Extremfall der Seelsorge

Die Notfallseelsorge

 

Wenn das Leid Menschen plötzlich überfällt, vor allem durch Verkehrsunfälle, ziehen Polizei und Rettungsdienste gerne Notfallseelsorger dazu. Christen heute sprach mit zwei Pfarrern aus Südbaden, Pfarrer Georg Blase aus Dettighofen und Pfarrer Guido Palazzari aus Blumberg, die sich für diesen Extremfall der Seelsorge zur Verfügung stellen.

 

Die meisten Menschen haben eine ungefähre Vorstellung davon, was Notfallseelsorger machen. Aber was tun sie genau? Was ist ihre Hauptaufgabe?

 

Blase: Notfallseelsorge entwächst der diakonischen Tradition der Kirche und gehört eigentlich zu ihrem Grundauftrag. Sie nimmt konkret wahr, Menschen in Not beizustehen, unter besonderen akuten Bedingungen. Zu den Aufgaben des Kriseninterventionsteams, das in die Struktur des Deutschen Roten Kreuzes integriert ist, dem ich auch angehöre, gehört die Betreuung von Angehörigen, Betroffenen und Augenzeugen: bei plötzlichen Todesfällen, nach schweren Verkehrs- oder Arbeitsunfällen, nach Bränden, nach Suiziden oder Suizidversuchen, nach erfolgreicher oder erfolgloser Reanimation, bei Suchaktionen, nach Verbrechen, nach einem plötzlichen Kindstod, bei einem Massenunfall mit vielen Verletzten, beim Überbringen einer Todesnachricht. Es zeigt sich dabei ein breites Spektrum unserer ehrenamtlichen Tätigkeit.

 

Palazzari: Ich habe zwei verschiedene Aufgabenfelder: Zum einen fahre ich bei der Freiwilligen Feuerwehr Blumberg als Feuerwehrmann und Fachberater „Seelsorge“ die Einsätze mit. Je nach Art des Einsatzes kann es sein, dass ich Verunglückte, deren Angehörige oder andere betroffene Personen (zum Beispiel Unfallzeugen) betreue. Zu meinen Aufgaben gehört es auch, zusammen mit Polizeibeamten eine Todesnachricht zu überbringen. Zum Anderen gehöre ich dem Einsatznachsorgeteam des Schwarzwald-Baar-Kreises an.

Unsere Aufgabe ist es, Einsatzkräfte nach schlimmen Ereignissen zu begleiten und ihnen dabei behilflich zu sein, das Erlebte aufzuarbeiten. Ziel ist es, die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu verhindern. In dieser Eigenschaft stehe ich auch der FFW in Stühlingen zur Seite.

 

Wie lange sind Sie denn schon als Notfallseelsorger tätig?

 

Blase: Im Jahr 2008 wurde ich durch einen Grund- und Aufbaukurs der Arbeitsgemeinschaft zur Unterstützung der Notfallseelsorge in Baden Württemberg ausgebildet. Zunächst habe ich ebenso wie Guido Palazzari meine Kompetenz im Bereich der Freiwilligen Feuerwehr Dettighofen als Fachberater „Seelsorge“ zur Verfügung gestellt. Das ist eigentlich ein Spezialbereich, bei dem man nach schweren Einsätzen den Kameradinnen und Kameraden diskret und vertraulich zur Seite steht, damit sie manche verheerenden Bilder und Erlebnisse verarbeiten können. Seit zwei Jahren gehöre ich dem Kriseninterventionsteam an. Dem Dienst innerhalb der Feuerwehr bin ich weiterhin treu geblieben und beabsichtige mich in diese Richtung weiterbilden zu lassen.

 

Palazzari: Ich bin seit Ende 2003 dabei.

 

Sie, Herr Blase, haben schon angesprochen, dass Sie für die Unterstützung der Helferinnen und Helfer Kurse besucht haben. Wurden Sie beide auch für die eigentliche Notfallseelsorge in irgendeiner Weise ausgebildet oder muss die Weihegnade als Grundlage genügen?

 

Blase: Die Weihegnade ist dabei schon eine wesentliche Grundlage, muss aber durch Fachkompetenz „ausgebaut“ werden. Vor allem wichtig ist die Kenntnis der Einsatzabläufe bei den verschiedenen Rettungsorganisationen. Als Geistliche neigen wir häufig dazu, dass wir gern im Alleingang Menschen helfen wollen, und wir tun das auch. Aber professionelle Hilfe hat feste Strukturen und Abläufe, in die man sich effektiv einfügen muss. Sonst entsteht Chaos, und im Ernstfall wird keinem geholfen.

 

Palazzari: Ich finde, eine entsprechende, qualifizierte Ausbildung ist unverzichtbar. Ich wurde in der Landesfeuerwehrschule Baden Württemberg in Bruchsal zum Fachberater „Seelsorge“ ausgebildet. Darüber hinaus hat das Landratsamt Villingen-Schwenningen, Abteilung „Brand und Katastrophenschutz“, mir eine ausgezeichnete Ausbildung im Bereich von SbE (Stressbewältigung nach belastenden Ereignissen) und CISM (Critical Incident Stress Management nach Mitchell) ermöglicht. Dort werden auch regelmäßig Fort- und Weiterbildungen angeboten, die ich – wenn es meine Zeit erlaubt – auch wahrnehme. Hierfür bin ich sehr dankbar!

 

Wie oft kommt es vor, dass Sie gerufen werden? Jede Woche mehrmals? Einmal im halben Jahr?

 

Palazzari: Manchmal passiert – Gott sei Dank – längere Zeit nichts, und dann folgt schon mal eine traurige Serie. Als Notfallseelsorger in meiner Zeit als Pfarrer in Offenbach hatte ich recht häufig Einsätze, meist nachts.

