Kennzeichen HH – AK 2013

Ein Kennzeichen der Seelsorge

 

Wer denkt auf der Straße bei diesem Kennzeichen nicht gleich an einen Hamburger. Es könnte ein Hamburger Anglikaner (AK) oder ein Alt-Katholik (AK) sein. Pfeffersäcke sind, nach Heinrich Heine, die durch den Gewürzhandel mit hohen Gewinnspannen reich gewordenen Hamburger Kaufleute. Doch trotz der bösen Zungen gilt Hamburg auch als Hauptstadt der Mäzene und Stifter. Hamburger gelten als PS-starke Spender. Mehr als 970 Stiftungen gibt es in der anglophilsten Metropole der Republik. Die besondere Solidarität zum angelsächsischen Kulturraum drückt sich schon allein darin aus, dass man in Hamburg bei bestem Wetter den Regenschirm aufspannt, wenn es in London regnet.

 

Bei so viel Solidarität mit Menschen auf der anderen Seite der Nordsee ist es geradezu selbstredend, dass sich auf hamburgischem Boden eine der ältesten anglikanischen Gemeinden auf dem kontinental-europäischen Festland befindet. Solidarität hat in dieser Gemeinde, die im vergangenen Jahr ihr 400-jähiges Jubiläum gefeiert hat, konkrete Gesichter; beheimatet die ca. 120 Mitglieder umfassende St.- Thomas-Becket-Gemeinde doch immerhin Menschen aus etwa 15 verschiedenen Nationen von Indien über Schottland nach Afrika und von Thailand über die USA bis nach Kanada.

 

HH - Helfen und Heilung

 

Initiativen von Anglikanern und Alt-Katholiken

 

Dieses Kunterbunt an Hautfarben, sozialen Lebenslagen, Akzenten und Lebensentwürfen in St. Thomas Becket findet besonders durch gemeinsame solidarische Projekte eine starke Verbindung, und das beginnt in der Gemeinde bereits in einem sehr frühen Alter. Die Kinderkirche (Junior Church) hat erst vor einiger Zeit ihr Ziegen-Projekt mit großem Erfolg beendet, das durch die Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam begleitet wurde. Mit hohem Engagement haben die Kids von drei bis zehn Jahren über einen Zeitraum von sechs Monaten Werbung für den Erwerb eines Ziegen-Pärchens für ein Dorf in einem Entwicklungsland betrieben. Am Ende ist Geld für eine kleine Ziegenherde zusammengekommen.

Aber auch sonst ist es kaum möglich, sich in der im neo-klassizistischen Stil gehaltenen St.-Thomas-Becket-Kirche zu bewegen, ohne an Armutsregionen dieser Welt erinnert zu werden. „We do not let our neighbours go hungry“, heißt es auf einem Plakat. Mit Nachbarn sind vor allem Menschen auf der anderen Seite des Globus gemeint. Weil Leiden keine Grenzen kennt, ist Solidarität im Sinne Jesu Christi eine runde Sache, wie der Erdball. Diese Grenzenlosigkeit im Denken, Fühlen und Handeln für Benachteiligte ist praktischer Katholizismus. Der aus Australien stammende Matthew Jones, Pfarrer der anglikanischen Gemeinde in Hamburg, sagt, so viel Heterogenität in einer Gemeinde finde ihre Einheit oft in gemeinsamen caritativen Aktivitäten. Derartige Aktivitäten helfen oft, Konflikte in der Gemeinde zu vermindern.

 

Helfen hilft nicht nur anderen, sondern kann auch einen Heilungsprozess in Gemeinschaften in Gang setzen, besonders in Situationen, in denen sich Gemeindemitglieder mit großen Emotionen in das eine oder andere innerkirchliche Luxusthema verrannt haben. Der Evangelist Markus weist auf die wirklich wichtigen Dinge des Kircheseins hin: Ein Schriftgelehrter hatte gefragt, welches Gebot das Erste von allen sei. Jesus antwortete: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst Du den Herren, Deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“

 

Das zweitwichtigste Gebot könnte statt als Rangfolge auch als Konkretisierung und Fortsetzung des ersten Gebotes aufgefasst werden, oder wie es der anglikanische Canon Mark Oakley ausdrückt: Christus sei die Körpersprache Gottes, die Vermenschlichung der Gottesliebe: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden“ (Mk 12, 28-31), denn “Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4,16).

 

Der verantwortliche Geistliche (Rector Ecclesiae) der Alt-Katholischen Kathedralkirche Namen-Jesu, Michael Schenk, ist Gründer des Hilfswerks St. Martin - Helfen durch Teilen e. V. Es existiert seit nunmehr 15 Jahren, und das Team um Michael Schenk ist „stolz darauf, dass jeder eingenommene Betrag eins zu eins ohne Verluste an hilfsbedürftige Menschen weitergegeben wird“. Über dieses Hilfswerk erhalten beispielsweise derzeit zwei Frauen Hilfe für eine spezielle Körperpsychotherapie nach schwerem traumatischem Erleben in ihrer Kinderzeit beziehungsweise nach Vergewaltigung. Erstmalig ist das Hilfswerk auf den Philippinen aufgrund der Flutkatastrophe tätig geworden.

