Walter Jens und der Wert des Lebens

 

Walter Jens, sprachmächtiger Rhetorikprofessor aus Tübingen, der sich mit großer Leidenschaft und mit Herzblut in die politischen Debatten der „alten“ Bundesrepublik Deutschland einmischte, ist tot. Walter Jens steht für die demokratische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. Er mischte sich sein: Scharfzüngig und mit geschliffenen Argumenten hielt er sich beim Reden an seine eigenen Vorgaben: Eine gute Rede überzeugt, sie überredet nicht; eine gute Rede bewegt die Zuhörenden, und eine gute Rede lebt von ihrer Leidenschaft.

 

Walter Jens‘ Überzeugungen gründeten in seinem weltoffenen Protestantismus. Als Alt-Philologe übersetzte er Teile des Neuen Testaments. Mit Hans Küng, der gemeinsam mit ihm an der Universität Tübingen lehrte, verband ihn eine tiefe und langjährige Freundschaft. Gemeinsam wagten sie das Experiment fächerübergreifender Vorlesungen. Ein Ergebnis dieser Freundschaft ist die 1995 erschienene Streitschrift: „Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung“. Jens und Küng prangern in diese Schrift das vereinnahmende Wesen der von Allmachtsfantasien geprägten Medizin an, die Menschen am Leben erhält, die eigentlich bereits im Sterben liegen. Sie fordern mehr Selbstbestimmung; eine Diskussion in den 1990er Jahren, die von der Hospizbewegung befördert wird. Doch Jens und Küng gehen weit über die Forderung hinaus, dass Menschen in gesunden Tagen über ihr Sterben verfügen können: Sie fordern das Recht auf aktive Sterbehilfe und versprechen sich gegenseitig, dem anderen zu helfen, sein Leben zu beenden, wenn dieser an einer Demenz erkrankt.

 

Acht Jahre später erkrankt Walter Jens an Demenz. Sein Sohn Tillmann Jens beschreibt in dem Buch „Demenz. Abschied von meinem Vater“ den anfangs qualvollen Prozess der Veränderung. Walter Jens vergisst zunehmend, fühlt sich von seinen Angehörigen bedroht und verfolgt, wird handgreiflich und aggressiv. Er muss stationär psychiatrisch behandelt werden. Seine Frau Inge Jens und sein Sohn Tillmann überlegen gemeinsam mit einem befreundeten Arzt, wann die Zeit gekommen ist, das Versprechen der beiden Freunde einzulösen, Walter Jens‘ Leben zu beenden, ihn von der Demenz und ihren Folgen „zu erlösen“. Am 3. Januar 2007 scheint der Tag gekommen zu sein. Mit nahezu eisiger Klarheit habe da der Vater, so Tillmann Jens, gesagt: „Ihr Lieben. Es reicht. Mein Leben war lang und erfüllt. Aber jetzt will ich gehen.“ Ehefrau Inge und Sohn Tilman widersprechen nicht. Dies scheint das Mandat zu sein, „ihm aktiv beim Sterben zu helfen“. Doch dieses Mandat wird der Familie wenige Augenblicke später wieder entzogen. Denn Walter Jens lächelt und fügt noch einen Satz an: „Aber schön ist es doch!“ Ein lebensbejahender Satz – der es Frau und Sohn unmöglich macht, ihr Versprechen wahr zu machen.

 

In einer erweiterten Neuausgabe des Buches „Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung“ beschreibt Inge Jens in einem Nachwort diese Zeit des „Übergangs“ in eine andere, neue, für alle unbekannte Lebensphase. Sie schreibt: „Ich könnte seiner Forderung mit dem Hinweis darauf begegnen, dass die Erfahrung mich zunehmend unsicher hinsichtlich der Beurteilung seines Zustands gemacht hat. Damals, als wir uns gegenseitig Hilfe versprachen, handelten wir in Übereinstimmung mit dem uns zu diesem Zeitpunkt zugänglichen Wissen über Grenzsituationen und die uns zustehende Handlungsfreiheit. Um nicht missverstanden zu werden: Ich halte unsere damalige Entscheidung auch noch heute für im Grundsätzlichen richtig und unter den damals protokollierten Bedingungen verpflichtend. Hinsichtlich der Voraussetzungen jedoch, das heißt in der Analyse jener Grenzsituationen, in der Hilfe zum Sterben geleistet werden sollte, habe ich heute die mir damals noch unvorstellbaren Erfahrungen der letzten Jahre mit zu berücksichtigen. Ich bin vorsichtiger geworden, vielleicht zögerlicher geworden; ich habe gelernt, die Kategorien lebensunwert und lebenswert neu zu durchdenken, meine Vorstellungen von Würde und Glück zu differenzieren und die Nichtlösbarkeit gewisser Antinomien, jedenfalls für mich, zu akzeptieren.“

 

Walter Jens lebte noch sechs Jahre mit seiner Demenzerkrankung auf einem Bauernhof; er, der seit seiner frühen Kindheit an einem schweren Asthma litt, das auch durch Tierhaare ausgelöst wurde, versorgte Kaninchen und Hasen, fütterte die Katzen und kümmerte sich um die vielen Tiere auf dem Hof. Es war sicherlich keine Idylle – weder für ihn noch für seine Angehörigen, aber es war ein Leben, das auch schön war. Walter Jens lässt uns zurück mit dieser Frage: Was macht das Leben lebenswert? Eins ist gewiss: Darauf gibt es keine einfachen Antworten.

 

Bernhard Scholten