Was passiert, wenn der Herr kein Herr mehr ist ?

 

Ein Thema, das in Hinblick auf baf und die Frauenarbeit immer wieder besonders wahrgenommen wird, ist das Thema geschlechtergerechte Sprache, obwohl es aus unserer Sicht nur eines unter vielen ist, das uns bewegt.

Ein Teil dieses, durchaus auch unter Frauen sehr kontrovers empfundenen und diskutierten, von vielen Emotionen begleiteten Themas sind die Gottesanreden. Und das ist meiner Meinung nach eben kein „ferner liefen“-Thema, sondern eines, das auf eine tiefere Ebene verweist, weil es um das dahinter liegende Gottesbild geht.

Wir benutzen in unseren Gottesdiensten unzählige Male die Gottesanrede HERR. Oft ist ja einfach „der HERR Jesus“ gemeint, aber würde da nicht auch einfach Jesus oder „Unser Bruder“ genügen?

Dazu möchte ich gerne von meiner persönlichen Erfahrung berichten. Die Anrede HERR bedeutete mir lange Zeit ein Stück vertraute Heimat, weil ich sie von Kindesbeinen an benutzt habe. Der HERR war für mich der, dem ich mich anvertrauen konnte; er war mir damit Trost, Geborgenheit und Sicherheit. Doch im Laufe der Zeit verband ich mit dem HERRN immer weniger. Inzwischen empfinde ich diese Anrede mehr und mehr als hinderlich und irritierend und nicht mehr zu meinem Gottesbild passend. Da hilft es auch nicht weiter, aus dem HERRN eine HERRIN zu machen.

Wirklich geholfen hat mir die Information, dass hinter dieser Anrede ein deutlich anderer Erfahrungshintergrund steht, als wir ihn heute erleben. Früher wurde HERR als Analogie zu einem weltlichen Herrscher benutzt, der in allen Fragen oberste Autorität genoss. Wenn man nun Gott mit HERR anredete, bedeutete das eine Ablösung des weltlichen Herren durch den göttlichen Herren. Das trug eine höchst subversive und auch befreiende Botschaft in sich. Gott höher zu achten als jeden weltlichen Herren, war damals eine durchaus (lebens-) gefährliche Sache.

 

Heutzutage haben wir keinen weltlichen Herren (oder auch keine Herrin) mehr, der oder die absoluten Gehorsam oder Unfehlbarkeit für sich beansprucht. Um nun auszudrücken, dass der göttliche Wille über dem menschlichen Willen steht, taugt die Anrede HERR nicht mehr. Denn ein „Herr“ ist ja auch „nur“ ein begrenzter, von Gott und anderen Menschen abhängiger Mensch.

Welcher Name des UNAUSSPRECHLICHEN ist aber dann geeignet, diese unbedingte Souveränität deutlicher auszudrücken, die höher zu bewerten ist als menschliches Ego und Wille?

 

Du sollst dir kein Bild machen von Gott, steht im zweiten Gebot. Anders übersetzt kann das auch heißen: Du sollst dir nicht ein Bild machen. Sondern mehr als eins. Am besten finde jeden Tag ein Neues, einen neuen Namen für Gott. Da geht es um Achtsamkeit: Hinzuspüren und immer wieder neu zu suchen, wie ich diese Lebendigkeit und positive Beziehungsqualität im Moment ausdrücken möchte – welchen Namen sie heute hat. Was ist die LEBENDIGE heute für mich, an die ich mich erinnern und wenden will? Deren Präsenz, Kraft und Trost ich spüren möchte?

Ina Praetorius, eine evangelische Pfarrerin aus der Schweiz, hat gebetet: „DU IM HIMMEL ZWISCHEN UNS, geheiligt werde dein Name…“ Das hat mich elektrisiert. Seit ich das Vaterunser ab und zu so für mich „übersetze“, ist es mir plötzlich nah wie lange nicht mehr. Ich bete es in der S-Bahn, wenn sie überfüllt ist und ich mich über laute Musik aus den I-Pods und Handys ringsum aufrege. Und siehe da, mein Herz wird wieder weit. Ich kann auch diese nervigen „Störenfriede“ wieder als Menschen wahrnehmen, die ihrer Lebendigkeit Ausdruck verleihen, und kann diesen „Himmel zwischen uns“ spüren, diese Verbindungsqualität, die mir hilft, in jedem Menschen Bruder und Schwester zu erkennen.

 

Martin Buber schreibt: „Jedes irdische Du ist Durchblick zum ewigen Du.“ In der Begegnung mit dem Anderen wird das grundsätzliche, größere Du erfahrbar.

 

Dieses Verbundensein und die darin spürbare Lebendigkeit ist es, die für mich höchste Priorität genießt und an die ich mich immer wieder erinnern und innerlich anschließen will.

Darum wünsche ich mir, dass wir darüber ins Gespräch kommen, neugierig auf unsere jeweiligen Erfahrungen sind. Um genau in dem gegenseitigen Verstehen-Wollen diese Qualität von Verbindung und Menschlichkeit zu erleben, die uns Durchblick zum ewigen DU sein kann.

 

Lydia Ruisch