Karl May - Empor zum Reich des Edelmenschen

 

Eigentlich hatte ich ja schon im letzten Jahr vor, diesen Artikel zu schreiben, zu Karl Mays 170. Geburts- und 100. Todestag. Aber irgendwie habe ich es damals nicht geschafft. Doch nun hat der Karl-May-Verlag in Bamberg zu seinem eigenen hundertjährigen Bestehen mit dem Titel Zwischen Himmel und Hölle einen Sammelband mit Aufsätzen zur Religion in Karl Mays Büchern herausgegeben und an Redaktionen religiöser Zeitschriften zur Rezension versandt – der Kick, den ich noch gebraucht habe.

 

Ich habe Karl May viel zu verdanken, vor allem, nach der Enid-Blyton-Phase, die Freude am Lesen dicker Bücher und unzählige Stunden der Spannung, teils heimlich unter der Bettdecke. Den vollen, langen Namen von Hadschi Halef Omar kann ich heute noch auswendig. Selbst als Erwachsener habe ich immer mal wieder zu einem der grünen Bände gegriffen, und zwar vor allem in besonders schwierigen Phasen. Dann tat es gut, zwar etwas Spannendes zu lesen, aber auch etwas, bei dem das Gute vom Bösen klar getrennt ist und schon bei der Personenbeschreibung, mit der eine Person neu in die Handlung eingeführt wird, klar ist, auf welcher Seite sie steht. Eines konnte man auf jeden Fall sicher wissen: Wenn ein Franzose auftrat (nicht aber eine Französin), dann war er der Bösewicht. Das ist nur eines der Beispiele dafür, warum es interessant ist, auch als kritischer Erwachsener einmal in einen Band hineinzuschauen, denn es ist viel über das Denken eines Deutschen in der zweiten Hälfte des  19. Jahrhunderts zu erfahren.

 

Ich denke, es ist neben den für heutige Lesegewohnheiten langen Sätzen und ausladenden Beschreibungen diese einfache Handlungsstruktur, die dazu geführt hat, dass Karl May heute nicht mehr zu den bevorzugten Autoren von Jugendbüchern gehört (zu denen er sich selbst auch gar nicht gezählt hat, er wollte meist für Erwachsene

schreiben). Er würde vermutlich staunen, was alles möglich ist, könnte er einmal ein Buch von Rowling, Boie, Kordon, Steinhöfel oder Funke lesen.

 

Bei Karl May habe ich auch die bis heute höchst nützliche Fähigkeit erworben, Texte schnell zu überfliegen und dabei grob das Wichtigste zu erfassen, um dann dort weiterzulesen, wo es interessant wird – wie anders hätte man sonst die seitenlangen Landschaftsbeschreibungen aushalten sollen? Und ich bin sicher, viele andere Leser haben es bei den vielen und ausführlichen religiösen Dia- oder Monologen ebenso gehalten. Ich hingegen nicht, denn schon als Kind haben mich theologische Fragen interessiert, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Autor den Glauben meiner Kinder- und Jugendzeit mit geprägt hat. So war mir der neue Band ein willkommener Anstoß, noch einmal zu reflektieren, was ich damals, gut verpackt in eine spannende Handlung, unbewusst aufgenommen habe.

 

Religion bei Karl May

 

Der Begleittext, den der Verlag dem neuen Band beigelegt hat, ließ mich allerdings befürchten, dass es sich um eine Reihe von apologetischen Aufsätzen handeln würde. „Dialog und Verständnis zwischen Christentum, Islam und den anderen Weltreligionen – dieses aktuelle Thema hat Karl May schon vor über hundert Jahren beschäftigt“, heißt es darin zum Beispiel. Erfreut konnte ich feststellen, dass es in den Beiträgen zwar auch solche Züge gibt, dass aber die meisten Autoren doch eine kritische Distanz wahren konnten.

