Seelsorge im Wandel

 

Eine Viertelstunde lang schleicht die Person immer wieder um das Pfarrhaus herum. Man sieht ihr an, dass es ihr nicht gut geht; die Miene ist bedrückt, die Augen sind feucht. Ja, sie weiß, sie schafft das nicht mehr alleine, sie muss mit jemandem reden. Zu groß ist der Kummer, zu schwierig sind die Fragen, um alleine damit klarzukommen. Schließlich fasst sie sich ein Herz: Sie geht die drei Treppenstufen hoch und läutet an der Pfarrhaustür. Es dauert ein bisschen, dann, Gott sei Dank, der Pfarrer öffnet selber die Tür. „Herr Pfarrer, darf ich mal mit Ihnen sprechen?“ „Aber sicher, kommen Sie doch herein …“ Eineinhalb Stunden später kommt die Person wieder heraus. Die Erleichterung steht ihr auf dem Gesicht geschrieben.

 

Das ist so der „typische“ Fall von Seelsorge, wie ich ihn mir vorstelle. Meine Erfahrung ist: Dieser Fall kommt äußerst selten vor. Dass Menschen Sorgen haben und zu mir kommen, um sich auszusprechen, das hat Seltenheitswert. Etwas einschränken muss ich: Dass es klingelt und draußen ein fremder Mensch steht, der das Gespräch mit den Worten beginnt: „Herr Pfarrer, darf ich Sie mal sprechen“, das passiert doch gar nicht so selten. Nur: Dieser Mensch sucht kaum einmal ein offenes Ohr oder einen Rat. Er will Geld. Es kam schon vor, dass ich so frustriert darüber war, dass ich auf diese Einleitung hin wenig einfühlsam gefragt habe: „Geht es um Geld?“ Worauf die Antwort kam: „Aber nein, natürlich nicht!“ Um dann eine Stunde und eine lange Geschichte später doch bei der Frage zu landen: „Können Sie mir nicht 100 Euro leihen?“ Es heißt dann immer „leihen“, obwohl ich seit einigen Jahrzehnten auf den Ersten warte, der das „Geliehene“ zurückgäbe.

 

Das kommt also vor, aber dass Menschen mich aufsuchen, um mich als Seelsorger zu sprechen, viel seltener, als ich mir wünschen würde. Eigentlich weiß ich nicht, ob sich meine Erfahrung verallgemeinern lässt oder ob es Kollegen vielleicht ganz anders geht. Für mich ist jedenfalls dringend die Frage zu stellen, warum das eigentlich so selten geschieht. 

 

Eine Antwort, die ich finde, ist: Ich glaube, das, was die Menschen früher gesucht haben, wenn sie – sicher nach einiger Überwindung – zum Pfarrer gegangen sind, das war ein ruhender Pol, und das in doppeltem Sinn. Der eine ist ein ruhiger Pol, einer der schweigen kann, einer der sogar zum Schweigen verpflichtet ist und auf dessen Verschwiegenheit man sich hundertprozentig verlassen kann. Ich hoffe, dass wir die Schweigepflicht einhalten, das trauen uns die Menschen auch heute noch zu.

 

Der andere Sinn ist der wichtigere: Der Seelsorger soll ruhender Pol in dem Sinn sein, dass er in sich ruht, dass er Gelassenheit, Souveränität und Lebenserfahrung ausstrahlt, dass er durch seinen Glauben einen festen Halt im Leben und eine Verankerung im Himmel hat. Hier dürfte ein Grund liegen, warum heutige Geistliche möglicherweise weniger als Seelsorgerinnen und Seelsorger gefragt sind als früher. Der Aufgabenbereich speziell von Pfarrerinnen und Pfarrern hat sich gegenüber früher sehr erweitert und verändert. Zeitmanagement und sonstige Managerqualitäten sind heute viel mehr vonnöten. Es hat mich sehr nachdenklich gestimmt, als ich eine evangelische Kollegin aus der Nachbarschaft, die plötzlich ohne alle geistlichen Mitarbeitenden in einer Riesengemeinde dastand, weil zufällig die zweite Pfarrerin, der Diakon und die Vikarin gleichzeitig weggegangen waren, gefragt habe, wie sie damit fertig wird. Sie hat mir gesagt, es sei natürlich hart, aber es würde teilweise dadurch aufgefangen, dass sie praktisch keine Gespräche mehr zu führen habe – die Menschen würden spüren, dass sie keine Zeit hat.

 

Ist das so? Strahle ich aus, dass ich keine Zeit habe? Obwohl ich mir doch zum Grundsatz gemacht habe, dass die Seelsorge vorgeht, dass für sie immer Zeit sein muss? Dann kann es so nicht bleiben! Ich spüre jedenfalls den dringenden Wunsch, dass die Menschen sich nicht scheuen, mich als Seelsorger in Anspruch zu nehmen. Ja, ich habe keine übrige Zeit, mein Arbeitstag ist gut gefüllt. Aber Seelsorger zu sein war für mich eines der wichtigsten Motive, Priester zu werden, und ist heute noch immer eines der Aufgabenfelder, die Vorrang besitzen. Wenn die Zeit nicht reicht, dann will ich an anderem sparen, nicht an der Zeit für Gespräche.

