Kloster Ettal – kein Einzelfall

Oder: der sexuelle Missbrauch und die Kirche

 

„Sexueller Missbrauch ist kein Thema für die Alt-Katholische Kirche“, mag die eine oder andere bei diesem Titel denken. Sicher, die Alt-Katholische Kirche hat weder ein Internat noch – bis auf einen Kindergarten - sonst eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Die Geistlichen leben nicht zölibatär, sondern viele sind verheiratet. Also muss sexueller Missbrauch kein Thema in der Alt-Katholischen Kirche sein.

Wer so denkt, übersieht, dass sexueller Missbrauch wie auch psychische und körperliche Gewalt fast immer von Menschen ausgehen, die ihr „Opfer“ gut kennen. Der soziale Nahraum wie die Familie, der Freundes- und Bekanntenkreis, die Nachbarschaft oder soziale Gruppen ist der Ort, in dem (fast) immer der Übergriff geschieht. Dort wo Menschen Menschen vertrauen, wo sie ihnen nahe sind, wo sie Schutz und Unterstützung suchen, wo sich Menschen Menschen öffnen, da beginnt Intimität, dort sind Menschen besonders verletzlich und können ausgenutzt und überwältigt werden.

Heiner Keupp, emeritierter Professor für Gemeindepsychologie an der Universität München, hat gemeinsam mit Florin Straus und drei weiteren Personen Anfang dieses Jahres eine lesenswerte Studie mit dem Titel „Sexueller Missbrauch, psychische und körperliche Gewalt im Internat der Benediktinerabtei Ettal – Individuelle Folgen und organisatorisch-strukturelle Hintergründe“ vorgelegt (die Studie ist zu finden unter www.ipp-muenchen.de). Die Ergebnisse und die Schlussfolgerungen der Studie basieren auf zahlreichen Interviews mit ehemaligen Schülern, Patres und Angehörigen.

 

Schnell wird deutlich, der sexuelle Missbrauch hat viele Gesichter und Facetten: Es sind junge Präfekten, die teilweise selbst Schüler im Internat waren, die kein Verhältnis zu ihren eigenen sexuellen Wünschen entwickelt haben; denn Sexualität wurde weder im Internat noch im Priesterseminar thematisiert. So war es für den einzelnen Mann schwierig, eine eigene sexuelle Identität – und sei es die als zölibatär lebender Mann – zu entwickeln. Sie waren auf ihren Auftrag, junge Menschen zu erziehen und zu bilden, nicht vorbereitet, hatten als Verhaltensmodell ihre eigenen, alten Präfekten. Allein gelassen suchten sie die Nähe zu ihren Schülern – ohne ein Gefühl für die notwendige „professionelle“ Distanz zu entwickeln. Sie selbst waren hungrig nach Nähe, Intimität und Wärme, die sie erhielten, wenn sie vor Heimweh kranke Jungen trösteten. Es gab auch einen Präfekten, der im „Zeichen der Aufklärung“ mit den Jungen morgens früh nackt schwimmen ging und diese „Offenheit“ für seine eigenen Begierden nutzte. So gab es dann auch Missbrauch von Schüler zu Schüler. Aus Opfern wurden Täter, weil sie es so gelernt hatten.

Pädagogisch überfordert von dem Auftrag, eine Gruppe junger Menschen zu führen, griffen die Erzieher zu „alt bewährten“ Erziehungskonzepten der „schwarzen Pädagogik“. Sie hatten selbst als Kind und Jugendlicher den „Erfolg“ der Prügelstrafe gesehen und griffen dann hilf- und orientierungslos nach den gleichen Mitteln, wenn sie sich behaupten wollten. Und die Schüler „lernten“ von den Präfekten; auch sie erkannten, dass Gewalt hilft, sich zu behaupten und seine Interessen durchzusetzen.

Wenn sich Schüler oder, was sehr selten vorkam, Eltern über einen Präfekten beschwerten, dann wurde dieser versetzt, seine Übergriffe aber weder mit ihm noch im Kollegium angesprochen. Es gab keinen Raum, in dem der einzelne Präfekt über seine Schwierigkeiten, seine Sorgen, seine Gefühle sprechen konnte. Eine Kommunikation fand nicht statt.

 

Und die meisten Schüler schwiegen – aus Scham und dem Gefühl, mitschuldig geworden zu sein. Sie konnten sich ihren Eltern nicht offenbaren, denn diese glaubten, für ihre Kinder „das Beste“ herausgesucht zu haben. Und wenn ein Schüler sich traute, den Übergriff anzusprechen, dann erhielt er zur Antwort: „Von einer segnenden Hand kann keine Sünde ausgehen“.

Die Studie beschreibt sensibel und mit großer Sorgfalt, wie die Spirale des Schweigens weiteren Missbrauch und weitere Übergriffe ermöglichte. Dort, wo Kinder Erwachsenen vertrauen, wo sie auf emotionalen Beistand und Begleitung angewiesen sind, weil sie besonders verletzlich sind, dort gilt es, eine Spirale des Schweigens zu verhindern. Dies gelingt nicht durch Verdächtigungen und Mutmaßungen, sondern durch eine offene Kommunikation und durch die Bereitschaft, Schwächen und Fehler zuzulassen, sie zu benennen und Zeit und Raum zum Nachdenken und zum Reflektieren zu ermöglichen.

Die Studie endet mit Empfehlungen zur Entwicklung eines Präventionskonzepts. Diese Empfehlungen gelten für alle Institutionen, in denen sich Kinder im Vertrauen auf die Integrität des Erwachsenen diesem öffnen und sich auf ihn verlassen. Solche Situationen gibt es überall, auch in der Alt-Katholischen Kirche – von der Kindergruppe, die sich wöchentlich im Gemeinderaum trifft, bis hin zu den Ferienfreizeiten. Wichtig sind ein pädagogisches Leitbild, das im Alltag trägt, pädagogisches Wissen, das im Alltag anwendbar ist, und ein Raum, in dem Erwachsene offen miteinander über Schwierigkeiten, Schwächen und Fehler, aber auch über Möglichkeiten ihres Handelns sprechen können. Wichtig ist schließlich eine entwickelte Persönlichkeit, die ihre eigene Geschlechtlichkeit reflektiert und um die sexuell beeinflussten Entwicklungsprozesse vorpubertierender und pubertierender Jugendlicher weiß. Eine menschenfreundliche Sexualmoral ist Grundlage für ein wirksames Präventionskonzept.

 

Bernhard Scholten