Der Papst – Bischof von Rom und die Entstehung der Alt-Katholischen Kirche

 

Angeregt von dem neuen Buch „Die Nonnen von SantAmbrogio“ von Hubert Wolf hat Bernhard Scholten einen Artikel geschrieben, der viel mehr als eine Buchbesprechung geworden ist:

 

Der Rücktritt von Josef Ratzinger als Papst Benedikt XVI. und die Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum neuen Bischof von Rom als Papst Franziskus haben dem Papsttum eine hohe mediale Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei vermittelten die Medien ein Bild vom Vatikan und vom Papsttum, als gäbe es dies seit Anbeginn der Kirche. Doch unser Bild vom Papsttum und vom Vatikan entspricht keiner 2000-jährigen Geschichte, es ist ein Produkt der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts. Zuvor war der Papst als Bischof von Rom weltlicher Herrscher des Vatikanstaates, der große Teile des heutigen Italiens umfasste. Napoleon besetzte Rom, zwang Pius VII. ins französische Exil.

 

Nach dem Wiener Kongress (1815) kehrte Papst Pius VII. aus Frankreich seiner weltlichen Macht beraubt nach Rom zurück. Die Welt schien aus den Fugen geraten; Menschen suchten Orientierung und Halt, gerade die deutschen Katholiken „orientierten sich infolge der Säkularisation und der damit verbundenen Zerstörung der alten Reichskirche mit ihren Fürstbistümern immer mehr nach Rom“ (S. 18), so beschreibt Hubert Wolf in seinem Buch „Die Nonnen von SantAmbrogio“ das gesellschaftspolitische Klima des 19. Jahrhunderts.

 

Vordergründig handelt Hubert Wolfs Buch von einem Nonnenkloster in Rom, in dem die Nonne Maria Luisa, eine „schöne junge Novizenmeisterin“, junge Novizinnen verführte und sexuell missbrauchte. Nonnen, die sich dagegen auflehnten, wurden mit dem Tode bedroht, vier Schwestern starben, einer Nonne, der deutschen Adligen Katharina Fürstin von Hohenzollern-Sigmaringen, gelang die Flucht aus dem Kloster. Ihre Aussagen führten zu einem geheimen Prozess der Inquisition. Anhand von Dokumenten aus den Archiven des Vatikans beschreibt Wolf diesen Prozess gegen die Novizenmeisterin Maria Luisa und gegen die Äbtissin Maria Veronica, die das Handeln ihrer Novizenmeisterin nicht nur deckte, sondern als heiliges Handeln förderte, sowie gegen die beiden Beichtväter des Klosters.

Maria Luisa war es gelungen, den Glauben der Nonnen an die Heiligkeit der Ordensgründerin für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Auch sie hatte angeblich Erscheinungen gehabt, hatte im direkten Kontakt mit der heiligen Mutter Maria gestanden, sie hatte von ihr regelmäßig schriftliche Botschaften und als besonderen Beweis ihrer Heiligkeit einen himmlischen Ring geschenkt erhalten. Es war der Novizenmeisterin auch gelungen, die beiden Beichtväter des Klosters von der Heiligkeit ihres Handelns zu überzeugen. Die eindeutig sexuellen und erotischen Handlungen waren – so ihr Beichtvater Giuseppe Leziroli – von Gott gewollt und somit nicht Sünde, sondern ein Lobpreis Gottes.

Wolf gelingt es sehr anschaulich, indem er ausführlich aus den Vernehmungsprotokollen der Inquisition zitiert, die im Kloster herrschende Atmosphäre von Kleingeistigkeit und Bigotterie deutlich zu machen. Er zeigt auf, wie sehr Nonnen und Beichtväter im magischen Denken verfangen sind; denn wenn eine Schwester die Novizenmeisterin bei einer verbotenen Handlung gesehen hat, so war dies nicht die heilig wirkende Nonne Maria Luisa, sondern der Satan, der in Gestalt von Maria Luisa Böses tat. Die Schwestern glaubten tatsächlich, so die Vernehmungsprotokolle, dass der leibhaftige Teufel die Gestalt eines geliebten Menschen annehmen kann, um dann in dessen Gestalt Böses zu tun.

