und auch bei uns lassen manche Priester sich zum Jubiläumstag ihrer Weihe wahrhaftig gern feiern, ob es nun gerade 10 Jahre, 20 Jahre, 25 Jahre oder eben 40 Jahre sind. Ist das richtig? Wie ist das denn, wenn man die Lebensform des Zölibats aus dem Gesamtbild des römisch-katholischen Priesterseins wegnimmt: Was bleibt dann an Außerordentlichkeit noch übrig?

 

Natürlich - in meiner kleinen Ankündigung im Rosenheimer Gottesdienstplan hatte ich das Jubiläum ganz auf den eigenen Dienstantritt bezogen und nicht auf die Priesterweihe. Aber zumindest überlegenswert ist es doch, ob nicht auch die Weihe zu feiern sein könnte. Vorsichtshalber möchte ich aber nachschieben, dass es mir nicht um eine neu zu fördernde Klerikalisierung in unserer Kirche geht. Etwas häufiger sind ja in letzter Zeit klerikale Kleidung und Kennzeichnung zu sehen. Ohne das zu verurteilen, möchte ich einfach sagen, dass es mir darum nicht geht.

 

Was ist der Inhalt einer Priesterweihe? Das Versprechen, das Gebet, die Verpflichtung, der bischöfliche Segen, der Entschluss, die verwandelnde Wirkung des Sakraments, die Erhebung in einen neuen Stand, der Beginn einer Lauf- oder Dienstbahn?

 

Statt mich auf theologische Spekulationen einzulassen, möchte ich mit einem Bild antworten. Wenn jemand seit 40 Jahren Förster ist, dann könnte es durchaus sein, dass er das feiern möchte. Er oder sie möchte feiern, dass irgendwann der Beginn dieses Lebens für Natur und Umwelt gewesen ist. Mag sein, dass auch das zuständige Forstamt dazu gratulieren und auf der Matte stehen möchte, mag sein, dass Waldarbeiter und Landwirte, Menschen in der näheren Umgebung, die das Wirken des Försters beziehungsweise der Försterin wahrnehmen konnten, dabei mitmachen.

Aber ich denke, eben auch für den Betreffenden selber ist das Jubiläum seiner Entscheidung beziehungsweise seines Berufsbeginns eine Feier und Vergegenwärtigung wert.

 

„Das schlägt doch dem Fass die Krone ins Gesicht! Wo bleibt denn bei diesem Vergleich der religiöse Gehalt des Weihesakraments?“, so möchte aber nun vielleicht mancher fragen. Kann man den Dienstbeginn oder die Ernennung eines Försters mit der Weihe eines Priesters vergleichen?

 

Ich glaube: ja. Denn in beiden Welten geht es um eine Beauftragung für das Leben. Und zwar nicht in erster Linie im Sinne einer Bewahrung, so als hätten Förster und Priester zuerst einmal den Status quo zu sichern, sondern im Hinblick auf Entwicklung. Leben ist kein Besitz, sondern ein Werden. Und genau diesem Werden haben sowohl Förster wie Priester zu dienen. Dass Menschen fragen können, umkehren, neu werden können und hinfinden zu Christus, das macht den Sinn des Lebens als Priesterin oder Priester aus. Dass Pflanzen gedeihen, Tiere sich entwickeln und ihre Möglichkeiten dem Leben dazugeben können, ist Aufgabe der Försterin.

 

Im Augenblick der Priesterweihe geschieht nichts Anderes, als was bei jedem Sakrament geschieht: Es kommt nämlich zur Begegnung. Zur Begegnung mit Gott in der Tiefe des Herzens. Nichts Anderes ist wichtig an diesem Geschehen oder an dieser Anfangssequenz: nur, dass der Mensch im Schutzraum des Sakraments und seiner Handlung tief im Herzen zur eigenen Entscheidung und zum Zusammenfinden mit Gott kommen kann - bezogen auf das zukünftige Tun.

 

Die Frage ist allerdings, wie sinnvoll es sein kann, solch ein Geschehen in so glanzvoller und nach außen gewendeter Weise zu feiern. Kommt nicht genau dadurch der Eindruck auf, es ginge in dem Ganzen um den Beauftragten oder die Beauftragte selber anstatt um ihre zukünftige Aufgabe? Erweckt das nicht fälschlicherweise die Botschaft, die Würde und Heiligkeit im Amtsträger und nicht zuerst in Gemeinde und Schöpfung, im einzelnen Lebewesen zu sehen?

Eine Priestertätigkeit darf ich feiern, aber bitte nicht mit einer Verdrehung der Wirklichkeit! Vergessen wir nicht: Jesus selber war in seinem irdischen Leben nie und nimmer ein Priester, nie hat er priesterliche Gewänder getragen, priesterliche Zeremonien vollzogen oder gar diesbezügliche Würden gutgeheißen. Eher im Gegenteil.

Lassen wir es ein Fest der Schöpfung und des Lebens sein. Und ein Fest der Weiterentwicklung. Der Geist weht, wohin er will. Dass Gottes Geist uns in die Segel bläst, uns zu Abenteuern antreibt, die wir morgen erleben, aber heut noch lang nicht ahnen, das ist ein Grund des Feierns. Wo Klerikalismus auftaucht und sich ausbreitet, ist genau das nicht begriffen worden: dass der Status quo mit seinen Erbhöfen, mit dem Oben und Unten zwischen Menschen durch Jesus endgültig aufgehoben ist.

 

Ernst Alt hat ein Gemälde geschaffen mit dem Titel „Das gerettete Lied“. Darauf ist zu sehen, wie ein Kirchengebäude zerfällt und zur Ruine wird; aber eine junge Frau draußen davor singt zum Lautenspiel ein Lied. Das gerettete Lied. Eigentlich ist das viel wichtiger als die Kirchenmauern dahinter. Das Lied, das gefundene. Die Melodie, die ein Herz zum Schwingen bringt. Der Text, der einfach stimmt, ehrlich ist und verstehbar.

Jesus war jemand, der ein Lied gesummt, gesungen hat, das Menschen bewegt. Diesem Lied, genau diesem kann sich eine Priesterin wie auch ein Priester um des Lebens willen verschreiben. Sie oder er wird in unserer alt-katholischen Kirche unabhängig von Kirchenmauern und vergänglichem Zierrat dafür mit Partnerin oder Partner und Familie oder auch allein einen guten Rahmen finden.

 

Harald Klein