 

Kompetenz

 

Ich glaube, es hat sich auch die Einstellung der Menschen gegenüber uns Geistlichen gewandelt. Als Menschen, die ein Stück näher am lieben Gott sind und deshalb vielleicht ein wenig höhere Einsichten einbringen können, werden wir heute – Gott sei Dank! – kaum noch gesehen.

 

Dazu kommt: Für alle möglichen Probleme gibt es heute Spezialisten: Eheberater für Eheprobleme, Fachärzte für gesundheitliche Sorgen, Schuldnerberater für Menschen in Finanznöten, alle Arten von Psychologen für verschiedene Bedürfnisse der Seele. Diese alle sind in ihrem Fach kompetenter als die Seelsorger. Dazu kommt, dass zumindest früher die Geistlichen sträflich schlecht vorbereitet auf die Menschheit losgelassen wurden; die „Weihegnade“ hatte offenbar zu genügen. Für mich selbst muss ich das leider so sagen; das bisschen Kurs in Gesprächsführung, das wenige Wochen lange Krankenhausseelsorge-Praktikum – wenn es auch recht gut war – reicht doch nicht, um einen jungen Menschen in einen Beichtstuhl sitzen zu lassen! Supervision war damals noch ein Fremdwort, das ich noch nie gehört hatte. Ich schäme mich heute noch im Rückblick für manches, was ich damals von mir gegeben habe. Wenn Menschen auf solche Gesprächspartner gestoßen sind, ist es kein Wunder, wenn sie heute anderswo suchen. Ich bin nur froh, dass sich die notwendigen Kompetenzen auch später noch erwerben lassen und dass die zunehmende Erfahrung ebenfalls hilft und Sicherheit gibt.

 

So wünsche ich mir, dass die Menschen künftig wieder mehr die Kompetenzen an uns entdecken, die wir Seelsorgerinnen und Seelsorger besser einbringen können als all die vielen Spezialisten. Ja, in keinem ihrer Fächer sind wir so kompetent wie sie. Aber weil wir eben schon vieles gesehen und erlebt haben, kennen wir uns nicht nur in unserem begrenzten Fachgebiet aus. Wir müssen um unsere Grenzen wissen, wir müssen wissen, wann wir jemanden zum ärztlichen oder psychologischen Spezialisten zu „überweisen“ haben. Aber vielen können wir tatsächlich durch ein offenes Ohr helfen, vielen, die keine Psychotherapie oder Medikamente brauchen, sondern die einfach Sorgen haben und einen Menschen brauchen, der ihnen hilft, einen weiteren Blick zu gewinnen, wieder klarer zu sehen, eine Möglichkeit zu entdecken, wie es weiter gehen kann.

 

Und wir können unsere „Spezialität“ einbringen, das, was all die vielen Fachärzte und -psychologen nicht beizutragen haben: Wir können auf die spirituelle Dimension dessen achten, was uns erzählt wird, wir können das Leben des Menschen vor uns in einen größeren Rahmen stellen, wir können das Anliegen in Gebetsworte fassen und vor Gott tragen. Damit haben wir ohne Zweifel unsere eigene Kompetenz, die wir nicht selbst gering schätzen dürfen und für die Menschen gewiss wieder einmal mehr sensibel werden. Insbesondere dann, wenn wir auch Gesprächsführung und aktives Zuhören gelernt haben.

 

Neue Seelsorgefelder

 

Der „typische“ Fall von Seelsorge wie eingangs geschildert wird vermutlich trotzdem nicht zurückkommen – wenn es ihn denn jemals wirklich so als Regelfall gab. Wer sagt denn, dass es richtig wäre, zu Hause zu sitzen und zu warten, bis Menschen kommen, die uns sprechen wollen? Es gibt ja genügend alte, kranke, trauernde und von Sorgen geplagte Menschen, die froh sind, wenn wir auf sie zukommen, uns Zeit für sie nehmen, ohne Blick auf die Uhr, wie er bei den anderen Fachleuten üblich ist, wenn wir uns wirklich für sie interessieren und uns erkundigen, wie es ihnen geht. Die Not und der Gesprächsbedarf der Menschen sind so groß wie ehedem. Ich erfahre da Ablehnung nur sehr selten und fast immer Dankbarkeit. Und ich bin sehr froh zu spüren, dass ich auch als Seelsorger gefragt bin, wenn auch vielleicht nicht so, wie es das Klischee erwartet.

 

Es gibt sogar neue Felder der Seelsorge, in denen den Mitarbeitenden große Wertschätzung selbst von Menschen entgegengebracht wird, die nicht gläubig sind. Das eine ist die – nicht mehr ganz so neue – Telefonseelsorge, deren Wert wohl kaum jemand ernsthaft bezweifelt. Sie wird inzwischen noch durch E-Mail-Seelsorge und ähnliche Formen erweitert. Das andere ist die Notfallseelsorge, die als wichtige Ergänzung für Polizei und Rettungsdienste erlebt wird. Hier geschieht Seelsorge im eigentlichen Sinne und da, wo sie am nötigsten ist, nämlich da, wo Menschen in Extremsituationen sind und einen anderen Menschen, der einfach da ist, der mit ihnen aushält, der ein offenes Ohr hat, der ein ruhender Pol ist, dringend brauchen. Am Beispiel der Wuppertaler Telefonseelsorge und im Gespräch mit zwei Notfallseelsorgern unseres Bistums gehen wir darauf weiter hinten ausführlicher ein.

 

Gerhard Ruisch