 

Allein diese sehr präzisen Schilderungen des abergläubischen Denkens und des magischen Muttergottesglaubens lohnen die Lektüre dieses Buches. Beim Lesen stellt sich auch die Frage, seit wann es eigentlich in Klöstern sexuellen Missbrauch gibt und wie dieser „bemäntelt“, verschwiegen oder gar als Gott gewollt verteidigt wurde.

 

Doch das Buch hat mehrere Ebenen: Der zweite Beichtvater mit Namen Giuseppe Peters war der Liebhaber der jungen und schönen Novizenmeisterin Maria Luisa, sein eigentlicher Name war Joseph Wilhelm Carl Kleutgen. Kleutgen war, wie Wolf deutlich herausarbeitet, als Autor des für die Begründung der Neuscholastik grundlegenden Werkes „Die Theologie der Vorzeit“ auch Vordenker und geistiger Vater des Unfehlbarkeitsdogmas des 1. Vatikanischen Konzils. Kleutgen war engster Berater des Kurienkardinals August Graf von Reisach, der wegen seines Verhaltens als Erzbischof von München und Freising in Bayern nicht länger haltbar gewesen war und auf Wunsch des bayerischen Königs 1855 zum Kurienkardinal nach Rom befördert wurde (S. 349). Reisach, so Wolf, schrieb seine Abschiebung nach Rom jedoch insbesondere dem Münchener Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger zu (S. 350). Reisach „traf sich mit dem Papst im Glauben an das Wirken der Übernatur in der Natur und in der Schwäche für das Übersinnliche (S. 412). Reisach war maßgeblich an der Vorbereitung des Ersten Vatikanischen Konzils beteiligt und wurde 1869 von Pius IX. zum ersten Konzilspräsidenten ernannt.

 

Zur Vorbereitung des Konzils entwickelte Kleutgen im Auftrag von Reisach in zwei Schriften Gravissimas Inter (1862) und Tuas libenter das Konzept des „ordentlichen Lehramtes“. Kleutgens Schrift Tuas libenter „richtete sich vordergründig gegen den Münchener Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger und dessen Rede auf der von ihm (1863) organisierten Münchner Gelehrtensammlung“ (S. 424), mit der eigentlich die Spaltung der deutschen Theologie in Romaner und Deutsche, in Neuscholastiker und moderne Theologen überwunden werden sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Konzept des „ordentlichen Lehramtes“ unbekannt, „es gab nur das feierliche Lehramt der Konzilien und der Päpste“ (S. 424). Kleutgen setzte gegen diese Tradition auch das „ordentliche, täglich ausgeübte und genauso verbindliche Lehramt von Papst und Kurie“ (S. 424), das „zuerst dem Papst in all seinen Äußerungen, dann den […] einmütig lehrenden Bischöfen und […] zuletzt auch ‚angesehenen‘ Theologen“ (S. 428) zukommt, während Döllinger in seiner Rede entschieden für die Freiheit der Theologie vor römischen Bevormundungen plädiert hatte (S. 425). So gibt Wolf auch einen spannenden und gut verständlichen Einblick in die theologischen und historischen Hintergründe, die zum Unfehlbarkeitsdogma und damit zur Entstehung der Alt-Katholischen Kirche führten.

 

Kleutgen entwickelte die Grundlagen seiner „Theologie der Vorzeit“ genau in der Zeit, in der er als Pater Peters zweiter Beichtvater im Kloster SantAmbrogio und heimlicher Geliebter der Novizenmeisterin Maria Luisa war und er deren Treiben gegenüber kritischen Nonnen als gottgefällig verteidigte. Offen bleibt, ob Kleutgen tatsächlich an die Wunder seiner Geliebten Maria Luisa glaubte oder ob er schlicht ein Doppelleben führte.

 

Papst Franziskus spendete den Ostersegen „Urbi et orbi“ nicht in sechzig Sprachen wie seine Vorgänger, sondern als Bischof von Rom italienisch. Es bleibt zu hoffen, dass er zukünftig als Bischof von Rom als Primus inter Pares handeln wird und dass damit das Denken der Neuscholastik und des 19. Jahrhunderts endgültig der Vergangenheit angehört.

Bernhard Scholten