 

So kam in mehreren Beiträgen zur Sprache, dass Karl Mays Alter Ego Old Shatterhand beziehungsweise Kara Ben Nemsi zwar seine Freunde Winnetou und Hadschi Halef Omar dadurch schließlich zu Christen machen konnte, dass er ihnen deutlich machte, das Christentum sei im Gegensatz zu ihrer jeweiligen eigenen Religion die Religion der Liebe. Diese starke Betonung des „Gott ist Liebe“ aus dem 1. Johannesbrief bei Karl May hat auf jeden Fall meine eigenen religiösen Überzeugungen geprägt. Die Verfasser machen aber auch darauf aufmerksam, dass vor allem in seinen bekanntesten Reiseerzählungen ein Gott gezeichnet wird, der Übeltäter akribisch nach dem Grundsatz „Gleiches mit Gleichem“ straft. Auch „Gott lässt seiner nicht spotten“ ist so ein Grundsatz, den May mit seinen Geschichten ausmalt. So wird in Old Surehand der notorische Spötter Old Wabble, der einen Feind qualvoll ermordet, indem er ihm mit einem Baumstamm den Unterleib zermalmt, dadurch getötet, dass ihm ein herabstürzender Felsblock das gleiche Ende bereitet – und May legt ausführlich dar, dass hier Gottes strafende Hand im Spiel war. Das ist doch eine sehr krude Theologie, die ich Kindern lieber ersparen möchte.

 

Gut bringt Zwischen Himmel und Hölle zum Ausdruck, dass Karl May noch einmal eine entscheidende Wende erfahren hat. Ausgelöst wurde sie dadurch, dass er, nachdem er seine großen Reiseerzählungen veröffentlicht hatte, zum ersten Mal die USA und den Orient tatsächlich bereiste – und alles war so völlig anders als in seiner Fantasie. Er fand sich nicht zurecht, konnte auch mangels Sprachkenntnissen (statt 40 Fremdsprachen, die er angeblich fließend beherrschte, konnte er wohl keine einzige richtig) keinen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung aufnehmen und bewegte sich nur auf ausgetretenen Touristenpfaden.

 

Während er abwesend war, hatten in Deutschland feindlich gesinnte Journalisten sowohl die Tatsache, dass alle angeblichen Erlebnisse erfunden waren, als auch Mays kriminelle Vergangenheit ausgegraben – er war als junger Mann wegen Betrugs und Diebstahls zu vier Jahren Arbeitshaus und später noch einmal zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Die jahrelange Schlammschlacht, die darauf folgte, und die Prozesse, mit denen May sich zu wehren versuchte, stürzten ihn in tiefe Verzweiflung mit psychotischen Zügen. Es ist schon ein bisschen lustig: May wurde zu Recht vorgeworfen, dass er die tollsten Reisen beschrieb, ohne Deutschland kaum je verlassen zu haben. Aber die Betrügereien, die in seinen Büchern beschrieben sind, hat er zum Teil tatsächlich ausprobiert.

 

Seit diesen Angriffen schrieb er anders. Die von den Lesern erwarteten Reiseerzählungen konnte er nicht mehr ersinnen. Es kam ein Gedichtband, eine Reihe von allegorischen Romanen religiösen Inhalts, sogar ein Drama Babel und Bibel. Dieses allerdings wurde praktisch nie aufgeführt, die Bücher wollten nur noch wenige lesen. Aber in diesen letzten Jahren seines Lebens setzte er sich wirklich für Frieden und religiöse Toleranz ein, was man von den früheren Büchern nicht unbedingt behaupten kann. Zu deutschtümelnd kommen sie daher (auch wenn einer der Autoren des Sammelbands das zu widerlegen versucht), zu sehr allen anderen Religionen überlegen ist in ihnen das Christentum.

 

Kind seiner Zeit

 

In all seinen bekannteren Werken ist Karl May ein Kind seiner Zeit. Sein Wissen über fremde Kulturen schöpfte er aus dem Brockhaus und aus Meyers Konversationslexikon. Entsprechend ist auch die Kenntnis anderer Religionen rudimentär und gefärbt. Die weiße Rasse ist allen anderen überlegen, Winnetou ist die große Ausnahme. Dunkelhäutige Menschen sind kindlich und wenig intelligent; sie können zum Teil nicht einmal richtig sprechen.

