Mehr Fragen als Antworten

 

Mehrfach ist mir die Formulierung „Am Ende hatte ich mehr Fragen als Antworten“ im persönlichen Gespräch mit Geistlichen kurz vor oder nach ihrer Pensionierung begegnet – übrigens bei Seelsorgern verschiedener Konfessionen, auch aus unserer alt-katholischen Kirche. Diese Aussage ist zumeist selbstkritisch gemeint, nämlich dass die Verkündigung der Frohen Botschaft oft derart schwierig, mit so starken eigenen Zweifeln behaftet sei, dass der jeweilige Amtsträger sich selbst in Frage stelle, sich manchmal als unauthentisch erlebe. Mir hingegen ist bei solchen Zeugnissen eher das Herz aufgegangen. „Ja, genau!“, dachte ich dann oft, „nur so kann in unserer aufgeklärten technisierten Zeit ein Zugang zum Evangelium gelingen“. Nicht Wahrheitsverkünder können überzeugen, sondern echte Menschen mit authentischen Fragen und Zweifeln – auch wenn sie beruflich der „Martyria“ verpflichtet sind, dem Bezeugen der Botschaft von Jesus Christus.

 

Vor etlichen Jahren habe ich ein Volontariat in der evangelischen Kirchenzeitung des Rheinlandes „Der Weg“ gemacht, die mittlerweile seit vielen Jahren eingestellt ist. Unter den Redakteuren gab es viele Voll-Theologen, die keine Vikariatsstelle bekommen haben und die Arbeit in der Redaktion als eine Art Zwischenlösung auffassten. Um so exotischer wirkte ein Redakteur, der bereits eine Pfarrstelle innegehabt hatte und diese aus freiem Willen wieder aufgegeben hatte und jetzt seine wissenschaftliche Qualifikation als Theologe in der Kirchenzeitung zum Broterwerb nutzte. Er sagte mir damals, er habe gemerkt, dass er nicht hinter all den dogmatischen Festlegungen und Glaubenssätzen seiner Kirche stehe, dass er den Katechismus selbst „nicht zu 100 Prozent akzeptiere“, daher könne er weder diese Botschaft predigen noch Konfirmandenunterricht geben. An Jesus Christus, an den Kern des Evangeliums, glaube er weiterhin - aber eben nicht an alle Aussagen etwa des Nizänischen Glaubensbekenntnisses. Er wolle sich nicht verbiegen ...

 

Kann es in unserer Zeit überhaupt möglich sein, antike Texte (und das betrifft ja nicht nur die biblischen Schriften, sondern auch die dogmatischen Aussagen der frühen Konzile) vollständig anzunehmen und zu vertreten? Da sich die alt-katholische Theologie durch die Gründergeneration um Ignaz Döllinger besonders auf die „Alte Kirche“ des Ersten Jahrtausends bezieht, steckt unsere Kirche vielleicht in einer speziellen Falle. Einerseits fühlen wir uns der liberalen Theologie mit ihrer Forderung nach Dialektik und Hinterfragen, ständiger Prüfung der gefundenen Erkenntnisse verpflichtet, wir stehen zur Moderne, zur Aufklärung und verwerfen „blinden Glauben“. Andererseits haben wir als ökumenischen Bezugspunkt eine Idealisierung gewählt. Die ungeteilte Kirche des ersten Jahrtausends gibt es gar nicht. Trennungen, Spaltungen und Sondervorstellungen gab es von Anfang an. Alles „Unkatholische“ wurde als Häresie ausgegrenzt (die Gnosis, bestimmte Vorstellungen über die Bedeutung Christi wie zum Beispiel der Arianismus und so weiter). Die Festlegungen des rechten Glaubens in den Bekenntnissen galten dann als endgültig (oder unfehlbar?), weil sie vom Heiligen Geist inspiriert seien.

 

Daran wollen wir natürlich nicht rühren, um unseren Anspruch als christliche, ökumenisch orientierte Kirche nicht zu verwirken. Jede Infragestellung der gemeinsamen Dogmen der großen christlichen Konfessionen könnte den Weg ins Abseits einer Sekte bedeuten. Also: „Id teneamus, quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est; hoc est etenim vere proprieque catholicum (Wir halten fest an dem, was immer, überall und von allen geglaubt worden ist; das ist nämlich wahrhaft katholisch).“, lautet unser Wahlspruch unter Berufung auf Vincent von Lerin aus dem 5. Jahrhundert.

 

Bischof Matthias Ring hat in seiner Predigt anlässlich der Pfarreinführung von Thomas Schüppen in Düsseldorf betont, dass auch unsere Theologie in gewisser Weise eine Konvention sei. Diese Sichtweise hat etwas Befreiendes: mit einer Verabredung (zum Beispiel „Wir halten fest an“ diesen Formulierungen) können wir leichter leben, wir müssen nicht „zu 100 Prozent“ dahinterstehen (wie es der besagte Redakteur ausgedrückt hatte); es ist eine Art ökumenische Umgangsregel, sie kann hinterfragt werden und ist im Grunde nicht zentral bedeutsam.

 

Dennoch bleibt das Dilemma: Wie viel darf und kann in unserer Zeit angezweifelt und gelegentlich sogar verworfen werden, ohne dass wir damit den Boden des allgemeinen, christlichen Glaubens verlassen? Dieser Konflikt führt nicht nur bei Amtsträgern zur persönlichen Zerrissenheit, zu Selbstzweifeln am Ende eines kirchlichen Lebensweges. Es wird auch unserem Auftrag, heute die Frohe Botschaft zu verkünden, nicht gerecht. Unsere Zeit ist geprägt von einem tiefen spirituellen Hunger, die Kälte der technisch-wissenschaftlichen Welt lässt viele Menschen aufrichtig suchen. Oft entsteht ein bizarrer Synkretismus aus verschiedenen religiösen, esoterischen und wissenschaftlichen Quellen. Wenn wir diesen Menschen mit Bekenntnisformeln oder liturgischen Bräuchen der Spätantike oder des Mittelalters begegnen, nehmen wir sie nicht ernst. Viele Menschen haben mir im Gespräch gesagt, nichts stoße sie im Christentum mehr ab als die dogmatischen Grundlagen. Ich persönlich fühle mich im Alt-Katholizismus daher gerade dann besonders wohl, wenn er jene Haltung einnimmt, die mancher Geistliche sich gerade selbst vorwirft: Wir bieten „mehr Fragen als Antworten“.

 

Christian Flügel