 

Blase: Ja, das ist sehr unterschiedlich. Ein Notfall ist von Natur aus unvorhersehbar. Wir versuchen uns nach Möglichkeit da einzusetzen, wo die Anfahrtswege am kürzesten sind. Das ist aber nicht immer umsetzbar, denn wir alle dürfen bei jeder Alarmierung unsere Nichtbereitschaft signalisieren, ohne den Grund zu nennen. Im Moment ist für uns die Zeit, in der wir relativ wenig angefordert werden oder noch während der Hinfahrt zurückgerufen werden mit der Begründung, dass die Betroffenen in ihrer Notsituation sich gefasst verhalten. Das kann manchmal zu einer völlig falschen Einschätzung der Situation führen.

 

Ich gestehe, als Pfarrer lebe ich ständig mit dem Gedanken: Hoffentlich passiert niemandem in der Gemeinde heute etwas Schlimmes. Denn es kostet Überwindung und Mut, sich auf besonders schwierige Lebenslagen von Menschen einzulassen und sie darin zu begleiten. Sie aber stellen sich gerade für solche Extremsituationen in besonderem Maß zur Verfügung. Was bewegt sie dazu?

 

Palazzari: Motiviert hat mich damals die Aussage eines langjährigen Feuerwehrmannes aus meiner Familie. Er hat die fehlende Begleitung durch Notfallseelsorger während der Einsätze und danach beklagt. Das liegt nun schon viele Jahre zurück, und es hat sich dank guter Führungskräfte unglaublich viel getan in diesem Bereich. Bei meinen Einsätzen erlebe ich immer wieder eine unbeschreibliche Nähe zu den Menschen, die ich begleite, eine elementare Nähe, die etwas sehr Wertvolles ist. Ich glaube auch, dass ich meine Aufgabe gut mache und daher von Nutzen für die Betroffenen sein kann.

 

Blase: Bei mir hat das eine lange Vorgeschichte und reicht bis zurück in meine Studienzeit, in der ich im Franziskanerkloster für die besonderen und akuten Fälle zuständig war. Vor einigen Jahren wurde ich plötzlich, als ich bereits in das Grenzgebiet zur Schweiz umgezogen war, mit einem Motorradunfall konfrontiert und musste den Verunfallten begleiten, bis die Schweizer Feuerwehr samt Rettungswagen eintraf.

 

Woher nehmen Sie persönlich die Kraft und den Mut dazu?

 

Blase: Mein persönlicher Glaube, meine Hoffnung tragen dazu bei, dass ich Kraft und Mut immer wieder neu schöpfen kann. Ich frage nie, warum Gott dies und jenes Schlimme zulässt, sondern bin davon überzeugt, dass sein Beistand und seine Hilfe durch unseren Einsatz einen ganz konkreten menschlichen Ausdruck bekommen.

 

Palazzari: Ich kann ähnlich sagen: Es ist für mich persönlich der unmittelbarste Dienst am Nächsten. Daraus, aus meinem Glauben und aus dem Sinn, den diese Einsätze machen, schöpfe ich Kraft. Mut brauchte ich dazu bisher nicht.

 

Möchten Sie uns eine Situation nennen, die Ihnen besonders an die Nieren gegangen ist?

 

Palazzari: Da gibt es einige Situationen. Besonders an die Nieren geht mir, wenn ich Eltern mitteilen muss, dass ihr Kind tödlich verunglückt ist.

 

Blase: Mir fällt vor allem eine Situation ein: Ein junger Mann stürzte von einer Brücke hinunter. Bis heute ist ungeklärt, ob das eine Mutprobe mit Unterschätzung der Tiefe war oder vielleicht doch ein Suizid. Soviel Blut auf einem Haufen im Schockraum habe ich selten gesehen. Es lag uns sehr da-ran, den Eltern eine Verabschiedung zu ermöglichen. In kürzester Zeit wurde dafür alles hergerichtet, samt Kerzen in der Zahl seines Alters, obwohl in diesem Raum offenes Feuer strengstens verboten war. Das Erlebte begleitete mich einige Zeit, bis ich den Ort des Geschehens aufsuchte und da für ihn im Stillen betete. Die Bilder sind in meinem Gedächtnis gespeichert geblieben, sie wühlen mich aber nicht mehr auf.

 

Wie schützen Sie sich davor, dass das Leid, mit dem Sie konfrontiert werden, für Sie selbst zum Problem wird? Erfahren Sie selbst eine Begleitung?

 

Palazzari: Während des Einsatzes greife ich auf meine Erfahrung und auf das, was mir beigebracht wurde, zurück, dazu gehört auch mein Gottvertrauen. Begleitung im eigentlichen Sinne hatte ich bisher nicht. Mir tut aber das Gespräch mit einem befreundeten Kollegen oder mit meiner Frau gut.

 

Blase: Wir treffen uns monatlich im Team und besprechen detailliert alle Einsätze des vergangenen Zeitraums. Das ist für uns gleichzeitig die Möglichkeit, uns von den Bildern, die wir auch zwangsläufig mit nach Hause nehmen, zu befreien, sozusagen „auszukotzen“. Eine wichtige Unterstützung ist auch Supervision. Man kann sich einen Profi aussuchen, der sich meinen Bilder- und Eindrucksstau anhören kann. Erwartet wird nur, dass er/sie das aushalten kann. Hilfreich ist auch, ganz normale körperliche Regeln einzuhalten: ausgeschlafen sein, Ruhephasen einhalten und nicht überstürzt in die Notfälle reinlaufen und das Bewusstsein, wir sind nicht der Rettungstrupp.

 

Wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen Gottes Geist, Kraft und Einfühlsamkeit für Ihre künftigen Einsätze.

 

Das Gespräch führte Gerhard Ruisch