Argusauge und Holzkopf

Oder: Endlich Zeitenwende in der Evolution

 

Langsam wird’s Zeit. Ich meine nicht Zeit für eine Lesebrille, um diesen Text besser entziffern zu können, sondern Zeit für eine Wende. Und zwar in der Evolution. Ja, ich finde, wir haben uns genug mit weltlichem Fortschritt wie Zivilisation abgegeben; jetzt muss eine Zeitenwende in der Evolution her. Das menschliche Konstrukt ist ja seit der Steinzeit kaum voran gekommen.

 

Wir brauchen Brillen, um Fehlsichtigkeiten auszugleichen, und in der Entwicklung der Brillen hat es Fortschritte gegeben vom Monokel oder dem Lorgnon (Einauge) über die Lorgnette (Stielbrille) bis zum Bifocal- und Gleitsichtgestell. Doch hat sich damit das Auge auch nur einmal in seiner Evolution dem Problem gestellt und angepasst durch mehr Flexibilität? Na also.

 

Ich finde, eine Zeitenwende in der Evolution ist dran. Schluss mit lustig. Was treibt der große Ingenieur über den Wolken da eigentlich seit Jahrtausenden? Da sind wir als Amöbe aus dem Wasser gekrochen und haben uns vom Affen zum Menschen entwickelt (obwohl meine bescheidene Beobachtung eher dahin geht, dass der Mensch vom Hamster abstammen muss, so wie vor Feiertagen eingekauft wird). Aber wesentliche Verbesserungen darüber hinaus hat es nicht gegeben.

Ich weiß, woran die fehlende Weiterentwicklung krankt: Die Verbindung zum großen Designer ist abgebrochen. Vielleicht heißt es ja wirklich nicht der liebe Gott, sondern das liebe Gott (siehe Frauenministerin Kristina Schröder), und wir haben „es“ beleidigt. „Ette“, wie der Ruhrpottler sagt. Ette über den Wolken.

 

Mit der Meinung, dass der menschliche Organismus an viele Aufgaben beklagenswert schlecht angepasst ist, stehe ich nicht allein. Nein, der Arzt und Molekularmediziner Detlev Ganten (72) bezeugte in einem Interview des ZEITmagazins, dass unsere Beschwerden auf ein steinzeitliches Gefüge unseres Organismus zurück zu führen sind und die heutige Medizin mit ihrem Reparaturbetrieb dem nicht gerecht wird.

Allerdings verstehe ich nicht, wieso Ganten ablehnt, seine Ideen an oberster Stelle vorzutragen. Ich finde seine Einfälle gut. So spintisierte er, evolutionär endlich eine ganz andere Linie einzuschlagen, wie die der Mollusken, der Weichtiere. Ohne Wirbelsäule kein Rückenschmerz, der, wie wir wissen, einen Großteil der Bevölkerung plagt. Ganten machte zudem weitere Vorschläge, die er ebenfalls für wenig beliebt hält, die mir jedoch völlig einleuchten. So meinte er, der optimierte Mensch sollte nicht mehrmals am Tag essen müssen. Lange grüne Ohren könnten zudem das Licht einfangen und per Fotosynthese in Energie verwandeln. Wir sehen: Zwei Fliegen mit einer Klappe: Die eingesparte Essenszeit kann gekoppelt mit mehr Energie genutzt werden für noch mehr Arbeit. (Und zudem würden endlich alle Kaninchenbesitzenden von ihren Tieren in den Hasenkreis aufgenommen und anerkannt.)

Ganten scheint mir ein entmutigter Wissenschaftler, der nicht mehr daran glaubt, dass Gebete helfen. Wenn wir nur fleißig genug „ette“ im Himmel bitten würden, uns statt grauem und grünem Star ein tolles Argusauge zu evolutionieren, oder uns bei der nächsten Geburt statt der mit Kopfschmerz geplagten Birne einen Holzkopf anzumontieren, der im übrigen auch gebraucht werden kann zum Widerstand gegen andere Meinungen, wären wir sicher einen enormen Schritt weiter. Oder sollte Detlev Ganten recht haben mit seiner Einstellung, den Menschen lieber nicht zu optimieren: „Es ist doch eine wichtige Erfahrung, mit Grenzen fertig zu werden.“

 

Nun, ich habe noch keinen Holzkopf, deshalb erscheint es mir möglich, dass er einen wichtigen Punkt anspricht und wir „ette“ im Himmel mal lieber schalten und walten lassen.

 

Francine Schwertfeger