 

Unterstützt hat das Hilfswerk in diesem Jahr auch die Arbeit der Tafel im oberbergischen Waldbröl und der Kindertafel auf St. Pauli in Hamburg. Das Hilfswerk unterstützt Frauen in Aripea/Arua in Uganda bei der Vorbereitung auf ihre berufliche Unabhängigkeit, indem sie nach bestandenem Examen eine Nähmaschine für den Aufbau ihrer Schneiderei per Mini-Kredit erhalten. Im letzten Sommer hat eines der geförderten „Aidswaisen-Kinder“ sein Jurastudium in England erfolgreich beenden können.

 

Trotz aller Schatten in und durch Kirche gibt es eine Kontinuität in der Geschichte der Kirche. Es ist das Engagement für die Nächsten in den unterschiedlichsten Formen.

 

…und Alt-Katholiken?

 

In der Erhebung im Rahmen der relAK-Studie erwähnten weniger als drei Prozent das soziale und diakonische Engagement der Alt-Katholischen Kirche, weder positiv noch negativ. Es war kaum ein Thema. Die Autoren der Studie stellen kritisch die Frage, ob eine Kirche, die sich auf das Milieu der aufstiegsorientieren Mittelschicht verengt, vielleicht in der Gefahr steht, die sozialen Belange aus dem Blick zu verlieren.

 

Die Situation im Alt-Katholischen Bistum ist die, dass einige Gemeinden und einzelne Mitglieder unterschiedliche Projekte fördern und Kontakte pflegen, ohne jedoch voneinander zu wissen. Vieles ist ehrenamtlich nicht zu stemmen, so dass sich das Bistum auf einige wenige Projekte konzentrieren muss. Das Engagement für Entwicklungs- und Hilfsprojekte im Alt-Katholischen Bistum lebt von der Unterstützung aus den Gemeinden und dem Engagement einzelner Personen und kann derzeit nur durch ehrenamtliche Kräfte koordiniert werden.

An Entwicklungsprojekten unter offizieller alt-katholischer Flagge besteht eine Zusammenarbeit mit anglikanischen Schwestern der Community of St Mary in Tansania, die sich unter anderem für Bildung von Kindern und Jugendlichen sowie für landwirtschaftliche Bildung engagieren. Darüber hinaus besteht ein Projekt zur Unterstützung der Flutopfer auf den Philippinen. Der Kontakt dorthin soll auskunftsgemäß künftig ausgebaut und intensiviert werden. Hinzu kommen Kollekten für diakonische Aktivitäten nach dem jährlichen Spendenplan des Bistums.

(Nächsten-)Liebe ist Herzenssache

 

Die großen kirchlichen und nicht-kirchlichen Hilfswerke sind Key Player in der Katastrophen- und Entwicklungshilfe und vermögen Großartiges an humanitärer Hilfe zu leisten. Keineswegs sollte daraus jedoch der Schluss gezogen werden, dass nur große Institutionen effektive Hilfe leisten können und dass wenig Mittel und das eigene Engagement unbedeutend sind. Die Nächstenliebe ist eine Herzenssache, und von diesem Ort her ist Caritas zu denken. Nach jüngsten Schätzungen der Weltbank müssen etwa 1,4 Milliarden Menschen mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag auskommen - das ist die von der Weltbank festgelegte Bemessungsgrenze für extreme Armut. Das bedeutet, dass jeder vierte Mensch in extremer Einkommensarmut lebt. Ein Euro ist mehr als keiner, weil ein Euro für einen Menschen einen Tag lang ganz praktisch weniger Hunger bedeutet. Auch Kleinstgemeinden – so meint die Priesterin Oranna Naudascher-Wagner von der alt-katholischen Gemeinde in Hamburg – „können mit ein bisschen Fantasie wenigstens etwas Kleines auf die Beine bringen, vielleicht gar nicht so sehr unter dem Aspekt der Effizienz, sondern eben „nur“ als Herzensangelegenheit einer Gemeinde Jesu Christi“.

 

Die zwei AK-Beispiele – mit ihrer Metaphorik für die Full Communion - zeigen eindrucksvoll, dass man auch mit wenig Mitteln und Institution, aber mit persönlichem Engagement die Türen zum Himmelreich hier auf Erden ein Stück weit sichtbar machen kann. Michael Schenk: „Manche Stunde geht in die Betreuung unserer Projekte – aber es macht auch sehr viel Freude. Martin von Tours hat es vorgemacht, sein Beispiel ist uns Inspiration.“ Die Kids von St Thomas Becket werden sich auch später an ihren caritativen Erfolg erinnern, und vielleicht bleibt etwas von diesem heilenden Geist in ihrem späteren Lebensweg übrig.

 

Für die Alt-Katholische Kirche besteht die Möglichkeit, die Aktivitäten in den Gemeinden und von privaten Initiativen zu vernetzen und für die Gemeinden zugänglich zu machen, so dass den Gemeinden Anregungen für mögliche caritative Aktivitäten gegeben werden oder um sich untereinander zu unterstützen. Wichtig scheint mir die Aufgabe des Bistums und dieser Zeitung zu sein, das Thema Diakonie in der Kirche wach zu halten und es immer wieder zu einem Thema zu machen.

 

In dieser Kirche liegt es letztlich in Ihren Händen, liebe Christinnen und Christen, mit wieviel PS Sie die Nächstenliebe mit dem Kennzeichen HH – AK 2013 ab diesem Jahr auf die Straße bringen.  

 

Eckhard Thomes