 

In einem frühen Roman, Der Herr der tausend Masken, kommt ein jüdisches Ehepaar vor. Zu ihm kommt ein Baron. Hier eine kurze Kostprobe: „Der Baron klopfte. Erst nach einer längeren Zeit wurde sie um eine Lücke geöffnet, blieb jedoch von innen noch mit Hilfe einer Sicherheitskette gesperrt. Eine lange, scharfe Nase erschien in der Spalte, und eine schnarrende, weibliche Stimme fragte: Was wollen Sie? Kaufen! antwortete er kurz. Das wirkte. Die Stimme wurde freundlicher […].Sie aber öffnete eine in einen Nebenraum gehende Tür und rief hinein: Salomonleben, es ist da gekommen ein feiner Herr, welcher will machen einen guten Handel mit dir. Lass gehen das Weib, welches doch nicht kann Nutzen bringen einen einzigen Pfennig für dich und unser Geschäft. […] Salomon Levis lange, hagere Gestalt erschien im Rahmen der Türe. Der Baron nickte leise vor sich hin. An ihn wandte sich jetzt der Jude. Ich bitte einzutreten, mein Herr! Ich stehe gern zur Verfügung, wenn man kommt, bei mir zu kaufen für bare Zahlung, aber nicht auf Kredit, welcher ist schädlich für den Handel und Wandel der Leute von Geschäft.“

Das Denken, das in dieser Schilderung zum Ausdruck kommt und in dem ja nur eine verbreitete Verachtung zum Ausdruck kommt, war ohne Zweifel der Boden im 19. Jahrhundert, auf dem Jahrzehnte später Hitlers Judenhass gedeihen konnte. Es ist ein Mangel, dass die Beiträge im neuen Sammelband auf diese frühen Entgleisungen nicht eingehen.

 

Die Geisterschmiede

 

Allerdings spricht es für den Schriftsteller, dass er in seinen letzten Lebensjahren diese geistige Enge überwinden konnte. Nun erst, im 20. Jahrhundert, war er seiner Zeit voraus, gehörte zu einer Avantgarde, die sich in ihrem Schaffen für Völkerverständigung und für religiöse Toleranz einsetzte. Wahrscheinlich hat es dafür die Erfahrung gebraucht, dass er weit davon entfernt war, ein ständig überlegener Old Shatterhand zu sein. Ich vermute, dazu hat neben den oben genannten Anfeindungen auch die Auseinandersetzung mit der eigenen homosexuellen Veranlagung beigetragen. Zwar gibt es Autoren, die sie in Abrede stellen wollen (nicht im Jubiläumsband; er geht gar nicht auf diese Frage ein). Aber selbst wenn man Arno Schmidts psychologisierenden Sprachuntersuchungen in Sitara und der Weg dorthin von 1963 nicht folgen möchte, mit denen er diese sexuelle Ausrichtung zu beweisen sucht, muss man doch nur einmal im Winnetou lesen, wie May das händchenhaltende Zusammensein mit dem Indianerhäuptling schildert, um Bescheid zu wissen.

Diese „Geisterschmiede“, die jeder Mensch laut Mays Spätwerken durchlaufen muss, um sich zu höherer Moralität, zum „Edelmenschen“ zu entwickeln (der nichts mit dem „Herrenmenschen“ wenige Jahre später zu tun hat), sie hat ihm selbst ermöglicht, zu einer reifen und offenen Geisteshaltung zu finden, zu der im 20. Jahrhundert dann viele Menschen durchdringen konnten. May musste nicht mehr erleben, wie dieses neue Denken dann erst einmal wieder in den Gewaltorgien des Ersten Weltkriegs unterging. Dass Karl May diese Entwicklung machen konnte, macht ihn zu einem Beispiel für eine der großen Zeitenwenden in der Geschichte: den Weg von der geistigen Enge des wilhelminischen Kaiserreichs hin zu einem universalen Humanismus. Schade, dass die Bücher aus dieser Epoche nie die Faszination entwickeln und die Leserzahl finden konnten wie seine früheren Werke. Die ersehnte Anerkennung als Dichter ist ihm – vermutlich zu Recht – bis heute versagt geblieben.

 

Ich fürchte, ähnlich wird es, was die Leserzahl angeht, dem Jubiläumsband des Karl-May-Verlags gehen. Die Aufsätze werden wohl nur ein sehr spezielles und folglich kleines Publikum ansprechen können. Ich habe gerne dazugehört.

 

Gerhard Ruisch