Zeitenwende?

 

In den wilden 1968er-Jahren rechneten viele mit dem Anbruch einer neuen Zeit. Am deutlichsten besungen wurde sie im Lied „Aquarius“ aus dem Musical Hair:

When the moon is in the Seventh House
And Jupiter aligns with Mars
Then peace will guide the planets
And love, will steer the stars

This is the dawning of the age of Aquarius
The age of Aquarius

Einfach dadurch, dass das Sternbild wechselt in das Wassermann-Zeitalter, soll alles anders werden, besser, friedlicher.

Ist sie gekommen, die neue Zeit? Ist die Welt heute friedlicher? Gehen wir heute besser miteinander um? Im Rückblick lässt sich feststellen: Ja, es hat sich ungeheuer viel geändert seit damals. Aber auch nein, denn Kriege gibt es nach wie vor viel zu viele, ebenso wie menschlichen Egoismus und gesellschaftliche Ungerechtigkeit. So lange Menschen verhungern, hat der Wassermann noch viel zu tun. Das zeigt, Zeitenwenden kommen nicht mit einem Schlag. Es geht vor, aber auch wieder zurück, es gibt Antreiber ebenso wie Bremser, mal sind die stärker, mal jene. Und es gibt bei allen Veränderungen Licht- und Schattenseiten.

 

Nehmen wir die Globalisierung. Vor 50 Jahren herrschte in Europa noch Kleinstaaterei. Zaghafte erste Versuche der Öffnung auf eine größere Einheit hin gab es, etwa die Montanunion und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Aber nur sehr kühne Denker konnten sich eine Europäische Union mit einer gemeinsamen Währung vorstellen. Und natürlich gibt es jetzt die, die alles am liebsten wieder rückgängig machen möchten, sowohl in den Ländern, die auf die Hilfe der anderen angewiesen sind und in denen Menschen meinen, ohne die EU wären sie erst gar nicht so in Schulden geraten, als auch in den Geberländern, in denen viele aufschreien, sie wollen nicht immer Zahlmeister sein. Sie übersehen nur, dass sie ohne die EU als Absatzmarkt mit dem gemeinsamen Euro nicht so prosperieren könnten. In Großbritannien ist die Gefahr inzwischen sehr real, dass ein großes EU-Land wieder aus der Gemeinschaft austritt (auch wenn es nie Teil der Währungsunion war).

Doch inzwischen ist ja nicht nur Europa, sondern die ganze Welt zusammengerückt. Wer hätte sich vor 50 Jahren ein VW-Werk in China vorstellen können? Oder dass Indien und Afrika zu den Regionen mit dem stärksten Wirtschaftswachstum gehören? Dass Länder sich aus der Unterentwicklung befreien können, denen man das nie zugetraut hätte, verdanken sie der Globalisierung. Dass die Chance in greifbare Nähe gerückt ist, den Hunger doch einmal auf der ganzen Welt überwinden zu können (s. Kurzmeldung auf der zweiten Seite), das ist doch eine wahrhaft gute Nachricht.

Aber die Kehrseite ist ebenfalls hinlänglich bekannt: dass es sehr lukrativ geworden ist, Agrarland tausende von Kilometern entfernt zu kaufen, weil mit Nahrungsmitteln noch wirklich große Renditen erzielt werden können, vor allem, wenn man die Preise diktieren kann, dass Regierungen skrupellos ganze Stämme enteignen, um ihr Land verkaufen zu können, dass die enteigneten Bauernfamilien erst recht wieder in Hunger und Elend gestürzt werden, dass durch Pestizid- und Düngereinsatz und durch den enormen Wasserverbrauch der Monokulturen riesige Flächen verwüstet werden, dass die Abholzung des Regenwaldes und skrupellose Umweltsünden die Erderwärmung weiter anheizen – Wassermann, hilf!

 

Das alles zeigt mir: Die Zeiten ändern sich. Aber die Richtung ist nicht eindeutig. Positive Entwicklungen bringen auch Gefahren mit sich. Und es gibt immer Menschen, die für sich Profit herausschlagen wollen. In gewisser Weise gilt, was Kohelet, der Prediger, gesagt hat: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ (Koh 1,9). Generationen kommen und gehen, Menschen lieben, Menschen hassen, Menschen werden geboren, Menschen sterben, Menschen sind kleinlich und großzügig, egoistisch und hilfsbereit. Übersetzt auf unser Thema: Zeitenwenden gibt es nicht. Nicht einmal der großartige Fall von Mauer und eisernem Vorhang, den mitzuerleben damals allen den Atem verschlagen hat und der unser Land so sehr verändert hat, den wir heute gemeinhin Die Wende nennen, kann beanspruchen, eine wirkliche Zeitenwende zu sein.

So sehr sich die Welt auch politisch gewandelt hat seit den 68-er Jahren, wenn wir suchen wollen, ob es vielleicht keine Zeitenwende, aber doch eine grundlegende Entwicklung gibt, dann sollten wir nicht in erster Linie auf die äußeren Veränderungen achten, sondern fragen, ob sich das Denken der Menschen gewandelt hat. Auch da gibt es die Ewig-Gestrigen, die das Rad zurückdrehen wollen, Neonazis zum Beispiel, die das Familienbild der 1930er-Jahre hochhalten und Rassismus mit Gewalt durchsetzen wollen, oder leider auch Kirchenvertreter, die in falscher Bibeltreue Menschen diskriminieren. Aber das Denken hat sich gewandelt. Frauen sind noch immer nicht in allen Bereichen gleichberechtigt, aber wenn ich das Frauenbild sehe, das mir vor einiger Zeit in einer Folge von „Raumpatrouille Orion“ begegnet ist, die ich in meiner Kindheit geliebt habe, dann wird mir bewusst, wie viel sich geändert hat. Oder würde Franz Josef Strauß sich nicht im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was die Kabarettisten so gerne aufspießen: dass wir heute von einer Pfarrerstochter aus der Uckermark, einem Finanzminister im Rollstuhl, einem vietnamesischstämmigen Wirtschaftsminister und einem schwulen Außenminister regiert werden? Die den konservativen Parteien angehören und von der Mehrheit gewählt wurden. Der dunkelhäutige Präsident der USA zeigt, dass Undenkbares nicht nur bei uns denkbar geworden ist. Entwicklungen also hat es durchaus gegeben in den letzten Jahrzehnten, und zwar Entwicklungen zum Positiven, zu mehr Toleranz und größerer Offenheit. Einen Entwicklungsschub, wie es ihn in der Geschichte immer wieder gegeben hat, etwa in der Reformation, in der Aufklärung, in der französischen, amerikanischen und deutschen Revolution oder als das Denken in unserem Land sich von der Enge des wilhelminischen Kaiserreichs zu befreien begann – eine Entwicklung, die ich weiter hinten an der Person Karl Mays exemplarisch aufzuzeigen versuche.

 

Nein, kein Wassermann wird unsere Gesellschaft nach vorne katapultieren. Es geht nur in vielen, vielen kleinen Schritten, die wir schon selbst gehen müssen. Und bei denen wir achtsam sein müssen, damit wir nicht zurückgezerrt werden. Das heißt aber nicht, dass wir alles allein bewältigen müssten. Als Christen dürfen wir immerhin darauf vertrauen, dass einer mit uns geht, der von der Veränderung dieser Welt überzeugt war, weil er geglaubt hat, dass Gottes Reich schon wie ein Samenkorn in sie eingepflanzt ist und zu einem großen Baum heranwachsen wird. Ein Wassermann wird uns nicht helfen, aber, viel besser, Jesus Christus selbst.

 

Gerhard Ruisch